9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2023 - Religion

Auf ZeitOnline beleuchtet Andrea Böhm die Hintergründe der Entebbe-Konferenz, die von einer amerikanischen Anti-LGBTQ+-Gruppe unter dem Titel "Family Values and Sovereignty" organisiert wurde und an der Abgeordnete und Delegierte aus 22 afrikanischen Ländern teilnahmen. Mitinitiator ist die amerikanische christliche Lobbygruppe Family Watch International (FWI), die Homosexualität für eine "psychische Krankheit" hält: "Was lange übersehen wurde: Die religiöse Rechte in den USA hat ihre Agenda seit Jahrzehnten nach Afrika exportiert. Mit viel Geduld und großem Einsatz ist es der evangelikalen Rechten aus den USA gelungen, ihren schlechten Ruf als Unterstützer von Apartheid-Regimen auszuradieren und mit dem Image als Beschützer einer vermeintlich 'urafrikanischen' patriarchalen Familientradition zu ersetzen. Fundamentalistische Kirchen und Lobbygruppen überweisen seit Jahrzehnten große Summen an Schulen, Universitäten oder Krankenhäuser in afrikanischen Ländern. Oft ohne Zweckbindung oder Kriterien für transparente Buchhaltung, aber verknüpft mit der Bedingung, dass diese Institutionen sich von liberaleren kirchlichen Unterstützern aus dem Ausland lossagen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2023 - Religion

Auch der in Polen in höchsten Ehren gehaltene Papst Johannes Paul II. wusste von sexuellem Missbrauch in der Kirche, schreibt Gabriele Lesser in der taz: "Im Buch 'Maxima Culpa - Johannes Paul II. wusste davon' deckte der niederländische Polen-Korrespondent Ekke Overbeek vor rund drei Wochen auf, dass der spätere Papst in seiner Zeit als Krakauer Erzbischof vom sexuellem Kindesmissbrauch durch Priester in mindestens drei Fällen wusste. Statt aber die Sexualstraftäter in der Soutane der Staatsanwaltschaft zu übergeben oder zumindest aus der Seelsorge abzuziehen, habe Wojtyła die Priester lediglich in eine andere Gemeinde versetzt, in einem Fall sogar nach Österreich. Parallel zum Buch von Overbeek strahlte der Privatsender TVN24 die Dokumentation 'Franciszkanska 3' von Marcin Gutowski zum gleichen Thema aus." Auch in Polen hat das Ansehen der Katholischen Kirche im Kontext der Missbrauchsaffären, aber auch wegen de Nähe zur Pis-Partei gelitten, erzählt Lesser in einem zweiten Artikel.

Ronya Othmann kann es in ihrer FAS-Kolumne nicht fassen, dass Ratsversammlungen von Städten immer noch so naiv sind wie die von Wuppertal, wo eine Ditib-Moschee gebaut werden soll. Sie wiederholt es nochmal für Anfänger: "Die Religionsattachés in den türkischen Konsulaten beaufsichtigen die Moscheegemeinden. Und die setzten schon mal ganze Vorstände von Stadtteilmoscheen ab, wenn sie nicht auf Linie sind. Der Bundesvorstand von Ditib wird von der Religionsbehörde Diyanet bestimmt, das ist in der Satzung des Vereins festgeschrieben. Wollte man sich wirklich von Ankara lösen, müsste man zuerst die Satzung ändern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2023 - Religion

In der SZ ahnt Anntte Zoch, dass die Reformen, die der Synodale Weg verlangt, der Katholischen Kirche nicht retten wird. Aber sie helfen vielleicht gegen das Zynischwerden: "Selbst wenn alle Reformideen morgen umgesetzt würden - eine Erosion der Institution Kirche wird sich nicht verhindern lassen. Die Protestanten haben ja all das längst, was die katholischen Reformer fordern: Es gibt Pastorinnen und Bischöfinnen, keinen Zölibat, synodale Mitbestimmung der Gläubigen ist in der Kirchenverfassung fest verankert. Dennoch sind im vergangenen Jahr 380.000 Menschen aus den protestantischen Kirchen ausgetreten, ein neuer Rekord. An Säkularisierung und Individualisierung werden auch Reformen nichts ändern. Die Kirchen werden schrumpfen, das ist klar. Es ist allerdings ein Unterschied, ob nur die Gleichgültigen austreten - oder die frustrierten, aber eigentlich hoch engagierten Christen. Diese Leute braucht die Kirche."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2023 - Religion

Ob Papst Franziskus seinen jüngsten Coup überlebt? Die Mieten von Priesterwohnungen sollen künftig nach Marktpreisen berechnet werden, berichtet Andreas Englisch in der Zeit. "Insgesamt besitzt der Vatikan rund um den Petersdom 3.600 Wohnungen, davon werden nur 14 Prozent auf dem freien Markt vermietet, die restlichen 86 Prozent stehen Klerikern zur Verfügung. Bisher zahlten Kardinäle bis an ihr Lebensende außer Strom, Gas und Wasser gar nichts. Das galt auch für Bischöfe, allerdings nur solange sie ein Amt bekleideten. Untere Ränge, etwa Priester, die beim Heiligen Stuhl oder beim Vatikanstaat arbeiteten, konnten sich darauf verlassen, stark verminderte Mietpreise zu zahlen."
Stichwörter: Vatikan, Papst Franziskus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2023 - Religion

Aus dem Koran lässt sich ein Anspruch der Palästinenser (die ja bekanntlich nicht alle Muslime sind) auf das Land Israel jedenfalls nicht ableiten, eher im Gegenteil, schreibt der liberale muslimische Theologe Abdel-Hakim Ourghi in der NZZ: "Insgesamt zehnmal spricht der Koran von der Gabe des 'Landes' an die Kinder Israels. In dem ersten Vers der in Mekka offenbarten Sure 17 ist die Rede von dem 'Land, das wir gesegnet haben'. Die muslimischen Korankommentatoren sind sich darüber einig, dass es sich dabei um das Land des biblischen Israel handelt. Im Zusammenhang mit dem Exodus, dem Auszug der Israeliten aus Ägypten, ist in derselben Sure Folgendes zu lesen: 'Und wir sagten zu den Kindern Israels: Bewohnt das Land!'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2023 - Religion

Walter Homolka ist als einflussreichster Repräsentant des liberalen Judentums in Deutschland nach einer Missbrauchsaffäre um seinen Ehemann und vielen anderen Skandalen gründlich gerupft worden (unsere Resümees). Nun berichtet Heike Schmoll in der FAZ über Homolkas Dissertation am Londoner King's College und wirft Homolka vor, dass zumindest in der akademischen Version, die ihm den PhD-Titel einbrachte, sechzig Seiten einer unveröffentlichten Examensarbeit der Theologin Dorothee Schlenke praktisch wortgleich übernommen worden sind. "Die Dissertation umfasst insgesamt 240 Seiten Text mit Fußnoten unterhalb des Textes und 27 Seiten Literaturverzeichnis. Ein Viertel der Dissertation erweist sich nun nach Recherchen der FAZ als Plagiat. Konkret geht es um die Kapitel 3 bis 6 auf den Seiten 43 bis 106 in Homolkas englischer Dissertation."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2023 - Religion

Warum stören sich die Leute am Kopftuch muslimischer Richterinnen, während gleichzeitig Kreuze in den Gerichtssälen hängen, fragt Ronen Steinke in der SZ, kommt aber nicht auf die Idee, dass vielleicht beides falsch sein könnte: "Ich frage mich manchmal, wenn ein Angeklagter auf die Richterbank vor ihm blickt und hinter den Richtern das Symbol des Kreuzes sieht, ob es nicht eigentlich umgekehrt viel logischer wäre. Eine Richterin mit Kopftuch: Das wäre ein Anblick, bei dem ihm wahrscheinlich trotzdem noch klar bliebe, dass dies nur eine Richterin unter vielen ist, nicht 'die' Justiz. Symbole an den Wänden hingegen repräsentieren eher die Justiz insgesamt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2023 - Religion

In Israel verbündet sich die politische Rechte mit nationalreligiösen Strömungen. Damit steht das Land aber keineswegs allein da, beobachtet der Historiker Volker Weiß in der SZ. Und "dafür, dass diese Mischung Konflikte von Russland bis nach Sri Lanka befeuert, wird sie im Westen erstaunlich wenig beachtet." Besonders in Asien findet Weiß viele Beispiele: "Tatsächlich transformierte die hindunationalistische Bewegung in Indien den Subkontinent in eine Mehrheitsdiktatur auf ethnoreligiösem Fundament. Dem iranischen Regime wiederum gelang es nach der islamischen Revolution mittels Nationalismus, lange die Bevölkerungsteile einzubinden, denen die Religion alleine zur Identifikation mit der Revolution nicht ausreichte. Ihnen gilt nun die Theokratie als Garantin der nationalen Souveränität. Das neue autoritäre Konzept hat in der Türkei den Laizismus untergraben und die Nationalisten mit den Islamisten zusammengebracht." Als Ursache dieser Strömungen macht Weiß den üblichen Verdächtigen aus, nämlich "jene marktradikalen Kräften, die sich der drastischen Senkung von Steuern und Staatsausgaben verschrieben haben".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.02.2023 - Religion

Ausschweifend geht der Philosoph Otfried Höffe in der NZZ der Frage nach, weshalb auch friedliche Religionen gewalttätig werden: "Religionsstifter pflegen Anhänger, Jünger, zu finden, häufig versammeln sie diese bewusst um sich. Wird nun die Jüngerschar, was sich auf Dauer kaum vermeiden lässt, organisiert, so entstehen soziale Einheiten, Religionsgemeinschaften, die sich gegen andere Einheiten absetzen. Nun gehört zu einer Religion, auch einer Weltanschauung in der Regel die Auffassung, die allein wahre Lehre zu vertreten und den allein richtigen Weg zu gehen. Infolgedessen halten die Anhänger sich gern, teils ausdrücklich, teils implizit, für besser als die anderen." Dennoch liegen die Grundlagen für die Gewaltbereitschaft nicht im Wesen einer Religion, schreibt er, sondern "in Eigenheiten der sozialen und politischen Ordnung, in die die jeweilige Religion sich einbettet, und in den davon geprägten Einstellungen, Mentalitäten der Menschen."
Stichwörter: Höffe, Otfried

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2023 - Religion

Die Psychologin Pia Lamberty, Koautorin des Buchs "Gefährlicher Glaube - Die radikale Gedankenwelt der Esoterik" , spricht mit Lisa Berins in der FR über Esoterik, die sie sozusagen automatisch dem rechten politischen Spektrum zuordnet, obwohl sie auch die Anthroposophie dazu zählt: "Die deutsche Esoterik hatte ihren Startpunkt mit Helena Blavatsky; sie hat die Theosophie und das Konzept der Wurzelrassen begründet. Davon abgespalten haben sich dann die Ariosophie und die Anthroposophie, die Rudolf Steiner noch mal christlicher interpretieren wollte. Esoterik ist immer ein Patchwork aus allen möglichen Religionen. Auffallend sind heute auch antimodernistische und antifeministische Haltungen. Da gibt es dann oft die Überzeugung, dass die Natur das Gute, die Technik das Böse ist, oder es gibt eine Sehnsucht nach dem Früher, und die moderne Welt wird als belastend, als künstlich verstanden. In Extremvarianten geht es so weit, dass Russland romantisiert wird, das Ursprüngliche, Naturverbundene, der starke Führer verehrt wird."