Außer Atem

Kosslick verbreitet die bessere Stimmung

Von Ekkehard Knörer
06.02.2002. Ein kurzer Blick auf das, was kommt bei der Berlinale 2002. Und auf den Eröffnungsfilm: Tom Tykwer "Heaven".
Mittwoch, 17 Uhr

Im "Heaven" mit Tom Tykwer

Zwei sichtbare Veränderungen hat der Wechsel der Berlinale- Leitung vom ewigen Griesgram Moritz de Hadeln zum Kumpeltyp Dieter Kosslick auf jeden Fall gebracht: Kosslick verbreitet die bessere Stimmung, ist stets zu Scherzen aufgelegt und auch die kosmetischen Korrekturen bewegen sich in Richtung Pathos-Beseitigung: nicht nur strahlen die neuen Plakate eine angenehme Zurückhaltung aus, auch die unangenehm laute Fanfare, die einst vor jedem Wettbewerbsfilm lief, ist einem sanften Perlen der Ton- und Bildspur gewichen. Gelbe Lichtkügelchen schweben vor rotem Hintergrund über die Leinwand - und da trifft es sich doch bestens, dass die Farben der Berlinale und die des Hauptsponsors Premiere World darin ganz ununterscheidbar aufgehoben sind.

Der zweite Unterschied betrifft die neue Wertschätzung des deutschen Films: ganze vier Werke aus (mehr oder weniger) heimischer Produktion hat der Ex-Filmförderer Kosslick eingeladen, und zur Eröffnung gab es mit Tom Tykwers "Heaven" einen von Kosslick einst sogar noch selbst geförderten Film. Bei Lichte betrachtet ist der Film freilich eine überaus internationale Koproduktion, nicht zuletzt das Sprachenwirrwarr bei der Pressekonferenz hat das deutlich gemacht. Hinter dem deutschen Regisseur stehen amerikanische Koproduzenten (nämlich die Disney-Tochter Miramax, Anthony Minghella und Sydney Pollack), das Drehbuch stammt aus dem Nachlass des polnischen Regisseurs Krysztof Kieslowski (das der zusammen mit Krysztof Piesiewicz schrieb), vor der Kamera agieren die Australierin Cate Blanchett und der Italo-Amerikaner Giovanni Ribisi. Und der Schauplatz der Geschichte ist Oberitalien.

Bleibt die Frage: Ist das Kalkül Kosslicks, die Festspiele mit einem, wie gesagt: cum grano salis, deutschen Beitrag zu starten, aufgegangen? Die Antwort muss wohl lauten: Nun ja. Tom Tykwer ist in seinen bisherigen Filmen ("Lola rennt", "Die Winterschläfer") ein exzellenter Regisseur oft hanebüchener Drehbücher gewesen, die leider, das macht das Lob so zweischneidig, auch von ihm selbst stammten. Mit "Heaven" hat er nun erstmals eine fremde Vorlage verfilmt - wenngleich eine gewisse weltanschauliche Nähe zwischen dem freischwebenden Metaphysiker Tykwer und dem Katholiken Kieslowski sofort einleuchtet. Tykwer selbst bestätigte das auf der Pressekonferenz ohne Zögern. Auf dem Gebiet von "Heaven" kenne er sich aus. Und auf Nachfrage beschrieb er sich selbst als "spirituellen Atheisten".

"Heaven" zerfällt in zwei Teile, von denen der erste besser ist, als man denken sollte, und der zweite schlechter, als er sein müsste, um das spirituelle Gewicht zu tragen, das den Figuren wie der Geschichte darin aufgebürdet wird. Alles beginnt mit einer Bombe, die ihr Ziel nicht trifft. Filippa Paccard, die einen Drogendealer vernichten wollte, hat vier Unschuldige getötet. Diese Schuld ist das Trauma, auf das der Rest des Filmes antworten. Es geht um Filippas Erlösung durch die Kraft der Liebe. Die trifft, auf den tykwer-typischen ersten Blick und aus heiterem Himmel, den als Übersetzer während des Verhörs anwesenden Carabiniere Filippo (man achte auf die Namen), der ihr zur Flucht und gar noch zur Rache verhilft. Bis dahin ist "Heaven" ein atmosphärisch dichter Psycho-Thriller, der seine stärksten Momente am Anfang hat. Im bewussten Verzicht auf den Knalleffekt lässt Tykwer die Bombe außerhalb des Kamerabereichs explodieren, man sieht nur, das vielleicht eindrücklichste Bild, einen Riss, der sich durch die Leinwand zieht.

Dann aber wechselt der Film, vielleicht nicht ganz abrupt, aber doch deutlich, das Register. Schon wenn der Zug, mit dem die beiden aufs Land flüchten, aus einem Tunnel auftaucht und im Voice-Over-Dialog von Geburt die Rede ist, muss einem klar werden: wir sind ab sofort auf hoch symbolischem Gelände. Für den Rest des Films geschieht nicht mehr viel, die Geschichte der zwei - nun doch - Liebenden wird mehr und mehr zum Vorwand für visuelle und metaphysische Symbolik. Alles endet, ganz ungelogen, mit einer veritablen Himmelfahrt per Helikopter; die gewagteste, pathetischste und, da in ihrer unbeholfenen Aufdringlichkeit misslungen, auch peinlichste Einstellung liegt kurz davor: die geschlechtliche Vereinigung, oder vielleicht sollte man gleich Kommunion sagen, Filippos und Filippas, als Schattenriss unter großen Baum, zu dem man sich (wiedergewonnenes Paradies etc.) viel denken kann, besser aber nicht denken sollte.

Kein Wunder, dass auf der Pressekonferenz einiger Weihrauch geschwenkt wurde. Vor allem aber erfuhr man, dass womöglich eine Fortsetzung des Weihefestspiels ins Haus steht. Geplant war von Kieslowski wie Piesiewicz eine Trilogie: Himmel, Hölle, Fegefeuer. Die deutsche Produktionsfirma X-Filme denkt, laut Tom Tykwer, über die Verfilmung der beiden anderen, von Piesiewicz inzwischen zu Novellen ausgearbeiteten Teile nach.

Ekkehard Knörer

Tom Tykwer, "Heaven" mit Cate Blanchett und Giovanni Ribisi, 93 Minusten.

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Mittwoch, 13 Uhr
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Heute abend werden die 52. Berliner Filmfestspiele offiziell mit Tom Tykwers Film "Heaven" eröffnet. Heaven, Hell, Purgatory heißt die Film-Trilogie, die Krzysztof Kieslowski vor seinem Tod noch vorbereitet hatte. Mal sehen, an welchem Ort sich der neue Festivalchef Dieter Kosslick nach der Berlinale befindet.

So viele Vorschusslorbeeren gab es jedenfalls noch nie für einen Berlinale-Chef. Kosslick wird heute in fast allen Zeitungen gelobt: vier deutsche Filme im Wettbewerb, das gab's noch nie! Anke Westphal von der Berliner Zeitung sieht die "zuletzt etwas ältliche Berlinale" in ihrem "zweiten Frühling". Fritz Göttler fühlt sich in der SZ gar an die Aufbruchsstimmung der Nouvelle Vague erinnert. Und in der FAZ hält es Michael Allmaier für "durchaus denkbar, dass in diesem Jahr der Goldene Bär im Land bleibt". Nur Daniel Kothenschulte meldet in der FR einige Zweifel am Wettbewerbsprogramm an: Die letzten Arbeiten von Costa-Gavras, Otar Iosseliani, Lasse Halström, Amos Kollek und Istvan Szabo stimmen ihn "nicht unbedingt neugierig".

Die Aufbruchsstimmung verdankt sich nicht nur dem Programm, sondern auch der Person Kosslick. Anders als dem früheren Festival-Leiter Moritz de Hadeln glaubt man Kosslick, dass er den Film liebt. Deutlich wird das heute auch in einem Interview des Tagesspiegels. Auf die Frage, ob es ihn nicht befangen macht, mit einem Film zu eröffnen, den er als Leiter der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen gefördert hat, antwortet Kosslick: "Wir haben im Auswahlgremium ausgemacht: Wenn eine Mehrheit dagegen ist, wird der jeweilige Film nicht gespielt. Und was 'Heaven' angeht: Da lasse ich mir lieber eine Debatte an den Hals fahren, als dass ich 'Heaven' nicht spiele, nur weil ich vor zwei Jahren so schlau war, in diesen Film zu investieren."

Eins hat sich nicht geändert: Es gibt auch auf dieser Berlinale mehr Filme, als ein Einzelner sehen kann. Im Wettbewerb laufen 32 Filme, 9 davon außer Konkurrenz. Im Panorama werden 79 Filme gezeigt, 70 im Forum, 11 in der Reihe "Perspektive Deutsches Kino", 20 in der Reihe "German Cinema", 26 beim Kinderfilmfest und 136 bei der Retrospektive "European 60s". Einen Überblick, was in den einzelnen Sektionen zu erwarten ist, liefert die taz. Zur Retrospektive gibt es einen zweiten Artikel. .

Informationen über die Filme und Aufführungstermine finden Sie auf der Internetadresse der Berlinale. Leider werden Hintergrundinformationen über die Filme im unhandlichen PDF-Format angeboten. Eine sehr gute Informationsquelle mit vielen Informationen und Kritiken ist die Filmseite Jump Cut.

Und auch der Perlentaucher wird ab heute täglich berichten.