Aus dem Englischen von Christoph Hesse. Seit dem 7. Oktober macht ein neues Schlagwort die Runde: Siedlerkolonialismus. Es bezieht sich keineswegs nur auf jüdische Siedlungen außerhalb Israels, sondern auf den Staat selbst. Menschen europäischer Herkunft - denn als solche gelten Israelis in diesem Konzept - hätten kein Recht, irgendein Land anderswo in der Welt auf Kosten der dort lebenden Bevölkerung zu besiedeln.
Warum gibt es "progressive" Akteure, die das Hamas-Massaker am 7. Oktober feiern, fragt sich Rezensent Ulrich Gutmair und nimmt zwei neue Bücher von Eva Illouz und Adam Kirsch zur Hand. Kirschs Text sieht er als nüchterne, kluge Ergänzung zu Illouz' Essay "Der 8. Oktober": Darin ist nachzuvollziehen, wie Kenneth Goods Analyse des Kolonialismus in Afrika als Vorbild für eine Ideologie benutzt, die Israel wider besseres Wissen als "paradigmatischen Kolonialstaat" beschreibt. Kirschs Kritik wende sich gegen die Konstrukte von Indigenität und einer dekolonialen Zukunft. Gutmair lernt von ihm, dass es für viele junge Leute, die dieser Ideologie anheimfallen, ein "Ausdruck von Tugend" sei, das Massaker gutzuheißen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2025
Rezensent Philipp Lenhard ist beeindruckt von Adam Kirschs Essay über die Karriere des Begriffs "Siedlerkolonialismus" in aktuellen Auseinandersetzungen um die Situation in Nahost. Kirsch, der sonst als Lyriker und Literaturwissenschaftler in Erscheinung getreten ist, stellt dar, wie der historiografische Ansatz des Siedlerkolonialismus, der sich zunächst auf die europäische Eroberung Australiens und Nordamerikas bezog, umgedeutet wurde, sodass nicht mehr nur die ursprünglichen Eroberer, sondern auch die heutigen Bewohner der entsprechenden Gegenden als Siedler gelten. Sowie auch die heutigen Bewohner Israels - und während es kaum denkbar ist, dass die USA an die indigene Bevölkerung zurückgegeben wird, hoffen postkoloniale Aktivisten, den Kolonialismus insgesamt mithilfe der Zerstörung des israelischen Staates zu exorzieren, liest der Kritiker. Kirsch selbst, erfahren wir abschließend, plädiert für die Zweistaatenlösung und ist keineswegs ein Unterstützer der aktuellen israelischen Regierung. Die Ideologie, die sich um den Begriff Siedlerkolonialismus gebildet hat, sieht er jedoch ausgesprochen kritisch und Lenhard scheint in dieser Hinsicht derselben Meinung zu sein.
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