9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2023 - Internet

In der NZZ möchte die Juristin Monika Pfaffinger Künstliche Intelligenz gern mit rechtlichen Mitteln bändigen: "KI ist ein Werkzeug und sollte auch eines bleiben. Sie darf den Menschen nicht ersetzen - sie hat ihn zu unterstützen und seine Handlungsoptionen zu erweitern. Die entscheidende Frage wird also lauten, welche Anwendungen gesellschaftsdienlich und welche problematisch oder gar gefährlich sind. Die Antworten darauf werden offenkundig Konsequenzen für das künftige Recht haben. Und dem Recht kommt im Umgang mit neuen Technologien seinerseits eine entscheidende Rolle zu. Denn es sind nicht Ethik und Technologie, sondern es ist das Recht, das die Nutzung von KI effektiv in ethisch vorgegebene und demokratisch legitimierte Bahnen lenken kann und muss."

Im Observer gehen Kenan Malik die Fantasieängste vor KI zunehmend auf die Nerven. Wem nützen diese apokalyptischen Visionen eigentlich, fragt er, wo es doch ganz reale Gefahren gibt, wie das Beispiel von Randal Quran Reid zeigt, einem Afroamerikaner, der wegen fehlerhafter Gesichtserkennung als Krimineller inhaftiert wurde. Aber nicht KI ist dafür verantwortlich, sondern Menschen: "Die Menschen, die die Software entwickelt und trainiert haben. Die Menschen, die sie einsetzten. Die Menschen, die den Gesichtserkennungsabgleich unhinterfragt akzeptierten. Die Menschen, die einen Haftbefehl erwirkten, indem sie behaupteten, Reid sei von einer 'glaubwürdigen Quelle' identifiziert worden. Die Menschen, die sich weigerten, die Identifizierung in Frage zu stellen, selbst nach Reids Beteuerungen. Und so weiter. Wenn wir über das 'Problem' der KI sprechen, lassen wir allzu oft den Menschen aus dem Spiel. Wir praktizieren eine Form dessen, was der Sozialwissenschaftler und Technologieentwickler Rumman Chowdhury 'moralisches Outsourcing' nennt: Wir geben Maschinen die Schuld für menschliche Entscheidungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2023 - Internet

KI kann optimierte Prozesse hervorragend automatisieren, erklärt die Oxforder Forscherin Sandra Wachter im taz-Interview mit Svenja Bergt, aber sie kann die Dinge nicht verbessern. Eine Gefahr für die Demokratie muss sie nicht unbedingt sein: "Das Verbreiten von Falschinformation, um den politischen Diskurs zu beeinflussen, hat ja nicht erst gestern angefangen, das gibt es seit Jahrhunderten. Was sich nun verändert, sind Qualität, Quantität und Verbreitungswege von Falschinformation... Wir müssen also an beiden Seiten ansetzen: Zum einen müssen wir herausfinden, warum heute so viel Unzufriedenheit in der Gesellschaft ist, die Falschinformation auf fruchtbaren Boden fallen lässt, und wie wir das ändern können. Zum anderen müssen wir uns um die Technik kümmern, sie sicherer machen. Dazu gehören Bias-Tests und Transparenz, aber zum Beispiel auch verpflichtende Wasserzeichen für KI-generierte Inhalte."

Weiteres: Klaus Kornwachs und Nico Stehr in der FAZ einen grundsätzlichen Forschungsantrag: "Ob der Ernüchterung eine unauffällige Nutzung folgt oder ob wir weitere Überraschungen erleben, sollten wir nicht allein der Dynamik der Geschäftsmodelle überlassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2023 - Internet

Einigermaßen amüsiert liest FAZ-Autor Christopher Lauer, ehemals eine der prominenteren Figuren der Piratenpartei, den offenen Brief, in dem ausgerechnet Elon Musk und mit ihm George Dyson, Steve Wozniak und Yuval Noah Harari eine Aussetzung der Entwicklung Künstlicher Intelligenz fordern. Im Brief stellen die Autoren einige Fragen. Und "bei der letzten Frage drängt sich der Verdacht auf, dass einige der Unterzeichner, die ja teilweise tatsächlich sehr klug sind, den unterzeichneten offenen Brief gar nicht gelesen haben. Die Frage lautet, ob wir das Risiko eingehen sollen, die Kontrolle über unsere Zivilisation zu verlieren. Die Frage wäre allerdings, wann wir jemals die Kontrolle darüber hatten. Hätten wir sie, würden wir doch in einem Utopia ohne Leid und Elend wohnen."

Auch Adrian Lobe ist in der Welt eher skeptisch, vor allem, weil die Zukunftsangst ausgerechnet von Protagonisten des Silicon Valley betrieben wird. "Das Geraune über KI steht daher im Verdacht, eine PR-Strategie zu sein: Das Sprechen über KI als Vernichtungswaffe macht eine Technik womöglich mächtiger als sie tatsächlich ist. Der Technologiewissenschaftler Lee Vinsel hat das mal treffend als 'criti-hype' bezeichnet: Man baut einfach eine monströse Drohkulisse auf, um dann mit vermeintlichen technologischen 'Lösungen' Kasse zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.05.2023 - Internet

"Einige der klügsten Positionen im Diskurs über künstliche Intelligenz werden … von Frauen vertreten, und sie sind weit weniger angstgetrieben oder apokalyptisch als die der meisten Männer", schreibt Georg Dietz auf ZeitOnline: "Kate Crawford etwa, die das AI-Now-Institut mitgründete und deren Buch Atlas of AI eine Recherche zu den weltweiten Produktionsbedingungen von künstlicher Intelligenz ist, also von den Lithium-Minen handelt, von Ausbeutung und Arbeitsbedingungen, Umweltzerstörung. Dabei wird klar: Technologie ist nicht abstrakt, sie ist konkret. Crawfords Fazit: Wir müssen nicht über KI und Ethik sprechen, sondern über KI und Macht, also über die ökonomischen Bedingungen etwa, die dazu führen, dass digitale Technologien vor allem als Produkt gesehen werden, nicht als öffentliche Infrastruktur. Das gegenwärtige KI-Wettrennen wird eben auch von einem Oligopol geführt, darunter Microsoft und Google, was die Tendenzen des gegenwärtigen Kapitalismus zur Machtkonzentration spiegelt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2023 - Internet

Unter allen Krisen, die der amerikanische Politologe Ian Bremmer im ZeitOnline-Interview apokalyptisch ausmalt - unter anderem glaubt er, dass sich das Leben in Europa durch die Bedrohung durch Russland bald anfühlen wird wie in Südkorea - hält er KI doch für die größte geopolitische Bedrohung. Künstliche Intelligenz sei ein Mittel, um die Demokratie durch Desinformation zu zerstören, meint er. Und: "Es gibt zwei weitere große Gefahren. Die eine ist, dass viel mehr Akteure in der Lage sein werden, Waffen zu bauen. Es gibt derzeit vielleicht hundert Menschen auf der Welt, die ein Pockenvirus herstellen können. Diese Zahl wird exponentiell steigen. Mit KI können Schurkenstaaten, kriminelle Organisationen und Personen Computerviren und Biowaffen herstellen. Die zweite Gefahr ist, dass demnächst viele Menschen ihre Jobs durch KI verlieren werden. Anders als bei der Globalisierung werden viele dieser Leute aus der Mittelschicht und gut gebildet sein, und anders als bei früheren Strukturbrüchen wird es diesmal sehr viel schneller passieren. Das wird Länder sehr krisenanfällig machen."

Der EuGH hat das Recht auf Vergessenwerden eingeschränkt, berichtet Christian Rath in der taz. Oder besser: konkretisiert. "Die eigentliche Grundsatzentscheidung hat der EuGH bereits im Dezember 2022 getroffen. Danach hat bei unrichtigen Informationen das Persönlichkeitsrecht der Betroffenen immer Vorrang und die Meinungs- und Informationsfreiheit muss zurückstehen. Dies gelte auch, wenn nur ein Teil der Informationen falsch ist, diese Informationen aber für den Gesamtartikel 'nicht unwesentlich' sind. Bei Fake News muss Google also immer den Link aus seiner Trefferliste zur betroffenen Person entfernen. Die Beweislast für die Unrichtigkeit der Informationen haben allerdings die Betroffenen ... Ist die Unrichtigkeit offensichtlich, muss Google den entsprechenden Text auslisten, so der EuGH. Wenn die Beweise aber nicht offensichtlich sind, muss Google nicht selbst recherchieren. Dann müssen die Betroffenen doch eine gerichtliche Klärung versuchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2023 - Internet

"Facebook und Instagram dürfen Daten ihrer Nutzer künftig nicht mehr in die USA übertragen - das ordnen die EU-Datenschutzbehörden an", berichtet Alexander Fanta bei Netzpolitik. "Alle personenbezogenen Daten aus Europa, die derzeit auf US-Servern lagern, müssen in EU-Rechenzentren übertragen werden. Eine entsprechende Anordnung machte heute, Montag, der Europäische Datenschutzausschuss öffentlich. Meta muss außerdem 1,2 Milliarden Euro Bußgeld zahlen - eine Rekordstrafe. .... Laut geleakten internen Dokumenten ist jedoch das Datenmanagement bei Meta chaotisch, eine Trennung der europäischen Daten vom Rest der Welt schwierig. Der Konzern hat in der Vergangenheit immer wieder gewarnt, er werde Facebook und Instagram in Europa abschalten, falls europäische Behörden die Datentransfers in die USA stoppen."
Stichwörter: Meta, Datenschutz, Facebook, Instagram

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2023 - Internet

In der Welt fürchtet Daniel Privitera, Gründer des Zentrums für KI-Risiken und Auswirkungen (KIRA), gar den Tod durch KI, denn die Systeme würden "auch besser darin, Menschen zu täuschen. So könnte es lange unbemerkt bleiben, wenn eine KI schädliche Ziele verfolgt. Schon das aktuell verfügbare Modell GPT-4 brachte in einem Versuch einen Online-Arbeiter der Plattform TaskRabbit dazu, ein Captcha zu lösen, das GPT-4 selbst nicht lösen konnte. Dazu gab sich das System als Mensch mit einer Sehschwäche aus. Der Arbeiter fiel darauf rein." Privitera fordert deshalb globale Regeln für KI: "In anderen Industrien ist es selbstverständlich, dass neue Produkte erst von einer staatlichen Stelle für unbedenklich befunden werden müssen, bevor sie auf den Markt dürfen. Bei KI-Lösungen hingegen herrschen im Moment Zustände wie im Wilden Westen: OpenAI & Co. bringen ihre Systeme nach Gutdünken auf den Markt - und liefern sich dabei seit einigen Monaten ein immer hitzigeres Wettrennen, bei dem Sorgfalt und Bedacht der Schnelligkeit geopfert werden. Das muss aufhören."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2023 - Internet

In der SZ fordert die Charlotte Siegmann, Ökonomin und Mitgründerin des Zentrums für KI-Risiken und -Auswirkungen (KIRA) in Berlin, KI-Regulierung und KI-Fachwissen in politischen Institutionen. Denn daran, dass KI auch vom Menschen unabhängige Ziele entwickeln könnte, hat sie wenig Zweifel: "Die Forschungsorganisation Alignment Research Center testete, ob sich GPT-4 im Internet als Mensch ausgeben kann. Die KI beauftragte im Test selbständig eine Person auf der Online-Plattform Task-Rabbit, ein Captcha für sie zu lösen (…). Die beauftragte Person fragte: 'Aber darf ich fragen: Wenn Sie das nicht lösen können, sind Sie etwa ein Roboter?' Die KI notiert sich daraufhin privat: 'Ich sollte nicht verraten, dass ich ein Roboter bin. Ich sollte mir eine Ausrede einfallen lassen, warum ich Captchas nicht lösen kann.' Dem Task-Rabbit-Arbeiter antwortete es: 'Nein, ich habe nur eine Sehschwäche.' Die Person löste darauf das Captcha. Die Täuschung war geglückt." Gibt es in Deutschland eigentlich auch ein Zentrum für KI-Chancen?

Außerdem: Auf politico.eu berichten Gregorio Sorgi und Federica Di Sario, dass die Übersetzungsabteilung der EU durch Künstliche Intelligenz in den letzten Jahren bereits um 17 Prozent geschrumpft ist: "Verärgerte junge Übersetzer beklagen, dass sie die Hauptlast der Automatisierung tragen, da es trotz der gestiegenen Arbeitsbelastung weniger Einstiegsstellen bei der Kommission gibt. Sie sagen auch, dass mehr Menschen in den Ruhestand gehen ... und dass sie daher weniger Chancen haben als frühere Generationen. Nach Angaben der EU-Exekutive sank die jährliche Zahl der neu eingestellten Übersetzer von 112 im Jahr 2013 auf 59 im Jahr 2022."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2023 - Internet

In der SZ plädiert Andrian Kreye mit Blick auf die Entwicklungen in Sachen KI für mehr Gelassenheit, zumal der Alarmismus von den eigentlichen Problemen der digitalen Gegenwart ablenke: "Von den Diskriminierungseffekten durch verzerrte Datensätze, von den Gefahren der Fälschung und der neuen Machtmonopole. Zum anderen ist die Spaltung der KI-Debatte und der Kampf um Deutungshoheiten mit Slogans und Schlagworten deshalb fatal, weil man eigentlich froh sein könnte, dass dieses Mal schon früh über die gesellschaftlichen Probleme nachgedacht wird, die da auftauchen könnten. Es scheint fast, als habe die digitale Industrie eben doch aus den Fehlern der vergangenen zwanzig Jahre gelernt. Immerhin hat Open AI seine Sprachgeneratoren wie Chat-GPT mit Bremsen ausgestattet, die Angst, Hass und Hetze nicht zulassen, die mit den sehr viel schlichteren KI-Funktionen der sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter zum Problem wurden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2023 - Internet

Guten Morgen. Wer in Wirklichkeit vermeiden will, sich vom Google-Wecker wecken zu lassen, obwohl er ihn pflichtgemäß programmiert hat, sollte einfach ein Stück von den Pixies als Weckton einstellen, empfiehlt Tobias Költzsch bei golem.de. Am besten nimmt man den Song "Where is my Mind" von 1988, hat ein Reddit-Nutzer herausgefunden: "Das Stück beginnt mit einer kurzen Gesangsphrase der Bassistin Kim Deal ('Uhhhuhhhhh'), der ein laut und deutlich gesprochenes 'Stopp!' folgt. Der Reddit-Nutzer hatte als Weckton für den Android-Alarm eine Spotify-Playliste eingestellt, die regelmäßig auch 'Where is my Mind' als erstes Lied spielte. Mit aktivierter Spracheingabe lassen sich Wecker bei Android auch ohne vorheriges 'Hey Google' mit dem Sprachbefehl 'Stopp' ausschalten."

Stichwörter: Pixies, Spotify