Im Gegensatz zu den Nazis, die den Kanon von unerwünschten Künstlern "säuberten", ordnen
Putins Ideologen einen jeden ihrem
historischen Relativismus unter,
schreibt der ukrainisch-amerikanische Kunsthistoriker
Konstantin Akinsha in der
NZZ. Plötzlich sitze der faschistische Philosoph
Ivan Iljin neben
Nikolai Berdjajew, dem Theologen, der an die existenzielle Rolle der Freiheit glaubte, Malewitsch oder Schostakowitsch werden ihrer "Bedeutung entkleidet" - und sogar Memorial-Gründer
Andrei Sacharow bekommt ein Denkmal gesetzt, erzählt Akinsha: "Eines schönen Tages, nachdem Wladimir Putin sich von Moskau
auf den Weg nach Den Haag aufgemacht haben wird, werden die Russen vor der gewaltigen Aufgabe stehen, ihre kulturellen Schafe von den kulturellen Böcken zu trennen. Man kann nur hoffen, dass sie das Zeug haben, ihre
imaginäre '
Zivilisation' wieder auseinanderzunehmen, um ihre nationale Kultur zu restituieren, mit all ihren menschlichen Schwächen. Das wird eine neue Erfahrung sein, denn die Russen haben nie aus postkolonialer Perspektive auf ihre Klassiker geblickt, sie haben nie ein Ohr gehabt für die imperialistischen Untertöne ihrer großen Romane und Gedichte. Beginnend mit den späten 1920er Jahren, war die Fetischisierung der klassischen Literatur ein wesentliches Element des stalinistischen Kulturmodells."