Außer Atem: Das Berlinale Blog

Schweigsame Bauern in Nanouk Leopolds 'It's All so Quiet' (Panorama)

Von Lukas Foerster
09.02.2013.

Ein Mann, der einen anderen Mann, seinen Vater, pflegt. In einem sparsam eingerichteten, fast durchweg von natürlichem Licht beleuchteten Zimmer liegt der Vater und wenn er sich ein wenig aufrichtet, das Kissen an die Wand hinter dem Bett gelehnt, das Gesicht umrahmt von schütterem weißem Haar, dann hat das etwas Malerisches, als würde einer der alten holländischen Meister seinen eigenen Vater porträtieren. Der Vater selbst weiß, dass er aus einer anderen Zeit kommt, dass er in der Gegenwart nichts mehr zu erwarten hat. Die wenigen Worte, die er mit seinem Sohn wechselt, drehen sich entweder um seinen Todeswunsch, oder um die letzten um ihn herum wegsterbenden Bekannten.


Ein Mann, der einen anderen Mann, seinen Vater, pflegt. In einem sparsam eingerichteten, fast durchweg von natürlichem Licht beleuchteten Zimmer liegt der Vater und wenn er sich ein wenig aufrichtet, das Kissen an die Wand hinter dem Bett gelehnt, das Gesicht umrahmt von schütterem weißem Haar, dann hat das etwas Malerisches, als würde einer der alten holländischen Meister seinen eigenen Vater porträtieren. Der Vater selbst weiß, dass er aus einer anderen Zeit kommt, dass er in der Gegenwart nichts mehr zu erwarten hat. Die wenigen Worte, die er mit seinem Sohn wechselt, drehen sich entweder um seinen Todeswunsch, oder um die letzten um ihn herum wegsterbenden Bekannten.

Der Sohn, Helmer, ist Bauer, wenn er sich nicht um den alten Mann kümmert, kümmert er sich ums Vieh: Kühe im Stall, Schafe auf der Weide, auch Esel tauchen auf, eingehegt in einem ländlichen Setting, das zwar nichts Urwüchsiges mehr hat, nicht verleugnet, dass es Teil eines (post-)industriell geprägten Landes ist, dem der Film aber, in seinen auch hier malerischen Bildern, mit seinen leicht verwaschen wirkenden, kühlen Farben eine eigentümliche Schönheit schenkt. Zwei weitere Figuren kommen hinzu: Ein junger Hilfsarbeiter, hochgewachsen, mit offenem Gesicht, fast engelsgleich, man kann sich kaum vorstellen, dass er außerhalb des Bauernhofs eine menschliche, irdische Existenz hat. Und, fast als Antithese, ein mittelalter, bärtiger, ein wenig geschwätziger (wobei: geschwätzig nur im Kontext dieses wortkargen Films) Mann, der mit einem Lastwagen die Milch abholt, die Helmer produziert. Ein Mann, der erkennbar mitten im chaotischen Leben steht, wenn auch vermutlich nicht auf dessen Sonnenseite. Als er das erste Mal auftaucht und Helmer in ein Gespräch zu verwickeln sucht, das dieser fast schon grob abblockt, denkt man noch, es ginge einfach nur um zwei unterschiedliche, nicht miteinander kompatible Naturelle. Bald wird klar, dass mehr dahintersteckt, von beiden Seiten.

"It’s All So Quiet" ist eine Literaturverfilmung, die Vorlage, Gerbrand Bakkers Debütroman "Boven is het stil" ist in Deutschland als "Oben ist es still" erschienen. Die Regisseurin Nanouk Leopold, inzwischen Dauergast auf der Berlinale, macht daraus ihren in mancher Hinsicht bislang konventionellsten, weil geradlinigsten Film. Aber auch ihren bislang besten, weil konzentriertesten. Schweigende Männer in der niederländischen Provinz, Männer, die die Welt im Großen und Ganzen so anerkennen, wie sie ist (nämlich: für andere Männer gemacht als für solche wie sie selbst), ein sanft rhythmisierter Reigen des Verzichts, der nur einmal, kurz, und auch da nur als Andeutung, aufgebrochen wird. Unterdrücktes Begehren und tief sitzende Traurigkeit in den kammerspielartigen Innenszenen, gelegentlich ein fast traumartiges, oft klavieruntermaltes Aufatmen in den Außenszenen, bei den Schafen und Eseln.



Viel verdankt der Film Jeroen Willems, dem beeindruckenden Hauptdarsteller, der kurz nach Fertigstellung der ersten Schnittfassung verstorben ist, aus heiterem Himmel, an einem Schlaganfall. Man kann nur jedem Schauspieler, jeder Schauspielerin wünschen, dass es ihm oder ihr vergönnt ist, ein Vermächtnis vom Schlage von "It’s All So Quiet" zu hinterlassen. Man sollte das schon gesehen haben, wie Willems, ein Schrank von einem Mann, nackt vorm Spiegel steht, in einem Halbdunkel, das Schattenpartien zeichnet, die sein Körpervolumen nur umso eindrücklicher zur Geltung bringen; oder wie die gleichfalls düster grundierten Großaufnahmen die tiefen Furchen in seinem Gesicht skulptural ausformen, wie da eine Innerlichkeit durchscheint, die im Film nie ausagiert werden kann, vielleicht aus guten Gründen, denn ein wenig unheimlich ist sie einem in solchen Momenten schon.

Lukas Foerster

"Boven is het stil" (It's All so Quiet). Regie: Nanouk Leopold. Mit Jeroen Willems, Henri Garcin, Wim Opbrouck, Martijn Lakemeier u.a., Niederlande / Deutschland 2013, 94 Minuten (alle Vorführtermine)