Rudolf Neumaier ahnt in der SZ schon, wie obskurante Kräfte das Buch des Münsteraner Theologen Hubert Wolf attackieren werden, der 16 Thesen gegen den Zölibat zusammengetragen hat und keinen theologisch haltbaren Grund sieht, warum die Kirche daran festhalten soll: "Zu den rührendsten Rechtfertigungen gehörte der Wunsch von Papst Pius X., dass Priester durch den Glanz ihrer heiligen Keuschheit 'den Engeln ähnlich' werden sollen. Dies beschere ihnen die Hochachtung der Gläubigen und verleihe ihnen 'übernatürliche Segenskraft'. Segenskraft durch Verzicht auf Sex? Zweifellos konnten sich schon im Jahr 1908, als Pius' Lehrschreiben erschien, nur noch die ergebensten unter den Kirchentreuen vorstellen, dass die Enthaltsamkeit flächendeckend praktiziert wurde."
"Die Deutschen sind tolerant - nur nicht gegenüber dem Islam", titelt der Tagesspiegel. Die Erkenntnis bezieht er aus einem Agenturticker zu einem "Religionsmonitor", den die Bertelsmann-Stiftung vorgestellt hat. Etwa die Hälfte der Bevölkerung nimmt demnach den Islam als Bedrohung wahr: "Offenbar würden viele Menschen den Islam derzeit weniger als Religion, sondern vor allem als politische Ideologie ansehen, erklärte die Religionsexpertin der Stiftung, Yasemin El-Menouar. Auch durch die gesellschaftlichen Debatten und Medienberichte der vergangenen Jahre sei der Islam häufig in einen negativen und kritischen Kontext gerückt worden." Dann wäre noch zu fragen, warum eigentlich über den Islam debattiert wird und ob die Meinungen der Bevölkerung generell von Medien gesteuert sind?
Eine Journalistin von Correctiv hat Klage gegen die Katholische Kirche eingelegt, um Auskunft über die Verwendung von Kirchensteuern zu bekommen. Da es sich um eine Steuer handelt, so die Journalistin, müsse die gleiche Transparenz gelten wie bei anderen Steuern. Das Gericht gab der Kirche recht, da sie keine Behörde sei - ließ aber Berufung in höheren Instanzen zu. Der "Koordinierungsrat säkularer Organisationen" (Korso e.V.) begrüßt dies bei hpd.de: "In der Tat muss sich die katholische Kirche die Frage gefallen lassen, wie sie es rechtfertigt, sich das Beste aus beiden Welten herauszupicken ohne die entsprechende Verantwortung zu übernehmen. Erst staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen und sich auf diese Weise staatliche Autorität zu verschaffen und sich dann, nachdem die staatlichen Behörden ihren Zweck erfüllt haben, auf die Privilegien ihrer speziellen Rechtsform zurückzuziehen."
Im Iran wird der Sufismus immer beliebter: Er bietet eine Möglichkeit, seine Religion auszuleben, ohne mit dem Regime gemeinsame Sache zu machen. Den herrschenden orthodoxen Klerikern im Land passt das überhaupt nicht, berichtet Elisabeth Kiderlen in der SZ: "Immer wieder wurden in den letzten Jahren Gebets- und Versammlungsorte der Sufis geschlossen, manchmal, wie in den Städten Ghom und Isfahan, auch mit Bulldozern planiert. Sie wurden geschlagen und ins Gefängnis geworfen. Ihre Beliebtheit löst bei der Geistlichkeit Konkurrenzängste aus, denn sie trifft die Religionsgelehrten auf ihrem ureigenen Terrain. Allein durch ihr Dasein unterlaufen die Sufis die enge Verbindung von Politik und Religion."
Friederike Haupt, eine bekennende Nicht-Muslimin, hat für die FAS mal ein paar Tage mit der "Euro Fatwa App" gelebt, die von einer den Muslimbrüdern nahestehenden Organisation herausgegeben wird. Die App gibt Rat in allen Lebenslagen. Zum Beispiel bejaht eine Fatwa das Recht der Frauen auf Fahrradfahren: "Die zweite Hälfte des Textes handelt von der Wahrscheinlichkeit, dass jungen Mädchen beim Radfahren das Jungfernhäutchen reißt. Passiere dies, könnten Leute 'schlecht von ihnen denken' oder sie später einer Sache 'beschuldigen', obwohl die Mädchen unschuldig seien. Also jungfräulich. Ich stelle mir vor, was Fünftklässlerinnen denken, wenn sie diese Fatwas lesen. Die App wurde in den sozialen Netzwerken beworben, Tausende haben sie schon runtergeladen."
In Dortmund wird der evangelische Kirchentag gefeiert. Die Stadt subventioniert das Ereignis mit knapp drei Milionen Euro, berichtet Daniela Wakonigg bei hpd.de. Begründet wird das mit positiven wirtschaftlichen Folgen des Ereignisses. Doch "mit dem städtischen Zuschuss ist der öffentliche Geldsegen für den Kirchentagsveranstalter noch lange nicht zu Ende. Auch vom Land NRW fließen einige Millionen in das christliche Sommerfest. Bereits im März 2015 hatte die damalige rot-grüne Landesregierung unter der zum Protestantismus konvertierten Ministerpräsidentin Hannelore Kraft dem Event 3,5 Millionen Euro aus Landesmitteln zugesagt. Ohne jegliche öffentliche Diskussion im Landtag. Aus den 3,5 Millionen wurden unter der aktuellen schwarz-gelben Regierung von NRW im Dezember 2018 zunächst 3,9 Millionen Euro und im März 2019 schließlich 4,5 Millionen Euro. Auf der Webseite des Evangelischen Kirchentags ist die zusätzliche Million aus Landesmitteln übrigens nicht erwähnt." Vom Bund kommt dann auch noch eine halbe Million.
Die Christen im Nahen Osten und arabischen Ländern sind wohl die am stärksten verfolgte religiöse Minderheit der Welt. Wolfgang Krischke berichtet in der FAZ über ein Greifswalder Symposion über die bedrängte Lage der Orientchristen: "In der breiteren Öffentlichkeit werden die Orientchristen kaum zur Kenntnis genommen. Außerhalb der kirchlich-wissenschaftlichen Fachwelt meint man, Nordafrika und der Nahe Osten seien mit Ausnahme Israels originär islamische Regionen. Dass diese Gebiete vor der Ausbreitung des Islams fast vollständig christianisiert waren, ist weitgehend unbekannt." Auch die hiesigen Kirchen haben die Orientchristen jahrelang eher stiefmütterlich behandelt, so Krischke. In der Mediathek des Alfried Krupp Wissenschaftskolleg kann man einen Symposionsvortrag Udo Steinbachshören.
In Israel gibt es eine Art Konkurrenz der "Sittsamkeit" zwischen muslimischen Frauen, ultraorthodoxen Jüdinnen und christlich orthodoxen Nonnen, die sich allesamt immer radikaler verschleiern, sagtNoam Bar'am Ben Yossef, Kuratorin der Ausstellung "Veiled Women of the Holy Land - New Trends in Modest Dress" in Jerusalem im Gespräch mit Guillaume Gendron von Libération. Besonders einige ultraorthodoxe Jüdinnen haben nach den Terrorattentaten vor Jahren begonnen, sich immer dichter einzupacken - mit bis zu acht Lagen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass der Messias ob ihrer Züchtigkeit doch noch mal kommt. Seltsamer Weise ziehen die Frauen damit aber den Zorn ihrer Hierarchien auf sich: In dem ultraorthodoxen Viertel Mea Sharim "sprucken die Kinder sie an, man behandelt sie als Araberinnen, als Hexen. Und sogar als Nonnen, was für sie die schlimmste Beleidigung ist, eine Unterstellung, dass sie sich von ihrer Religion abgewandt haben. Jüdische Frauen, die solche Kleidung wählen, tun das oft gegen das Establishment ihrer Gemeinde, sogar gegen ihre Ehemänner. Die ultraorthodoxe Gesellschaft sieht darin eine Art weiblicher Meuterei. Auch andere Frauen sind misstrauisch und haben den Verdacht, dass hier eine neue Norm installiert werden soll. Und für die Haredi-Männer ist so etwas völlig unerträglich. Für sie ist es nicht Sache der Frau, ihre Sittsamkeit zu definieren."
Die Dokumentation "Tylko nie mow nikomu" (Sag es niemandem) über sexuellen Missbrauch in der polnischen Kirche ist bei Youtube in Polen innerhalb von 32 Stunden fünf Millionen mal abgerufen worden, meldet AFP (hier in der Berliner Zeitung): "Der zweistündige Film des unabhängigen Journalisten Tomasz Sekielski trägt den Namen 'Sag es bloß niemandem' und wurde teilweise mit versteckter Kamera gedreht. Die Dokumentation zeigt Begegnungen von Opfern pädophiler Priester mit ihren einstigen Peinigern. Einige inzwischen sehr alte Priester gestehen den Missbrauch, bitten um Vergebung und bieten manchmal finanzielle Entschädigung an." Letztes Jahr hatte bereits ein Film von Wojciech Smarzowski Aufesehen erregt, mehr dazu damals in der FAZ.
Hier der Film mit englischen Untertiteln:
In Münster drohen Katholikinnen, eine Woche lang keine Kirche zu betreten! Sie fordern unter anderem die Priesterinnenweihe und protestieren gegen viele Missstände, schreibt Simone Schmollack in der taz: "Allein die Schwangerschaftskonfliktberatung. Auch Katholikinnen können ungewollt schwanger und verlassen werden oder auf andere Weise in größten Nöten sein. Suchen sie Rat bei einer katholischen Beratungsstelle, treffen sie allerdings auf Beraterinnen, die ihnen sagen müssen: Wir können leider nicht so offen beraten, wie wir das gern täten, selbst wenn wir von Frau zu Frau reden. Wir dürfen auch nicht den gesetzlich geforderten Beratungsschein ausstellen, mit dem eine straffreie Abtreibung möglich ist."
Franziskus hat nun zwar eine Meldepflicht für Missbrauchsfälle erlassen, die Fundamente des "Gebäudes aus Beichtgeheimnis, Zölibat, Homophobie und Frauendiskriminierung" will er aber weiter nicht antasten, seufzt Malte Lehming im Tagesspiegel. Und: "Eine automatische Weitergabe der Informationen oder Verdachtsfälle an staatliche Stellen, wie es sie seit mehreren Jahren in Deutschland gibt" sei nicht vorgesehen.
Derweil resümiertZeit Online die Forderung des Direktor des Bonner Theologenkonvikts, Pater Romano Christen, der in einem Vortrag die Position vertrat, Homosexualität sei die "Folge einer psychologischen (Fehl-)Entwicklung" und könne therapiert werden.
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