Filipp Dzyadko (Hg.), Irina Scherbakowa (Hg.), Elena Zhemkova (Hg.)

Memorial

Erinnern ist Widerstand
Cover: Memorial
C.H. Beck Verlag, München 2025
ISBN 9783406832161
Gebunden, 192 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Mit Beiträgen von Herta Müller, Aleida Assmann, Anne Applebaum, Karl Schlögel, Gerd Koenen u.a. Im Oktober 2022 erhält die Menschenrechtsorganisation MEMORIAL den Friedensnobelpreis. Noch am selben Tag wird die Beschlagnahmung des Büros in Moskau angeordnet. Nach der Razzia prangt überall auf Möbeln und Materialien der Buchstabe "Z": ein Mahnmal. Der Welt ist das Netzwerk MEMORIAL durch seine beispiellose Aufklärungsarbeit bekannt, Moskau jedoch sieht in ihm vor allem eins: Einen Störfaktor, den es auszuschalten gilt. Es ist nicht der erste Angriff auf das Gedächtnis der Nation, den die Organisation erlebt und erfolgreich abwehrt. Hier schildert sie die Chronik ihrer Kämpfe. Memorial ist die unverstummte Stimme der kritischen Öffentlichkeit in Russland: Seit 30 Jahren kämpft die NGO für eine Aufarbeitung der totalitären Herrschaft in der ehemaligen Sowjetunion und für die Verbesserung der aktuellen Menschenrechtssituation in Russland. Dafür erhielt sie im Jahr 2022 den Friedensnobelpreis. Nachdem das Netzwerk als "ausländische Agentenorganisation" diffamiert und offiziell aufgelöst wurde, führen die Mitglieder ihren mutigen Einsatz im Exil fort. Einige von ihnen haben in Berlin die Organisation Zukunft MEMORIAL e. V. gegründet. Doch wie kann die Arbeit weitergehen, wie die Erinnerung der Zukunft gestaltet werden?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.06.2025

Eine wichtige Veröffentlichung ist das, die erstmals die Arbeit der Organisation Memorial - 2021 in Russland verboten, aber im Ausland als "Zukunft Memorial" weiter aktiv - einer breiteren deutschen Öffentlichkeit vorstellt, so Rezensentin Yelizaveta Landenberger. Der von Irina Scherbakowa, Filipp Dzyadko und Elena Zhemkova herausgegebene Band enthält unter anderem Texte Aleida Assmans, Herta Müllers und Adam Michniks, beschrieben wird die Geschichte der Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, die sowjetische Schreckensherrschaft aufzuarbeiten, außerdem wird die Frage verhandelt, weshalb ein großer Teil der Russen von Freiheit und Fortschritt nichts wissen will. Ein Grund dafür ist eben in der fehlenden Aufarbeitung totalitären Unrechts zu suchen, wobei Karl Schlögl der Hoffnung Ausdruck verleiht, dass in der Zukunft die Anliegen von Memorial Gehör finden werden. Ein starkes Buch ist das, so Landenbergers Urteil. Die Kritikerin würde allerding auch gerne Sergej Bondarenkos deutlich kritischeres Buch über Memorial auf deutsch lesen würde.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.06.2025

Eher nebenbei geht Rezensentin Sonja Zekri in einem Text über den umstrittenen "Dar"-Literaturpreis auf diesen Band der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial ein, den dieses anlässlich ihres dreißigsten Geburtstags herausgibt. Zu den Autoren, die hier die Arbeit der in Russland inzwischen verbotenen, im Ausland jedoch als "Zukunft Memorial" aktiven Institution würdigen, zählen laut Zekri unter anderem Anne Applebaum und Herta Müller, Aleida Assmann würdigt die Organisation als eine Kämpferin für die Rechte von Individuen. Ukrainer, die russischen Oppositionellen oft, aus verständlichen Gründen, misstrauisch gegenüberstehen, dürften, mutmaßt Zekri, auch mit diesem Band nicht immer glücklich werden, etwa wenn Nicolas Werth sich mit "Spielarten des Widerstands", zum Beispiel im Stalinismus auseinandersetzt, und dabei alle möglichen Alltagshandlungen, auch "Pfusch, Diebstahl oder Korruption " als "Ausdruck sozialen Ungehorsams" wertet. Als wären doch irgendwie alle Russen gegen Repression aktiv geworden, fasst Zekri eine solche Argumentation zusammen. Dennoch glaubt Zekri nach der Lektüre dieses Bandes, dass dissidente russische Stimmen wie die, für die Memorial steht, einmal wichtig sein werden, wenn es darum geht, die Ukraine und Russland wieder miteinander zu versöhnen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 20.05.2025

Einen starken Band haben Irina Scherbakowa, Elena Zhemkova und Filipp Dzyadko hier herausgegeben, findet Rezensent Henry Bernhard. Entstanden ist er im Rahmen der Arbeit von Memorial International, der in Deutschland aktiven Nachfolgeorganisation der in Russland 2022 verboteten Menschenrechtsorganisation Memorial. Memorial existiert also weiter, freut sich Bernhard, und die in diesem Band vertretenen Autoren - darunter viele wichtige Kommunismusforscher - zeigen unter anderem auf, was es mit der Vergangenheitsfixierung Putins auf sich hat. Dessen Versuch, die Geschichte in seinem Sinne umzuschreiben, wird auf die Dauer nicht funktionieren, liest Bernhard in diesem Buch. Es geht den Autoren darum, in schwierigen Zeiten selbstbewusst auf der eigenen Position zu beharren und sich nicht den Defätisten auf Seiten des Westens anzuschließen, die Putin für übermächtig halten. Der Rezensent hebt besonders den sprachlich gelungenen Beitrag Herta Müllers hervor. Ein Buch, das aktuelle Konflikte klug historisch kontextualisiert, so das positive Fazit.

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