Giovanni di Lorenzo führt für die
Zeit ein ziemlich Aufsehen erregendes Gespräch mit dem Kriminologen
Christian Pfeiffer, der erzählt, wie er für die
Katholische Kirche in Deutschland Missbrauchsvorfälle aufarbeiten sollte und scheiterte. Die Kirche habe
Kontrolle über die Forschungen verlangt und hätte seine Ergebnisse
zensieren wollen, wirft er unter anderem dem Bischof
Reinhard Marx und dem Missbrauchsbeauftragten der Kirche, Bischof
Stephan Ackermann, vor. Plastisch schildert er eine Sitzung im Wissenschaftsministerium von Niedersachsen, wo es um die Auflösung des Vertrags zwischen Pfeiffers Institut und der Kirche ging: "Auf einmal verkrampfte Bischof Ackermann - körperlich und von der Sprache her. Er redete mich mit 'Professor Pfeiffer' an und erklärte mir, wenn ich mich weigere, den Vertrag zu unterschreiben, und der Zensurvorwurf nach draußen dringe, dann sei ich ein
Feind der katholischen Kirche - und das wünsche er niemandem. Er erklärte weiter, dass sie meinen guten Ruf öffentlich
massiv attackieren würden und offenlegen müssten, welche Schwierigkeiten es mit dem Institut gegeben habe. Er sagte, dass mir das schaden würde, dass ich es bereuen und einen schweren Fehler begehen würde, wenn ich nicht unterschriebe." Die später herausgegebene und weithin diskutierte Studie habe dann unter
Kontrolle der Kirche stattgefunden und thematisiere etwa nicht, dass es der
Zölibat selbst sei, der wahrscheinlich zu massivem Kindesmissbrauch geführt habe.
Ähnlich deutlich liest sich auch der
FR-
Gastbeitrag des Dogmenhistorikers
Michael Seewald, der die jüngsten Einlassungen des emeritierten Papstes
Benedikt XVI. "gehässig", aber durchaus aufschlussreich für das Verständnis des kirchlichen Macht- und
Schweigesystems nennt (Der Ko-Papst hatte neulich die
68er für die Geschichte des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche verantwortlich gemacht, unsere
Resümees). Die katholische Kirche führe einen "von jeder Wissenschaft entkoppelten
Sonderdiskurs" schreibt er und legt das System in sieben Punkten offen: "Diese Hierarchie ist sehr begabt darin, Dinge
unter der Decke zu halten, von denen sie nicht will, dass sie öffentlich werden. Dazu bedient sie sich auch heute noch
Zwangsmaßnahmen. Es gibt Themen, wie die Frage nach den Rechten von Frauen in der Kirche, über die aufgrund
kirchenamtlicher Sprechverbote nicht diskutiert werden darf. Wer es dennoch tut, bekommt Ärger - bis hin, dass versucht wird, das Erscheinen von Büchern zu verbieten. Die freie Benennung von Missständen in der Kirche ist nur dort möglich, wo
die Hierarchie es erlaubt. Eine solche Institution, in der Tabus weiterhin zum Alltag gehören, hat wenig Grund, sich ihrer Selbstkritik und Aufklärungsbereitschaft zu rühmen."