Die Buchmacher

Die Buchmacher

Ein Blick in die Branchenblätter der Buch- und Verlagswelt. Jeden Montag ab 12 Uhr.
19.08.2002. Was Gala und Brigitte der Süddeutschen und der Frankfurter Allgemeinen voraus haben. Wer auf Jonathan Franzen folgt. Wo Paulo Coelho Chinua Achebe Konkurrenz macht. Und warum der buchreport jubelt. Von Hubertus Volmer

Börsenblatt

Bei dem Hochwasser in Tschechien, Österreich und Deutschland standen und stehen natürlich auch Buchhandlungen unter Wasser. So wurde nach Angaben des tschechischen, deutschsprachigen Verlags Vitalis der gesamte Warenbestand der deutschen Buchhandlung in Prag vernichtet. Vitalis hatte die Buchhandlung betrieben, auch das Lager des Verlags wurde größtenteils zerstört. Aus Dresden, Grimma, Aue, Döblin, Freital, Pirna, Regenstauf und Passau meldet das Börsenblatt einen Gesamtschaden an Buchhandlungen in Millionenhöhe. "Zudem treibt viele Sortimenter in den betroffenen Regionen die Sorge um, dass das Rechnungsgeschäft ganz wegbrechen könnte, weil die öffentliche Hand Gelder einfriert und Aufträge storniert. (...) Ein Zeichen der Solidarität haben der Verband der Verlage und Buchhandlungen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und der Börsenverein gesetzt. Spendenkonten wurden eingerichtet." Spendenkonten und ein Brief des Börsenverein-Vorstehers Dieter Schormann finden Sie hier.

Birgit Politycki vom Literatur- und Pressebüro Pauw & Politycki widmet sich der Frage, wie ein Buch die Aufmerksamkeit von Journalisten und Lesern auf sich ziehen kann. "Bei jährlich 90.000 Neuerscheinungen, von denen maximal zehn Prozent besprochen werden können, helfen in den überforderten Redaktionen nur strenge Auswahlkriterien. So weiß man, dass die Zeit unangefordert eingegangene Bücher gar nicht erst anschaut, Amica Titel zu bestimmten Themen komplett aussortiert und auch in anderen Redaktionen ganze Bücherkisten unausgepackt den Weg ins moderne Antiquariat finden. (...) Neben persönlichen Vorlieben, dem angeblichen Bekanntheitsgrad von Autoren und anderen oft recht dubiosen Gründen, war früher das Verlagsprofil ein weiteres Entscheidungskriterium. Unbekannte Autoren hatten es einfacher, wenn das literarische Umfeld stimmte. Das ist vorbei. Heutzutage (...) ist der Autor auf sich allein gestellt." Und Birgit Politycki schreibt weiter: "In einer Zeit, in der ein Beitrag in Gala oder Brigitte de facto mehr Aufmerksamkeit findet als eine Buchbesprechung in der Süddeutschen Zeitung oder in der Frankfurter Allgemeinen, wird es zunehmend wichtiger, dem Autor ein Image zu verpassen: Besser irgendeines als gar keines! (...) In Amerika vermarkten Autoren ihre Bücher weitaus professioneller als ihre deutschen Kollegen." Aber: "Ob amerikanische Verhältnisse für den deutschen Buchmarkt wünschenswert sind, bleibt jedoch fraglich."

Nach der endgültigen Könemann-Pleite befürchten viele Sortimenter eine Ratgeber-Schwemme. Der Grund: "Etwa 20 Millionen Ratgeber sollen noch in den über den Globus verteilten Lagern des Kölner Könemann Verlags liegen. (...) Nach Einschätzung von Könemann-Geschäftsführer Claus-Ulrich Schmidt müssen die meisten Bände wohl eingestampft werden, weil die Rechte nicht eindeutig geklärt sind; ein Teil der Bücher könnte möglicherweise jedoch zu Niedrigpreisen auf den Markt kommen". Linda Broszeit von der Bücherinsel in Duisburg erwartet Probleme höchstens für das Moderne Antiquariat. Claudia Tölle vom Berliner Kulturkaufhaus Dussmann sagt, ihre Buchhandlung werde "nicht in das Geschäft mit billigen Könemann-Titeln einsteigen, allein schon deshalb nicht, um die Preise der normalen Ratgeber nicht kaputt zu machen".

Der Marktführer Thalia (Douglas-Konzern) wächst bei sinkendem Umsatz weiter: Der Umsatz der 77 deutschen Thalia-Buchhandlungen wurde im ersten Halbjahr 2002 um 3,4 Prozent gesteigert, flächenbereinigt bleibt ein Umsatzplus von 0,4 Prozent. Insgesamt schließt Thalia mit einem Umsatzminus von 0,3 Prozent ab. "Unterm Strich verbucht Thalia ein negatives Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 600.000 Euro" - bei einem Umsatz von 117 Millionen. "Im laufenden Geschäftsjahr will die Thalia-Gruppe ihre marktführende Position im deutschsprachigen Raum weiter ausbauen", schreibt das Börsenblatt. "Die Buchsparte nimmt bei Douglas hinter Parfümerie und Schmuck den dritten Platz ein."

Weitere Meldungen: Die WWF Wort + Ton GmbH, die die Hörfunkproduktionen des WDR vermarktet, ist neuer Gesellschafter des Deutschen Audio Verlags. Nach sechs Jahren Pause startet der Bremer Kinderbuchverlag Rößler zur Frankfurter Buchmesse mit sieben Bilderbüchern. Die Umsatzentwicklung im Buchhandel war im Juli überraschend erfreulich (mehr dazu unten). Und der Verlag Velbrück Wissenschaft kooperiert ab Oktober mit dem Internet-Verlag Humanities Online; die Online-Version eines Buches könnte künftig das wissenschaftliche Taschenbuch ersetzen, schreibt Holger Heimann dazu.
Archiv: Börsenblatt

buchreport.express

"Der Umsatztrend: Endlich wieder ein Plus geschafft!", jubelt es von der ersten Seite des buchreport. Der Juli war der erste Monat seit September 2001, der umsatzmäßig über seinem Vorjahresmonat lag. Gleich um 6,2 Prozent stieg der Umsatz an. "Allerdings gab es für den Aufschwung im Juli gute Voraussetzungen: Der Kalender erlaubte einen zusätzlichen Verkaufstag und der Juli 2001 (...) hatte mit -4,1 Prozent ein extrem schlechtes Ergebnis gebracht. Trotzdem sehen viele Buchhändler endlich ein erstes Licht im unendlich langen Tunnel - und damit eine gute Chance, bis zum Jahreswechsel in die Nähe einer schwarzen Null zu kommen."

Zweites Top-Thema: Die Bücherdatenbank von KNO und Libri - geplantes Konkurrenzprodukt zum Verzeichnis lieferbarer Bücher - steht möglicherweise kurz vor dem Scheitern. Mit Fragezeichen, einem "offenbar" und einem "offensichtlich" mutmaßt der buchreport, dass die beiden Barsortimente "das Interesse an ihrem aggressiv vorgetragenen Projekt" falsch eingeschätzt hätten - wie gesagt: "offenbar". Von einem Ende der Bücherdatenbank würden alle profitieren, meint Bodo Harenberg: Es käme nicht zur "Materialschlacht" zwischen VlB und Bücherdatenbank, Verlage müssten künftig nicht für die Aufnahme in zwei Verzeichnisse zahlen und Buchhändler könnten sich weiter auf die Kataloge der Barsortimente verlassen. Zudem habe die Buchhändlervereinigung von dem Schub profitiert, der von der "KNO/Libri-Kampfansage" ausgegangen sei; das VlB werde nun endlich aktueller und zuverlässiger.

Anlässlich des ersten Jahrestags der Anschläge vom 11. September 2001 kommt eine Reihe von Titeln auf den Markt, die an die Attentatsserie und ihre Folgen erinnern. Im Verlag Karl Müller erscheint das Buch "Die Erste Seite. Internationale Schlagzeilen nach dem 11. September". Palmyra bringt "Ein Tag im September" heraus, bei Frederking & Thaler erscheint "New York. Die illustrierte Geschichte von 1609 bis heute". Weitere Bücher heißen: "Gott gegen Geld", "Der Tag, an dem die Türme fielen", "Pax Americana" (von Ernst-Otto Czempiel) und "Schläfer mitten unter uns". Das Spiegel-Buch zum 11. September erscheint in einer aktualisierten Neuauflage und als Hörbuch.

Klaus Eierhoff, bislang im Bertelsmann-Vorstand zuständig für die DirectGroup (Clubs und E-Commerce), wurde "gefeuert". Sein Nachfolger Ewald Walgenbach ist laut buchreport "ein knallharter Sanierer". Dieser habe nun keinen leichten Job: "Allein im Rumpfgeschäftsjahr vom 1. Juli bis 31. Dezember 2001 hat die DirectGroup bei einem Umsatz von 1,494 Milliarden Euro Verluste von 513 Millionen Euro (...) quittieren müssen - Besserung nicht in Sicht. Hier die Börsenblatt-Meldung dazu.

Die Verleihung des Preises für Globales Bewusstsein des Club of Budapest an den brasilianischen Schriftsteller Paulo Coelho macht der Buchmesse und der Friedenspreis-Verleihung an Chinua Achebe Konkurrenz. Findet jedenfalls der buchreport. "Der Club of Budapest, ein Ableger des berühmten Club of Rome, würdigt den Schriftsteller für seinen Einsatz für eine nachhaltige Welt." Die Laudatio hält Bill Clinton, im Publikum wird unter anderem Michail Gorbatschow sitzen. Veranstaltungsort: Paulskirche. Zeitpunkt: 6. Oktober, eine Woche vor der Friedenspreisvergabe.

Jonathan Franzen hat eine Nachfolgerin: Alice Sebold. Ihr Roman "The Lovely Bones" (hier ein Auszug) lasse in diesem Jahr die Kassen der US-Buchhandlungen klingeln. "Ihr Erfolg steht für funktionierende Mundpropaganda im Buchhandel." Im nächsten Jahr wird das Buch also auch bei uns auf den Buchtischen liegen und auf den Bestsellerlisten stehen.

Und hier die Bestsellerliste.

Börsenblatt

Ulrich Daniels, Inhaber der Wolthat'schen Buch-Kette, sieht viel Potenzial für eine Expansion seines Unternehmens. "Expansion ist in all jenen Städten möglich, die mehr als 80.000 Einwohner haben. Diese haben wir längst noch nicht alle besetzt", sagt Daniels im Interview mit dem Börsenblatt. Von der angespannten Lage in Berlin sei die Wohlthat'sche Buchhandlung nicht betroffen. "Natürlich gab es auch bei uns im ersten Halbjahr geringe Umsatzrückgänge - die Einnahmen sind flächenbereinigt um etwa vier Prozent gesunken. Aber das verursacht noch kein 'Schwanken'."

Weitere Meldungen: Die DuMont Buchverlage wechseln zum Jahresende zur Vereinigten Verlagsauslieferung VVA. In Düsseldorf hat eine Hörbuchhandlung eröffnet (Pempelfort, Sternstraße 52). Eine Studie hat herausgefunden, dass professionelle Entscheider im Sanitär- und Klimafach überdurchschnittlich häufig branchenbezogene Spezialzeitschriften lesen. Der Passauer E-Book-Verlag Readersplanet hat sein Angebot an E-Books ausgeweitet. Und Elisabeth Niggemann, Generaldirektorin der Deutschen Bibliothek, hält den Internet-Wegweiser Gabriel für einen ersten Schritt zu einer virtuellen europäischen Bibliothek.

Außerdem bieten Heinrich Maurer und Roland Ulmer einen Überblick über Fachliteratur für Landwirte. Und Nils Kahlefendt stellt den Dresdner Verlag der Kunst vor, der in diesem Jahr 50 wird.
Archiv: Börsenblatt
Stichwörter: Wolthat, Buchverlage