Außer Atem: Das Berlinale Blog

Duvall auf Acid: Billy Bob Thorntons 'Jayne Mansfield's Car' (Wettbewerb)

Von Thomas Groh
14.02.2012.

"Manchmal muss man einen Film eben etwas anders verpacken, um seine Botschaft an den Mann zu bringen", sagt Billy Bob Thornton in der Pressekonferenz zu seinem Wettbewerbsbeitrag "Jayne Mansfield's Car" und weiter: "Man könnte zwar einen Film gegen Krieg drehen und diesen dann "Anti-War" nennen, dann schauen ihn aber eben auch nur jene, die eh schon gegen Krieg sind."


"Manchmal muss man einen Film eben etwas anders verpacken, um seine Botschaft an den Mann zu bringen", sagt Billy Bob Thornton in der Pressekonferenz zu seinem Wettbewerbsbeitrag "Jayne Mansfield's Car" und weiter: "Man könnte zwar einen Film gegen Krieg drehen und diesen dann "Anti-War" nennen, dann schauen ihn aber eben auch nur jene, die eh schon gegen Krieg sind."

So zeigt der Film, was Krieg mit zwei über einen Ehebruch verbundenen Familien macht - drei Generationen hat er im Blick: Die erste kämpfte im Ersten Weltkrieg, die zweite im Zweiteb , die dritte wird gerade Mann für Mann nach Vietnam eingezogen: Nichts wird angesprochen, bei jedem übersetzt sich das Trauma in eine andere Marotte. Die eine Familie lebt in Alabama, die andere in England: Jim Caldwell (Robert Duvall), als Großvater auf amerikanischer Seite, ist auf abgründige Weise von Autounfällen fasziniert. Mit solchen konfrontiert, verfällt er rasch ins Brüten und entwickelt eine Philosophie der Banalität des Lebens. Sein Söhne: Jimbo (Robert Patrick) sah den Krieg nur von weit hinter der Front, ein Minderwertigkeitskomplex ist die Folge, den er in besonders markige Sprüche übersetzt. Carroll (Kevin Bacon), dekorierter Weltkriegsveteran, ist LSD werfender Hippie auf Antikriegs-Demonstrationen. Am schlimmsten hat es Skip (Billy Bob Thornton) getroffen: Ihn haben die Erfahrungen im Weltkrieg in einen Zustand skurriler geistiger Umnachtung gestürzt. Wiederum deren Söhnegeneration flieht vor Vietnam in die Welt verstärkter Gitarren. Vor zwanzig Jahren hatte Jims Frau die Familie für den Engländer Kingsley (John Hurt) verlassen. Nun ist sie tot, die englische Familie - bei den Caldwells verhasst - kommt zur Beerdigung ins Alabama der späten Sechziger und bringt ihre eigenen Kriegserfahrungen mit.



Billy Bob Thornton nähert sich dieser Familiengeschichte über den Umweg der zeitgenössischen Indie-Komödie und deren Methode der Skurrilitätsrevue. Das zeitigt zur allgemein ausgelassenen Stimmung bei der Pressevorführung im Berlinale-Palast zwar viele Lacher zu teils schon Pynchonesken Absurderien, etwa wenn Thornton als Skip der Tochter aus englischem Hause ganz unverblümt vorschlägt, dass man sich doch irgendwohin verdrücken, sie sich ausziehen und er dann dazu wichsen könnte, während sie mit britischem Akzent Schlachtenchroniken rezitiert (was dann auch wirklich geschieht), lässt den Film aber auch im Episodischen versanden, wie auch vieles im Film einfach herumsteht: Zu Beginn, in einer Szene am Abendtisch der Caldwells, taucht mit einigem Effekt plötzlich eine schwarze Bedienstete in der Tür auf, was schon auch wegen dieses Überraschungseffekts den Film zunächst deutlich auflädt. Indes, die Figur taucht im folgenden noch ein, zwei Mal ähnlich randständig auf, als würde das Drehbuch sie zum Verschwinden bringen wollen.

Etwas schade ist das auch wegen der schauspielerischen Leistungen: Mit Robert Duvall, John Hurt und Billy Bob Thornton ist das ehrlich großes Brumm-, Nuschel- und Grummelkino, das Untertitel zwar dringend erforderlich macht, aber mit solchen ohne weiteres toll ist. Überhaupt Duvall: Wie er als teigiger Greisenkopf in Großaufnahme vor schwarzem Hintergrund Monologe aus sich heraus presst, wie er über dem (womöglich eh gefälschten) Wrack von Jayne Mansfields Auto zu der Einsicht gelangt, dass man gelegentlich schon deshalb aus dem Leben scheidet, weil man einfach scheißen musste (und nochmal mit dem Auto raus ist, um Klopapier zu kaufen), wie er zu Beginn über einem Waldbach brütet - alles große Kunst! Dieser Jim Caldwell ist ein unartikulierter, alter, verbitterter Mann, den Duvall ungeheuer gravitätisch ins Bild setzt.



Und natürlich Duvall am Ende in einer Schlüsselszene: Der Enkel, selbst auf einem Trip hängen geblieben, schüttet ihm heimlich LSD in den Eistee, den Duvall als Proviant mit auf die Jagd nimmt. Wie Duvall erst als nahezu Amok laufender Rentner im Wald fast John Hurt richtet ("Hande uber dem Kopf, you lousy German"), dann aber mit nasser Unterwäsche über dem hervorquellenden Männerbauch durch den Waldbach planscht - mit sich, der Welt und allem schwer im Reinen - ist ganz einfach ein großartiger Moment. Und nicht zuletzt führt der Drogentrip des Robert Duvall dazu, dass in der Familie endlich miteinander geredet wird.

Vielleicht aber war auch die Pressekonferenz nur eine Verpackung, die die eigentliche Botschaft des Films im Gewand eines Antikriegsfilms verkaufen soll: Gerade die Zungen lockernde LSD-Sequenz steht in deutlicher Korrespondenz zu einer anderen Szene, in der abends ordentlich Alkohol unter den zwei Familien fließt. Es kommt, wie es unter Alkohol kommen muss: Die Stimmung wird aggresiv, vorwurfsvoll - die eine Generation wirft der anderen ihre Kriege und ihr Versagen vor. Ein Aufbrechen des Unausgesprochenen im schrillsten Ton. Wie Billy Bob Thornton nun in mehrfacher Verpackung seinem Publikum verkauft, dass es weniger saufen und dafür ab und an mal einen Trip einwerfen soll, das ist dann doch schon wieder fast großartig.

Thomas Groh

"Jayne Mansfield's Car". Regie: Billy Bob Thornton. Mit: Billy Bob Thornton, Robert Duvall, John Hurt, Kevin Bacon, Robert Patrick u.a., USA/Russland 2011, 122 Minuten. (Vorführtermine)