Tomas Espedal

Wider die Kunst

Cover: Wider die Kunst
Matthes und Seitz Berlin, Berlin 2015
ISBN 9783957571373
Gebunden, 160 Seiten, 19,9 EUR

Klappentext

Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Was bleibt, wenn die Geliebten fort sind? Zwei Schicksalsschläge erschüttern das Leben des norwegischen Autors Tomas Espedal: Zuerst verstirbt seine Mutter, kurz darauf auch seine Frau Agneta. Die Verluste verlangen ihm eine neue Art zu leben ab, denn er bleibt mit seiner jüngsten Tochter allein zurück. Trost kann er dem Mädchen nicht spenden, der verzweifelte Versuch, die Mutter zu ersetzen, beraubt das Kind des Vaters. Espedal beginnt Halt zu suchen in der Erkundung seiner Familiengeschichte. Woraus, fragt er, erwächst eine Familie, was bedeuten Liebe und Verrat, was Mutterschaft und Vatersein. Seine Kunst, das Schreiben, stellt sich somit in den Dienst des Lebens.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.11.2015

Nico Bleutge scheint fasziniert vom neuen Buch von Tomas Espedal. Ob der nun eher Knausgard, Petterson oder Handke gleicht, mag er nicht entscheiden. Doch steht für ihn fest, dass der Autor Sätze schreiben kann, die leuchten, weil sie auf die blinden Flecke der Erinnerung zielen. Wenn diese Widersprüchlichkeiten des Erinnerns auf das Schreiben selbst bezogen werden, findet Bleutge im Text eine seltene reflexive und atmosphärische Kraft. Leben und Fiktion werden darin ununterscheidbar, die Chronologie löst sich auf, meint Bleutge, und nur der Rhythmus der Sätze schafft Zusammenhalt. Dabei ist es nicht die Dunkelheit, die den Rezensenten am meisten begeistert, sondern der Moment, wenn das lückenhafte Erzählen und die Brüchigkeit von Beziehungen miteinander reagieren.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 13.10.2015

Zwei große Gruppen macht Ekkehard Knörer unter den heutigen Literaten aus: die Anhänger eines künstlich am Leben erhaltenen Realismus und die bekenntnisfreudigen Gegner der Fiktion, die Franzens auf der einen, die Knausgards auf der anderen Seite. Thomas Espedal gehört eigentlich zu den Knausgards, erklärt Knörer, allerdings verfolge er sein Konzept nicht ganz so bruchlos wie sein manischer Kollege: Espedal greift auf seine eigene Vergangenheit zurück, wenn er vom Tod seiner Mutter und seiner Exfrau innerhalb eines einzigen Jahrs erzählt, doch belässt er das Erzählte nicht in dieser Vergangenheit, sondern verleiht ihm Gegenwart und Raum für essayistische wie lyrische Passagen, resümiert der Rezensent, der den Rückbezug aufs Ich, und damit Espedal wie Knausgard für die weit spannendere Fraktion der Gegenwartsliteratur hält.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2015

Tomas Espedal ist für Rezensentin Julia Encke der bessere Knausgard. Dass Espedal extrem verdichtet und nach Essenz sucht, wo Knausgard extrem ausufert, sagt ihr zu. Radikal autobiografisch ist Espedal aber auch, versichert Encke. Und er entwickelt eine beiläufige Poesie, die die Rezensentin verzaubert. Wenn der Autor den Tod seiner Mutter und den Tod seiner Ex-Frau verhandelt, hat Encke zwar wegen der vielen Sprünge zwischen Familiengeschichte, Erinnerung, Kindheit und Gegenwart mitunter Schwierigkeiten zu folgen, die meditative Melodie des Textes bringt sie jedoch immer wieder in den Zusammenhang. Die für Encke teils erschütternden Beschreibungen der Vater-Tochter-Beziehung im Text gehören für die Rezensentin zum Besten, was das Buch zu bieten hat.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.08.2015

Hymnisch bespricht Rezensent Andreas Breitenstein Tomas Espedals neues Buch "Wider die Kunst", das er als romanhafte Mischung aus Tagebuch, Essay, Meditation, Selbstgespräch, Poetologie und "Daseinsbrevier" beschreibt. Dem inzwischen zum Kultautor avancierenden norwegischen Autor attestiert der Kritiker Suchtpotential - und lässt sich von den luziden, autobiografischen, radikal egozentrischen Reflexionen und Schilderungen zwischen Seele und Raum, Leben und Kunst in den Bann ziehen, streift durch die Weiten Norwegens, lernt Menschen zwischen Einsamkeit und Kollektivismus, Melancholie und Euphorie kennen und liest nicht zuletzt den Roman einer Midlife-Crisis, in die der Autor nach dem Tod der eigenen Mutter und der Mutter seiner Tochter gerät. Auch wegen der gelungenen Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel kann der Kritiker dieses mit "existenzialistischer Dringlichkeit" geschriebene Buch nur unbedingt empfehlen.