9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2023 - Religion

Walter Homolka ist als einflussreichster Repräsentant des liberalen Judentums in Deutschland nach einer Missbrauchsaffäre um seinen Ehemann und vielen anderen Skandalen gründlich gerupft worden (unsere Resümees). Nun berichtet Heike Schmoll in der FAZ über Homolkas Dissertation am Londoner King's College und wirft Homolka vor, dass zumindest in der akademischen Version, die ihm den PhD-Titel einbrachte, sechzig Seiten einer unveröffentlichten Examensarbeit der Theologin Dorothee Schlenke praktisch wortgleich übernommen worden sind. "Die Dissertation umfasst insgesamt 240 Seiten Text mit Fußnoten unterhalb des Textes und 27 Seiten Literaturverzeichnis. Ein Viertel der Dissertation erweist sich nun nach Recherchen der FAZ als Plagiat. Konkret geht es um die Kapitel 3 bis 6 auf den Seiten 43 bis 106 in Homolkas englischer Dissertation."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2023 - Religion

Warum stören sich die Leute am Kopftuch muslimischer Richterinnen, während gleichzeitig Kreuze in den Gerichtssälen hängen, fragt Ronen Steinke in der SZ, kommt aber nicht auf die Idee, dass vielleicht beides falsch sein könnte: "Ich frage mich manchmal, wenn ein Angeklagter auf die Richterbank vor ihm blickt und hinter den Richtern das Symbol des Kreuzes sieht, ob es nicht eigentlich umgekehrt viel logischer wäre. Eine Richterin mit Kopftuch: Das wäre ein Anblick, bei dem ihm wahrscheinlich trotzdem noch klar bliebe, dass dies nur eine Richterin unter vielen ist, nicht 'die' Justiz. Symbole an den Wänden hingegen repräsentieren eher die Justiz insgesamt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2023 - Religion

In Israel verbündet sich die politische Rechte mit nationalreligiösen Strömungen. Damit steht das Land aber keineswegs allein da, beobachtet der Historiker Volker Weiß in der SZ. Und "dafür, dass diese Mischung Konflikte von Russland bis nach Sri Lanka befeuert, wird sie im Westen erstaunlich wenig beachtet." Besonders in Asien findet Weiß viele Beispiele: "Tatsächlich transformierte die hindunationalistische Bewegung in Indien den Subkontinent in eine Mehrheitsdiktatur auf ethnoreligiösem Fundament. Dem iranischen Regime wiederum gelang es nach der islamischen Revolution mittels Nationalismus, lange die Bevölkerungsteile einzubinden, denen die Religion alleine zur Identifikation mit der Revolution nicht ausreichte. Ihnen gilt nun die Theokratie als Garantin der nationalen Souveränität. Das neue autoritäre Konzept hat in der Türkei den Laizismus untergraben und die Nationalisten mit den Islamisten zusammengebracht." Als Ursache dieser Strömungen macht Weiß den üblichen Verdächtigen aus, nämlich "jene marktradikalen Kräften, die sich der drastischen Senkung von Steuern und Staatsausgaben verschrieben haben".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.02.2023 - Religion

Ausschweifend geht der Philosoph Otfried Höffe in der NZZ der Frage nach, weshalb auch friedliche Religionen gewalttätig werden: "Religionsstifter pflegen Anhänger, Jünger, zu finden, häufig versammeln sie diese bewusst um sich. Wird nun die Jüngerschar, was sich auf Dauer kaum vermeiden lässt, organisiert, so entstehen soziale Einheiten, Religionsgemeinschaften, die sich gegen andere Einheiten absetzen. Nun gehört zu einer Religion, auch einer Weltanschauung in der Regel die Auffassung, die allein wahre Lehre zu vertreten und den allein richtigen Weg zu gehen. Infolgedessen halten die Anhänger sich gern, teils ausdrücklich, teils implizit, für besser als die anderen." Dennoch liegen die Grundlagen für die Gewaltbereitschaft nicht im Wesen einer Religion, schreibt er, sondern "in Eigenheiten der sozialen und politischen Ordnung, in die die jeweilige Religion sich einbettet, und in den davon geprägten Einstellungen, Mentalitäten der Menschen."
Stichwörter: Höffe, Otfried

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2023 - Religion

Die Psychologin Pia Lamberty, Koautorin des Buchs "Gefährlicher Glaube - Die radikale Gedankenwelt der Esoterik" , spricht mit Lisa Berins in der FR über Esoterik, die sie sozusagen automatisch dem rechten politischen Spektrum zuordnet, obwohl sie auch die Anthroposophie dazu zählt: "Die deutsche Esoterik hatte ihren Startpunkt mit Helena Blavatsky; sie hat die Theosophie und das Konzept der Wurzelrassen begründet. Davon abgespalten haben sich dann die Ariosophie und die Anthroposophie, die Rudolf Steiner noch mal christlicher interpretieren wollte. Esoterik ist immer ein Patchwork aus allen möglichen Religionen. Auffallend sind heute auch antimodernistische und antifeministische Haltungen. Da gibt es dann oft die Überzeugung, dass die Natur das Gute, die Technik das Böse ist, oder es gibt eine Sehnsucht nach dem Früher, und die moderne Welt wird als belastend, als künstlich verstanden. In Extremvarianten geht es so weit, dass Russland romantisiert wird, das Ursprüngliche, Naturverbundene, der starke Führer verehrt wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2023 - Religion

Hamed Abdel-Samads neustes Buch verspricht eine "kritische Geschichte" des islams. Im Gespräch mit Lucien Scherrer und Ferdinand Knapp von der NZZ bezweifelt er, dass ein Impuls zur Reform aus dem Islam kommen kann, wohl aber von Muslimen: "Sie können die Religion entmachten und eine liberale Demokratie zustande bringen, wenn der Islam außen vor bleibt." Dabei sieht er etwa in den Golfstaaten mehr Hoffnung als hier: "Es ist tatsächlich so, dass in der arabischen Welt gerade ein Paradigmenwechsel stattfindet, zumindest unter Intellektuellen. Meine Islamkritik wird in der arabischen Welt mittlerweile besser aufgenommen als in Europa. Dort erkennt man, dass die Religion ihren Anteil hat an der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Misere. Im Westen dagegen verklären die hier lebenden Muslime und die Linksliberalen den Islam. Sie verherrlichen den Islam, und wenn man Mohammed kritisiert oder den Koran, dann ist man ein Rassist und islamophob. Da sehe ich tatsächlich mehr Fortschritt in der Debatte in der arabischen Welt als in Deutschland."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2023 - Religion

Mit Inbrunst wird in Frankreich stets der Streit um religiöse Symbole geführt. Gerade wieder haben die kompromisslosen Freidenker von La Libre Pensée vor Gericht erstritten, dass auf der Île de Ré eine Marienstatue aus der Öffentlichkeit entfernt werden muss, berichtet Niklas Bender in der FAZ, und in Les Sables d'Olonne in der erzkatholischen Vendée muss eine Statue von Erzengel Michael abgebaut werden: "Die Fälle gleichen sich in vieler Hinsicht: Lokalpolitiker errichten ein religiöses Symbol, örtliche Sektionen der Fédération de la Libre Pensée wenden sich an die Justiz. La Libre Pensée ist selbst eine traditionsreiche Vereinigung, die Wurzeln reichen ins 19. Jahrhundert zurück. 'Für sie sind die Religionen die schlimmsten Hindernisse einer Emanzipation des Denkens', heißt es in ihrer Grundsatzerklärung - das Pochen auf Laizität ist also militant. Das verrät auch das Motto der Freidenker: 'Ni dieu, ni maître, à bas la calotte et Vive la Sociale!' (Weder Gott noch Meister, nieder mit dem Scheitelkäppchen und Es lebe der soziale Fortschritt!), das auf den antiklerikalen Bildungspolitiker Paul Bert (1833 bis 1886) zurückgeht. Gleiche Konstellationen: Die Verteidiger einer harten Laizität, die das Trennungsgebot strikt anwenden wollen, stehen gläubigen oder traditionalistischen Franzosen gegenüber, welche die christlichen Wurzeln der 'ältesten Tochter der Kirche' betonen. Dazwischen treten schüchtern Vertreter einer weichen Laizität, die, je nach Wunsch der lokalen Bevölkerung, religiöse Symbole akzeptieren wollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2023 - Religion

Warum offenbart sich der eine Gott nicht, zumal er allmächtig ist, fragt Hugo Stamm in hpd.de: "Wenn es den einen wahren Gott oder die wahren Götter einer Religion gibt, wie die große Mehrheit der Menschen glaubt, wäre es ein Segen, wenn er die Ungewissheit ein für alle Mal beseitigte. Man denke nur an die freigesetzten Energien und Ressourcen, die sinnvoller eingesetzt werden könnten. Jede der Zehntausenden Glaubensgemeinschaften und Sekten baut eigene Gotteshäuser, Tempel oder Versammlungsräume. Jede braucht eine Infrastruktur, die immense Summen verschlingt. Vieles davon wäre überflüssig, wenn die Gottesfrage ein für alle Mal geklärt wäre."
Stichwörter: Religion, Sekten

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2023 - Religion

Korrigiert um 9.44 Uhr. Im Staat Benin (ehemals Dahomey und nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Königreich von Benin, siehe Kommentar unten) wird die Voodoo-Religion von der Politik bewusst gefördert, auch um Touristen anzuziehen, berichtet Katrin Gänsler in der taz: "Christian Houetchenou, der Bürgermeister der Stadt, von der aus einst Sklav*innen nach Amerika verschifft wurden, lobt, dass die Regierung von Patrice Talon Ouidah zum Zentrum der indigenen Religion machen will. Jean-Michel Ambimbola, der Minister für Tourismus, Kultur und Kunst, setzt noch eins drauf: Benin müsse wie Mekka zum Pilgerziel werden, nur eben für Anhänger*innen und Neugierige der Voodooreligion. Das Interesse daran sei schon jetzt bei Filmemacher*innen, Kunstschaffenden wie Wissenschaftler*innen immens. Um noch mehr Interessierte anzulocken, lässt die Regierung ein Museum bauen und plant ein großes Voodoofestival." Im Gespräch beteuert der Muslim Radji Saïbou, der sich für den "Interreligiösen Dialog" einsetzt, das der Respekt der Religionen füreinander groß sei.

"So zerlegt sich die Kirche selbst", sagt Ulrich Wastl von der Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW), die das Gutachten zu Kindesmissbrauch für die Erzdiözese München und Freising verantwortet (Unser Resümee), im großen SZ-Gespräch mit Bernd Kastner und Annette Zoch. Die Stellungnahme von Benedikt XVI. sei ein "Beratungsdesaster" gewesen, Erzbischof Georg Gänswein habe Druck auf die Auftraggeberin des Gutachtens ausgeübt, sagt er und fordert: "Die Kirche braucht die Hilfe vom Staat". "Was wäre gewesen, wenn die Kirche 2010 gesagt hätte, wir lassen den Staat eine Stiftung gründen, die wir mit ausreichend Geld ausstatten. Diese Stiftung hat die Aufgabe, Opfer zu entschädigen und den Missbrauch unabhängig aufzuarbeiten. Honorige Persönlichkeiten engagieren sich darin und garantieren, dass das umgesetzt wird. Hätte die Kirche das 2010 gemacht, stünde sie als der moralische Leuchtturm da."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2023 - Religion

Kenan Malik nimmt im Observer Stellung zur Kontroverse um die Hamline Universität. Hier distanzierte sich die Uni-Leitung von einer Dozentin, die in einem Seminar - nach Triggerwarnung! - eine Abbildung Mohammeds aus dem 14. Jahruhunderts gezeigt hatte (unsere Resümees). Diese Abbildung, so Malik, ist Dokument einer langen muslimischen Tradition, und nur in fundamentalistischen Strömungen werden selbst solche Abbildungen abgelehnt. "Das Vorgehen der Hamline-Universität bedroht nicht nur die akademische Freiheit, sondern auch die Religionsfreiheit. Sie verleugnen implizit die Vielfalt der Traditionen, die den Islam ausmachen, und verurteilen diese Traditionen in gewisser Weise als so abweichlerisch, dass sie in einem Kurs über islamische Kunstgeschichte nicht gezeigt werden können. Universitätsbürokraten positionieren sich als Nicht-Muslime in einer inner-islamischen theologischen Debatte und stellen sich auf die Seite der Extremisten."