9punkt - Die Debattenrundschau

Nicht auf der Berliner Stadtautobahn

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.11.2022. Im Tagesspiegel gibt Peter Sloterdijk der Letzten Generation Tipps, wo sie sich überall noch ankleben kann. Homosexuelle in Uganda fliehen vor immer neuen Gesetzen, berichtet die taz - der Druck gegen sie geht von der sehr frommen Präsidentengattin Janet Museveni aus. Die Welt atmet auf: Russland ist vom Präsidentenamt der Welterbekommission zurückgetreten. Und große Zeitungen von New York Times bis El Pais treten für Julian Assange ein.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.11.2022 finden Sie hier

Ideen

Der Westen wird derzeit von allen Seiten belagert: Krieg in Russland, auflebender Marxismus in China, Islamismus, Kolonialismuskritik und amerikanischer Fundamentalismus, zählt Peter Sloterdijk im Interview mit dem Tagesspiegel auf, der seit heute im Tabloid-Format erscheint. Und dann ist da noch die Klimakrise, die dem Westen zum Vorwurf gemacht wird: "Das Argument ist in Grenzen gültig, aber es führt nicht weiter. Im Gegenteil, es führt in die falsche Richtung, man plädiert damit für nachholende Klimazerstörungsrechte - was völlig absurd ist", meint Sloterdijk, der generell mit dem westlichen Schuldkult wenig anfangen kann. "Will man denn so erklären, dass China vier Milliarden Tonnen Kohle jährlich nachträglich in die Luft blasen muss? Ironischerweise fand fast gleichzeitig mit dem Klimagipfel von Sharm el-Scheich die Öl-Weltmesse in Abu Dhabi statt, bei der mehr als 100.000 Vertreter der Ölindustrie zusammenkamen. ... Die Förderländer glauben, dass die nächsten 50 Jahre ihnen gehören und dass sie ihre Produktion noch für Jahrzehnte steigern werden. Sie gehen davon aus, es würden noch einmal so viele Lagerstätten zu erschließen sein, wie heute schon bekannt sind. Die Nachfrage steigt, nicht zuletzt, weil Schwellenländer Lizenzen für erhöhte Emissionen verlangen." An diesen Tatsachen, so Sloterdijk, "kommt niemand vorbei. Die Klimaaktivisten sind völlig im Recht, aber sie würden sich besser vor dem Tor zum Königspalast von Riad festkleben oder vor dem Kapitol in Washington oder vor den chinesischen Kohlekraftwerken - nicht auf der Berliner Stadtautobahn."
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Kulturpolitik

In der Welt atmet Dankwart Guratzsch auf: Russland ist vom Präsidentenamt der Welterbekommission zurückgetreten. Wer in der Ukraine gezielt Kulturdenkmäler beschießt, hat in diesem Amt nichts zu suchen, findet er. "Zu den heftigsten Kritikern der russischen Präsidentschaft hatte von Anfang an die internationale Organisation World Heritage Watch (WHW) gehört, zu Deutsch: 'Welterbewache'. Sie hatte den Russen bescheinigt, nicht nur Kulturstätten der Ukraine dem Erdboden gleichzumachen, sondern indirekt auch dafür verantwortlich zu sein, dass Welterbestätten weltweit nicht mehr ausreichend geschützt werden konnten. Da sich westliche demokratische Staaten geweigert hätten, unter einem Präsidenten zu tagen, dessen Land einen Bomben- und Raketenkrieg führt, habe das Welterbekomitee 2022 nicht ein einziges Mal zusammenkommen können - was seinerseits dazu beigetragen habe, dass einige Staaten die 'Gunst der Stunde' genutzt hätten, Großprojekte voranzutreiben, die Welterbestätten gefährden." Dazu gehören laut Guratzsch die Autobahn durch die Nekropolen von Kairo, Hotelprojekte im indonesischen Komodo-Nationalpark, auf den Galapagos-Inseln und an den Viktoriafällen in Sambia und Simbabwe, der Autobahntunnel unter dem Megalithkreis von Stonehenge und die Zubetonierung der Akropolis von Athen.
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Stichwörter: Welterbe

Gesellschaft

Der israelische Komiker Guy Hochman, der bei der WM in Katar Verbrüderungsszenen, die manchmal, aber nicht immer klappten, mit Arabern oder Iranern und ihm zeigte, ist des Landes verwiesen worden, meldet ynet.news.



Bei einem Fußballspiel zwischen der A-Jugend des deutsch-jüdischen Clubs Makkabi und dem Club Hertha 06 in Berlin ist es vor zwei Wochen zu antisemitischen Vorfällen gekommen, berichtet Wiebke Hollersen in der Berliner Zeitung. Der Fall landete vor einem Sportgericht. Der Schiedsrichter hatte zunächst festgehalten, das ihm jemand zurief "Du bist doch von den Juden gekauft." Und "kurz darauf sei es zu einem zweiten Vorfall gekommen, bei dem ein Spieler von Hertha 06, diesmal einer, der mitgespielt hatte, mehrfach den Hitlergruß gezeigt habe. In Richtung der Spieler und Fans von Makkabi. Als er versuchte, dem Spieler in die Kabine zu folgen, um ihm ebenfalls die Rote Karte zu zeigen, sei er zwischen einige aufgebrachte Zuschauer geraten, schreibt der Schiedsrichter. Dabei sei es zu einem dritten Vorfall gekommen. Eine Frau habe in Richtung der Makkabi-Spieler gerufen: 'Verpisst euch doch einfach, ihr Drecksvolk. Immer gibt es Stress mit euch. Immer provoziert ihr.'"
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Stichwörter: Antisemitismus, Fußball, Katar

Medien

Die FAZ widmet der Welt-Kollegin Anna Schneider einen ganzen veritablen Feuilleton-Aufmacher. Elena Witzeck wirft Schneider vor, dem Ayn-Rand-Kult anzugehören und einem extremistischen Individualismus zu frönen. Zu Witzecks Kritikpunkten zählt aber auch, dass Schneider "fragt, warum die ARD Millionen für Rechte an der WM in Qatar gezahlt hat, um sie nun heuchlerisch anzuprangern". Witzeck weist Schneider außerdem auf die Ambiguität von Freiheit hin: "Da ist zum einen die Abwesenheit von Zwängen. Und zum anderen eine legitimierte übergeordnete Gewalt, die das Recht des Einzelnen auf Freiheit durchsetzt und schützt. Wegen ihrer Ambivalenz kann die Freiheit das Gegenteil dessen bewirken, was sie schaffen soll: Furcht, Isolation und Ohnmacht. Ein Liberalismus, der diese Ambivalenz anerkennt, ist im Kern sozial. Und das Kernlose, was Schneider für Springer als Liberalismus verkauft, ist beunruhigend." Witzeck hält es mit den Autoren Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, die in ihrem Buch "Gekränkte Freiheit" darlegen, wie Rechtspopulisten die Freiheitsidee missbrauchen.

Die New York Times, der Guardian, der Spiegel, Le Monde und El Pais waren vor zwölf Jahren an der Veröffentlichung geheimer Papiere beteiligt, die ihnen von Julian Assange zugespielt worden waren. Obwohl sie im Detail Kritik an Assange haben, wenden sich die Zeitungen in einem gemeinsamen öffentlichen Brief an die amerikanische Regierung - denn immer noch steht Assange unter Anklage, und es droht ihm eine drakonische Strafe. "Diese Anklage stellt einen gefährlichen Präzedenzfall dar und droht, Amerikas ersten Verfassungszusatz und die Pressefreiheit zu untergraben. Regierungen zur Rechenschaft zu ziehen, ist Teil der Kernaufgabe einer freien Presse in einer Demokratie. Die Beschaffung und Weitergabe sensibler Informationen, wenn dies im öffentlichen Interesse notwendig ist, ist ein wesentlicher Bestandteil der täglichen Arbeit von Journalisten."
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Politik

Die rechtsextremen israelischen Politiker Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich könnten wichtige Ministerposten in der nächsten Regierung Netanjahu bekommen. Für den jüdischen Deutschen Leonard Kaminski, der in der FAZ schreibt, sind sie eine akute Gefahr für die israelische Demokratie, denn sie wollen arabische Israelis diskriminieren und diese Diskriminierung ausweiten: "Sind nicht religiöse oder ihren Glauben anders lebende Juden für Ben-Gvir und Smotrich jüdisch genug, dass sie den sicheren Hafen Israel anlaufen dürfen? Sind Juden aus der LGBT-Community es wert, vor dem Judenhass gerettet zu werden? Sind jüdische Einwanderer aus bestimmten Ländern gut genug, um akzeptiert zu werden? Haben Juden mit anderen politischen Meinungen trotzdem das Recht auf Rückkehr in ihre historische Heimat?"

Keine Proteste mehr in China, berichtet FAZ-Korrespondentin Friederike Böge: "In Peking gab es Berichte, wonach zumindest einzelne Demonstranten Anrufe von der Polizei bekamen. Man kann davon ausgehen, dass etliche Teilnehmer durch Überwachungskameras, Polizeivideos und per Handyortung identifiziert wurden. Bis zum Abend wurden, außer in Hongkong, keine größeren neuen Protestaktionen gemeldet. Offensichtlich versucht die Polizei zu verhindern, dass aus Einzelaktionen eine Bewegung erwächst."

Homosexuelle in Uganda werden durch immer neue Gesetze drangsaliert, berichtet Simone Schlindwein in der taz. Viele von ihnen fliehen nach Kenia, wo die Diskriminierung nicht aufhört: "Kenias derzeitiger Präsident William Ruto ist ähnlich wie sein Vorgänger mit Ugandas Präsidentenfamilie eng befreundet. In Uganda ist vor allem die in der Regierung einflussreiche Präsidentengattin Janet Museveni eine Verfechterin der harschen Gesetze gegen LGBTIQs. Als streng religiöse Bildungsministerin hat Museveni den Hass auf Homosexuelle in Ugandas konservativer Gesellschaft befeuert, indem sie ihnen vorwarf, Kinder und Jugendliche in den Schulen zur Homosexualität zu 'rekrutieren'. Sie verbot auch jeglichen Sexualkundeunterricht in Uganda, um das Thema gleichgeschlechtliche Sexualität gänzlich zu unterbinden. Dies führt bis heute zu hohen Zahlen ungewollter Schwangerschaften unter ugandischen Mädchen." In Uganda gibt es unter anderem einen starken evangelikalen Einfluss.
Archiv: Politik