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Christian Wulff und die Evangelikalen

Von Thierry Chervel
16.06.2010. Aktualisierung vom 20. Juli:
Aktualisierung vom 20. Juli:

ProChrist hat seine Kuratoriumsseiten nochmals aktualisiert. Und siehe: Bundespräsident Christian Wulfff fehlt jetzt auf der Liste der Unterstützer der Organisation. Und auch auf der Kuratoriumsseite der ProChrist-Veranstaltung in Chemnitz 2009 steht nicht mehr "Christian Wulff, Bundespräsident", sondern wieder "Christian Wulff, Niedersächsischer Ministerpräsident".

Aktualisierung vom 8. Juli
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ProChrist hat seine Kuratoriumsseite aktualisiert. Nun figuriert dort, neben vielen anderen Prominenten, auch "Christian Wulff, Bundespräsident".









Aktualisierung vom 23. Juni
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Deutschlandradio Kultur
hat das Thema aufgegriffen. Die Theologin Kirsten Dietrich fordert im Gespräch mit Frank Meyer einen Austritt Christian Wulffs aus dem Kuratorium von prochrist.

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Christian Wulff sitzt im Kuratorium der evangelikalen Missionsbewegung Prochrist, berichtete neulich das Blog Esowatch. Seitdem wird auf humanistischen und Freidenkerforen angeregt diskutiert. Zum Beispiel bei wissenrockt.de. Presse und Fernsehen haben das Thema kaum aufgegriffen. Ist es wirklich so nebensächlich?

Prochrist, heißt es in einem sehr PR-mäßig klingenden Wikipedia-Artikel zur Organisation, "ist eine Großevangelisationsveranstaltung, die seit 1993 im zwei- bzw. dreijährigen Turnus per synchroner Satellitenübertragung in Europa stattfindet. Sie wird von Mitgliedern evangelischer Freikirchen und Landeskirchen getragen. Ziel der Veranstaltung ist die Bekehrung von Menschen zum Glauben an Jesus Christus."

Das auf der Website von Prochrist formulierte "Leitbild" der Organisation klingt zunächst recht unverbindlich: "Prochrist möchte die Gute Nachricht zu Menschen aller Nationen bringen, hier in Deutschland und darüber hinaus in Europa." Prochrist arbeitet dafür offensichtlich sehr gern mit Kirchengemeinden der Amtskirchen zusammen: "Prochrist wird fortgesetzt, solange Gott diesen Dienst bestätigt, indem Menschen durch diese Arbeit das Evangelium hören und zum Glauben an Jesus Christus kommen, und solange christliche Gemeinden Prochrist als Hilfe für ihren missionarischen Dienst annehmen."

Woran genau "Prochrist" sonst noch glaubt, ist auf der Website nicht festzustellen, aber durch einige Recherchen, auch in den bekannten Medien der evangelikalen Bewegung in Deutschland leicht herauszufinden.

Leiter und charismatische Figur von Prochrist ist der Fernsehprediger und evangelische Pfarrer Ulrich Parzany. Man kann seine Predigten auf Bibel TV sehen, findet sie ordentlich aufgereiht beim evangelikalen Sender ERF und auch bei Youtube (hier). Auch in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und anderen Gotteshäusern überbringt er die gute Nachricht.

Parzany ist ein versierter Rhetoriker. In Predigten, wo es um das Werben neuer Gläubiger geht, umgeht er die neuralgischen Punkte der evangelikalen Ideologie eher. Klarer artikuliert er sie in Artikeln der evangelikalen Zeitschrift ideaSpektrum.

Was er in der Nummer 7/2008 von ideaSpektrum schreibt, klingt wie ein Bekenntnis zum Kreationismus: "Die aggressiven Reaktionen selbst auf die vorsichtigsten Versuche, die Evolutionstheorie als Theorie und nicht als allein wahres Dogma zu verstehen, zeigen, dass hier ein wunder Punkt getroffen wurde. An Gott, den Schöpfer, darf man offensichtlich nur glauben, wenn man zugleich augenzwinkernd zu verstehen gibt, dass dieser Glaube nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat, sondern in das Reich der Märchen gehört."

Parzany wendet sich auch gegen "praktizierte Homosexualität" und vertritt, wie viele evangelikale Christen die Theorie, dass Homosexualität gewissermaßen heilbar sei. "Selbstverständlich gibt es Fachleute, die die Möglichkeit sehen, dass Menschen ihre homosexuelle Neigung verändern und dass da Hilfe möglich ist", sagte er in einem Streitgespräch mit dem Grünen-Politiker Volker Beck, das in IdeaSpektrum und auf der Website von Beck veröffentlicht ist.

Urlich Parzany glaubt an seine Botschaften. Er wird Prochrist nicht betreiben, um nicht auch andere Zweifler und Stauner von ihnen zu überzeugen.

Wie mächtig die Evangelikalen in Deutschland längst schon sind, ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt.

Die beiden Journalisten Christian Baars und Oda Lambrecht haben ein alarmierendes und bestens belegtes Buch (mehr hier und hier) darüber geschrieben: "Mission Gottesreich - Fundamentalistische Christen in Deutschland" (Christoph Links Verlag, 2009). Sie führen auch ein kontinuierliches Blog zum Thema.

- 1,3 Millionen Gläubige werden dieser Glaubensrichtung in Deutschland zugerechnet. Das ist keine kleine Minderheit. Und natürlich ist sie besonders aktiv und engagiert in den Kirchen. Ein großer Teil der sonntäglichen Gottesdienstbesucher der evangelischen Kirche ist dieser Richtung zuzurechnen.

- Die Evangelikalen lehnen "praktizierte" Homosexualität und Abtreibung ab, sehen häufig die "Schöpfungstheorie" als Alternative zur Evolutionstheorie, und sie möchten auch Juden und Muslime bekehren.

- Sie betreiben in Deutschland etwa achtzig anerkannte Schulen, deren Lehrer vom Staat finanziert werden und deren Biologielehrer nicht zu den überzeugtesten Darwin-Anhängern gehören dürften - der Staat, so Oda Lambrecht und Christian Baars, kontrolliert hier offenbar nur nachlässig.

- Sie sind in Politik und Medien bestens vernetzt, bilden Journalisten aus und verfügen selbst über professionell und ansprechend gemachte Medien in Print, TV und Internet.

Die niedersächsische Staatskanzlei bestätigt auf Nachfrage des Perlentauchers die Mitgliedschaft Wulffs (der selbst Katholik ist) im Kuratorium von Prochrist: "Das ist richtig. Der Niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff hat im Februar 2005 u.a. seine Bereitschaft zur Mitwirkung im Kuratorium von Prochrist für das Jahr 2006 erklärt, weil diesem auch der damalige EKD Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber angehörte." Wulffs Aktivität bestand laut Staatskanzlei bisher darin, ein Grußwort für eine Veranstaltung in Holzminden im Jahr 2006 zu senden.

Und natürlich darin, seinen guten Namen, die Respektabilität seiner Person und seines Amtes für die Sache von Prochrist herzugeben. Der Hinweis auf Bischof Wolfgang Huber macht es schon deutlich: Wulff ist hier keineswegs allein. Huber zeigte sich gegen Ende seiner Amtszeit immer begeisterter von den Evangelikalen, die so virtuos zu mobilisieren zu verstehen und möglicherweise auch der Amtskirche Auftrieb geben - gerade darin scheint ja eines der Angebote von Prochrist zu bestehen.

Im Kuratorium sitzen laut Selbstauskunft von Prochrist außerdem noch: der ehemalige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein, der Kaufmann Alexander Graf zu Castell-Castell, der ZDF-Moderator Peter Hahne, der Schuhfabrikant Heinz-Horst Deichmann, der Golfspieler Bernhard Langer, der ehemalige Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg Erwin Teufel, der SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel und einige Kirchenobere.

Um es klar zu sagen: Evangelikale Christen dürfen glauben, was sie glauben. Sie dürfen Homosexualität ablehnen, sie dürfen gegen Abtreibung demonstrieren, sie dürfen glauben, dass die Welt eine Schöpfung ist.

Allerdings: Wie genau verläuft das Leben eines Jungen, der in evangelikalem Milieu aufwächst und schwul ist? Wie sehr wird er verbogen? Wie sehr wird er versuchen, sich selbst zu verbiegen? Und dürfen Schulkinder mit fabrizierten Alternativen zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gefüttert werden?

Prochrist ist ohne Parzany nicht zu haben. "Das Programm besteht aus Musik, Interviews, Theater und einem Vortrag von Ulrich Parzany zu zentralen Themen des Lebens und des Glaubens. Der Eintritt ist frei. Sie sind herzlich zu den Abenden eingeladen", steht im Konzept von Prochrist 2009.

Parzany hat keine Scheu sich zu bekennen: "Auch wenn uns diese Freiheit nicht zugestanden wird, werden wir Gott mehr gehorchen als den Menschen." (ideaSpektrum 7/2008) Es klingt wie ein fundamentalistisches Programm, das sich zur Not auch über die Gesetze des Gemeinwesens hinwegsetzen würde.

Auch das soll Parzany noch denken dürfen. Demokratie verträgt sogar den Widerspruch gegen sich selbst, solange er auf Gewalt verzichtet und die Rechte anderer nicht beschädigt.

Aber brauchen wir einen Bundespräsidenten, der im Kuratorium eines solchen Vereins sitzt? Ist die Missionierung junger Leute im Sinne Parzanys der Unterstützung eines Bundespräsidenten würdig? Haben wir mit Weihnachtsansprachen zu rechnen, die das segensreiche Wirken der Missionare preisen?

Wulffs christliches Engagement ist bereits letzte Woche im niedersächsischen Landtag diskutiert worden, ohne dass eine breitere Öffentlichkeit Notiz davon genommen hat. Vorgeworfen wurde ihm eine Rede vor dem Arbeitskreis Christlicher Publizisten (ACP) in Bad Gandersheim, einer Organisation, die laut Sektenbeauftragten der evangelischen Kirchen als fundamentalistische Splittergruppe "am äußersten rechten Rand des Protestantismus" (so NDRInfo) anzusehen ist. Anfragen von Abgeordneten wurden mit der lapidaren Ansage beschieden: "Der Ministerpräsident wird keine Veranstaltung von verfassungsfeindlichen Organisationen besuchen."

Das reicht nicht aus. In der Sendung "Farbe bekennen" beschwor Christian Wulff "die Gefahr der Parallelgesellschaft, des Gegeneinanders, Gewalttätigen und Fundamentalistischen", der er entgegentreten wolle. Mit den Evangelikalen, die sich selbst gern als "entschiedene Christen" bezeichnen, geht das nun gerade nicht. Sie wollen wie gesagt Gesetzen, die sie als göttlich ansehen, mehr folgen als den Menschen, "auch wenn uns diese Freiheit nicht zugestanden wird". Wulff muss noch vor der Wahl in der Bundesversammlung aus dem Kuratorium von Prochrist austreten.

Thierry Chervel

twitter.com/chervel