Bücherbrief

Abwehrzauber der Träume

04.11.2015. Silvia Bovenschen über die gefährliche Souveränität der Sarah Schumann, György Dragoman über die Mädchengegenwart Emmas, Gerhard Henschels Kempowskisieren und die Polyphonie des Vasarischen Textes. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats November.
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Weitere Anregungen finden Sie in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag", in Arno Widmanns "Vom Nachttisch geräumt", der Lyrikkolumne "Tagtigall", den Leseproben in Vorgeblättert und in den älteren Bücherbriefen.

Literatur

Silvia Bovenschen
Sarahs Gesetz
S. Fischer Verlag 2015, 256 Seiten, 19,99 Euro

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Silvia Bovenschens "Sarahs Gesetz" ist literarisches Porträt und Hommage an ihre Lebensgefährtin, die Malerin Sarah Schumann. Es ist eine Liebeserklärung, die gleichzeitig die Distanz wahrt, die nicht versucht, Schumann endgültig zu fixieren: So erklären es übereinstimmend die Kritikerinnen (das Buch wurde ausschließlich von Frauen besprochen). In szenischen Miniaturen schildert Bovenschen Lebensstationen Schumanns, etwa ihre Flucht vor der russischen Armee 1945, ihre künstlerische Entwicklung, dass Kennenlernen in den siebziger Jahren. Zugleich liest man einen neugierige Achtung ausdrückenden Text, der von der Liebe handelt, erklärt eine beeindruckte Mara Delius in der Welt. In der SZ ist Jutta Person hingerissen von dem Doppelporträt zweier Feministinnen und sie bescheinigt der Autorin "scharfkantigen Lichtenbergschen Witz". Schumanns "gefährliche Souveränität" ist auch Ingeborg Harms nicht entgangen, die die beiden Frauen für die Zeit in Berlin besucht und ein sehr schönes Doppelporträt geschrieben hat.

György Dragoman
Der Scheiterhaufen
Roman
Suhrkamp Verlag 2015, 494 Seiten, 24,95 Euro

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Die 13-jährige Emma steht im Mittelpunkt von György Dragománs Roman "Der Scheiterhaufen". Nachdem ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen sind, hat die Großmutter Emma aus dem Internat zu sich ins Dorf geholt. Es ist kurz nach der Wende, 1991. Ceaușescu ist seit zwei Jahren tot, aber noch immer wird in Rumänien um die politische Deutungshoheit gekämpft. Vor diesem Hintergrund erzählt Dragomán eine Geschichte, die real und magisch zugleich ist, schreibt ein geradezu schwärmerischer Paul Jandl in der Welt: Real ist die erste Liebe Emmas, die Herstellung von Nusslikör mit der Großmutter, die grausame Demütigung durch die Sportlehrerin. Magisch ist der "Abwehrzauber der Träume", das Eindringen des Unwirklichen in eine dematerialisierte Wirklichkeit. Und so gelingt es Dragoman, ein Bild des zerrissenen Rumäniens zu zeichnen, dass dem Rezensenten die jüngere Geschichte Rumäniens so nahe bringt, wie die "Mädchengegenwart" einer 13-Jährigen. FAZ und SZ stimmen in das Lob ein und alle drei vergessen auch nicht, Lacy Kornitzers ausgezeichnete Übersetzung zu loben.

Matthias Nawrat
Die vielen Tode unseres Opas Jurek
Rowohlt Verlag 2015, 416 Seiten, 22,95 Euro

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Ein Jahrhundert polnischer Geschichte erzählt Matthias Nawrat in seinem Roman "Die vielen Tode unseres Opas Jurek". Er erzählt sie mit den Mitteln des Schelmenromans und als "narrativen Tragödienchor" der Enkelkinder des kauzigen Jurek, die sich an seinem Grab episodenhaft an seine Zeit in Auschwitz, die Rückkehr in die Heimatstadt Opole, das Überleben im Stalinismus und den Mauerfall erinnern. Romancier Arthur Becker ist in der FR ebenso hingerissen wie der Dichter Nico Bleutge in der SZ. Beide bewundern den Sprachwitz Nawrats und die "dialektische Schärfe", mit der er Vorurteile und Ideologien aufs Korn nimmt. taz-Kritiker Christoph Schröder hatte mit den ersten achtzig Seiten zwar etwas Mühe, aber die hat sich am Ende gelohnt, versichert er.

Zeruya Shalev
Schmerz
Roman
Berlin Verlag 2015, 368 Seiten, 24 Euro

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Der titelgebende Schmerz in Zeruya Shalevs neuem Roman ist der Schmerz, den die Hauptfigur von der Verletzung durch einen Terroranschlag zurückbehält, der Schmerz um eine verlorene Liebe und der Schmerz um eine im Alltag versinkende Ehe. Für SZ-Rezensentin Meike Fessmann ist es der beste Roman der israelischen Autorin seit "Liebesleben". Sie meint geradezu den Zorn, das Verlangen und die Schuldgefühle der Protagonistin zu spüren, so eindringlich schildere Shalev das Bewusstsein der Heldin. In der FAZ ist Katharina Teutsch nicht ganz so enthusiastisch: etwas sentimental kommt ihr die Geschichte zunächst vor, dann entwickle sie jedoch überraschend neuen Drive. Gut besprochen wurde der Roman auch in Welt und Zeit.

Tomas Espedal
Wider die Kunst
Matthes und Seitz Berlin 2015, 160 Seiten, 19,90 Euro

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Der Vergleich zwischen Tomas Espedal und Karl Ove Knausgård liegt nahe - nicht nur, weil die beiden norwegischen Schriftsteller miteinander befreundet sind, sondern auch, weil sich sie sich in ihrem Schreiben mit dem bedingungslosen Ausleuchten der eigenen Biografie und Befindlichkeit befassen. Für die FAZ-Rezensentin Julia Encke ist Espedal sogar der bessere Knausgard, weil er extrem verdichtet und nach Essenz sucht, wo Knausgard maßlos ausufert. In der taz hebt Ekkehard Knörer hervor, dass Espedal zwar auf seine eigene Vergangenheit zurückgreift, dieser dann jedoch Gegenwart und Raum für essayistische wie lyrische Passagen verleiht. In "Wider die Kunst" erzählt Espedal vom Tod der Mutter und der Exfrau, vom Alltag mit der Teenager-Tochter und vom Schreiben. "Das Scheitern und der Schmerz sind der Motor von Espedals Schaffen", fasst Andreas Breitenstein in der NZZ zusammen.

Gerhard Henschel
Künstlerroman
Hoffmann und Campe Verlag 2015, 576 Seiten, 25 Euro

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Dreißig Jahre zurückversetzt fühlen sich die Rezensenten mit Gerhard Henschels "Künstlerroman", dem sechsten Band der Meppener Schelmenromanchronik um Henschels Alter Ego Martin Schlosser, so plastisch fängt der Autor hier den Zeitgeist und das gesellschaftliche Klima der Mittachtziger ein. Als "Kempowskisieren" bezeichnet Hilmar Klute in der SZ Henschels literarisches Vorgehen und freut sich schon auf die Fortsetzung dieser "Éducation sentimentale". Während Uwe Barschel unter mysteriösen Umständen stirbt und in Tschernobyl der Reaktor versagt, schmeißt Martin sein langweiliges Germanistikstudium, trennt und versöhnt sich mit seiner Freundin Andrea und wagt den Neuanfang als freier Schriftsteller in Oldenburg. Auch Tomasz Kurianowicz erliegt in der FAZ dem Charme von Henschels Mischung aus scharfem Zynismus und herrlicher "Schenkelklopf-Essayistik".


Sachbuch

Timothy Snyder
Black Earth
Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann
C. H. Beck Verlag 2015, 488 Seiten, 29,95 Euro

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Timothy Snyder ist neben Götz Aly vielleicht der einzige Autor, der die Öffentlichkeit mit seinen Büchern über den Holocaust noch aus dem satten Schlummer der bewältigten Geschichte reißt. Die Gründe, warum einem ungemütlich wird, sind bei Snyder allerdings andere als bei Aly. Aly zeigt, wie sympathisch sich die Nazis durch ihre innovative Sozialpolitik in breiten Kreisen der deutschen Bevölkerung machten, und wie gerne die Deutschen schon deshalb an den Mordzügen partizipierten, weil sie davon profitierten. Snyder dagegen wirft seinen Blick weiter nach Osten und zeigt die intime Verstricktheit zwischen den beiden Totalitarismen. Und das, wo man im Historikerstreit die Lektion der Unvergleichbarkeit geschluckt zu haben meinte! Es wäre interessant, die beiden mal auf einem Podium er erleben - aber es würde wohl krachen. Denn sie haben doch ein sehr unterschiedliches Verhältnis zu Russland. Die Reaktionen der Rezensenten - meist bekannte Historiker - auf Snyders Buch waren eher distanziert. Für Snyder ist der Holocaust wiederholbar, und er versucht Kriterien zu entwickeln, die eine genozidale Situation erkennbar machen. Die meisten Historiker finden, dass sich Snyder bei seinen Theorien überhebt. Der russophile Totalitärismusfrscher Jörg Baberowski findet gar, dass Snyder den Holocaust "missbrauche". Micha Brumlik in der taz und Dirk Schümer in der Welt geben Snyders Theorien dagegen durchaus zu denken.

Giorgio Vasari
Edition Giorgio Vasari
Gesamtausgabe in 45 Bänden + Supplementband
Klaus Wagenbach Verlag 2015, 8800 Seiten, 598 Euro

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Zugegeben, 600 Euro sind nicht gerade ein Pappenstil, aber diese Edition des kleinen Wagenbach Verlags mit Giorgio Vasaris knapp 500 Jahre alten Viten der 160 größten Künstler der italienischen Renaissance ist eine echte Sensation, versichern die hingerissenen Kritiker einhellig. Neu übersetzt von Victoria Lorini, neu kommentiert von Matteo Bureoni und Sabine Feser, betreut von dem Frankfurter Kunsthistoriker Alessando Nova als Herausgeber und großzügig bebildert, lässt diese Ausgabe keine Wünsche offen. Eine mustergültige Edition, lobte in der NZZ der Kunsthistoriker Gerd Blum. "Ein Must-read für jeden Kunstinteressierten. ... Die Kommentierungen, Tiefenbohrungen in Aberhunderten von Anmerkungen, entfalten, was Nova die Polyphonie des Vasarischen Textes nennt, sie locken die Stimmen jener hervor, die Vasari zitiert oder nur anklingen lässt, den ganzen Kosmos der historischen Bezüge und zeitgenössischen Kollegen", schreibt Susanne Meyer in einer feurigen Hymne in der Zeit. "Solch eine großartige und sinnliche Einführung in die Kunstgeschichte hat es noch nie gegeben", versichert Dirk Schümer in der Welt. "Das Ergebnis ist so famos, dass eigentlich sogar Italiener oder des Italienischen mächtige Kunstliebhaber jetzt zur deutschen Edition greifen müssten, denn aus dem nackten Originaltext lassen sich höchstens Spurenelemente des Erkenntnisgenusses ziehen, der uns Deutschen nun möglich ist." Natürlich sind die Bände auch einzeln erhältlich.

Tilmann Lahme
Die Manns
Geschichte einer Familie
S. Fischer Verlag 2015, 480 Seiten, 24,99 Euro

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Noch ein Mann-Buch. Die große Mann-Mode ist eigentlich vorbei, das war in den Achtzigern und Neunzigern, und auch noch zu Beginn des Jahrtausends, als Thomas Manns Tagebücher gelesen wurden, die neben den Tagebüchern Victor Klemperers zu den atemberaubendsten Zeugnissen aus der Nazizeit zählen, und als Manns bürgerliches Gehabe beim Jungfeuilleton Vorbild war. Dass der Nachzügler Tilmann Lahmes nun trotz seiner Spätheit den Respekt der Kollegenschaft (Lahme war Redakteur der FAZ, verdiente sich seine Sporen unter Frank Schirrmacher) bekommt, liegt an der gründlichen Auswertung neuer Quellen, die, so die Rezensenten, die Manns zwar nicht sympathischer machen, aber in ihrer Tragik näherrücken. In der Zeit bekommt Lahme die Weihen Michael Maars - wie dysfunktional diese Familie war, erkennt Maar erst jetzt in ganzer Deutlichkeit, auch weil der Autor vor allem Fakten sprechen lässt - und in der SZ das große Lob Gustav Seibts (spannend zu lesen, kluge chronologische Wahl) und in der FAZ ist dann auch noch Jürgen Kaube hingerissen. Höhere Approbation ist in den deutschen Feuilletons nicht zu erhalten.

Franz Magnis-Suseno
Garuda im Aufwind
Das moderne Indonesien
Dietz Verlag 2015, 176 Seiten, 14,90 Euro

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Als Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist die Literatur Indonesiens vorübergehend in den Fokus der deutschen Öffentlichkeit gerückt. Sachbüchern aus oder über Indonesien würde hingegen weniger Aufmerksamkeit zuteil. Wer sich für das moderne Indonesien interessiert, für den ist das Buch "Garuda im Aufwind" des Jesuiten und Hochschullehrers Franz Magnis-Suseno "ein Glücksfall", freut sich Arne Perras in der SZ und hebt besonders den Blick des Autors für interkulturelle und interreligiöse Differenzen hervor. Vor 54 war Magnis-Suseno als junger Jesuit nach Jakarta gekommen und ist geblieben. "Bildhafte Erzählungen sowie Anekdoten aus Magnis-Susenos Leben machen es leicht, dem Text auch ohne Vorkenntnisse zu folgen", versichert Marisa Reichert auf Zenith.

Jürgen Holstein (Hg.)
Buchumschläge in der Weimarer Republik / The Book Cover in the Weimar Republic
Taschen Verlag 2015, 440 Seiten, 49,99 Euro

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Die Weimarer Republik war eine Blütezeit der Kunst, des Designs und der Literatur - wenig verwunderlich also, dass auch die Buchkunst eine Hochphase hatte. Dass man sich jetzt äußerst anschaulich davon überzeugen kann, ist dem Verleger, Antiquar und Sammler Jürgen Holstein zu verdanken, der hier rund 1000 eindrucksvolle Beispiele des Coverdesigns aus der Zwischenkriegszeit in großformatigen Reproduktionen erfahrbar macht: Gestandene Buchgestalter wie Hans Meid oder Emil Rudolf Weiß und moderne Designer wie John Heartfield, George Grosz oder Georg Salter bildeten in den Buchumschlägen Stilrichtungen wie Expressionismus, Konstruktivismus, Bauhaus und Dada ab. Ein Fest für Bibliophile und ein wichtiger Beitrag zur Kunstgeschichte, wie Alexander Kosenina in der FAZ beglückt feststellt. Für Marc Reichwein (Welt) ist der "sehr empfehlenswerte Prachtband" ein "Lese-, Bilderbuch und Nachschlagewerk in einem".