Usama al Shahmani

In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied

Roman
Cover: In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied
Limmat Verlag, Zürich 2025
ISBN 9783039260935
Gebunden, 224 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Gadi lebt als Dozent für hebräische Sprache in Zürich, als sein Vater in Israel im Sterben liegt. Über dreißig Jahre hatte er keinen Kontakt mehr zu ihm. Wider Willen reist er ans Krankenbett des Vaters, nach seinem Tod bleibt ein unbequemes Erbe: eine Tasche mit Tagebüchern und Aufzeichnungen sowie der letzte Wunsch, die Hälfte seiner Asche solle in den Tigris gestreut werden. Als Gadi in einem der Hefte zu lesen beginnt, begegnet ihm nicht nur ein unbekannter Vater, sondern auch ein dunkles Kapitel der irakischen Geschichte: die Vertreibung der dort seit über zweitausend Jahren ansässigen jüdischen Bevölkerung unter tatkräftiger Hilfe der Nationalsozialisten. 1934 in Bagdad geboren, erlebte Gadis Vater die Ausgrenzung bis zu den Pogromen und der Flucht nach Israel. Trotz seiner Widerstände kann sich Gadi nicht mehr von der Geschichte seines Vaters lösen und beschliesst, mit der Urne nach Bagdad zu reisen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2025

Rezensentin Amira El Ahl ist dem in Bagdad geborenen, in der Schweiz lebenden Usama Al Shahmanis dankbar für seine Recherchearbeit und einen Roman, der die Verflechtungen zwischen Nazideutschland und dem Irak und den Pogromen irakischer Nationalisten an jüdischen Mitbürgern in den 1930ern und 40ern anhand einer Familiengeschichte nachzeichnet. Wie der Protagonist im Roman nach dem Tod des Vaters mit dessen Tagebüchern und einer ihm unbekannten Vater- und Familiengeschichte konfrontiert wird, so wird der Leser mit einem ihm wenig bzw. unbekannten Teil der deutschen Geschichte und ihrer Komplexität konfrontiert, lässt uns die Rezensentin wissen. Die historischen Informationen drohen den Text mitunter etwas zu überfrachten, räumt El Ahl ein, doch der Leser kann auch viel lernen. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 27.09.2025

Für den Rezensenten Oliver Pfohlmann kommt dieser Roman von Usama Al Shahmani zur rechten Zeit: Der in Zürich lebende Exil-Iraker schreibt darin über die fast vergessene jüdische Gemeinde Bagdads, die nach Pogromen größtenteils nach Israel geflohen ist. Der Protagonist, Dozent in Zürich, hatte nicht gewusst, dass sein Vater Teil ebenjener Gemeinschaft war und aus Bagdad stammte, das enthüllt ihm erst dessen Testament, das verlangt, seine Asche zur einen Hälfte in Jerusalem und zur anderen in Bagdad zu verstreuen, erfahren wir. Der Protagonist begibt sich dann auch auf die Reise und erforscht die Geschichte seines Vaters und der Bagdader Juden. Für Pfohlmann trotz einiger nicht überzeugender Dialogsequenzen ein beeindruckendes Buch, das viel über Bagdad, Antisemitismus und Familien erzählt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.09.2025

Usama Al Shamani, der selbst seit über zwanzig Jahren im Schweizer Exil lebt, zeigt Rezensentin Petra Pluwatsch mit seinem Roman ein wenig beleuchtetes Kapitel jüdischer Geschichte: Im Fokus seines Buchs steht der gerade verstorbene Zakai Mieche, geboren in Bagdad, der aber als Kind nach Israel geflohen ist. Als Jude sei er im Irak verfolgt, als Iraker in Israel nicht akzeptiert worden. Seine beiden Kinder Gadi und Tamar finden nun seine Aufzeichnungen und wollen seinen letzten Wunsch erfüllen, seine Asche zur Hälfte in Jerusalem und zur anderen Hälfte in Bagdad beizusetzen - sie finden dabei aber vor allem viel über sich selbst und ihre Herkunft heraus, wie Pluwatsch schildert. Dazu zählen die Vernichtung der Familie der Mutter in Auschwitz, doch auch das Fluchttrauma des Vaters komme zur Sprache. Die Kritikerin ist beeindruckt, wie Al Shamani hier vom wachsenden Antisemitismus im Irak der 1930er Jahre und der Vertreibung der Juden erzählt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.09.2025

Ein "verdrängtes Kapitel" irakischer Geschichte ruft Usama Al Shahmanis Roman wieder in Erinnerung - und das äußerst erfolgreich, wie Rezensentin Eva-Christina Meier findet. Durch den Tod seines Vaters wird der Protagonist Gadi auf die irakische Seite seiner Familiengeschichte aufmerksam: bis sie nach jahrelangen antisemitischen Ausschreitungen 1950 endgültig vertrieben wurde, gehörte die Familie zur großen jüdischen Gemeinde Bagdads, lesen wir. Gadi reist nun mit der Urne seines Vaters, dessen Asche er dort verstreuen soll, in die verlorenen Heimat und das ehemalige jüdische Viertel Betawin. Al Shamani, der selbst 2002 vor Saddam Hussein aus dem Irak floh, verbindet eine "geradlinige, präzise" Sprache mit Mitteln der traditionellen arabischen Literatur, so Meier. Er schildert die politischen Zerwürfnisse, die arabische Nationalisten, ganz vorne dabei der Mufti von Jerusalem Amin al-Husseini, durch ihre Kooperation mit dem Dritten Reich und Verbreitung von antisemitischer Hetze im Irak in den Dreißiger und Vierziger Jahren hervorriefen. Diese gipfelten in einem Pogrom in Bagdad im Jahr 1941, nach dem zahlreiche Juden nach Israel auswanderten. Meier lobt die ausführliche Quellenarbeit, die der Autor in seine Geschichte miteinfließen lässt. Es entsteht ein spannendes, reichhaltiges Buch, das manchmal mit seiner Vielfältigkeit und den zahlreichen Erzählsträngen zu überfordern droht, aber der Kritikerin in jedem Fall eine "anregende" Lektüre bietet. 

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