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Notizen zu den Literaturbeilagen des Frühjahrs, Marie Luise Knotts
Lyrikkolumne "Tagtigall", dem
"Fotolot" von Peter Truschner, Angela Schaders
Kolumne "Vorworte" und in den älteren
Bücherbriefen.
Literatur
Tomasz RozyckiDie GlühbirnendiebeRoman
Edition FotoTapeta. 224 Seiten. 25 Euro
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Haben wir es hier mit einem neuen europäischen Klassiker zu tun? Wenn es nach der
FAZ-Rezensentin Yelizaveta Landenberger geht: Auf jeden Fall! Denn die Geschichte, die der polnische Autor Tomasz Rozycki über das Aufwachsen in einem Wohnblock im
Schlesien der 1980er Jahre erzählt, zieht sie nicht nur durch die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms in den Bann: Rozyckis kindlicher Held Tadeusz will eigentlich nur einen Nachbarn bitten, seine Kaffeebohnen zu mahlen, muss dafür aber einen langen, an Abenteuern und Abschweifungen reichen Weg über den spärlich beleuchteten Korridor zurücklegen. Radiosendungen aus Amerika und Albanien unterbrechen die Monotonie des Alltags ebenso wie pyromanische Experimente und allerhand Begegnungen mit Nachbarn. Wie der Autor in diesem
sprachmagisch erzählten und von Bernhard Hartmann brillant übersetzten Werk auch noch antike Mythen unterbringt, verschlägt Landenberger den Atem. Zugleich weiß Rozycki auch vom Elend im Spätkommunismus "
beängstigend realistisch" zu erzählen, bewundert in der
NZZ Ilma Rakusa.
Lukas MaiselWie ein Mann nichts tat und so die Welt retteteRoman
Rowohlt Verlag.128 Seiten. 23 Euro
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Noch eine irre Geschichte aus den achtziger Jahren im Ostblock - nur mit dem Unterschied, dass der Mann, von dem uns der Schweizer Schriftsteller Lukas Maisel erzählt, wirklich existierte. Und eigentlich sollte ein jeder heute den Namen des sowjetischen Oberstleutnants
Stanislaw Petrov kennen, bewahrte er die Menschheit doch offenbar vor dem
Dritten Weltkrieg. Bisher hat nur Jan Drees das Buch für den
Dlf besprochen, aber er empfiehlt es nicht zuletzt aufgrund seiner dräuenden Aktualität: Im September 1983 sprang jener Petrow, Mathematiker und Ingenieur der Radioelektronik, als diensthabender Offizier im geheimen Serpuchow-15-Bunker für einen erkrankten Kollegen ein, als die sowjetische Luftraumüberwachung meldete, dass eine amerikanische Atomrakete Richtung Moskau fliege. Das Protokoll, so erinnert Drees, sah vor, sofort zurückzuschlagen: Beide Seiten würden ausgelöscht. Wie Maisel seine "
Bunker-
Novelle" zum "Seelen-Kammerspiel" gestaltet und sich dabei geradezu "poetisch" einfühlt in einen Menschen, der sich nicht nur dem diktatorischen System, sondern auch der Computer-Software widersetzt und eine menschliche Entscheidung trifft, findet Drees grandios. Der Roman ist also nicht nur ein kluger und
komplexer Kommentar zum Krieg gegen die Ukraine, sondern hat auch literarischen Eigenwert, versichert der hingerissene Kritiker.
Sara MesaDie FamilieRoman
Klaus Wagenbach Verlag. 256 Seiten. 24 Euro
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Ein wenig muss man an die großartige
Arte-Serie "La Mesias" denken bei der Lektüre des neuen Romans der spanischen Schriftstellerin Sara Mesa: Hier ist es allerdings nicht die Mutter, sondern
der Vater, ein sozial engagierter Anwalt, der seine Frau und die vier Kinder von der Außenwelt abschirmt und seinem
Kontrollwahn unterwirft: In der klaustrophobischen Enge der Wohnung sind sie zum steten Zusammensein gezwungen, Geheimnisse oder gar einen eigenen Wohnungsschlüssel darf niemand außer dem Vater haben. Weniger als klassischer Roman, vielmehr als Kurzgeschichtensammlung lässt Mesa das so beklemmende wie präzise "
Röntgenbild einer Familie" entstehen, staunt Yannic Walter in der
taz. Auch die
Dlf-Kultur-Kritikerin Victoria Eglau empfiehlt das gekonnt zwischen Zeiten und Perspektiven switchende Familienporträt: Dass es Mesa gelingt, die bedrückend Geschichte spannend und lebhaft zu vermitteln, kann die Rezensentin nur bewundern. Überwiegend gut besprochen wurde auch der
"Der Junge" (
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Fernando Aramburu, der ein tragisches Unglück im Baskenland im Jahr 1980 thematisiert, bei dem durch eine Gasexplosion fünfzig Schulkinder starben: Wieder einmal gelingt es Aramburu "Schmerz in große Literatur" umzuwandeln, lobt
FR-Rezensent Dominik Bloedner.
Herve Le TellierDer Name an der Wand
Rowohlt Verlag. 160 Seiten. 24 Euro
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Der Resistance-Kämpfer André Chaix war gerade zwanzig Jahre alt, als er im Jahr 1944 von den deutschen Besatzern erschossen wurde. Der französische Schriftsteller Hervé Le Tellier, auf der Suche nach einem neuen Zuhause im südfranzösischen Dorf La Pailette, stößt nur zufällig auf Chaix' Namen, der in jenem Dorf in eine der Mauern geritzt ist. In einer Ausstellung über den Widerstand im Dorf Dieulefit, in dem auch Franz Hessel und Henri Roché akitv waren, taucht der Name erneut auf, schließlich bekommt Tellier eine Schachtel mit Briefen und Bildern überreicht - und beginnt, Chaix' Leben zu rekonstruieren. Tief beeindruckt zeigt sich Dirk Fuhrig im
Dlf Kultur von diesem Buch, in dem Tellier
im Stil der Oulipo-
Bewegung "in knappen Skizzen ein
großes Panorama" jener Epoche entwirft: So "einfühlsam" der Autor sich Chaix widmet, so kühl und "schneidend" beleuchtet er das Grauen des Zweiten Weltkriegs - und die noch immer verdrängte Verstrickung der Franzosen in die Verbrechen der Nazis, lobt Fuhrig. Im
Radio3 des
Rbb legt uns auch Jörg Magenau das Buch ans Herz, das dezidiert kein Roman ist, wie Magenau betont: Dokumentarisch, respektvoll, fast "schamhaft", ganz auf ästhetische Ausgestaltung verzichtend nähert sich Tellier nicht nur seinem Helden, sondern denkt auch äußerst differenziert über die Resistance, das Vichy-Frankreich und Opportunismus nach, lobt Magenau.
Feridun ZaimogluSohn ohne VaterRoman
Kiepenheuer und Witsch Verlag. 288 Seiten. 24 Euro
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Nur begeisterte Kritiken für den neuen Roman von Feridun Zaimoglu, den uns
FAZ-Rezensent Wolfgang Schneider als das persönlichste Buch des Autors ans Herz legt. Der titelgebende, bereits 60-jährige Sohn reist nach dem Tod des Vaters mit dem Wohnmobil in die Türkei zur trauernden Mutter, in verschiedenen Episoden lesen wir von den Erinnerungen an den Vater, aber auch vom Schicksal der sogenannten "Arbeitstürken" in Deutschland. Der Roman wird zur "
phantasmagorischen Trauerreise", auch weil der Ich-Erzähler auf seiner Balkanreise mit immer "bizarreren" Herausforderungen konfrontiert wird, verrät uns Schneider: So wird er etwa von einer alten Frau und einer Gruppe kahlköpfiger Kinder ausgeraubt. Vor allem aber ist es die Sprache in diesem "
Fabulierkunstwerk", die den Rezensenten umhaut: Neben den geradezu feierlich wirkenden Dialogen mit der eigenwilligen Mutter entdeckt er hier Sätze, auf die sogar
Kafka neidisch gewesen wäre. Ähnlich urteilt Ronald Düker in der
Zeit: Wenn er in diesem "
anekdotischen Erinnerungsmosaik" durch verlassene Gegenden wandert, scheint es ihm, als hätte Wim Wenders einen Handke-Roman der Siebziger verfilmt. Großes Lob auch im
Dlf und der
SZ.
Sachbuch
Michael Töteberg, Alexandra VasaIch gehe in ein anderes BlauRolf Dieter Brinkmann − eine Biografie
Rowohlt Verlag. 400 Seiten. 35 Euro
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Am 23. April vor fünfzig Jahren kam
Rolf Dieter Brinkmann im Alter von gerade einmal 35 Jahren in Cambridge ums Leben, weil er nach links geguckt hatte, bevor er eine Straße betrat. Zuvor hatte er mit seinem Roman "Keiner weiß mehr" einen zentralen Gründungstext der deutschen Popliteratur veröffentlicht. Berühmt-berüchtigt war Brinkmann aber nicht nur für seine Literatur, sondern auch für seine Entgleisungen und zynischen Brüskierungen, wie uns Richard Kämmerlings in der
Welt erinnert (
unsere Resümees). Willi Winkler bedauert in der
SZ, dass einer wie Brinkmann heute im Literaturbetrieb nicht mehr möglich wäre: Ein "proletarischer" Dichter,
so wild wie arrogant und unverschämt. Dank Michael Töteberg und Alexandra Vasa können wir Brinkmann aber noch einmal ganz nahe kommen: Denn hier wird das Leben des Dichters grundlegend und materialreich aufgearbeitet, lobt der
Dlf-Rezensent Helmut Böttiger. Er lernt bei der Lektüre, wie sehr Brinkmann von der
amerikanischen Popliteratur beeinflusst war, aber auch vom schwierigen Verhältnis zu Frau und behindertem Sohn. Dass die Autoren meist einfach das Material sprechen lassen und doch eindeutig einem Brinkmann-Kult entgegenarbeiten, imponiert Böttiger. Zudem freut er sich, dass selbst diese überzeugende Dekonstruktionsarbeit der "geheimnisvollen" Wirkmacht des gerade in einer erweiterten Neuausgabe erschienenen Gedichtbands
"Westwärts 1 & 2" (
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bisher nicht zugänglich waren, hebt der
FAZ-Rezensent Christian Metz in seiner positiven Kritik hervor. Und in der
NZZ gefällt Paul Jandl, dass die Biografie eine Verbindung zieht zwischen Brinkmanns Werk und dessen Wut auf die Welt.
Racha KirakosianBerauscht der Sinne beraubtEine Geschichte der Ekstase
Propyläen Verlag. 400 Seiten. 28 Euro
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Jüngst sind einige Bücher zum Thema Rausch erschienen, aber die Mediävistin Racha Kirakosian verfolgt einen anderen Ansatz: Sie blickt nicht nur auf
2.500 Jahre Geschichte der Ekstase von antiken Orakeln über Sufi-Derwische bis hin zu den Rauscherfahrungen der Gegenwart zurück, sondern nimmt auch historische Perspektiven ernst, versichert uns die angetane
FAZ-Rezensentin Marianna Lieder: Besonders faszinierend scheint der Kritikerin Kirakosians Porträt der Mystikerin
Christina von Hane, deren extreme Askese - etwa das Fasten "bis zum Bewusstseinsverlust" - zu körperlichen und spirituellen Grenzerfahrungen führte. Die Autorin geht hier zwar zunächst der naturwissenschaftlichen Erklärung einer damals nicht seltenen Vergiftung durch Mutterkorn nach, plädiert dann aber doch lieber für ein Verständnis der "Eigengesetzlichkeit historischer Phänomene". Überhaupt ist Kirakosian in ihrem
assoziationsreichen Ritt durch die Rauschgeschichte daran gelegen, die üblichen Narrative und Deutungen zur Ekstase zu demontieren, etwa, wenn sie die Dämonisierung weiblicher Entrückungszustände aufgreift, lobt die Rezensentin. Den ein oder anderen überflüssigen Exkurs, etwa zu
Oktopussen auf MDMA, verzeiht Lieder gern. Im
Dlf Kultur lobt auch Susanne Billig den Ansatz der Autorin, die sich in fünf Großkapiteln Themen von Träumen über Schmerz bis hin zu Drogen und Sex widmet.
Oren KesslerPalästina 1936Der Große Aufstand und die Wurzeln des Nahostkonflikts
Hanser Berlin. 384 Seiten. 28,00 Euro
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Wer die
Wurzeln des Nahostkonflikts kennen will, muss ins Jahr
1936 blicken. Oren Kesslers Buch beschreibt die Ausgangssituation wie folgt: Syrien stand unter dem Mandat Frankreichs, Irak und Ägypten unter dem der Briten, alle drei hatten arabische Herrscher. Außerdem gründeten die Briten Jordanien als Staat unter britischem Protektorat zwischen Syrien, Irak, Saudi-Arabien und Palästina - ebenfalls mit einem arabischen Herrscher. Nur die Zukunft Palästinas blieb ungewiss. Während in Europa der Antisemitismus anwuchs, schlossen sich überall auf der Welt
die Grenzen für Juden, die sich vermehrt in Palästina ansiedelten und dort Land aufkauften. Der
große Aufstand der Araber von 1936 bis 1939 richtete sich genau dagegen: Gegen den meist unbegrenzten Zuzug von Juden und ihre meist unbegrenzte Möglichkeit des Landkaufs. Wie sich die Parteien im Laufe der nächsten Jahre immer mehr radikalisierten und welche Rolle die Briten dabei spielten, das schildert Kessler in seinem sehr informativen, fesselnden und auch ausgewogenen Buch, wie Wolfgang Matz in der
FAZ erleichtert feststellt: "Die
sachliche Rekonstruktion der Geschichte ist
aussagekräftiger als jede eindimensionale Suche nach historischer Schuld." Zu lesen, wie sich auf allen Seiten "immer wieder die rücksichtslosen Vertreter der eigenen Sache durchsetzen", kann einen allerdings auch ganz schön deprimieren, warnt er. Ein unbedingt lesenswertes Buch, findet auch Ulrich Gutmair in der
taz.
Alexandra BleyerRevolutionärinnen. Frauen, die Geschichte schriebenVisionärinnen, Freiheitskämpferinnen und Feministinnen aus der ganzen Welt
Reclam Verlag. 302 Seiten. 28,00 Euro
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Nicht jede der hier porträtierten Revolutionärinnen ist
sympathisch, warnt uns Katharina Döbler im
Dlf Kultur. Aber äußerst interessant sind sie allemal! Die Kritikerin liest das Buch der Historikerin Alexandra Bleyer jedenfalls mit Gewinn, lernt sie hier doch so wichtige Frauen wie Olympe de Gouges, Sojourner Truth, Emily Davison oder Alexandra Kollontai kennen: Allen gemein ist, dass sie sich zu verschiedenen Zeiten und auf verschiedene Weisen
aktiv für Freiheit einsetzten. Die Gleichberechtigung war dabei nicht mal ihr oberstes Anliegen, sondern eher ein Umweg, auf den sie zwangsläufig gerieten bei dem Versuch, sich politisch einzumischen, liest Döbler. Zudem geben die Lebens- und Kampfgeschichten Einblicke in historische Kämpfe und Kontexte, die für viele Leserinnen und Leser neu sein dürften. Ein lesenswertes und gut verständliches Buch, das auch Kämpferinnen würdigt, die weniger bekannt sind, versichert die Kritikerin.
Christoph TürckePhilosophie der MusikC.H. Beck Verlag. 510 Seiten. 38,00 Euro
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"Wer das
Geheimnis der Musik auflösen möchte, wird scheitern", warnt schon der Klappentext. Und obwohl ihnen das Geheimnis also wieder nicht ausgeplaudert wird, sind die Kritiker begeistert. Der Autor macht es sich aber auch nicht einfach, informiert Helmut Mauró in der
SZ: Er gebe sich hier nicht wie viele andere Bücher mit der Grundannahme zufrieden, dass es Musik in der ein oder anderen Form schon immer
einfach gegeben habe, sondern setzt sich kritisch und historisch sehr differenziert mit ihrer Entstehung auseinander: hochspannend, wie Türcke hier bis zur psychologischen Reizabfuhr beim Schreien während des
Menschenopferrituals zurückgeht, findet Mauro. Auch Jan Brachmann staunt in der
FAZ über die Rückkoppelung der Idee der Musik
an das Körperliche - ja, an die Biologie, die Tiere, den aufrechten Gang. Im Fortgang des Buchs ist Brachmann allerdings nicht mehr ganz so begeistert: Zu eurozentrisch, zu viel Adorno.
Unbedingt lesenswert ist Rafael Rennickes Kritik im
SWR, denn sie ist mit einigen eingebetteten musikalischen Beispielen gewürzt.