Außer Atem: Das Berlinale Blog

Stichwort: Frankreich
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Wie ein komplizierter Tanz: Raja Amaris 'Foreign Body' (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 16.02.2017 Die Flucht sehen wir nicht, nur die Ankunft: Die Tunesierin Samia hat es nach Paris geschafft. Sie wohnt - wie einige andere Illegale auch - bei Imed, einem Bekannten aus Tunesien. Imed arbeitet in einer Bar, er hat Arbeit, eine Wohnung, Geld - kurz, er kennt sich aus. Er hat aber auch einen dominierenden Charakter. Er weiß ganz genau, was gut für den Neuankömmling ist und was nicht. Samia lässt sich das nicht lange gefallen, schnell hat sie sich freigemacht und zieht zu Madame Berteau, einer wohlhabenden Witwe, die Hilfe braucht beim Sortieren des Nachlasses ihres Ehemannes. Unten vor der Tür steht bald Imed, der Samias Unabhängigkeit nicht akzeptieren will. Von Anja Seeliger

Huldigt der Hebamme und hedonistischen Stiefmutter: Martin Provosts "Ein Kuss von Béatrice" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 15.02.2017 Claire ist eine sympathische Frau, gewissenhaft und grundanständig. Sie isst kein Fleisch, trinkt lieber keinen Alkohol und parkt nicht im Halteverbot. Freunde braucht sie nicht, andere Menschen braucht sie nicht, will sie nicht, sie kommt bestens allein zurecht, vielen Dank. Ihren Sohn hat sie allein großgezogen, als Hebamme bringt sie Tag für Tag andere Menschen auf die Welt (wir erleben sie tatsächlich bei echten Geburten). Und wenn die Klinik, in der sie arbeitet, nicht einem ultraeffizenten Geburtszentrum weichen müsste, wäre sie rundum zufrieden in ihrem Kokon. Von Thekla Dannenberg

Was zu lachen: Emmanuelle Bercots 'Elle s'en va' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 15.02.2013

Abrechnung auf grünen Wiesen: Kaum kommt der Deneuve das französische M-Wort über die Lippen, hält der enervierend gut gelaunte Dreikäsehoch - im Film ihr Enkel, zu dem sie kaum eine Beziehung hat - die Hände auf: Für jeden Kraftausdruck ist ein Euro fällig. Deneuve kann nicht zahlen, denn sie hat kein Geld. Mit Reichtum gesegnet bin auch ich nicht, aber den Euro leg' ich gerne hin: Dieser Film ist richtig Scheiße! Kassier' mich ab, wer will!
Von Thomas Groh

Güte und Perfidie: Guillaume Nicloux' 'Die Nonne' (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 10.02.2013

Suzanne (Pauline Etienne), die jüngste von drei Töchtern, drängt es zum Noviziat. Guillaume Nicloux' "La religieuse" gibt zunächst wenig Hinweise, warum Suzanne diesen Weg einschlagen möchte, aber man kann überschlagen, dass sie die Alternativen, die einer Frau im Frankreich des 18. Jahrhundert offenstanden, nicht eben attraktiv findet. Rasch stellt sich heraus, dass Suzanne das Klosterleben nicht liegt, sie verweigert, zum Chagrin ihrer Eltern, das Ordensgelübde. Die können sich nach der Verheiratung ihrer beiden älteren Töchter für die jüngste aber keine Mitgift mehr leisten. Ein zweites Mal wird Suzanne ins Kloster verbracht. Diesmal gibt sie nach, ohne sich aber in ihr Schicksal zu fügen: In keinem Moment verlässt die großartige Pauline Etienne der Bartleby'sche Widerstandsgeist, leise, unnachgiebig und ohne falsches Pathos. Auch der Rest der Schauspielerriege kann sich sehen lassen: Martina Gedeck ist Suzannes Mutter, Isabelle Huppert eine Mutter Oberin und Lou Castel – in der Rahmenhandlung, die eine Erlösung für Suzanne bereithält – gibt ihren leiblichen Vater (Disclaimer: Die Rivette-Verfilmung desselben Stoffes, mit Anna Karina und Liselotte Pulver, habe ich leider nicht gesehen).

Heute noch zu sehen: Emin Alpers 'Beyond the Hill', Kiko Goifmans 'Look at me again' und Zoé Chantres 'Tiens moi droite'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 18.02.2012

Emin Alpers Erstlingsfilm "Tepenin Ard? - Beyond the Hill" (Forum) beginnt vielversprechend enigmatisch. Ein alter Patriarch verteidigt sein Anwesen in den anatolischen Bergen gegen Nomaden, die ihre Tiere auf sein Weideland führen. Der Kleinkrieg zwischen dem alten Mann, der mit einem seiner Söhne und dessen Familie in einer Talsenke lebt, und den angeblichen Aggressoren, tobt schon eine ganze Weile, als der zweite Sohn zu Besuch kommt. Geschickt relegiert der Film die wahrgenommene Bedrohung ins Off, hinter den Hügel, wo die Nomaden sich aufhalten sollen. Sie sind jedoch nie direkt zu sehen, sondern lediglich in der Phantomgestalt von Gegenschüssen aus dem umliegenden Gebirge, unauffällige Landschaftsaufnahmen jeder für sich, die sich nach und nach zu einer Triangulation des Geschehens im Tal addieren, und so die Frage aufwerfen, wessen Betrachterstandpunkt sich hier mitteilt. Es ist zu bedauern, dass Emin Alper den Konflikt am Ende zur Implosion bringt, indem er die Nomaden als selbstgemachtes, gleichsam kollektiv halluziniertes Feindbild offenbart. Alles betörend Rätselhafte an "Tepenin Ard?" wird so gebändigt zur - allzu didaktischen - politischen Allegorie der türkischen Kurdenpolitik an der ungenau definierten anatolischen Außengrenze. Die umständlich plumpe Tagline des Films: "Scapegoating may unify, but could you control the…
Von Nikolaus Perneczky

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