In der
Zeit blickt die amerikanische
Schriftstellerin Siri Hustvedt voller Angst auf eine Zukunft, in der
Sprache keine Bedeutung mehr hat: "Während ich die endlosen Kommentare lese, was Harris, Biden und die Demokraten falsch gemacht haben, mir die demografischen Analysen bei den Nachwahlbefragungen von Trump-Wählern anschaue oder im Radio die im munteren Ton der üblichen Tagesordnung vorgetragene Verkündung des neuesten 'kontroversen' Vorschlags des gewählten Präsidenten für einen Ministerposten lausche, fühle ich mich mehr und mehr wie Lewis Carrolls
Alice hinter den Spiegeln. ''Wenn ich
ein Wort gebrauche', sagte Humpty Dumpty ganz hochmütig, 'dann bedeutet es genau das, was
ich für richtig halte, nicht mehr und nicht weniger.' 'Es fragt sich nur, ob man Wörtern so viele verschiedene Bedeutungen geben kann', sagte Alice. 'Es fragt sich nur', sagte Humpty Dumpty, 'wer
der Stärkere ist - sonst nichts.'' ... Wenn der Berg zum Tal wird, sind wir in einer Wer-ist-der-Stärkste-Welt gelandet, in der Gewalttaten an der Semantik und tatsächliche Gewalttaten an menschlichen Körpern Teil desselben Spiels sind."
Jan Ross hat für die
Zeit den
Schriftsteller David Grossman in Jerusalem besucht, der ihm die "schwere,
beklemmende Traurigkeit"
der Israelis seit dem 7. Oktober schildert, aber auch die israelische Regierung für ihre
Kriegsführung in Gaza kritisiert. Er denkt sehr nüchtern über die Zukunft nach: "Realismus bedeutet für Grossman, im Konflikt mit den Palästinensern die Notwendigkeit einer Kompromisslösung anzuerkennen. Realismus heißt für ihn aber auch, zwischen Israelis und Palästinensern
keine Versöhnungswunder zu erwarten. ... Die Traurigkeit, sagt Grossman, auf die er zu Beginn der Unterhaltung zu sprechen kam, hänge auch mit dieser
Illusionslosigkeit über das künftige Verhältnis zu den Palästinensern zusammen. 'Wir werden immer auf Angriffe und aufs Kämpfen vorbereitet sein und unsere Kinder in dieser Furcht erziehen müssen', meint er. 'Viele werden das Land verlassen, viele werden sagen, ich will nicht in so einem ewigen Zustand der Wachsamkeit leben, und ich will meine Kinder nicht mit solchen Befürchtungen großziehen. Ich möchte meine Tochter abends um sieben zum Lebensmittelladen schicken können und keine Angst haben, dass sie - was auch immer. Es ist eine
sehr nüchterne Idee von Frieden, keine romantische, nach der wir und die Palästinenser Hand in Hand in den Sonnenuntergang spazieren. Das wird nicht geschehen.'"
In der
Welt meldet sich der Historiker
Benny Morris zu Wort, der die Universität Leipzig beschuldigt, eine
Absage seiner Vorlesung gemeldet zu haben, obwohl sich Morris und die Universität auf eine Zoom-Vorlesung geeinigt hatten. Außerdem habe die Universität den propalästinensischen Vorwürfen gegen ihn nicht widersprochen. Den nicht-gehaltenen Vortrag, der sich mit der Zweistaatenlösung in einer historischen Perspektive auseinandersetzt, publiziert er ebenfalls in gekürzter Form. Morris hat noch weniger Hoffnung auf Frieden als Grossman: Es seien vor allem die palästinensischen Führer gewesen, die sich über die Jahre hinweg einer Zwei-Staaten-Lösung verweigert hätten. "Der Angriff der Hamas auf Israel" am 7. Oktober, "bei dem 1200 Israelis getötet und 251 entführt wurden, mag barbarisch gewesen sein - aber er brachte die Palästinafrage zurück auf die internationale Tagesordnung; die Idee einer
Zweistaatenlösung war erneut Gesprächsthema im Westen. Aber weder die Hamas noch die israelische Regierung sind bereit. ... Der aktuelle Krieg scheint keinen Weg zum Frieden zu bieten."
In einem Kommentar notiert Jakob Hayner (
Welt): "Die
Universität Leipzig hat sich blamiert" - und mehr als das: "aus Angst vor ein paar wildgewordenen Aktivisten hat sie sich klammheimlich
von ihrem Auftrag verabschiedet".