Außer Atem: Das Berlinale Blog

Stichwort: Wettbewerb 2013
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Was zu lachen: Emmanuelle Bercots 'Elle s'en va' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 15.02.2013

Abrechnung auf grünen Wiesen: Kaum kommt der Deneuve das französische M-Wort über die Lippen, hält der enervierend gut gelaunte Dreikäsehoch - im Film ihr Enkel, zu dem sie kaum eine Beziehung hat - die Hände auf: Für jeden Kraftausdruck ist ein Euro fällig. Deneuve kann nicht zahlen, denn sie hat kein Geld. Mit Reichtum gesegnet bin auch ich nicht, aber den Euro leg' ich gerne hin: Dieser Film ist richtig Scheiße! Kassier' mich ab, wer will!
Von Thomas Groh

Bleibt ein Unvollendeter: George Sluizers 'Dark Blood' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 15.02.2013

George Sluizers "Dark Blood" blickt auf eine bewegte Produktionsgeschichte zurück. Zehn Tage vor Drehschluss starb Hauptdarsteller River Phoenix an einem drogeninduzierten Herzinfarkt; das abgedrehte Material wurde von der Versicherungsgesellschaft in Verwahrung genommen. Das war im Oktober 1993. 2012 gelang es Sluizer, der vor einige Jahren ein Aneurysma erlitten hatte, die existenten Aufnahmen zu sichern und "Dark Blood" doch noch fertigzustellen – allerdings ohne den Film zu vollenden: Die Lücken, die Phoenix’ Tod ins Narrativ gerissen hat, sind nicht trickreich kaschiert, sondern mit einem voice-over markiert. Sluizer verliest mit unmerklichem Akzent (er ist gebürtiger Niederländer) und fast ohne Emphase die nicht realisierten Drehbuchpassagen, manchmal über eine ausklingende Spielfilmszene gelegt, manchmal über ein Still gesprochen. Ganz zu Beginn erläutert er dieses Konstruktionsprinzip. Das Bild dazu zeigt ihn Arm in Arm mit einem verkniffen dreinblickenden River Phoenix. "Dark Blood" ist – und bleibt – Sluizers Unvollendeter.
Von Nikolaus Perneczky

Nicht nur untergründig bösartig: Emir Baigazins 'Harmony Lessons' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2013

Vorletzter Wettbewerbstag, die Pressevorstellung liegt auf der Frühschiene, um neun Uhr morgens, der Film ist ein fast zwei Stunden langes Debüt aus Kasachstan: Dass der Berlinalepalast auch bei "Harmony Lessons" gut gefüllt ist, spricht für die Ausdauer der akkreditierten Festivalgänger. Als dann gleich in den ersten drei Minuten ein Schaf direkt vor der Kamera erst eingefangen, dann geschlachtet und ausgeweidet wird, geht zwar ein hörbares Stöhnen durchs Publikum (nebenbei bemerkt: Das ist bei weitem nicht die erste derartige Szene des Festivals; im Gegenteil sind derartige, von der Kamera beglaubigte Tiertötungen eines der quintessentiellen Motive des Festivalkinos, fast könnte man meinen, dass die Schlachtung im Weltkino wieder eine rituelle Bedeutung zurückgewinnt, ein Band über Raum und Zeit hinweg zum Zuschauer knüpft). Es dauert dann allerdings nicht lang, bis man erkennt, dass der junge Regisseur Emir Baigazin einen der interessantesten Filme des diesjährigen Wettbewerbs gedreht hat.
Von Lukas Foerster

Bille Augusts 'Nachtzug nach Lissabon' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2013

Pascal Merciers Roman "Nachtzug nach Lissabon" erzählt die Geschichte des Berner Lateinlehrers Raimund Gregorius, der über all seinen Büchern den Anschluss an das Leben verloren hat. Eines verregneten Morgens gelangt er durch eine junge Frau, die sich wahrscheinlich von der Brücke stürzen möchte, an das Buch des geheimnisumwitterten portugiesischen Autors Amadeu Prado. Völlig in den Bann gezogen von der Frau, dem Buch und seiner Poesie, bricht er aus seinem Lateinlehrer-Leben aus und auf nach Lissabon, um der Geschichte dieses Schriftstellers, Arztes und Widerstandskämpfers gegen Salazar nachzuspüren. Aus dem - fiktivem - Werk zitiert der Roman seitenweise die Prado'schen Ausführungen, was durchaus etwas Peinliches hatte: "Kein Ernst ist so ernst wie der poetische Ernst", heißt es darin zum Beispiel und ganz ohne Ironie lässt Mercier dann Gregorius tief ergriffen ausrufen: Welch Brillanz! Welch Wucht! Welch stilistische Eleganz!
Von Thekla Dannenberg

Dramatisch: Bruno Dumonts 'Claude Camille,1915' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2013

Wenn in Bruno Dumonts "Camille Claudel, 1915" plötzlich ein Auto vorfährt, erschrickt man eine Sekunde über diesen Misston: Natürlich sind Autos im Jahr 1915 keine Neuheit mehr, doch bricht mit dem Auto jäh eine Ahnung der Außenwelt und der Moderne in diese bis dahin zugemauerte Welt, in der schon ein Salon im Stil des 19. Jahrhunderts wie ein Zugeständnis an den Zeitenlauf wirkt, dass man sich halb im Schock dazu zwingen muss, sich zu erinnern, dass dieser Film im frühen 20. Jahrhundert spielt.
Von Thomas Groh

Genrekino mit Welthaltigkeit: Steven Soderberghs 'Side Effects' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2013

Die ersten Vorankündigungen zu Steven Soderberghs "Side Effects", worin der Film als Pharmaindustrie-Thriller gepitcht wurde, fügten sich in das Bild des cleveren auteur mit Hang zum zeitdiagnostischen Genrekino. Auch der Trailer zum Film legt nahe, dass Soderbergh es in seinem angeblich letzten Film – seit der heutigen Berlinale-Premiere ist er in Rente – mit dem pharmazeutisch-psychiatrischen Komplex aufnehmen würde. "Side Effects" enttäuscht diese Erwartungen mit einer Unterbietungsgeste wie sie nur in Hollywood vorstellbar ist. Was anfängt als mit amerikanischer Krisengegenwart gesättigtes Sittenporträt, kippt allmählich in einen ausgemacht Hitchcock'schen Plot. Die bis dahin angehäuften milieuspezifischen Details geraten zur – scheinbar austauschbaren – Kulisse. Eine Zuschauerin beschwerte sich: "Das war doch alles nur ein Aufhänger!"
Von Nikolaus Perneczky

Alle ontologischen Anker gelichtet: 'Closed Curtain' von Jafar Panahi und Kamboziya Partovi (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2013

Der Richterspruch hat nach wie vor Bestand, allen Protesten zum Trotz: zu sechs Jahren Haft (bislang wohl vollzogen als Hausarrest) wurde der iranischer Regisseur Jafar Panahi im Jahr 2010 verurteilt, außerdem wurden ihm zwanzig Jahre Berufsverbot erteilt. Das hielt ihn nicht davon ab, 2010 einen gemeinsam mit Mojtaba Mirtahmasb inszenierten Film in den Wettbewerb von Cannes zu schmuggeln, der einen schlagenden, mit Blick auf das Urteil folgerichtigen Titel trägt; Filme drehen darf Jafar Panahi nicht mehr, also: "This Is Not a Film". Zwei Jahre später setzt sich Panahis Geisterexistenz auf internationalen Filmfestivals fort, mit einer weiteren kollaborativ entstandenen Regiearbeit: "Closed Curtain" heißt der Film, Kambuzia Partovi der Co-Regisseur.
Von Lukas Foerster

Das Biest will raus: Die Pressekonferenz zu Panahis Wettbewerbsbeitrag

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2013

Trotz offizieller Anfrage der Bundesregierung hat der iranische Regisseur Jafar Panahi zur Premiere seines Films natürlich nicht anreisen dürfen. Aber sein Ko-Regisseur und Hauptdarsteller Kamboziya Partovi und seine Schauspieler-Kollegin Maryam Moghadan waren da, und sie konnten auf der Pressekonferenz zumindest einige Fragen beantworten, auch wenn die Veranstaltung immer ein wenig Gefahr lief, von den exiliranischen Journalisten gekapert zu werden, die ihr eigenes Süppchen mit dem Regime in Teheran kochen. Und wenn auch seltsamerweise nicht geklärt wurde, wie es Panahi zur Zeit geht, so wurde doch festgestellt, dass der Hund wohlauf ist, diese im Film wunderbar lebendige Allegorie auf die künstlerische Schaffenskraft, von den Behörden für unrein gehalten und trotzdem nicht totzukriegen: Das kleine Biest will raus, nein, es muss raus. Der Hunde lebt jedenfalls bei Partovi und erst einmal besteht keine Gefahr, dass die Hundefänger respektive die Revolutionswächter ihn abholen.
Von Thekla Dannenberg

Kasuistische Fingerübung: Pia Marais' 'Layla Fourie' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2013

Südafrika, eine nächtliche Landstraße: Layla, alleinerziehende Mutter eines kleinen Sohnes, fährt seit Stunden Auto, es ist stockfinster, der Scheinwerfer rast über den Asphalt. Da steht plötzlich ein Auto quer auf der Fahrbahn, der kleine Sohn macht im Schlaf ein Geräusch, Layla ist eine Zehntelsekunde abgelenkt – und hat einen Mann angefahren, einen weißen, älteren, der kurz darauf stirbt.
Von Elena Meilicke

Sucht den magischen Moment: Richard Linklaters 'Before Midnight' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 11.02.2013

Nach "Before Sunrise" und "Before Sunset" liegt nun der dritte Teil von Richard Linklaters Trilogie des Lebens vor. Zuerst begegneten sich der ewig adoleszente Amerikaner Jesse und die sprunghafte Französin Céline in einem Zug nach Wien, wo sie eine kurze und weniger heftige als dialoglastige Nacht miteinander verbrachten. Dann trafen sie sich Jahre später in Célines Heimatstadt Paris wieder, wohin es Jesse auf einer Lesereise anlässlich seines Romandebüts verschlug. Die Handlung: Jesse und Célines Wiener Gspusi. Das Ende dieses zweiten Teils ließ offen, ob die beiden diesmal zusammenbleiben würden.
Von Nikolaus Perneczky

Denis Cotes 'Vic+Flo haben einen Bären gesehen' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 11.02.2013

Die 61-jährige Vic kommt aus dem Knast, sie ist vorzeitig, aber auf Bewährung entlassen, eigentlich sitzt sie lebenslänglich. Unterkommen wird sie in einem Haus von Verwandten, das einst Teil eines landwirtschaftlichen Betriebs war, aber jetzt eindeutig nicht mehr Teil einer Wertschöpfungskette ist. Auf dem Weg dorthin, an der Bushaltestelle, unterhält sie sich, in der ersten Szene des Films, mit einem Kind in Pfadfinderuniform, das mit seinem Trompetenspiel Geld verdienen will. So schlecht, wie Du spielst, meint Vic, bekommst du keinen Cent. Gib mir doch Geld, damit ich einen Anreiz bekomme, besser zu werden, sagt das Kind. In allen Beziehungen, auch solch flüchtigen, wie dieser ersten, an der Bushaltestelle, gibt es mindestens zwei Perspektiven. Denis Cotes "Vic et Flo ont vu un ours" zeigt eine ganze Reihe von Beziehungen; und keine einzige davon kann man in einer Perspektive erfassen.
Von Lukas Foerster

Güte und Perfidie: Guillaume Nicloux' 'Die Nonne' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 10.02.2013

Suzanne (Pauline Etienne), die jüngste von drei Töchtern, drängt es zum Noviziat. Guillaume Nicloux' "La religieuse" gibt zunächst wenig Hinweise, warum Suzanne diesen Weg einschlagen möchte, aber man kann überschlagen, dass sie die Alternativen, die einer Frau im Frankreich des 18. Jahrhundert offenstanden, nicht eben attraktiv findet. Rasch stellt sich heraus, dass Suzanne das Klosterleben nicht liegt, sie verweigert, zum Chagrin ihrer Eltern, das Ordensgelübde. Die können sich nach der Verheiratung ihrer beiden älteren Töchter für die jüngste aber keine Mitgift mehr leisten. Ein zweites Mal wird Suzanne ins Kloster verbracht. Diesmal gibt sie nach, ohne sich aber in ihr Schicksal zu fügen: In keinem Moment verlässt die großartige Pauline Etienne der Bartleby'sche Widerstandsgeist, leise, unnachgiebig und ohne falsches Pathos. Auch der Rest der Schauspielerriege kann sich sehen lassen: Martina Gedeck ist Suzannes Mutter, Isabelle Huppert eine Mutter Oberin und Lou Castel – in der Rahmenhandlung, die eine Erlösung für Suzanne bereithält – gibt ihren leiblichen Vater (Disclaimer: Die Rivette-Verfilmung desselben Stoffes, mit Anna Karina und Liselotte Pulver, habe ich leider nicht gesehen).

Gedrosselte Ambitionen: Sebastian Lelios 'Gloria' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 10.02.2013

Eine Kamerafahrt über zu fröhlichem Radiomainstream tanzende Menschen. An der Bar und am Ende der Kamerafahrt steht eine Frau fortgeschrittenen Alters, mit einem irgendwie nervösen, irgendwie auch verschmitzten Lächeln im Gesicht. Einige Momente verharrt sie noch am Tresen, dann stürzt sie sich ins Getümmel, in den Tanz, an dem sie sich, etwas linkisch und self-conscious, aber durchaus mutig beteiligt. Gloria, sagt einem der Film schon in der ersten Szene, ist eine Frau, die sich aufs Leben einlässt, auch dann, wenn einiges gegen sie zu sprechen scheint. Ihr Alter vor allem, ihre leicht, aber dann doch wieder nicht allzu sehr verfahrenen familiären Umstände außerdem: Sie lebt geschieden, der Ex hat längst eine andere, die Kinder halten mal mehr, öfters weniger Kontakt.
Von Lukas Foerster

Post-Berliner-Schule-Western: Thomas Arslans 'Gold' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 09.02.2013

Keine Emphase: Der dem Strom entrissene Nugget liegt auf einer Hand, bestaunt von einer Gruppe Pioniere. Es fällt kein und damit auch nicht dieses Wort - Gold. Darin liegt, im Norden Amerikas des späten 19. Jahrhunderts, auch ein Versprechen: Die Aussicht darauf, beengtesten und elendsten Verhältnissen (beschrieben wird einmal eine Unterkunft in New York: Vier Leute, ein Zimmer, dunkel, Feuchtigkeit und Kälte nagen an der Gesundheit) zu entkommen - sofern man die Strapazen meistert, die zwischen den jungen städtischen Zentren und dem Goldvorkommen in unwirtlichem Gebiet lauern. So finden sich in Thomas Arslans Post-Berliner-Schule-Western denn auch eine Gruppe deutscher Migranten ein, die dem Ruf des Goldes, genauer: der Annonce eines windigen Reiseführers, der zum geringen Preis eine weniger strapaziöse Passage zum neuen Reichtum in Aussicht stellt, folgen.
Von Thomas Groh

Revoltierende Bauern in Boris Khlebnikovs 'A long and happy life' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 09.02.2013

Obwohl "A Long and Happy Life" ("Dolgaya schastlivaya zhizn") im Einzelnen wenig Ungewöhnliches versucht, ist er insgesamt ein sonderbarer, schwer fasslicher Film. Weil Regisseur Boris Khlebnikov keines seiner Motive mit irgendeiner Konsequenz weiterverfolgt, weil die Signale des Films verlöschen, bevor sie zu einer Stimmung oder Tonlage sich verdichten könnten, kurz, weil "A Long and Happy Life" den unausgeschlafenen Kritikern in der frühmorgendlichen Pressevorstellung unentschlossen und zielunsicher erschienen sein mochte, täten die Buchmacher gut daran, seine Wettbewerbsfähigkeit eher niedrig anzusetzen.
Von Nikolaus Perneczky

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