Bücherbrief

Mut in finsteren Zeiten

Bücherbrief Juni
10.06.2025. Macht unser neuer Bücherbrief Mut? Vielleicht. Vor allem aber bietet er genug Stoff zum Nachdenken, Streiten und Lachen: Etwa wenn Nell Zink eine Reihe kurioser Gestalten einen Sommernachtstraum lang durch den Berliner Tiergarten flanieren lässt. Yasmina Liassine führt in einem feinsinnig komponierten Mosaik ins wahre Algerien. Und Martin Puchner legt eine rebellische Kulturgeschichte vor. Dies alles und mehr in unseren besten Büchern des Monats Juni. Außerdem: Die zweite Folge unseres Podcasts "Bücherbrief live" ist online - mit einer zusätzlichen Empfehlung zu Norbert F. Pötzls "Das Schattenreich des Alexander Schalck-Golodkowski".
Willkommen zu den besten Büchern des Monats! Sie wissen ja: Wenn Sie Ihre Bücher in unserem Buchladen eichendorff21 bestellen, ist das nicht nur bequem für Sie, sondern auch hilfreich für den Perlentaucher, denn eichendorff21 ist unser Buchladen.

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Weitere Anregungen finden Sie in den Notizen zu den Literaturbeilagen des Frühjahrs, Marie Luise Knotts Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot" von Peter Truschner, Angela Schaders Kolumne "Vorworte" und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Szczepan Twardoch
Die Nulllinie
Roman aus dem Krieg
Rowohlt Berlin Verlag. 256 Seiten 24,00 EUR

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Dlf-Kritikern Andrea Lieblang liest in diesem Roman einiges über den Krieg in der Ukraine, das sie bisher nicht wusste. Und sie berichtet so atemlos darüber, dass man als Leser der Kritik schon von allein kapiert, wie spannend die Lektüre ist. Sie lernt zum Beispiel, wie heterogen die Kompanien an der "Nulllinie" der Front zusammengesetzt sind: Ukrainische Wehrpflichtige, alte Offiziere der Roten Armee, die jetzt gegen einstige Kameraden kämpfen, ausländische Freiwillige, auf die nie ganz Verlass ist. Kon, der Erzähler, ist als Pole ja einer von ihnen, berichtet die Rezensentin, und er handelt aus einem nicht näher erklärten Schuldgefühl. Lieblang lernt auch einiges über die Rolle der Drohnen in diesem Krieg. Den Blick Twadochs vergleicht sie mit dem Blick einer Drohne. Die Kritiker sind durchweg beeindruckt - kein Zweifel, dass dies einer der bedeutendsten Romane des Jahres und vor allem einer der wichtigsten Romane über den Ukraine-Krieg ist. Dass der Autor nicht nur die "Sprachwelt des Krieges" einfängt, sondern auch darüber nachdenkt, wie Soldaten sich in Friedenszeiten wieder in der Welt zurechtfinden - und schließlich auch Exkurse zu antiker Literatur einflicht, macht das Buch für Zeit-Rezensentin Alisa Schellenberg zu einem Meisterwerk.

Svealena Kutschke
Gespensterfische
Roman
Schöffling und Co. Verlag. 224 Seiten. 24 Euro

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Ohne Frage, Svealena Kutschkes fünfter Roman mutet uns einiges zu: Hundert Jahre Psychiatriegeschichte, erzählt in einer anspruchsvollen Form, zwischen den Zeiten und Perspektiven switchend. Aber die Leser werden reich entlohnt, nicht nur weil Kutschke die Schicksale ihrer einzelnen Figuren zwischen den 1920er und 1930er Jahren klug verknüpft. Sondern auch, weil es ihr gelingt, das Spiel mit der fragilen Wahrnehmung ihrer Figuren sprachlich widerzuspiegeln. So lernt man etwa Laura kennen, die wahnhaft über Authentizität nachdenkt oder Verhaltenstherapeut Thorsten, dessen Eltern in den 1940er Jahren Schuld in einer Klinik auf sich luden und der heute Patienten frei nach Rene Polleschs Satz "In jede Wunde eine Tablette" ruhigstellt. SZ-Kritiker Leon Frei muss sich zunächst an die bisweilen unübersichtliche Themenfülle und die kaleidoskopartigen Komplexität der Erzählkonstruktion gewöhnen, aber Kutschkes "poetische" Sprache zieht Frei derart in den Bann, dass er sich nicht nur manchen Satz gern "ins Gehirn tätowieren" lassen würde, sondern auch den Drang verspürt, diesen Roman vollkommen zu durchdringen. Jenen, die Leseroutinen durchbrechen wollen, rät der Kritiker unbedingt zur Lektüre. Auch Dlf-Rezensentin Marie Schoeß nimmt die herausfordernde Lektüre gern auf sich, weil Kutschke nicht nur die verschiedenen Lebensgeschichten ihrer Heldinnen, sondern auch das Verhältnis von Psychiatrie und Gesellschaft und von Frauen und ihren Diagnosen brillant ausleuchte.

Georgi Gospodinov
Der Gärtner und der Tod
Roman
Aufbau Verlag. 240 Seiten. 24 Euro

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Für seinen letzten Roman "Zeitzuflucht" erhielt der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov den International Booker Prize - und auch das neue Buch kommt bei der Kritik sehr gut weg: Es ist eine Mischung aus "Memoir, Bekenntnis und Momentaufnahme zugleich", schreibt FAZ-Rezensentin Sandra Kegel über dieses Buch, in dem Gospodinov die schmerzlichen Erfahrungen durch den Tod des Vaters verarbeitet und das Sterben "experimentierfreudig" in Bezug setzt zu Literatur, Mythen oder auch der Bibel. Zugleich erzählt es die Geschichte der verschiedenen Generationen nach dem Fall des eisernen Vorhangs zwischen Bleiben und Gehen und die Folgen des in Bulgarien viel verbreiteten Schweigens. Im Mittelpunkt aber steht der Garten: Hingebungsvoll pflegt ihn der Vater in seinen letzten Lebensmonaten, zugleich versucht er, der Scheherazade gleich, sein Leben mit immer neuen Geschichten zu verlängern, erzählt in der Zeit Volker Weidermann. Ein zartes Buch, erzählt "aus der Mikroperspektive von ganz unten", lobt der Kritiker;  Im Dlf und DlF Kultur empfehlen Jörg Plath und Maximilian Mengeringhaus den Roman.

Nell Zink
Sister Europe
Roman
Rowohlt Verlag. 272 Seiten. 24 Euro

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Einen ganz besonderen Berliner Frühling beschert uns die in Deutschland lebende amerikanische Schriftstellerin Nell Zink in ihrem neuen Roman: An der Seite von Schriftsteller Masud, einem Kunstkritiker, dessen Trans-Tochter, einem alternden Lebemann, einer Grande Dame und einem arabischen Prinzen spazieren wir eine Nacht lang durch den Berliner Tiergarten. Die Figuren verstricken sich dabei in allerlei Irrungen und Wirrungen, was Dlf-Kultur-Kritikerin Meike Fessmann mitunter an Shakespeares "Sommernachtstraum" denken lässt. Vor allem ist es aber ein äußerst amüsanter "Hauptstadt-Roman", der zudem eine Menge gesellschaftlicher Themen aufgreift, lobt sie. "Aus der Ferne grüßt das West-Berlin der 1980er", ein Hauch Subkultur und Nostalgie ist also auch dabei in diesem Buch, das für Fessmann im Lauf der Lektüre immer mehr "Drive und Magie" entwickelt. Als "nachtschöne Parodie" auf den Literaturbetrieb und Identitätsdebatten lobt auch Carsten Otte den Roman in der taz: Wie provokativ, klug und spannend Zink Wokismus und Verschwörungstheorien zerlegt, findet der Kritiker brillant. Im "Literarischen Quartett" diskutierte Thea Dorn diskutiert mit Wolfram Eilenberger, Hilmar Klute und Iris Radisch über das Buch.

Yasmina Liassine
Utopia Algeria
Roman
austernbank Verlag. 144 Seiten. 20 Euro

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Hierzulande wenig besprochen, bekam das Debüt der algerisch-französischen Mathematik-Professorin Yasmina Liassine, das nun auf Deutsch erschienen ist, in Frankreich um so mehr Aufmerksamkeit. Denn Liassine taucht ein in ein Kapitel französisch-algerischer Geschichte, das bis heute die Beziehung der beiden Länder prägt. Sie wuchs in den sechziger Jahren als Kind einer Französin und eines Algeriers in Algier auf. Was es bedeutete, zwei Sprachen, zwei Geschichten, zwei Vorstellungen in sich zu tragen, ohne sie immer miteinander in Einklang bringen oder vollständig annehmen zu können, das führt die Autorin dem Kritiker Jean-Jacques Bedu, der für das französische Blog Mare-Nostrum schreibt, auf poetische und einfühlsame Weise vor Augen. Bedu wird von der jungen Ich-Erzählerin in ein "intimes und politisches Labyrinth" hineingezogen, das vor allem am Beispiel weiblicher Schicksale die Zerrissenheit zwischen zwei Welten, das Nachbeben des Unabhängigkeitskriegs, aber auch die Schönheit einer mediterranen, genussvollen und geselligen Lebensart auffächert, in der "Makroud und […] Zitronen-Baiser-Torte", "Couscous und […] Pot-au-feu" zueinanderfinden. Ein feinsinnig komponiertes Mosaik sieht auch Kritikerin Sigrid Brinkmann bei Dlf-Kultur in dieser Annäherung an "das wahre Algerien": In Landschaften, Tieren und Pflanzen, in den Schicksalen französischer Einwanderinnen und ihren algerischen Haushälterinnen, in Erinnerungen, Gerüchen und Empfindungen - überall findet Liassine Geschichten, die diesen Roman für Brinkmann so außergewöhnlich machen. 


Sachbuch

Tilmann Lahme
Thomas Mann
Ein Leben
dtv. 592 Seiten. 28 Euro

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Er ist und bleibt es: der größte Autor der Deutschen. Thomas Mann hat als Schriftsteller ganz allein ein wenig von der Ehre der Deutschen gerettet, hat auch Richard Herzinger im Perlentaucher festgehalten. Es gab zwar schon eine Menge maßgeblicher Bücher über Thomas Mann, darunter Klaus Harpprechts monumentale Biografie. Aber das heißt nicht, dass man nicht weitere produzieren kann. Harpprecht hatte natürlich noch nicht die Homosexualität Manns in den Mittelpunkt gestellt und ihn eher als literarische und politische Figur gewürdigt. Für Lahme aber, ehemals FAZ-Redakteur und heute Professor für Medienwissenschaft in Lüneburg, ist die Homosexualität nun das beherrschende Thema. In der Zeit hat Daniel Kehlmann das Buch in höchsten Tönen gelobt. In der neuen Lesart zeigt sich auch, wie offenherzig das Motiv auch in Manns Werken ausgesprochen war, so Kehlmann. Edo Reents, ein weiterer Mann-Experte der FAZ, ist Lahme auch dankbar, dass er die zentrale Rolle von Manns ebenfalls schwulem Jugendfreund Otto Grautoff herausarbeitet. Was Frauen angeht, war Mann weniger nett. Darum sei auch auf den Briefwechsel Thomas und Frieda Manns mit dem "Lieben Fräulein Herz" (Bestellen) hingewiesen, der dem in der FAZ rezensierenden Literaturwissenschaftler Rüdiger Görner Manns abstoßend hochfahrende und kalte Seite zeigt: Ida Herz, oder laut den Manns schlicht "die Herz", der die Literaturwissenschaft das maßgebliche Mann-Archiv verdankt und die in Mann verliebt war, behandelte er als lästiges Faktotum. Sie durfte es nach der Veröffentlichung der Tagebücher noch zu ihren Lebzeiten in aller Nacktheit zur Kenntnis nehmen. Noch eine wichtige Schriftstellerbiografie wurde viel besprochen: Julian Schütts "Max Frisch - Biografie einer Instanz" (bestellen).

Martin Puchner
Kultur
Eine neue Geschichte der Welt
Klett-Cotta Verlag. 432 Seiten 35,00 EUR

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Leidenschaftlich gestritten wird in Wissenschaft und Feuilletons seit einiger Zeit über das Thema der "Kulturellen Aneigung". Das Buch des deutsch-amerikanischen Literaturwissenschaftlers Martin Puchner kann man wohl durchaus als Beitrag zu dieser Diskussion lesen, denn sein Konzept von "Kultur" scheint der Idee, es könne so etwas wie eine verbotene Aneignung fremden kulturellen Kapitals geben, fast diametral gegenüberzustehen. "Kultur" entsteht für den Autor mindestens eben so sehr aus "Kulturtransfers" wie aus originärer Schöpfung, wie Kritiker Clemens Klünemann in der NZZ feststellt. Und Puchner führt hierfür eine Reihe faszinierender Beispiele an, so Klünemann, angefangen bei 40.000 Jahre alten Höhlenzeichnungen bis zu gegenwärtigen Phänomenen. Auch im Dlf Kultur freut sich Rezensent Thorsten Jantschek über diese "rebellische Kulturgeschichte", die viele kulturelle Grenzgänger wie den chinesische Mönch Xuanzang in den Blick nimmt, der verbotenerweise nach Indien pilgerte, um den Buddhismus zu studieren. Dass Kultur durch Aneignung, Verlust und Neuinterpretation erst entstehen kann, leuchtet dem Kritiker durchaus ein. Für den in der FAZ rezensierenden Historiker Jürgen Osterhammel hat Puchner ein "flott lesbares" Buch geschrieben, das lediglich seinem Anspruch als "Geschichte der Welt" nicht ganz gerecht wird, dafür sollte Puchners Warnung vor der Überbewertung des vermeintlich Eigenen gerade heute dringend gehört werden. Auch Martin Hubert spaziert für Dlf Kultur überrascht und fasziniert auf den "verschlungenen Pfaden", die der Autor durch das Dickicht der Geschichte schlägt. 

Ralf Konersmann
Außenseiter
Ein Essay
S. Fischer Verlag. 160 Seiten. 28 Euro

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"Immer schreibt der Sieger die Geschichte der Besiegten", erkannte Walter Benjamin einst im Angesicht des Faschismus. Der Philosoph Ralf Konersmann will nun nicht wie Benjamin (übrigens einer der berühmtesten Außenseiter des 20. Jahrhunderts) eine Geschichte der Verlierer, sondern eine Geschichte der Außenseiter verfassen: Durch Querdenkertum und Verschwörungstheorien ist diese Figur in der aktuellen Debatte in Verruf geraten - Konersmann liegt nun an einer Ehrenrettung, wie der angetane Zeit-Kritiker Peter Neumann erkennt. Denn eigentlich, so Konersmanns These, sind es doch die Außenseiter, die "Schwierigen und Unwillkommenen", ohne die "sich die Geschichte des Denkens gar nicht erzählen" lässt, wie Neumann festhält. Abseitigen Denkern von Sokrates bis Montaigne sind größte Errungenschaften der Philosophie zu verdanken - aber erst die Moderne bringt den Außenseiter als einsamen Streiter gegen ein allumfassendes und autoritäres Wir hervor, arbeitet Konersmann heraus und lässt seine Geschicht der Moderne mit dem französischen Aufklärer Jean-Jacques Rousseau beginnen. Historische Tabubrecher als Schlüsselfiguren der Moderne? NZZ-Kritiker Paul Jandl will das durchaus gelten lassen, gibt aber zu bedenken, dass Außenseiter nur solange Außenseiter sind, wie sie tatsächlich für sich selbst sprechen und nicht im Namen einer rebellischen Gemeinschaft.  

Peter Longerich
Unwillige Volksgenossen
Wie die Deutschen zum NS-Regime standen. Eine Stimmungsgeschichte
Siedler Verlag. 640 Seiten. 34 Euro

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Die These dieses Buchs hat die Kritiker überrascht, ja teilweise geradezu irritiert. Auf 640 Seiten legt Peter Longerich dar, dass es mit der Zustimmung der Deutschen zu den Nazis keineswegs so eindeutig aussah, wie heute meist vorausgesetzt. Longerich wendet sich damit auch gegen Historiker wie Götz Aly, der sogar von "Zustimmungsdiktatur" sprach. Aber NZZ-Kritiker Thomas Schmid kann Longerichs Darlegungen einiges abgewinnen: Er lernt, wie viele Deutsche innerlich nicht unbedingt den NS-Idealen zustimmten, aber nichts dagegen unternommen haben - und auch, dass der völkische Einheitsstaat während der zwölf Jahre keineswegs so einig war wie von der Führungsriege gewünscht. Der Kritiker betont, dass Longerich keinesfalls der Verharmlosung anheimfalle, sondern im Gegenteil verständlich und verdienstvoll zeige, wie ein Regime eine Bevölkerung selbst dann dominieren kann, wenn diese eigentlich ablehnend eingestellt ist, sich aber nicht zur Wehr setzt. Es gab auch eindeutig ablehnende Kritiken. Longerich kann nicht hinreichend erklären, schreibt Dirk Schümer in der Welt, warum die vermeintlich unzufriedene Bevölkerung alles mitmachte, bis hin zur logistischen Unterstützung des Holocausts. Dennoch mag das Buch zu neuem Nachdenken anregen: Diktaturen - man kann es gerade auch in Russland sehen - leben nicht nur von begeisterter Kollaboration, sondern auch von Angst und Passivität. Ebenfalls viel besprochen: Gerhard Pauls "Mai 1945" über das absurde Ende des "Dritten Reiches".

Filipp Dzyadko (Hg.), Irina Scherbakowa (Hg.), Elena Zhemkova (Hg.)
Memorial
Erinnern ist Widerstand
C.H. Beck Verlag. 192 Seiten. 25 Euro

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2022 erhielt die russische Menschenrechtsorganisation Memorial den Friedensnobelpreis, im gleichen Jahr wurde sie in Russland verboten. Aber Memorial lebt, atmet Henry Bernhard im Dlf auf, der dieses wichtige Buch als einziger besprochen hat. Herausgegeben haben den Sammelband der russische Exiljournalist Filipp Dzyadko, die Historikerin Irina Scherbakowa und Memorial-Mitbegründerin Elena Zhemkova im Rahmen der Arbeit von Memorial International. In Beiträgen von Herta Müller, Aleida Assmann, Anne Applebaum, Karl Schlögel, Gerd Koenen und vielen anderen wichtigen Kommunismusforschern liest Bernhard nicht nur, was es mit der Vergangenheitsfixierung Putins auf sich hat. Er hofft, etwa mit Koenen, auch, dass Putins Versuch, die Geschichte in seinem Sinne umzuschreiben, auf die Dauer nicht funktionieren wird. Es geht den Autoren darum, in schwierigen Zeiten selbstbewusst die eigene Position zu verteten und sich nicht den Defätisten auf Seiten des Westens anzuschließen, die Putin für übermächtig halten, so der Kritiker, der vor allem Herta Müllers Beitrag hervorhebt. Ein Buch, das aktuelle Konflikte klug historisch kontextualisiert, Menschenrechtsverletzungen von heute aufdeckt und "Mut macht in finsteren Zeiten", so das positive Fazit.

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