9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

820 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 82

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2023 - Religion

Die Kirchentheorie Joseph Ratzingers war stark protestantisch geprägt, erinnert der Theologe Friedrich Wilhelm Graf in der Welt: "Ratzingers Kirchentheorie enthielt immer auch eine harte Kritik an einer verbürgerlichten, allzu weltlich gewordenen 'Volkskirche', einer Kirche also, in der auch 'Taufscheinchristen' und Kirchenferne ihren Ort haben. Er setzte auf die ernsthaften Überzeugungstäter. Die 'Wahrheit des Glaubens' sei nur dann gegeben, wenn sie in individueller 'Wahrhaftigkeit' gelebt werde. Walter Kasper hatte durchaus recht damit, in Ratzingers radikalem Antiprotestantismus 1968 auch viele Spurenelemente eines protestantischen Subjektivismus zu entdecken. Mehr noch: Die Art, wie Ratzinger sich auf protestantische Diskurse bezog, ließ auch sektiererische Neigungen erkennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2023 - Religion

Benedikt XVI. ist gestorben. Die größte Tat Josef Ratzingers als Papst war sein Rücktritt, schreibt Philipp Gessler in der taz: "ein ungeheurer Akt, den vor ihm seit rund 720 Jahren kein Pontifex maximus gewagt hatte. Ratzinger trat als Papst zurück, weil er sah, dass er seiner Aufgabe, eine Weltkirche absolutistisch und mit einem eher frühneuzeitlichen Apparat zu führen, nicht mehr gewachsen war, wie er etwas verschlüsselt bei seiner Rücktrittserklärung auf Latein erklärte." In frommer Beschaulichkeit konnte er seine letzten Jahre allerdings nicht verbringen: "Denn die Sünden seiner Vergangenheit holten ihn ein, das lange und bewusst Verdrängte, das Ratzinger und seine konservativ-reaktionären Fans in aller Welt und in der Kirche so gern weiter unter dem Teppich gehalten hätten. Der Papa emeritus (ein Titel, den er sich selbst anmaßte - ebenso wie sein weiterhin weißer Talar) wurde verfolgt von den Meldungen des weltweiten Skandals um sexualisierte Gewalt, die in den vergangenen Jahren einfach nicht stoppen wollten, und das zu Recht."

Als Johannes Paul II. starb, erscholl unter den Trauernden der Ruf "Santo subito". Auf den Tod Benedikts XVI. gab es kaum spontane Reaktionen, notiert Daniel Deckers in der FAZ: "Selbst die Kirchen weltweit füllten sich am letzten Tag des Jahres 2022 nicht mit Betern, die Trauer um einen Großen der Geschichte vereint hätte. Und die Beisetzung am Donnerstag wird ein deutlich bescheideneres Gepräge haben als jene seines Vorgängers."

Sein größtes Verdienst war gewissermaßen sein Rücktritt, meint auch Annette Zoch in der SZ. Damit "hat er das Papstamt auf Dauer verändert; er hat es geerdet und menschlicher gemacht. Und er hat damit auch Papst Franziskus möglich gemacht, der - bei aller Kritik an seiner Zögerlichkeit - immerhin die ganze Weltkirche auf einen synodalen Prozess geschickt hat. Der die Kurie reformiert, der Frauen dort in Leitungsämter gehoben hat. Ja, es sind nur Trippelschritte, und ob sich am Ende etwas ändert, ist ungewiss. Aber es ist nicht nichts." Ebenfalls in der SZ sieht der Theologe Werner G. Jeanrond Benedikt strenger, nämlich als Verhinderer jeder Reform: "Kirche ist für ihn hierarchisch gedacht und verortet. Nicht die Gläubigen begründen die Kirche, sondern immer erst das geweihte und von Männern ausgeübte Amt."

An der Hamline University Universität wurde eine Dozentin gefeuert, weil sie in einem Seminar eine Abbildung Mohammeds aus einer persischen Universalgeschichte des Islams aus dem 14. Jahrhundert gezeigt hatte (unser Resümee). Einige muslimische Studenten hatten dagegen protestiert, und die Uni-Leitung knickte umstandslos ein. Der Iran-Historiker Michael Bonner ergänzt im Newlinesmag den historischen Kontext, und er macht klar, dass die Studenten die heute ihre von der "Islamophobie" beleidigte Seele geltend machen, selbst in einer bestimmten Tradition des Islams stehen, nämlich der fundamentalistisch-wahhabitischen: Die von Abd al-Wahhab vertretene "düstere Sicht auf das islamische Erbe setzte sich vielerorts durch. Sie war der Grund dafür, dass viele muslimische Heiligtümer und Moscheen in der ganzen Welt weiß getüncht wurden und ein großer Teil der islamischen Kunst verschwand. Vergleiche mit dem byzantinischen Ikonoklasmus (726-842) drängen sich auf, ebenso wie mit den schlimmsten Auswüchse der protestantischen Reformation im 16. und 17. Jahrhundert. Denken Sie an die Plünderung des afghanischen Nationalmuseums durch die Taliban und Al-Qaida oder an die Zerstörung muslimischer Schreine und Mausoleen durch Ansar Dine in Timbuktu in Mali."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2022 - Religion

Das Multikulti- und Politikberaterehepaar Saba-Nur Cheema und Meron Mendel legt in seiner jüngsten FAZ-Kolumne seine Solidarität mit dem Iran dar. Besonders wichtig ist ihnen aber die Klärung der Kopftuchfrage: "Unbenommen, das Kopftuch wurde jahrhundertelang den muslimischen Frauen von der patriarchalischen Gesellschaft aufgezwungen. Aus unserem Familienkreis kennen wir genug solcher Geschichten von Mädchen und Frauen, die dem Druck der Eltern oder Religionsgemeinden nachgeben mussten. Doch gibt es in Europa auch Frauen, die das Tragen des Kopftuchs als emanzipatorischen Akt begreifen. Erst kürzlich trafen wir eine Bekannte, die neuerdings Kopftuch trägt. Unsere fragenden Blicke kommentierte sie damit, dass sie 'nach langer Zeit wieder einmal etwas nur für mich' mache wollte."

Mit den Kirchen geht es recht heftig bergab. Selbst zu Weihnachten waren die Gottesdienste kaum gefüllt. Der Religionssoziologe Detlef Pollack macht im Gespräch mit Hilmar Schmundt vom Spiegel auf einen Aspekt des Niedergangs aufmerksam, der auch Feministinnen interessieren könnte. Es waren die Mütter, die für die Tradierung der Religion sorgten: "Sie sind wichtiger als die oft ins Spiel gebrachten 'Peers', Freunde und Gleichaltrige. Als die Mütter noch weitgehend zu Hause waren und für die religiöse Erziehung ihrer Kinder sorgten, war Kirchenmitgliedschaft relativ stabil. Seitdem sie stärker in den Arbeitsmarkt eingebunden sind, seit den Sechzigerjahren, geht die religiöse Bindung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen massiv zurück. Viele Frauen haben vielleicht schlicht nicht mehr die Kraft und Zeit, um neben ihrer Erwerbstätigkeit auch noch große Energie in die religiöse Erziehung zu investieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2022 - Religion

Der Ostkirchenkundler Reinhard Flogaus untersucht in der FAZ religiöse Motive in der Kriegspropaganda Putins und des Patriarchen Kyrill. Dieser verspricht gefallenen Soldaten sozusagen automatisch das Himmelreich und die Vergebung aller Sünden: "Diese Behauptung widerspricht nicht nur der orthodoxen Lehre, sie erinnert auch fatal an jenes Ablassversprechen, das Papst Urban II. 1095 mit der Teilnahme am Ersten Kreuzzug verbunden hatte. Damals wurde den Kreuzrittern der Nachlass aller Sünden und ein 'nie verwelkender Ruhm im Himmelreich' versprochen. Heute findet sich Ähnliches in der islamistischen Lehre des Schahidismus, der zufolge ein Krieger, der im Kampf gegen Ungläubige sein Leben verliert, die Vergebung all seiner Sünden empfängt und direkt ins Paradies gelangt. Umso symptomatischer, dass sich Kyrill schon 2016 Putins Meinung anschloss, das orthodoxe Christentum sei dem Islam näher als dem Katholizismus, was er damit begründete, dass Orthodoxie und Islam, anders als der Katholizismus, an der traditionellen Moral festhalten würden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2022 - Religion

Die Miniatur "Mohammed erhhält Offenbarung durch den Erzengel Gabriel" stammt aus einer frühen Geschichte des Islams des persischen Autors Rashid al-Din aus dem 14. Jahrhundert. Quelle: Wikimedia Commons. 

Viel retweetet wurde ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerter Newlinesmag-Artikel Christiane Grubers, einer amerikanischen Professorin für islamische Kunstgeschichte, die für eine Kollegin an der Hamline University in Minnesota eintritt. Die Kollegin hatte in einem Seminar über islamische Kunst das obige Bild gezeigt, das den Propheten Mohammed im Moment der Offenbarung durch den Erzengel Gabriel zeigt - ein weithin bekanntes, oft gezeigtes Motiv, so Gruber. Studenten der Universität kritisierten das Zeigen des Bilds als einen islamophoben Akt, woraufhin der Präsident und Gleichstellungsbeauftragte der Uni dekretierte, dass "Respekt vor den strenggläubigen muslimischen Schülern in diesem Seminarraum vor der akademischen Freiheit hätte Vorrang haben müssen". Die Dozentin wurde daraufhin entlassen. Bemerkenswert an Grubers Artikel ist, dass sie das Bild dann zwar analysiert, aber dass es im Artikel nicht gezeigt wird. Auch der Name der geschassten Dozentin wird nicht genannt. Zu dem Bild schreibt Gruber: "Es ist in der Geschichte der islamischen Kunst keineswegs einzigartig. Im Gegenteil, es gehört zu einem Korpus von Darstellungen, die vor allem in Persien, der Türkei und Indien zwischen dem 14. und 20. Jahrhundert immer wieder produziert wurden. Neben anderen illustrierten Manuskripten und Gemälden haben Poster und Postkarten diese besondere ikonografische Tradition durch technologische Innovationen bis in die Neuzeit verlängert."

Ausgelöst wurde der Streit durch einen Artikel in der Studentenzeitschrift der Uni, The Oracle, hier eine Zusammenfassung des Streits aus dieser Zeitschrift.
Stichwörter: Bildverbot

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2022 - Religion

Daniel Botmann, Geschäftsgführer der Jüdischen Gemeinde, verspricht im Interview mit Philipp Peyman Engel von der Jüdischen Allgemeinen, die Rabbinerausbildung in Deutschland auf neuen Beine zu stellen - Anlass ist der Skandal um Walter Homolka. Das gilt für das liberale Abraham Geiger Kolleg und das konservative Zacharias Frankel College, die laut Botmann beide Homolka gehören. Über die Enthüllungen zu Homolkas Machtmissbrauch äußert sich Botmann, der die Institutionen doch gekannt haben muss, entsetzt: "Die institutionell verankerte Angst war so tiefgehend, dass sich über Jahre hinweg niemand getraut hat, über Vorkommnisse zu sprechen. Ich persönlich war ob dieser emotionalen Schilderungen schockiert. Kein Student sollte sein Studium in Angst absolvieren müssen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2022 - Religion

Heike Schmoll fragt in der FAZ nach der Zukunft des liberalen Judentums in Deutschland nach dem Skandal um ihren übermächtigen Rabbiner Walter Homolka. Die Juden würden dadurch auch in ihrer organisatorischen Struktur getroffen. Sie zitiert Stimmen, die bezweifeln, dass die Glaubwürdigkeit schnell wieder herzustellen ist: "Über zwanzig Jahre habe der Rabbiner aus Potsdam Zeit gehabt, ein ungeheures Machtmonopol aufzubauen, weil alle ihn gewähren ließen. Der Zentralrat wollte den Staatsvertrag nicht gefährden. Und die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft mit ihrem notorisch schlechten Gewissen war aus Angst vor Antisemitismusvorwürfen bereit, dem Vorzeigejuden alles nachzusehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2022 - Religion

Am Montag legte die vom Zentralrat der Juden in Deutschland beauftragte Kölner Rechtsanwaltskanzlei Gercke Wollschläger die Zusammenfassung ihres Untersuchungsberichts "zu etwaigem Fehlverhalten" von Walter Homolka und seinem Ehemann vor (Unsere Resümees). Am Dienstag erklärte Homolka, er werde weder für den Vorstand der Union progressiver Juden in Deutschland kandidieren noch weiter an der Leitung des von ihm gegründeten Abraham-Geiger-Kollegs beteiligt sein. Ein Zusammenhang ist natürlich nicht nachzuweisen, schreibt in der Welt Alan Posener, der sich das Gutachten genauer angeschaut hat. Homolka habe laut Kanzlei nicht nur ein "Netz von Abhängigkeiten" und eine "Kultur der Angst" geschaffen, die Kanzlei kommt "nach der Auswertung von 79 Interviews mit 73 Betroffenen außerdem zum Ergebnis, dass es bei Homolka in acht Fällen 'zumindest den Anfangsverdacht einer Straftat' gebe: einen Fall der Vorteilsannahme, 'also eines Korruptionsdelikts', drei Fälle der Nötigung, einen Fall der versuchten Nötigung, einen Fall der Verleumdung, zwei Fälle der Beleidigung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2022 - Religion

Die taz steht wie die Grüne Partei der Anthroposophie recht freundlch gegenüber und bringt ab und zu Anzeigenbeilagen mit garnierender Berichterstattung zum Thema. Wolfgang Müller, Autor des Buchs "Zumutung Anthroposophie - Rudolf Steiners Bedeutung für die Gegenwart" will zwar die "Corona-Konfusion in Teilen der Anthro-Szene" nicht verschweigen. Aber insgesamt verteidigt er heute im großen Debattenbeitrag der taz die Anthroposophie gegen kritische Sendungen im Fernsehen und beharrt, "dass Steiner die moderne Naturwissenschaft für hoch bedeutend hielt. Er war allerdings überzeugt, dass sie quasi nur die Außenseite der Wirklichkeit erfassen kann und durch eine Wissenschaft vom Geistigen zu ergänzen sei. Die werde selbstverständlich andere Methoden haben und nicht jene fingerzeigenden Nachweise bieten können, auf die man heute fixiert ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2022 - Religion

Maeve McClenaghan erzählt in einer langen Recherche für den Guardian wie die Evangelikalen der "Universal Church of the Kingdom of God" (UCKG), vor allem in den armen Städten Großbritanniens Jugendliche, die oft aus Minderheiten kommen, anheuern, finanziell ausnehmen und mit Dämonenaustreibungen terrorisieren. Diese Kirche ist in Brasilien für ihre Nähe zu Jair Bolsonaro bekannt. "Der brasilianische Gründer der Kirche, Edir Macedo, wurde in die Forbes-Liste der Milliardäre aufgenommen. Zweimal in diesem Jahr ist er mit Privatjets, die der Kirche gehören, nach Großbritannien und durch Europa geflogen. In Brasilien wurde mit den Spenden der Gemeindemitglieder ein Tempel in São Paulo gebaut, der so hoch wie ein 18-stöckiges Gebäude ist... Die Jugendorganisation VYG ist im Vereinigten Königreich sehr aktiv. Sie trifft sich zweimal pro Woche und organisiert regelmäßig Veranstaltungen, zu denen Hunderte von Jugendlichen kommen. Die 1.330 regulären Mitglieder sind überwiegend schwarze Teenager und junge Menschen." Auch in Deutschland ist die Kirche unter dem Namen "Universalkirche des Königreichs Gottes" aktiv.