9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2019 - Religion

Martin Mosebach, um einiges konservativer als der führende Katholik Franziskus, hat laut Welt in einem Interview mit der Herder Korrespondenz die Auftritte des Papstes kritisiert, die ihn an Stalin und Hitler erinnern: "Wenn bei großen Papstveranstaltungen, etwa in einem Fußballstadion, heute 'Zigtausende auf eine einzelne weiße Gestalt in der Mitte ausgerichtet sind, das ist eine viel totalitärere Sprache als das umständliche, verstaubte Hofzeremoniell von einst', so Mosebach weiter. Das Küssen und Liebkosen von Kindern gehöre ebenfalls zum Ritual der modernen Diktatoren, ergänzte Mosebach." Dass es Mosebach nur um die Inszenierung geht, kauft ihm der Vatikanjournalist Bernd Hagenkord in seinem Blog nicht ab: "Warum der Vergleich falsch und total unangemessen ist? Ganz einfach: man kann die Darstellung nicht vom Dargestellten trennen. Mosebach rückt ganz absichtlich und ohne es auszudrücken den Papst in eine Linie mit Mördern und Verbrechern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2019 - Religion

Chiristian Rath ist in der taz sehr dafür, dass Richterinnen Kopftuch tragen dürfen: "Wenn es solche absurden Vorurteile gäbe, wäre es die Pflicht des Staates, sich vor seine kopftuchtragende Richterin zu stellen, statt der Frau ein faktisches Berufsverbot aufzuerlegen. Nicht jede Muslimin trägt ein Kopftuch. Aber kopftuchtragende Musliminnen betrachten dies als ihre religiöse Pflicht. Sie können deshalb das Kopftuch nicht mal eben ablegen, wie man einen 'Atomkraft? Nein danke!'-Button ablegt. Das Kopftuch ist einfach ein sichtbares Merkmal der Person. Es sollte im Gerichtssaal keine Rolle spielen." Wie neutral kann eine Richterin sein, die ihr Kopftuch als "Merkmal der Person" betrachtet?
Stichwörter: Kopftuchdebatte, Atomkraft

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2019 - Religion

Statt der bisher aus Mitteln der katholischen Kirche gezahlten 5.000 Euro Entschädigung an die Missbrauchsopfer sollen die Täter künftig selbst zahlen, schreibt im Tagesspiegel Frank Bachner, der mit Opfern, etwa Matthias Katsch, Betroffener im Canisius-Skandal, gesprochen hat. Die Kirche habe noch einen weiten Weg vor sich, nicht zuletzt, weil einige Bistümer nach wie vor mauern: "So lange nicht das System Kirche mit ihren männerbündlerischen Strukturen, ihrem Hierarchiedenken, der Abhängigkeit von einem Bischof, der fehlenden Möglichkeit, die Arbeit leitender Kleriker unabhängig zu kontrollieren, modifiziert wird, so lange vertrauen Opfer nicht der Kirche. 'Das System, das diesen Missbrauch ermöglicht hat, funktioniert noch', sagte Katsch. 'Kinder und Jugendliche sind noch akut gefährdet.' Auch die finanziellen Leistungen der Kirche empfinden Opfer wie Katsch schlichtweg als Hohn. Erstens sind 5.000 Euro aus ihrer Sicht viel zu wenig. Zudem zahlt die Kirche nicht 'in Anerkennung der Schuld', sondern des Leids. Aus Sicht der Kirche ein Entgegenkommen."
 
In der NZZ greift der katholische Theologe Jan Heiner Türck, der Franziskus' Rede genau analysiert, noch einen anderen Punkt auf. Durch die Bezeichnung der Täter als "Werkzeuge des Satans" dämonisiere er die Akteure, so Türck: "Mit dem sexuellen Missbrauch stehe die Kirche vor dem 'Geheimnis des Bösen', das man bekämpfen müsse. Der Topos des geistlichen Kampfes mag im spirituellen Schrifttum der Kirche weit verbreitet sein, zur Bewältigung der Missbrauchsfälle taugt er wenig. Die theologische Überhöhung krimineller Akte verschleiert die Ursachen, trübt die Analyse und blockiert Reformen. Hinzu kommt: Wenn Franziskus Missbrauchstäter zu Agenten des Teufels stilisiert, droht er deren Verantwortung zu halbieren. Die Verfehlungen sind dann nicht nur menschliche Freiheitsakte, sondern gehen zugleich auf diabolische Einflüsterungskunst zurück."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.03.2019 - Religion

Wann hat es das je gegeben, dass ein weltliches Gericht einen hohen Würdenträger der katholischen Kirche verurteilt (in diesem Fall zu einem halben Jahr auf Bewährung), weil er zu sexuellem Missbrauch geschwiegen hat. Die Website des französischen Senders France Bleu zitiert ausführlich aus dem Urteil gegen den Lyoner Kardinal Philippe Barbarin, der zugleich als höchster katholischer Geistlicher in Frankreich gilt und nun seinen Rücktritt erklärte: "Das sehr strenge Urteil kritisiert den Priester - der während des Prozesses Anfang Januar wiederholte, dass er nie versucht habe 'diese grauenhaften Tatsachen zu verstecken oder gar zu decken', dass er 'die Entscheidung, den Justizbehörden nichts zu sagen, bewusst getroffen hat, um die Institution, zu der er gehört, zu erhalten, obwohl sein Amt ihm Zugang zu allen Informationen gab und er die Möglichkeit hatte, sie sinnvoll zu analysieren und zu kommunizieren.' Um den Skandal zu vermeiden habe es Philippe Barbarin vorgezogen, die Entdeckung sehr vieler Opfer von sexuellem Missbrauch durch die Gerichte zu verhindern und ihnen zu verwehren, ihren Schmerz zu äußern, fügte das Gericht hinzu."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2019 - Religion

Für so etwas muss man den Humanistischen Pressedienst lesen: Dieses Jahr gab es etwas Neues beim traditionellen Richtfest der Düsseldorfer Karnevalswagen, berichtet Gisda Bodenstein unter Berufung auf den Kölner Express. "Ein katholischer und ein evangelischer Vertreter waren eingeladen worden, um diese zu segnen. Jacques Tilly, der vor allem für die politischen Mottowagen verantwortlich ist, die den Düsseldorfer Karneval prägen, wusste davon nichts. 'Zuerst habe ich gedacht, das ist ein Scherz", sagte der Bildhauer dem hpd. 'Seit 35 Jahren baue ich die Wagen und in der ganzen Zeit habe ich hier nie einen Pfarrer gesehen.'"

Pädophilie scheint nicht die einzige sexuelle Orientierung in der katholischen Kirche zu sein. Bernadette Sauvaget bespricht in Libération tief schockiert den heute auf Arte laufenden Dokumentarfilm "Religieuses abusées", der die Geschichten sexuell missbrauchter Nonnen erzählt: "In 'Religieuses abusées' offenbart jedes einzelne Zeugnis einer Interviewten eine Tragödie. Wie etwa jenes von Grace, einer Afrikanerin, die in Rom von einem Priester aus ihrem Land vergewaltigt wurde und sich, als sie schwanger wurde, nach Pesaro zurückziehen musste, wo sie gezwungen wurde, ihr Kind freizugeben. Zwei Jahre lang hat ihr Anwalt, Luca Gardini, gekämpft, damit Grace, die aus ihrem Kloster verjagt worden ist, ihre kleine Tochter wiederfindet..." In der Mediathek von Arte ist der Film schon zu sehen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2019 - Religion

Die Islamverbände sind durch und durch politisiert, schreibt der Grünen-Politiker Volker Beck - der dennoch an der Islamkonferenz festhält -  in der taz. Zum Besipiel die Ditib: "Die Imame haben einen Vertrag mit der Religionsbehörde, nicht mit deutschen Moscheevereinen. Die Dienstaufsicht über sie führen die Religionsattachés in den Konsulaten und der Botschaft der Türkei. Die Moscheegebäude, zumindest die werthaltigeren, gehören in der Regel der Auftragsverwaltung aus Ankara, der Ditib-Zentrale in Köln. Und spurt ein Ortsvorstand nicht hundertprozentig, lassen die Religionsattachés die Unbotmäßigen mit vorbereiteten Wahllisten einfach bei der nächsten Wahl ersetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2019 - Religion

Drei Tage lang streuten Bischöfe in Rom in ihrer Tagung zum Thema Missbrauch Asche auf ihr Haupt. Ob die Strukturen der Vertuschung verändert werden, die den Missbrauch erst ermöglichten, bleibt nach der Rede von Papst Fanziskus allerdings offen, schreibt Michael Braun in der taz und erzählt vom Fall des argentinischen Priesters Julio César Grassi, "der sich mit seiner Einrichtung 'Felices los niños' ('Glücklich die Kinder') um Straßenkinder kümmerte - um sie zu vergewaltigen. Grassi ist mittlerweile zu 15 Jahren verurteilt und wurde vor wenigen Tagen ins nationale Verzeichnis der Sexualstraftäter Argentiniens aufgenommen. Der Anwalt von Grassis Opfern allerdings berichtet von einem Treffen mit dem Erzbischof von Buenos Aires und Vorsitzenden der Argentinischen Bischofskonferenz im Jahr 2006, in dem der Kirchenobere sich 'verschlossen, streng, misstrauisch' zeigte. Dieser Bischof war Jorge Mario Bergoglio - der heutige Papst Franziskus."

Dennoch gelte es anzuerkennen, dass es Franziskus war, "der erstmals in der Geschichte der katholischen Kirche zu so einem Treffen aufrief", wendet Heike Vowinkel in der Welt ein. "Und das darf durchaus als historisch gewertet werden. Wie stark die Widerstände in der mehr als 2.000 Jahre alten Institution sind, davon zeugten nicht zuletzt die Wortmeldungen konservativer Kardinäle im Vorfeld des Gipfels", etwa "der offene Brief, in dem die beiden konservativen Kardinäle Walter Brandmüller und Raymond Leo Burke dem Papst vorwarfen, die wahre Ursache des Missbrauchs zu verkennen: die Homosexualität, die sich innerhalb der Kirche in organisierten Netzwerken ausgebreitet habe".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.02.2019 - Religion

Es gibt eine Institution, auf die der sonst allpräsente Rechtsstaat offenbar gar keinen Zugriff haben will - und das sind die Kirchen. Die katholische Kirche hält gerade einen Kongress über sexuellen Missbrauch ab - aber die Öffentlichkeit scheint es zu akzeptieren, dass die Kirche das Thema mit sich selbst ausmacht. Die niedersächsische Justizministerin Barbara Havliza (CDU) musste feststellen, dass die deutschen Bischöfe in ihren Berichten über Missbrauchsfälle keinen einzigen Namen offenlegten. Sie scheint sich als einzige Politikerin darüber geärgert zu haben, berichtet Ronen Steinke in der SZ: "Bei anderen großen Institutionen rückt die Staatsanwaltschaft durchaus mit Durchsuchungsbefehlen an, um sich Akten und Beweismittel zu besorgen, auch um eine mögliche Vertuschung zu verhindern. Das hat es zuletzt bei VW gegeben. Beim DFB. Oder bei der Deutschen Bank. Bei den beiden Amtskirchen hat es das noch nie gegeben in Deutschland, obwohl die Sexualdelikte, um die es dort geht, schwer wiegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2019 - Religion

Alle freuen sich über das Urteil des Bundesarbeitsgerichts, das die zweite Heirat eines Arztes  an einem katholischen Krankenhaus nicht als Kündigungsgrund anerkannt hat - das Bundesverfassungsgericht hatte vor einiger Zeit nicht so eindeutig geurteilt. Aber der Fall zeigt ohnehin nur die Spitze des Eisbergs, schreibt Ingrid Matthäus-Maier bei hpd.de: "Das Kirchliche Arbeitsrecht diskriminiert über 1,3 Millionen Menschen in den Kirchen, Caritas und Diakonie. Ob Kirchenaustritt oder Nichteinstellung Konfessionsfreier Menschen (bei der katholischen Kirche auch noch Homosexualität): keinen Millimeter gibt die Kirche freiwillig auf. Auch jetzt noch behält sie sich eine Verfassungsbeschwerde vor. Auch die evangelische Kirche beharrt auf der Kirchenmitgliedschaft bei Einstellung trotz eines anderslautenden BAG-Urteils." Hinzuzufügen ist, dass die meisten dieser Arbeitnehmer nicht etwa aus der Kirchensteuer bezahlt werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2019 - Religion

Sven Hansen stellt in der taz die Anwältin Sneha Parthibaraja vor, die es als erste Inderin geschafft hat, in ihren persönlichen Papieren alle Angaben über Kastenzugehörigkeit streichen zu lassen: "Die Kastenzugehörigkeit entscheidet .. über den Zugang zu bestimmten Sozialleistungen, Studienplätzen oder Jobs im Staatsdienst. Diese werden über ein System vergeben, das Quoten für niedrige Kasten kennt. Wurde früher gehofft, das Kastensystem werde im Laufe der Jahre ohnehin an Bedeutung verlieren, so hat gerade die Quotierung das System letztlich weiter zementiert."