9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2214 Presseschau-Absätze - Seite 21 von 222

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2024 - Ideen

In der NZZ erinnert Leander Scholz an den österreichischen Aristokraten Richard Coudenhove-Kalergi, Vordenker der deutsch-französischen Aussöhnung und einer "paneuropäischen" Idee, die auf manche traumtänzerisch gewirkt haben mag. Aber "in seinem letzten Buch 'Weltmacht Europa' von 1971 warnte Coudenhove-Kalergi vor der Annahme, dass sich nach dem Sturz des kommunistischen Regimes unmittelbar die Demokratie in Russland ausbreiten würde. Als Erbe des Zentralkomitees sah er einen 'russischen Bonapartismus' voraus, dessen Ziel die Ausdehnung bis zum Atlantischen Ozean sei. Darauf sollte Europa durch den Aufbau einer gemeinsamen Verteidigung inklusive eigener atomarer Abschreckung vorbereitet sein."

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Paul Jandl kommt ebenfalls in der NZZ auf einen anderen heute fast vergessenen Propheten zurück, Manès Sperber, dessen antitotalitäres Denken aus Erfahrung gespeist war - der Perlentaucher hat das Vorwort Rudolf Islers aus der von Jandl besprochenen neuen Werkausgabe vorabgedruckt. Jandl erinnert an die Friedenspreisrede Sperbers: "Mitten in den damals wehenden Zeitgeist hinein, sprach er davon, dass Europa sich 'nicht dank masochistischer Wehrlosigkeit' aus Konflikten werde heraushalten können, sondern nur, wenn es eine Supermacht sei. 'Wir müssen leider selbst gefährlich werden, um den Frieden zu wahren', sagte Manès Sperber 1983."

Außerdem: Der SPD-Philosoph Julian Nida-Rümelin durfte zu seinem Siebzigsten bei einem ihm zu Ehren veranstalteten Symposion selbst die Festrede halten und warnt vor populistischen Tendenzen - die SZ druckt ab.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2024 - Ideen

In der Zeit blickt die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt voller Angst auf eine Zukunft, in der Sprache keine Bedeutung mehr hat: "Während ich die endlosen Kommentare lese, was Harris, Biden und die Demokraten falsch gemacht haben, mir die demografischen Analysen bei den Nachwahlbefragungen von Trump-Wählern anschaue oder im Radio die im munteren Ton der üblichen Tagesordnung vorgetragene Verkündung des neuesten 'kontroversen' Vorschlags des gewählten Präsidenten für einen Ministerposten lausche, fühle ich mich mehr und mehr wie Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln. ''Wenn ich ein Wort gebrauche', sagte Humpty Dumpty ganz hochmütig, 'dann bedeutet es genau das, was ich für richtig halte, nicht mehr und nicht weniger.' 'Es fragt sich nur, ob man Wörtern so viele verschiedene Bedeutungen geben kann', sagte Alice. 'Es fragt sich nur', sagte Humpty Dumpty, 'wer der Stärkere ist - sonst nichts.'' ... Wenn der Berg zum Tal wird, sind wir in einer Wer-ist-der-Stärkste-Welt gelandet, in der Gewalttaten an der Semantik und tatsächliche Gewalttaten an menschlichen Körpern Teil desselben Spiels sind."

Jan Ross hat für die Zeit den Schriftsteller David Grossman in Jerusalem besucht, der ihm die "schwere, beklemmende Traurigkeit" der Israelis seit dem 7. Oktober schildert, aber auch die israelische Regierung für ihre Kriegsführung in Gaza kritisiert. Er denkt sehr nüchtern über die Zukunft nach: "Realismus bedeutet für Grossman, im Konflikt mit den Palästinensern die Notwendigkeit einer Kompromisslösung anzuerkennen. Realismus heißt für ihn aber auch, zwischen Israelis und Palästinensern keine Versöhnungswunder zu erwarten. ... Die Traurigkeit, sagt Grossman, auf die er zu Beginn der Unterhaltung zu sprechen kam, hänge auch mit dieser Illusionslosigkeit über das künftige Verhältnis zu den Palästinensern zusammen. 'Wir werden immer auf Angriffe und aufs Kämpfen vorbereitet sein und unsere Kinder in dieser Furcht erziehen müssen', meint er. 'Viele werden das Land verlassen, viele werden sagen, ich will nicht in so einem ewigen Zustand der Wachsamkeit leben, und ich will meine Kinder nicht mit solchen Befürchtungen großziehen. Ich möchte meine Tochter abends um sieben zum Lebensmittelladen schicken können und keine Angst haben, dass sie - was auch immer. Es ist eine sehr nüchterne Idee von Frieden, keine romantische, nach der wir und die Palästinenser Hand in Hand in den Sonnenuntergang spazieren. Das wird nicht geschehen.'"

In der Welt meldet sich der Historiker Benny Morris zu Wort, der die Universität Leipzig beschuldigt, eine Absage seiner Vorlesung gemeldet zu haben, obwohl sich Morris und die Universität auf eine Zoom-Vorlesung geeinigt hatten. Außerdem habe die Universität den propalästinensischen Vorwürfen gegen ihn nicht widersprochen. Den nicht-gehaltenen Vortrag, der sich mit der Zweistaatenlösung in einer historischen Perspektive auseinandersetzt, publiziert er ebenfalls in gekürzter Form. Morris hat noch weniger Hoffnung auf Frieden als Grossman: Es seien vor allem die palästinensischen Führer gewesen, die sich über die Jahre hinweg einer Zwei-Staaten-Lösung verweigert hätten. "Der Angriff der Hamas auf Israel" am 7. Oktober, "bei dem 1200 Israelis getötet und 251 entführt wurden, mag barbarisch gewesen sein - aber er brachte die Palästinafrage zurück auf die internationale Tagesordnung; die Idee einer Zweistaatenlösung war erneut Gesprächsthema im Westen. Aber weder die Hamas noch die israelische Regierung sind bereit. ... Der aktuelle Krieg scheint keinen Weg zum Frieden zu bieten."

In einem Kommentar notiert Jakob Hayner (Welt): "Die Universität Leipzig hat sich blamiert" - und mehr als das: "aus Angst vor ein paar wildgewordenen Aktivisten hat sie sich klammheimlich von ihrem Auftrag verabschiedet".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2024 - Ideen

In Amerika will Donald Trump seinen Mitstreitern Elon Musk und Vivek Ramaswamy die Kettensäge in die Hand drücken, um Bürokratie abzubauen, berichtet Johan Schloemann in der SZ. Diejenigen, die sich ähnlich rabiates Vorgehen in Deutschland wünschen, ruft er auf, sich zurückzuhalten: "Die Neigung wächst, den Staat als Gegner zu sehen, nicht als gemeinsame Angelegenheit. Da darf zwischendurch auch mal daran erinnert werden, dass Verwaltung nicht bloß selbstgenügsam Akten vermehrt, sondern ja auch Gesetze anwendet, die von Parlamenten demokratisch beschlossen wurden. Experten für das Thema kommen immer wieder zu dem Schluss, dass man Verwaltung in Deutschland nicht abschaffen muss, aber sehr wohl verbessern, vereinfachen, beschleunigen, digitalisieren." Mehr will in der Regel ja auch niemand.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2024 - Ideen

Auf den Forschung- und Lehre-Seiten der FAZ fasst sich Thomas Thiel an den Kopf angesichts des Protestbriefs, in dem Wissenschaftler um die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger und die ehemalige Verfassungsrichterin Susanne Baer vor der ergänzenden Antisemitismusresolution des Bundestags für deutsche Hochschulen warnen. In der Resolution gefordert "werden eine Stärkung der Antisemitismusforschung und die konsequente Anwendung des Hausrechts bis hin zur Exmatrikulation bei antisemitischen Vorfällen. Darüber hinaus enthält die Resolution ein klares Bekenntnis zu der von vielen Staaten und Institutionen geteilten Antisemitismusdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) und die Forderung, die Verbreitung von israelbezogenem Antisemitismus zu unterbinden." Die Autoren des Protestbriefs sind "nicht nur gegen die Bekämpfung von Antisemitismus, nein, es reicht ihnen nicht, den Antisemitismus allein zu bekämpfen, es sollen im selben Atemzug auch die Demokratie und andere Minderheiten gestärkt werden. Das ist in etwa so, als würde dem Lieferkettengesetz noch eine Klausel zur Stärkung des Mathematikunterrichts eingeschrieben."

Seit vergangenem Jahr gibt es an der Universität Tübingen das Institut für Rechtsextremismusforschung, die Pädagogin Heike Radvan, die Medienwissenschaftlerin Annett Heft und die Politikwissenschaftlerin Léonie de Jonge bieten ab diesem Winter Seminare an, schreibt Thomas Thiel, der, ebenfalls auf den Forschung und Lehre-Seiten der FAZ, mit den Dozentinnen gesprochen hat: "Heike Radvan benutzt im Gespräch mehrfach den undifferenzierten Sammelbegriff rechts, mit dem vom Liberaldemokraten bis zum Rechtsradikalen so ziemlich alles gemeint sein kann. Das nährt die Kritik aus dem bürgerlichen Lager, kritische Meinungen würden heute vorschnell oder aus taktischen Gründen als rechtsextrem abqualifiziert, was zur Indifferenz gegenüber dem Rechtsextremismusvorwurf führe und entscheidend zum Aufstieg rechtspopulistischer Parteien beigetragen habe."

Auf den Geisteswissenschaftenseiten der FAZ resümiert Martin Otto außerdem eine von der Historikerin Gabriele Metzler organisierte Diskussion am Berliner Humboldt Forum, an der auch der postkoloniale Historiker und einst schärfste Kritiker des Humboldt Forums Jürgen Zimmerer beteiligt war. Es ging um die koloniale Vergangenheit von Universitäten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2024 - Ideen

Im Zeit-Online-Interview mit Peter Neumann fordert der Politologe Kolja Müller, den Begriff "Volkswillen" aus dem politischen Vokabular zu streichen, da dieser nur Populisten in die Hände spiele. "Der Populismus ist widersprüchlich. Einerseits mobilisiert er den Volkswillen gegen die Eliten und setzt damit eine Kritik der Machtverhältnisse ins Werk. Andererseits hat er ein Grundproblem: Ihm fehlen die Reflexionsmechanismen, um auf den gesellschaftlichen Problemhaushalt zuzugreifen. Die organisierte Willensstärke wird zur Kardinaltugend, und man weiß immer schon im Vorhinein: Fehlentwicklungen in Politik und Gesellschaft sind stets auf die mangelnde Berücksichtigung des jeweiligen Volkswillens zurückzuführen. Solange wir aber den Bereich der Politik so verstehen, dass er sich auf die Volkssouveränität gründet, wird man den Populismus auch nicht los. Man kann ihn nicht aus dem Spiel der Politik einfach so herausdefinieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2024 - Ideen

Im FAS-Interview erklärt der Historiker Alan Kahan, weshalb der Liberalismus keine Antwort auf den Populismus von links und rechts findet: "Im 19. Jahrhundert beruhte der Liberalismus auf drei Säulen: politische Freiheit, Märkte und schließlich Moral. Die Religion und der Liberalismus waren mal gute Freunde. Die Liberalen haben aber nach dem Zweiten Weltkrieg aufgehört, eine moralische oder religiöse Sprache zu verwenden. Der Populismus stößt in das moralische Vakuum, das der Liberalismus hinterlässt." Und: "Zum ersten Mal seit dem Fall der Berliner Mauer hat der Liberalismus wieder zwei Feinde, links und rechts. Liberale haben komplett verlernt, wie man mit Feinden von rechts umgeht, und sie dachten, von links gebe es keine ernsthaften Gegner mehr. Das hat sich als völlig falsch herausgestellt. Den Liberalen ist die moralische Sprache abhandengekommen, die für Konservative von Bedeutung ist."

Die Trump-Wahl hat auch gezeigt, dass es so etwas wie ein "Bündnis der Minoritäten" nicht gibt, notiert Dirk Knipphals in der taz. Deshalb ruft er der identitätspolitisch zerstreuten Linken zu, den "reinen Kampf um Eigeninteressen" aufzugeben: "Vielleicht wäre es also an der Zeit, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass man auch selbst nicht nur für seinen spezifischen Punkt, sondern auch für das Ganze verantwortlich ist. Nachdem die spezifischen Anliegen ja klar geworden sind, könnte jetzt der Punkt gekommen sein, das dialektische Pendel wieder zurückschwingen zu lassen, wieder etwas universalistischer zu werden und nach Gemeinsamkeiten zu suchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2024 - Ideen

In der FAZ schreibt Konstantin Sakkas den Nachruf auf den Philosophen Christoph von Wolzogen, der am 12. November im Alter von 76 Jahren verstorben ist. Von Wolzogen promovierte mit einer Arbeit über Martin Heidegger, auch später blieben die "Vertreter der philosophischen Phänomenologie, Husserl, Heidegger, auch Derrida und Leibniz, blieben seine Leitsterne, daneben die Geschichtswissenschaft. Auch die bildende Kunst war seine Heimat, er konnte Bezüglichkeit und Transzendenz zusammendenken, was ihn in der akademischen Philosophie zum Außenseiter" machte. "Gelehrtheit und Grandseigneuralität lebten in diesem feinen, sensiblen Mann in seltener Symbiose", schreibt Sakkas, "als Zeitgenosse aller Zeiten war er kein Antimodernist."
Stichwörter: Wolzogen, Christoph von

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2024 - Ideen

Eva Illouz hat den Frank-Schirrmacher-Preis erhalten. Die FAZ druckt ihre Dankrede ab, in der sie sich über modernen Opferkult und Identitätspolitik Gedanken macht. Zwar hat Identitätspolitik das Verdienst, "die Opferrolle nicht mehr zu einer Quelle der Scham zu machen", weil die Schande nun beim Täter liegt. Aber etwas ist doch schief gelaufen, und das hat mit dem Holocaust zu tun, dessen Opfer sakralisiert worden seien. Gerade hieraus, so Illouz, entstand "ein Ressentiment gegen den Holocaust", das zum Beispiel James Baldwin in einem berühmten Text zum ersten Mal formulierte. Baldwin bestritt hier, dass die Juden mehr gelitten hätten als die Schwarzen und gestand seinen Hass auf sie ein. "Die Sakralisierung der jüdischen Opfer in der westlichen Kultur warf einen Schatten auf die Anerkennung anderer gefährdeter Gruppen, als ob die Anerkennung von Opfern eine seltene Ressource und damit Gegenstand des Wettbewerbs sei. Baldwins brutal ehrlicher Text ist somit das vernichtendste Zeugnis für das Scheitern der Identitätspolitik und der Opferkultur." Die FAZ druckt auch die Laudatio von Saba-Nur Cheema.

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Ist der Mensch von Natur aus ein kriegerisches Wesen? Gar nicht, behaupten der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel, die gerade zusammen mit dem Archäologen Harald Meller das Buch "Die Evolution der Gewalt" veröffentlicht haben. In der Vorzeit waren unsere Vorfahren sehr friedlich, versichern die beiden im Interview mit der NZZ. "Menschen haben erkannt, dass sie von guten Beziehungen zu anderen Gruppen profitieren. Da sie als mobile Jäger und Sammler lebten, keinen nennenswerten Besitz hatten und die Populationsdichten gering waren, lohnten sich Kriege nicht. Und im Konfliktfall konnte man der Eskalation aus dem Weg gehen", sagt van Schaik. Hinweise auf kollektive Gewalt gab es erst nach der letzten Eiszeit, als sich das Klima stabilisierte und die Menschen sesshaft wurden, erklärt Michel. "Plötzlich hat man etwas zu verlieren, das man beschützen muss. Es bilden sich Clans, und heute stoßen Archäologen wie unser Co-Autor Harald Meller regelmäßig auf Massengräber." Mit der Abschaffung der Sklaverei und des Patriarchats seien wir aber auf gutem Weg zu besseren Zeiten, glauben die beiden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2024 - Ideen

Felix Philipp Ingold hat gestöbert und in Russland doch noch ein Medium gefunden, in dem in eng gesteckten Maßen frei nachgedacht wird, nämlich die Neue Literarische Rundschau (Novoe literaturnoe obozrenie). Ihr Hauptthama ist, so Ingold in der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ, Russlands Imperialismus, und es werde unter anderem versucht, "eine nicht imperiale, mitunter auch antiimperiale Denk- und Handlungstradition aufzuzeigen, die dem sonst dominanten großrussischen Imperialismus zuwiderläuft. Statt also die innen- wie außenpolitische 'Imperialität' des Zarenreichs, der Sowjetunion und der heutigen Russischen Föderation kritisch zu hinterfragen (und damit behördlichen Unmut zu riskieren), verlegt man sich darauf, in neutraler Präsentation unterschiedliche Strategien aufzuzeigen, die im Geschichtsverlauf - zumeist erfolglos - gegen imperiale Machtanmaßung aufgeboten wurden."

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Unsere Leichen dagegen leben noch. Peter Sloterdijks letztes Buch handelt von Europa. Im Gespräch mit René Scheu von der NZZ schildert er die von ihm ergründete Paradoxie des europäischen Modells: "Es genügt, die Landkarte zu visualisieren und von ganz weit westlich bis in den fernen Osten zu wandern - von Lissabon nach Wladiwostok. Da haben Sie die postimperiale Bescherung komplett vor Augen. In politisch-dramaturgischer Sicht ist Europa ein Konglomerat aus den Resten von zwölf gescheiterten oder aufgegebenen Imperien. Dann aber hat es sich zu etwas Neuem aufgerafft: Es hat sich unter einem historisch beispiellosen Muster neu zusammengefügt, und wie ich immerzu betone, ist das neue Gebilde wesensmässig sowohl postimperial als auch antiimperial verfasst."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2024 - Ideen

Im Interview mit Zeit online denkt die Philosophin Lisa Herzog über den Liberalismus nach, oder vielmehr über die verschiedenen Formen des Liberalismus, die es inzwischen gibt: Sie selbst "habe den Begriff Liberalismus inzwischen fast aufgegeben. In der politischen Landschaft sehe ich eine linksliberale Linie kaum noch. Ich spreche deshalb lieber von Wirtschaftsdemokratie und knüpfe damit an meine damaligen Argumente an: Mir geht es um die Idee, dass Menschen am Wirtschaftsleben beteiligt sein sollten und die Freiheit haben, sich einzubringen. Es geht mir also um eine positive Form von Freiheit", die auch darin bestehe, "die Frustration von Eigeninitiativen im bürokratischen Dschungel nicht hinnehmen zu wollen. Die gegenwärtige Regelungswut und das Maß an Verrechtlichung, das den Einzelnen entgegensteht, erzeugen eine Asymmetrie und frustrieren junge Start-ups ebenso wie Bürgerinitiativen. Nur große professionelle Player und Platzhirsche mit Finanz- und Rechtsabteilungen haben die Mittel, im großen Stil zu handeln. ... Lokale Player mit ihren Lösungsansätzen von unten sind da machtlos."
Stichwörter: Liberalismus