9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2023 - Internet

Der Informatiker Jürgen Schmidhuber forscht bereits seit 1985 an KI, er gilt als "Vater der modernen KI". Im SZ-Gespräch prognostiziert er, dass Künstliche Intelligenzen irgendwann zum Merkur auswandern werden, außerdem erklärt er, weshalb Deutschland, einst Pionier, irgendwann den Anschluss in der KI-Forschung verloren hat: "Um 1990 herum lief es wieder gut für die großen Verlierer des Zweiten Weltkriegs. Westdeutschland war damals pro Kopf reicher als die USA. Etliche der berühmtesten Firmen waren damals noch deutsch, allerdings stammten fast alle der wertvollsten Firmen der Welt aus Japan, das einst mehr Roboter hatte als der komplette Rest des Planeten, und auch wichtige KI-Forscher. Dann begann der Abstieg. In Tokio kollabierte der Aktienmarkt, der vorher größer war als der von New York. Die Sowjetunion zerfiel, und Deutschland hatte auf einmal ganz andere Sorgen, weil es die beiden Teile zusammenbringen musste. Seither läuft es nicht mehr so. Parallel zum wirtschaftlichen Wiederaufstieg Chinas erlebten die USA in den Neunzigern ihre eigene Renaissance mit dem Silicon Valley."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2023 - Internet

In der NZZ warnt Adrian Lobe mal wieder vor KI und Metaversum. Dass Silicon Valley das auch tut, bringt ihn aber kurz aus dem Konzept: "Geht es den Tech-Vordenkern etwa doch um politische Macht? Lassen sich in Krisenzeiten Technologien mit dystopischem Sound besser verkaufen?", fragt er. Darauf hat die Informatikerin Katharina Zweig im Interview mit Zeit online eine knappe Antwort: "Der Begriff künstliche Intelligenz war schon vor 50 Jahren ein Werbemittel, um Forschungsgeld zu bekommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2023 - Internet

Twitter heißt jetzt X - und nun träumt Elon Musk offenbar von einem zweiten Wechat, jener chinesischen App, die Chinas Whatsapp, Facebook, Uber, Lieferando und Paypal vereint, und über die man Arzttermine ebenso buchen wie Schnellkredite oder Scheidungspapiere beantragen kann, schreibt Kai Strittmatter, einst Korrespondent in Peking, der in der SZ nicht nur von der gigantischen Überwachungsmaschinerie und Zensur durch die KP, sondern auch der Abhängigkeit der Chinesen von Wechat berichtet: "Um die Macht zu ermessen, die Wechat über das Leben der chinesischen Bürger hat, kann man sich auf der Konkurrenz-Plattform Weibo einmal den Kanal 'Tencent-Kundendienst' anschauen. Dort versammeln sich Nutzer, deren Wechat-Konten aufgrund eines unvorsichtigen Posts gesperrt wurden: Ausgestoßene, die hier flehen und sich in größter Verzweiflung in den Staub werfen, in der Hoffnung, ein gnädiger Techno-Gott möge ihnen ihr Konto und damit ihr Leben zurückgeben: 'Ich flehe Sie an' - 'Ich bereue mein Fehlverhalten zutiefst' - 'Wollen Sie, dass ich mich vom Dach stürze?' - 'Ich fühle mich ängstlich und hilflos' - 'Ich werde die Partei und das Land nie im Stich lassen!' Denkbar, dass auch Elon Musk solch devoten Reaktionen auf seine teils erratischen Winkelzüge den Vorzug geben würde vor der scharfen Kritik, die er sonst einstecken muss." Der feuchte Traum jedes autoritären Staates - oder eines "Tech-Kapitalisten, der darauf aus ist, unser Leben zu kolonialisieren".
Stichwörter: Twitter, Musk, Elon, China, Wechat, Techno, Kp

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2023 - Internet

Wenn eine europäische Funktionärin wie Francesca Bria, die Ursula von der Leyen in der Digitalpolitik berät und in der FAZ von Niklas Maak befragt wird, ein europäisches Twitter fordert, kann man sicher sein, dass es nicht kommen wird: Oder wie genau ist es mit der vor Jahren geforderten europäischen Suchmaschine oder einem europäischen "Google Books" ausgegangen? Bria bleibt dennoch zuversichtlich. Schließlich sei "Europa stark im Bereich der Regulierung zum Schutz der demokratischen Rechte und der Privatsphäre der Bürger; da sind wir weltweit eine Referenz." Und auch bei Euro-Twitter bleibt sie optimistisch: "Der Wechsel so vieler Nutzer von Twitter zu Threads hat gezeigt, dass die Marktdominanz von sozialen Medien wie Twitter kein Naturgesetz ist, sondern dass auch hier Veränderung möglich ist. Der Aufbau eines 'Euro-Twitter' sollte die Aufgabe der europäischen öffentlich-rechtlichen Medienanstalten sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2023 - Internet

Die Fortschritte der Künstlichen Intelligenz und die Möglichkeit, immer täuschenderer Nachahmung von Personen - also etwa von Schauspielern - werfen neue rechtliche Fragen auf, schreibt der Rechtsprofessor Jannis Lennartz in der FAZ. Während es klar sei, dass es strafbar ist, etwa Politikern Äußerungen in den Mund zu schieben, die sie nicht getan haben, sei die Lage bei fiktiven Werken komplizierter: "Ähnlich dem Urheberrecht geht es darum, dass etwas - beim Urheberrecht ein Werk, beim Persönlichkeitsrecht ein natürliches Merkmal - durch Dritte auf eine Art und Weise verwendet wird, der die Person, der es zugeordnet ist, nicht zugestimmt hat. Während das Urheberrecht unerlaubte Verwendungen von Werken begrenzt, ist der rechtliche Rahmen für die Verwendung natürlicher Merkmale unsicher. Es ist unklar, ob ich an digitalen Repräsentationen meines Leibes die gleichen Rechte haben sollte wie an solchen meines Geistes."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2023 - Internet

Im Welt-Interview mit Jakob Schirrmacher spricht der amerikanische Informatiker Jaron Lanier über Virtual Reality und die Vorzüge und Gefahren von KI. Die Angst vor einer bewussten KI, die den Menschen kontrolliert, findet er paranoid. Regulierungen in diesem Bereich hält er aber trotzdem für wichtig und plädiert für einen neuen Ansatz: "Einen, bei dem wir die Quellen und Einzelpersonen im Auge behalten, die Texte, Bilder oder andere Dinge bereitgestellt haben, die letztendlich einen Einfluss auf eine bestimmte Ausgabe eines KI-Programms hatten. Denn das ist etwas Konkretes. Ich glaube, dass Personen, die Daten hinzufügen, die zu beliebten Ergebnissen führen, in Zukunft anerkannt und sogar bezahlt werden könnten. Und ich denke, dass die Rückverfolgung derjenigen, die zu einem bestimmten Ergebnis beigetragen haben, ein Weg sein könnte, um letztendlich die Qualität zu kontrollieren, sowie auch wirtschaftlichen Schaden für die Gesellschaft zu vermeiden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2023 - Internet

"KI weiß viel, ist aber nicht bewusst", erklärt im Tagesspiegel-Gespräch der Neurowissenschaftler Anil Seth, dessen Buch "Being You. A New Science of Consciousness" vom Economist als Buch des Jahres ausgezeichnet wurde. Dennoch hält es nicht für ausgeschlossen, dass KI irgendwann Bewusstsein entwickelt: "Ich glaube erst mal nicht, dass es bewusste KI geben kann, weil sie dafür lebendig sein müsste. Aber ich könnte auch falschliegen. KI kann jedoch, und das tut sie schon, bewusst wirken. Der deutsche Philosoph Thomas Metzinger warnt auch vor einer ethischen Katastrophe: Wir könnten eine potenzielle neue Form des Leidens erschaffen, die gesellschaftsschädigend sein könnte. (…) Ich merke das an mir: Wenn ich mit ChatGPT schreibe, dann sage ich nicht 'bitte' und 'danke', ich bin sogar herrisch. So was hat einen brutalisierenden Effekt auf unsere Psyche. Die Alternative ist, dass wir nett sind, Rücksicht nehmen und der KI sogar Rechte einräumen. Wenn ich den Anschein habe, dass ein System Bewusstsein hat, verhalte ich mich anders. Das wäre schon ein seltsames Terrain, wenn wir Chatbots Rechte einräumen würden, nicht aber einem Fisch, der viel wahrscheinlicher Schmerz empfindet. So werden unsere ethischen und moralischen Bedenken verzerrt."
Stichwörter: ChatGPT, Chatbots

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2023 - Internet

Künstliche Intelligenz kann nicht denken, darum ist sie auch nicht intelligent, meint der emeritierte Germanistikprofessor Lutz Götze in der NZZ. Intelligent sind aber die Produzenten von KI und da wird ihm ungemütlich: "Die große Gefahr der Moderne besteht nun darin, dass Individuen in ihrem Größenwahn allen Ernstes glauben oder zumindest hoffen, mit der weiteren Entwicklung der 'generellen künstlichen Intelligenz' das menschliche Gehirn einzuholen oder gar zu übertreffen. Sie ahnen, gelegentlich, bei immer neuen Rückschlägen, dass sie das nie werden schaffen können. Also versuchen sie, den Menschen der Maschine anzupassen, genauer: mit der Maschine den Menschen zu dominieren. Nicht umgekehrt, wie bislang gemeinhin üblich. Die Maschine soll das Leben des Menschen bestimmen, ihn steuern. Dabei geben die Protagonisten vor, dass auf diese Weise das Alltagsleben erleichtert werde, mithin der Mensch von, in der Tat, lästigen Pflichten befreit werde: Saubermachen, Pflegedienst, Kommunikationsverbindungen. Das Reich der Notwendigkeit sei vorüber, jenes der Freiheit beginne. In Wahrheit wird der Mensch auf diese Weise abhängig gemacht, genauer: entmündigt."

Sehr viel weniger pessimistisch sind einige Wirtschaftswissenschaftler, berichten Houssam Hamade und Christoph Sorg in einem sehr ausführlichen Artikel in der Zeit. Ihre Hoffnung: KI könnte helfen, endlich eine Alternative für den Kapitalismus zu schaffen. Das nennt sich dann "smarte Planwirtschaft". Zu den Anhängern dieser Theorie gehören etwa Paul Adler, Professor für Management and Organization an der University of Southern California und die kanadischen Autoren Leigh Phillips und Michal Rozworski, die in ihrem Buch "People's Republic of Walmart" erklären, warum gerade hyperkapitalistische Riesenkonzerne wie Amazon und Walmart auf geplantes Wirtschaften setzen. "Der frühkapitalistische Wettbewerb zwischen kleinen Familienunternehmen, den der Begründer der Nationalökonomie Adam Smith einst beschrieb, ist mittlerweile einer Dominanz global agierender Konzerne gewichen. Diese nutzen modernste Technologien, um Arbeitsprozesse, transnationale Lieferketten und Ressourcenverbrauch präzise zu steuern. Nicht Angebot und Nachfrage, sondern die Planung des Managements herrschen innerhalb dieser riesigen Institutionen. Der Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon formulierte es einmal sinngemäß so: Stellen wir uns vor, ein Wesen vom Mars hätte ein Teleskop, das soziale Strukturen offenbart, und würde damit auf die Erde schauen. Stellen wir uns weiter vor, dass dieses Wesen Unternehmen als große grüne Flächen und Märkte als rote Striche zwischen den konkurrierenden Unternehmen sehen würde. Dieses Wesen, so Simon, wäre sicherlich überrascht, dass wir dieses mehrheitlich grüne, von dünnen roten Linien verbundene System Marktwirtschaft und nicht Organisationswirtschaft nennen."

Weiteres: Ebenfalls in der Zeit ist Jakob von Lindern wenig beeindruckt von den Warnungen führender KI-Hersteller wie OpenAIs Sam Altman: Am Ende dient selbst das nur dem Lobbying, meint er. Und in der SZ prophezeit Michael Moorstedt das "Ende des Endes" mit dem Einzug der KI in die Kunst, wenn jeder Film, jedes Buch, jedes Kunstwerk mit KI immer weiter geschrieben werden kann: "Nach beinahe zwanzig Jahren kontinuierlichen Medienkonsums wirkt ein Abbrechen des Content-Streams in den Nutzerhirnen wie der ultimative Affront. Bewegt man sich in dieser Deutungswelt, stellt ein Bilderrahmen oder ein abgeschlossenes Narrativ nicht mehr als den Egoismus des Schöpfers dar. Ein abgeschlossenes Werk wird in dieser Wahrnehmung zu einer willkürlichen Zugangsverweigerung für das Publikum. Dass Kunstwerke selbstauferlegten Grenzen unterliegen, dass Geschichten ein Finale haben müssen, um überhaupt von Belang zu sein, lässt diese Menschen fassungslos zurück."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2023 - Internet

In der Welt wägt Jakob Schirrmacher Vor- und Nachteile des vom EU-Parlament im Mai vorgestellten Kompromissentwurfes zur bereits 2021 veröffentlichten "Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates zur Festlegung harmonisierter Vorschriften für künstliche Intelligenz", auch bekannt als "AI-Act" ab: "Der 'AI-Act' spricht sich für Verbote besonders gefährlicher 'Hochrisiko'-KI-Systeme aus und definiert einen Regulationsentwurf für solche, die es werden könnten. Verboten werden sollen unter anderem KI-gesteuerte 'Social-Scoring'-Systeme, die Fehlverhalten von Bürgern analysieren und diese bewerten könnten." Aber: "In einem offenen Brief an das EU-Parlament kritisierten führende Wissenschaftler, Forscher und Wirtschaftsvertreter den 'AI-Act'. Die Initiatoren und Unterzeichner warnten unter anderem vor 'Überregulation' und befürchteten, dass europäische KI-Unternehmen dadurch kaum mit dem chinesischen oder US-amerikanischen Markt würden mithalten können. Dort setzt man auf weitaus weniger Regulation, als es der 'AI-Act' vorsieht."

Die Rufe nach Entwicklungsstopps von KI-Systemen kommen einer Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit gleich, meint Adrian Lobe, der - ebenfalls in der Welt - hinter dem Geraune auch eine PR-Strategie vermutet: "Das Sprechen über KI als Vernichtungswaffe macht eine Technik womöglich mächtiger, als sie tatsächlich ist. Der Technologiewissenschaftler Lee Vinsel hat das mal treffend als 'critihype' bezeichnet: Man baut einfach eine monströse Drohkulisse auf, um dann mit vermeintlichen technologischen 'Lösungen' Kasse zu machen."

Außerdem: In der NZZ warnt der amerikanische Ethiker Braden Allenby vor den Folgen, die der Einsatz von KI auf das menschliche Bewusstsein haben kann: "Generative KI kann heute tatsächlich jede Form von Desinformation produzieren - Texte, Memes, Bilder, Sprachaufnahmen, Deepfake-Videos oder sogar Kunst. Mittels riesiger Datenmengen wird eine Modellierung der Massenpsychologie möglich, und Social Media erlaubt maßgeschneiderte Irreführung auf individueller Ebene."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2023 - Internet

Künstliche Intelligenz, wohin man blickt. Zumindest beim Regulieren ist die EU ganz vorne, freut sich Svenja Bergt in der taz: "Am Mittwoch soll das Parlament über den Artificial Intelligence (AI)-Act abstimmen. Es ist die weltweit bislang umfassendste Regulierung zu künstlicher Intelligenz. Die Abstimmung ist ein wichtiger Zwischenschritt, denn die Zeit drängt: Bis zum Jahresende sollen sich Parlament, Rat und EU-Kommission in den Trilog genannten Kompromissverhandlungen geeinigt haben."

Vor zwei Jahren veröffentlichte ein Reporterteam verschiedener Medien, darunter die SZ, die Facebook Files der Whistleblowerin Francis Haugen (Unser Resümee). Nun erscheint ihr Buch "Die Wahrheit über Facebook" auf Deutsch. Im SZ-Gespräch mit Andrian Kreye lobt sie die europäischen Digital Services Act: "Weil er die Machtverhältnisse zwischen diesen Firmen und der Öffentlichkeit ausgleicht. Die Firmen müssen ihre Risiken offenlegen und dann zeigen, wie sie sie ausräumen. Und sie müssen ausreichend Daten zur Verfügung stellen, damit das nachvollziehbar ist. In seiner Erklärung warnt der Surgeon General zum Beispiel davor, dass 30 bis 35 Prozent aller Kinder nach Mitternacht noch auf sozialen Medien unterwegs sind. Das ist ein echtes Problem. Schlafmangel ist ein gewaltiger Risikofaktor für Depressionen, Angstzustände, Bipolarität, Schizophrenie, für Drogenmissbrauch. Außerdem steigt die Sterberate, weil Schlafmangel die Unfallstatistiken ansteigen lässt. Nicht nur Autounfälle, Kinder, die von der Leiter fallen und so einen Blödsinn. In so einem Fall verpflichtet der DSA eine Firma wie Facebook, nachzuweisen, was für Kontrollmechanismen sie einbauen, um diese Risiken zu senken."