9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2022 - Kulturpolitik

Katarzyna Wielga-Skolimowska wird neue Chefin der Kulturstiftung des Bundes. Die polnische Kulturmanagerin löst Hortensia Völckers ab, die in den Ruhestand geht, berichtet unter anderem Jörg Häntzschel in der SZ. Eine der Fragen wird sein, ob Wielga-Skolimowska mehr Zugriff auf die Documenta bekommt, vermutet Häntzschel: Obwohl der Beitrag der Bundesstiftung "im Vergleich zu denen von Land Hessen und Stadt Kassel gering ist, forderten in den vergangenen Wochen viele, der Bund müsse seine Beteiligung ausweiten und Mitgesellschafter werden, während andere das als unzulässig zurückwiesen, Kultur ist schließlich Ländersache."

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Großteil der Benin-Bronzen durch den nigerianischen Staat der entmachteten Königsfamilie als ursprüngliche Besitzer übergeben wird, meint Matthias Busse in der Welt, aber: "Wird so das stets erneuerte Ziel erreicht, den Nigerianern und speziell der Edo-Bevölkerung ihre Geschichte anhand der historischen Objekte näherzubringen? So einfach wie es aus dem Mund der Politiker klingt, ist die Sache nicht. Denn nicht nur der deutsche Kolonialismus fordert eine kritische Aufarbeitung, auch die Zeit der Oba war kriegerisch. Sie unterwarfen ihre Nachbargesellschaft, beuteten sie aus, versklavten die Menschen und opferten Gefangene in blutigen Ritualen. Darüber schweigen die Offiziellen in Nigeria - und auch die aus der Oba-Familie stammende Kuratorin der aktuellen Benin-Ausstellung in Köln." Ebenfalls in der Welt porträtiert Thomas Schmid den Arzt und Anthropologen Felix von Luschan, der Hunderte Benin-Bronzen für Deutschland erwarb.

"Von seiner Verantwortung für die große ökonomische Kluft zwischen den europäischen und den afrikanischen Ländern will Europa nach wie vor nichts wissen", sagt der Soziologe Olaf Bernau, der mit "Brennpunkt Afrika" gerade ein Buch über Kolonialismus und Fluchtursachen veröffentlicht hat, im Standard-Interview mit Ruth Renée Reif: "Diese Kluft hat auch mit schlechter Regierungsführung im zeitgenössischen Afrika zu tun, doch ihr eigentlicher Ursprung liegt im 17. Jahrhundert. Damals traten die Entwicklungspfade auseinander, und dieser Prozess hat sich durch Sklaverei und Kolonialismus immer weiter zugespitzt. Das grundlegende Muster lautet, dass afrikanische Länder primär Rohstoffe exportieren und verarbeitete Produkte importieren. Im Zuge der Verschuldungspolitik der 1980er- und 1990er-Jahre wurde es einmal mehr zementiert. Nähme Europa seine Verantwortung wahr, müsste es etwas von dem verbrecherisch zusammengeraubten Reichtum zurückgeben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2022 - Kulturpolitik

Harry Nutt kommentiert in der Berliner Zeitung die jüngsten Vereinbarungen zur Rückgabe von Benin-Bronzen (unser Resümee): "Inzwischen ist überdeutlich zum Vorschein gekommen, dass in der Mitte Berlins nicht nur ein Ausstellungstanker für die Präsentation außereuropäischer Kunst entstanden ist. Vielmehr vollzieht sich hier eine Neupositionierung Deutschlands im Verhältnis zu einer postkolonialen Konstellation."
Stichwörter: Benin, Benin-Bronzen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2022 - Kulturpolitik

Die Diskussion um die Sammlerin Julia Stoschek hat es nun in die New York Times gebracht, und dürfte das Leben der einst so umworbenen Sammlerin, die auch in amerikanischen Museen in vielen Gremien sitzt, nicht angenehmer machen. Die Diskussion um Stoschek entbrannte in Deutschland unter anderem, weil sie von zwei Aktivisten in einem Instagram-Video als "Mensch mit 'Nazihintergrund'" angegriffen wurde (unser Resümee). In der Times schreibt jetzt der in Berlin lebende Journalist Thomas Rogers und spürt den Selbstrechtfertigungen Stoscheks nach, die als Sammlerin von Medienkunst großen Einfluss in der Kunstszene genießt. Da nützt es ihr auch nichts, dass sie in der aktuellen "Worldbuilding"-Ausstellung in Düsseldorf "fast zur Hälfte Werke von Frauen oder nicht-binären Menschen" zeigt. Rogers überprüft eine Biografie Max Broses, des Großvaters von Stoschek, die die Familie in Auftrag gegeben hatte, um den Nazi-Vorwurf aufzuarbeiten. Brose hatte als Lieferant der Wehrmacht Millionen gescheffelt und dafür natürlich auch Zwangsarbeiter eingesetzt. Die bei Gregor Schöllgen in Auftrag gegebene Biografie erweist sich bei näherem Hinsehen als recht mild, so Rogers: "Abschnitte, in denen die großzügige Behandlung von Zwangsarbeitern durch das Unternehmen beschrieben wird, gehen auf Aussagen von Brose selbst zurück. Das Buch erwähnt kaum ein Dutzend Zeugenaussagen von Brose-Arbeitern, die in anderen Prozessdokumenten enthalten sind, die die Times in den bayerischen Staatsarchiven einsehen konnte. In diesen Berichten wird die Misshandlung von Zwangsarbeitern beschrieben, darunter in einigen Fällen tägliche Schläge und chronische Unterernährung." Brose hatte seine Biografie vor einigen Jahren in der SZ gerechtfertigt.

Außerdem: Benno Stieber berichtet in der taz über die Restitution von Benin-Bronzen durch das  Stuttgarter Linden-Museum.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2022 - Kulturpolitik

Dies ist eine Woche der Restitution. Die fünf deutschen Museen mit den größten Benin-Sammlungen  wollen das Eigentumsrecht an ihren sämtlichen Benin-Bronzen an Nigeria übertragen, meldet Jörg Häntzschel in der SZ: "Nach der Vereinbarung werden nigerianische Museumsleute in Zukunft entscheiden können, welche Bronzen aus Deutschland für Ausstellungen verliehen werden und wie diese präsentiert werden." Unter anderem die Stiftung Preußischer Kulturbesitz will die Stars ihrer ethnologischen Sammlung im Humboldt-Forum, die Benin-Bronzen nun zurückgeben, es ist offiziell, berichtet Susanne Memarnia in der taz: "Am Freitag sollen nun Claudia Roth und Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) mit ihren nigerianischen Amtskollegen eine Absichtserklärung unterzeichnen, die den Weg für die Eigentumsübertragungen freimacht. Für die nigerianische Seite sollen Kulturminister Lai Mohammed und der Staatsminister für Auswärtige Angelegenheiten, Zubairo Dada, dabei sein. Dabei sollen nach dpa-Information symbolisch zwei Bronzen aus der Berliner Sammlung übergeben werden." Für das Humboldt-Forum ist die Rückgabe eine Chance, kommentiert Andreas Kilb in der FAZ, da die Skulpturen nun, wenn auch als Leihgabe, mit historisch-politischem Hintergrund gezeigt werden könnten.

Ebenfalls in der FAZ berichtet der ukrainische Kunsthistoriker Konstantin Akinscha über russische Museumsraube in der Ukraine, an denen ukrainische Behörden, die nicht rechtzeitig für Sicherung der Sammlungen sorgten, mitschuldig seien.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2022 - Kulturpolitik

Kunstschätze wurden an Namibia zurückgegeben, die Leitung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz reiste eigens an. In Afrika etabliert sich eine blühende Museumsszene, berichtet Werner Bloch für die FAZ aus Windhoek. Und die dortigen Museumsleute dächten nicht so fundamentalistisch wie Bénédicte Savoy: "Savoys Mantra 'Alles in europäischen Museen ist Raubkunst, gebt alles zurück nach Afrika!' wird auf dem Kontinent mit Befremden aufgenommen. Man sieht darin Auswüchse eines moralisch verbrämten Eurozentrismus und eines als unangenehm empfundenen Paternalismus. 'Frau Savoy scheint besser zu wissen, was für Afrika gut ist, als die Afrikaner selbst.' Eine Kritik, die unter Afrikas Museumsleuten immer wieder zu hören ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2022 - Kulturpolitik

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gibt die Ngonnso-Figur (Bild) an Kamerun zurück, berichtet Susanne Memarnia in der taz. Die Figur war bisher im Kamerun-Saal des Humboldtforums ausgestellt worden. Rückgabeforderungen gab es schon lange, da es hieß, die Figur sei geraubt worden. "Seitens der SPK wurde das lange zurückgewiesen, wie die Institution auch in anderen Fällen über Jahrzehnte alle Rückgabeforderungen rigoros abgebügelt hat. Ngonnso sei eine Schenkung des preußischen Offiziers Kurt von Pavel, hieß es immer. Doch Pavel war kein friedlicher Sammler, sondern Kommandeur der Kaiserlichen Schutztruppe und Leiter diverser 'Strafexpeditionen' in Kamerun, mit denen die Deutschen den antikolonialen Widerstand ersticken wollten. Dabei kam er im Januar 1902 auch in die Region Banso und deren Hauptort Kumbo, wo er in den Besitz der Figur kam - wie genau, ist wohl unklar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2022 - Kulturpolitik

Das Humboldt-Forum soll ja ein Haus der Weltkulturen seien. Dummerweise befindet es sich in einer Stadtschlossattrappe, deren kreuzbekrönte Kuppel die Aufforderung ziert, dass "in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden." Davon soll sich eine Tafel auf dem begehbaren Dach distanzieren. Andreas Kilb schlägt in der FAZ aber stattdessen eine Triggerwarnung vor dem Haupteingang des Forums vor: "Liebe Besucher, das Gebäude, vor dem Sie stehen, ist kein Schloss, aber auch nichts anderes. Die deutsche Kulturpolitik hat es errichten lassen, ohne genau zu wissen, was sie damit anfangen will. Auch wir wissen es nicht, aber wir haben die Aufgabe, es zu bespielen."
Stichwörter: Humboldt Forum

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2022 - Kulturpolitik

Der Streit um die Garnisonkirche in Potsdam, ein Monument des preußischen Militarismus und seiner Kontinuität mit dem Nationalsozialismus, bricht neu aus. Eine Stiftung will die Kirche oder zumindest den Turm als Attrappe neu aufbauen. Als Kompromiss sollte das Rechenzentrum, ein DDR-Bau, stehen bleiben, einen scharfen Kontrast zum Kirchturm bilden und als ein Kunst- und Demokratiezentrum dienen. Das will die neue Führung der Stiftung  nun verhindern, berichtet Marco Zschieck in der taz: "Kürzlich ging mit dem Kommunikationsvorstand Wieland Eschenburg auch ein führender Kopf der Stiftung selbst auf Distanz zum Kompromiss. In einem Interview mit den Potsdamer Neuesten Nachrichten sagte Eschenburg, für ihn sei dies kein Kompromiss, sondern nur ein 'Vorschlag', über den man nun sprechen müsse. Den Erhalt des Rechenzentrums lehnte Eschenburg ab." Mehr hier und hier in den PNN.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2022 - Kulturpolitik

Bundeskulturministerin Claudia Roth war auf Stippvisite in der belagerten Stadt Odessa, die wegen der Hafenblockade im Moment kaum funktionieren kann. Thomas Avenarius hat sie für die SZ begleitet: "Roth sichert .. auch in ganz grundsätzlichen Fragen Beistand und Hilfe zu. Die Bundesregierung werde Odessa bei der seit 2009 vorliegenden Bewerbung um einen Unesco-Welterbestatus helfen. 'Deutschland unterstützt diese Bewerbung', versichert die Kulturstaatsministerin. Wenn eine Stadt zum Weltkulturerbe gezählt werde, dann heiße das eben auch, dass 'die Welt Verantwortung für diese Stadt übernimmt'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2022 - Kulturpolitik

Der Frankfurter OB Peter Feldmann hat sich zwar in mehreren Belangen unmöglich gemacht, regiert aber so unverdrossen wie sonst nur Boris Johnson weiter. Auch seine kulturpolitische Bilanz ist desaströs, schreibt Christian Thomas in der FR: "Einer Premiumkultur, zuständig dafür, dass Oper, Museen und Schauspiel in Frankfurt mindestens auf Euro-League-Niveau spielen, gilt Feldmanns Desinteresse. Allerdings achtet er auf Etikette bei viertklassigen Veranstaltungen, solchen auf Oberliganiveau, um im vollen Ornat zu erscheinen, mit Amtskette. Ein OB ohne Stilgefühl, aber, wie auch Koalitionspartner monieren, mit Sonnenköniggehabe."
Stichwörter: Frankfurt, Johnson, Boris