9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

1453 Presseschau-Absätze - Seite 52 von 146

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2022 - Kulturpolitik

In der SZ verdreht Gerhard Matzig genervt die Augen angesichts des Streits um die neue Berliner Senatsbausenatorin Petra Kahlfeldt (mehr dazu hier), obwohl auch er ein offenes Auswahlverfahren für die Besetzung des Postens begrüßt hätte. Doch inhaltlich findet er den Streit "unglaublich ermüdend. Als in Stuttgart am Beginn des 20. Jahrhunderts die Weißenhofsiedlung als Exempel des modernen Bauens entstand, schmähten die Nazis das Vorhaben als 'Araberdorf', das, genau, 'irgendwie' undeutsch sei. So mit Flachdächern und ohne Sprossenfenster. Andere wiederum schmähten fortan Häuser mit Satteldächern und mit Sprossenfenster als, genau, 'irgendwie' rechts. Und zack!" Eine Neuauflage dieses Streits brauchen wir nicht, findet er. Viel wichtiger ihm die Frage, ob Kahlfeldt immer noch eine Verfechterin der Privatisierung öffentlicher Immobilien ist wie in den neunziger Jahren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2022 - Kulturpolitik

In der SZ erzählt Catrin Lorch am Beispiel der Sammlung von Richard Stein, wie oft sich deutsche Ämter und Stiftungen auch heute noch bei Raubkunst in einem Nebel aus Zuständigkeiten und Nichtwissen verschanzen. Einige der verschollenen Gemälde der Sammlung sollen laut Unterlagen des Erben Felix Bloch im Georg Schäfer Museum in Schweinfurt sein. Doch dort mauert man seit Jahren: "Auf Anfragen der Blochs antwortet Museumsdirektor Wolf Eiermann, in seiner Sammlung befinde sich das Waldmüller-Gemälde nicht. Dem Eintrag im Werkverzeichnis Feuchtmüllers zum Trotz wisse man nicht mehr, so die Stiftung." Auch die Familie weiß nichts, sagt sie. "Doch wie kann das alles sein? Georg Schäfer hat zeitlebens kein Bild verkauft, erst drei Jahre nach seinem Tod haben die Erben Hunderte Spitzenstücke versteigert, zugunsten der Gründung der Stiftung. Hätte die Familie nicht anbieten können, nach Unterlagen aus dieser Zeit zu suchen? Ein Gemälde wie 'Mutter mit Kindern unter einem Blütenstrauch' ist jedenfalls zu groß und zu kostbar, um verloren zu gehen."

In der Welt kritisiert der Historiker Hubertus Knabe scharf das 340 Seiten dicke Dossier des Politikwissenschaftlers Felix Sassmannshausen, der im Auftrag des Berliner Senats Straßennamen mit "antisemitischen Bezügen" in Berlin gesucht hat und dabei von Martin Luther bis Schenk Graf von Stauffenberg fündig wurde. Knabe findet das absurd: "Ein solches Vorgehen kennzeichnete bisher vor allem totalitäre Regime. So ließen die Nationalsozialisten, als sie an die Macht kamen, systematisch sozialistische und jüdische Namen aus dem Straßenbild tilgen. Auch in der DDR ordnete die SED flächendeckende Umbenennungen an. ... Auch die Methodik des Papiers erinnert an dunkle Zeiten. Anders als bei vergleichbaren Studien handelt es sich nicht um ein wissenschaftliches Gutachten, das bewusst auf Handlungsempfehlungen verzichtet. Vielmehr werden oftmals private Äußerungen und vage Verdächtigungen herangezogen, um ein vernichtendes Urteil zu fällen. Manchmal stimmen nicht einmal die Fakten - wie die Behauptung, die beiden ersten Strophen des Deutschlandliedes seien 'aufgrund ihres aggressiven Nationalismus und revanchistischen Gehalts' verboten worden. Ihr Verfasser, Heinrich Hoffmann von Fallersleben, findet sich ebenfalls auf der Liste."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2022 - Kulturpolitik

Matthias Grünzig, Autor eines Buchs über die Potsdamer Garnisonkirche und Mitinitiator des "Offenen Briefs" zur Neubesetzung der Position des neuen Senatsbaudirektors / der neuen Senatsbaudirektorin", der die Besetzung des Postens mit der konservativen Architektin Petra Kahlfeldt kritisiert, schildert in der taz die komplexen Kämpfe in Berlin um die komplett leergefegte Mitte der Stadt in der Nähe des Alexanderplatzes. Kahlfeldt gehört zur "Planungsgruppe Stadtkern", die "eine intensive Lobbyarbeit für eine Privatisierung der Berliner Innenstadt (betrieb). Sie erarbeitete eine 'Charta für die Berliner Mitte', gab Bücher heraus und organisierte Ausstellungen. Petra Kahlfeldt nutzte ihre Tätigkeit als Professorin an der Berliner Hochschule für Technik im Sinne der 'Planungsgruppe Stadtkern'. Sie ließ ihre Studenten mehrfach Bebauungspläne für öffentliche Grünflächen zeichnen." Es müsse sich nun zeigen, ob sie eine Politik im Sinne der anders gelagerten Ziele des Koalitionsvertrages des Landes Berlin führen könne.

Die britische Regierung gerät unter gehörigen Druck in der Frage der "Elgin Marbles", berichtet Gina Thomas in der FAZ. Die Griechen fordern die Parthenon-Skulpturen, die die Akropolis zierten und sich heute im British Museum befinden, seit langem zurück. "Die Debatte um die Parthenon-Skulpturen gehört zwar nicht zum kolonialen Komplex, doch sind sie in den Strom der aktuellen Restitutionsdebatte geraten, der westliche Museen zum Umdenken zwingt. Britische Meinungsumfragen belegen die Verschiebung im Für und Wider um die Rückgabe. In einer Erhebung vom November 2021 erklärten 59 Prozent der Befragten, dass die Skulpturen an ihren Ursprungsort zurückkehren sollten. Nur sechzehn Prozent waren für den Verbleib in Großbritannien. Vor acht Jahren hatten nur 37 Prozent eine Rückgabe favorisiert, während 23 Prozent dagegen waren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2022 - Kulturpolitik

In der SZ berichtet Jörg Häntzschel vom Vorwurf amerikanischer Behörden gegen eine Archäologin des Berliner Museums für Asiatische Kunst, die von einem afghanischen Warlord Ausgrabungsstücke erworben und illegal nach Berlin gebracht haben soll.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2022 - Kulturpolitik

Popmusiker Peter Licht platziert seine Bewerbung für den Posten des Parlamentssängers in der SZ. Gegen ein Gehalt von wünschenswerten 5.500 Euro bietet er verträglich Kritisches, aber auch Hymnen: "Sprechen wir von Schönheit, von Tanzen, Küssen und Lieben. Dazu braucht auch die Politik eine Sprache. Ich als Parlamentssänger des Deutschen Bundestages werde diese entwickeln und der Gesellschaft schenken. Wie viel Kraft das hätte. Was für ein Symbol für unsere Gesellschaft das wäre. Was für ein starkes und zärtliches Signal an Europa und die Welt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2022 - Kulturpolitik

Jörg Wimalasena sieht die Idee einer Parlamentspoetin (unsere Resümees) in der taz als notdürftige Kaschierung einer neoliberalen Agenda mit wokem Glitterkram: "Die Grünen mit ihrem Hang zu Kitsch würden die unsäglich überhöhten US-amerikanischen Politikinszenierungen sicher besonders gern nach Deutschland holen. Während man gemeinsam mit der FDP die Aktienrente und den 13-Stunden-Arbeitstag durchwinkt, kann ein wenig Groschenromantik bei der Inszenierung sicher nicht schaden."

In etwas poetischer Sprache forderten die Ethnologen H. Glenn Penny und Philipp Schorch neulich in der SZ, dass Menschen aus den Herkunftsgebieten der Objekte ethnologische Museen kuratieren sollen, um so ihr ganz eigenes Wissen darzustellen (unser Resümee). Gar nicht so unähnlich klingt, was ihre Kollegin Brigitta Hauser-Schäublin, die allerdings eine scharfe Kritikerin vieler Restitutionsforderungen ist, heute in der FAZ schreibt. Das Wissen, schreibt sie, ist in den Kolonien oft aufgrund der ihnen angetanen Gewalt verloren gegangen - konserviert wurde es von den Ethnologen: "Der Wesenskern ethnologischer Museen, kulturelle Wissensarchive darzustellen, drückt sich in der Akribie der Beschreibungen, Zeichnungen und Fotografien aus, die viele Ethnologen zur Kolonialzeit von Objekten erstellten. Es ging nicht um ein bloßes Anhäufen von Objekten um der Masse willen, sondern um kulturelle Dokumentationen, materialisierte Momentaufnahmen in einer Zeit radikalen Wandels." Schon deshalb warnt Hauser-Schäublin vor einem "Zerschlagen der Institution ethnologisches Museum".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2022 - Kulturpolitik

Brauchen wir wirklich eine Parlamentspoetin, wie Mithu Sanyal, Simone Buchholz und Dmitrij Kapitelman kürzlich vorgeschlagen haben (unser Resümee, mehr hier). Katrin Göring-Eckardt, derzeit Vizepräsidentin des Bundestages, fand die Idee gleich gut - das zeigt aber eher, wie schlecht sie ist, finden die Autorinnen Dana von Suffrin und Tijan Sila in der SZ: "Die Vizepräsidentin des Bundestags möchte Sanyal et al. nun kennenlernen, um den Vorschlag zu besprechen. Ihre Bereitwilligkeit offenbart, wie wenig tatsächliche 'Irritation' sie von Dichtern erwartet: Hier bewerben sich Eifrige, die gar nicht wirklich nerven möchten. Ihr Wunsch ist es vielmehr, 'politische Debatten und Strömungen in Poesie oder Prosa zu gießen', und sie fänden es schön, wenn das Gegossene als 'Leuchtschriften oder Lichtinstallationen an die Bundestagsfassade' projiziert werde. Das klingt weniger nach Menschen, die auf 'Irritation' aus sind, als nach Cheerleading. Sollen wir Schriftsteller jetzt als Storytelling-Agentur für die Fortschrittskoalition arbeiten?" Da arbeiten die beiden lieber weiter in ihren Brotberufen im öffentlichen Dienst und schreiben abends.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2022 - Kulturpolitik

In der SZ denken die Wissenschaftler H. Glenn Penny und Philipp Schorch über ein neues Konzept für ethnologische Museen nach: Menschen aus den Herkunftsgebieten der Objekte sollen deren Interpretation übernehmen. Im Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa (Te Papa) in Wellington etwa "wurde Māori-Wissen zu einem eigenständigen kuratorischen Bereich - neben Kunst, Geschichte, Naturkunde und Pazifischen Kulturen -, was zur Ausprägung einer spezifischen Māori-Museologie führte. Objekte aus dem kulturellen Erbe der Māori werden hier nicht als Gegenstände verstanden, sondern als lebendige Wesen. Ziel der Institution ist es, die Menschen wieder mit ihren stammesgeschichtlichen Schätzen zu verbinden und die Rückgewinnung von Māori-Wissen, -Sprache und -Bräuchen zu unterstützen. Hier ist ein Objekt nicht nur Objekt, ein Knochen nicht nur Knochen, ein Berg nicht nur Berg. Als lebende Entitäten beherbergen sie Formen des Wissens und Seins, die kuratorischer Pflege bedürfen. Dieses Potenzial besteht auch für die Millionen von Gegenständen, die in europäischen Museen lagern."
Stichwörter: Ethnologische Museen, Pflege

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2022 - Kulturpolitik

Vergangene Woche schrieb der Architekt Matthias Sauerbruch in der Welt, Berlins neue Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt denke "im Maßstab von Einfamilienhäusern". (Unser Resümee). Das ist schon fast "üble Nachrede", ärgert sich der Architekt Arno Lederer heute ebenda, das Interview sei voller "Unwahrheiten und Unterstellungen". Lederer ist in seiner Abwehr der Kritik an Kahlfeldt nicht weniger brachial als kürzlich auch Gerwin Zohler (unser Resümee). Er hat "den Eindruck, dass in der scheinbar oberflächlichen und unpräzisen Beschreibung der neuen Senatsbaudirektorin, allein schon sprachlich, eine bewusste Diffamierung steckt. Sätze wie 'Eine Kollegin, die einfach ein Architekturbüro geführt hat, die in gewissem Umfang an diversen Hochschulen gelehrt hat und in einigen Jurys gesessen hat' hinterlassen den Eindruck einer bewusst manipulativen Abwertung einer Senatsbaudirektorin, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht in ihr Amt eingeführt war. Die Behauptung, für die Auswahl von Kandidaten bei vergleichbaren Stellen, etwa in Stuttgart, habe man Personen eingeladen, die mit der Aufgabe bereits Erfahrungen hätten, stimmt so einfach nicht. Man ist sogar geneigt zu glauben, dass dieses Interview mit dem intelligenten und durchaus charmanten Kollegen Sauerbruch ein Fake sei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2022 - Kulturpolitik

"Die erste grüne Kulturstaatsministerin wird eine Verwalterin des Mangels sein", schreibt FAZ-Redakteur Andreas Kilb in einer Tour d'horizon zum Antsantritt der neuen "Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien" Claudia Roth. Anders als Monika Grütters hat sie es es nicht mit einer Parteifreundin im Kanzleramt zu tun. Und in Corona-Zeiten werden die Budgets knapper: "Ebendeshalb wird ihr das leidige Thema Kulturföderalismus immer wieder auf die Füße fallen. Denn auch die Länder haben weniger Geld zur Verfügung, was ihre Bereitschaft, sich an Kooperationsvorhaben unter Führung des Bundes zu beteiligen, weiter vermindern dürfte." Auf die " neue postkolonial-diverse Generallinie des Bundes" geht Kilb leider nicht ein - alle Schlüsselstellen der Bundeskulturpolitik sind inzwischen mit BDS-Ermöglichern besetzt (unser Resümee).