9punkt - Die Debattenrundschau

Gerda, Elvira und Marlene, die kenne ich doch

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.12.2020. In der FAZ attackiert Sebastian Turner die Deutsche Post, Twitter und Facebook, aber auch die deutsche Presse. Thomas M. Eppinger kritisiert bei Mena-Watch die Voreingenommenheit der heutigen "woken" Linken für das Religiöse. Die Bundesregierung hat ein Milliardenprogramm zur Rassismusbekämpfung beschlossen. Naika Foroutan äußert sich im Dezim-Institut milde angetan, verlangt aber mehr. In der NZZ übt die  Migrationsforscherin Sandra Kostner scharfe Kritik am Begriff "struktureller Rassismus". Die meisten Bürger sind fest überzeugt, sich an die Corona-Regeln zu halten, stimmt aber nicht, beobachtet die SZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.12.2020 finden Sie hier

Medien

Kann es sein, dass in der FAZ heute zum ersten Mal von den 220 Millionen Euro die Rede ist, die demnächst auf die für die Öffentlichkeit so relevanten Anzeigenblätter, aber auch auf alle anderen Printprodukte herabrieseln sollen? Heute schont Sebastian Turner, bis vor kurzem Herausgeber des Tagesspiegels, auch die eigene Branche nicht - es handelt sich bei dem Text um eine Rede, die er bei der Verleihung des Deutschen Lokaljournalistenpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung gehalten hat. Zunächst attackiert er aber die Deutsche Post, die mit ihren Wurfsendungen den Lokalzeitungen die schönen Aldi-Prospekte wegnimmt (die Hälfte der Einnahmen hätten die Supermarktprospekte mal gebracht, sagt er). Dann attackiert er Facebook und Twitter, die er im medienrechtlichen Sinne für die Äußerungen ihrer Nutzer verantwortlich machen will. Und dann konzediert er: "Die Krise des Lokaljournalismus in Amerika und bei uns ist allerdings älter als die Werbekrise. Das ist eine unbequeme Erkenntnis. Renate Köcher aus Allensbach kann auf das deprimierendste darlegen, dass die Zeitungen seit den achtziger Jahren in kleinen Schritten den Bezug zu den jungen Lesern immer mehr verloren haben. Da war das World Wide Web noch gar nicht erfunden - es scheidet als einfache Ausrede aus. Die Krise des Journalismus wird vierzig."
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Europa

Auch Schweden schwenkt in der zweiten Corona-Welle um, schreibt Matthias Wyssuwa im Leitartikel der FAZ. Das von der Gesundheitsbehörde unter Anders Tegnell gepriesene Laissez-faire, das sich viele Corona-Skeptiker hierzulande gern zum Vorbild genommen hätten, führte unter anderem zu vielen Toten in Pflegeheimen. Und es gibt bis heute "keine Corona-App in Schweden und keine klaren Vorgaben zum Tragen von Masken. Nach einer Phase mit niedrigen Zahlen im Sommer liegt die 14-Tages-Inzidenz auf 100.000 Einwohner jetzt bei 634. In Deutschland steht sie zurzeit bei 304. War die Zufriedenheit mit dem eigenen Weg auch in Schweden lange groß, scheint sich das zu ändern. Jüngste Umfragen zeigen, dass das Vertrauen in die Behörden im Allgemeinen und in Tegnell im Speziellen abnimmt."
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Stichwörter: Schweden, Coronakrise, Corona

Politik

In der nordöstlichen Region Nigerias sind wohl von Boko Haram 110 Landarbeiter umgebracht worden, die in der dortigen Reisproduktion arbeiteten. Dominic Johnson wertet in der taz die Informationen über das Massaker aus. Die Islamisten vermuteten offenbar, das einer von ihnen von den Arbeitern bei der Polizei angezeigt worden war. Johnson zitiert einen Zeugen, der wegrennen konnte, als er sah, dass seinen Kollegen die Kehle durchgeschnitten wurde. Ein weiterer erzählte, was mit den anderen geschah: 'Sie wurden in ein Haus am Rand von Garin-Kwashebe gebracht. Nach ein paar Stunden wurden sie einzeln herausgeholt und befragt, ob sie mit der Verhaftung etwas zu tun gehabt hatten. Jeder, der aus dem Haus geführt wurde, wurde geschlachtet wie ein Tier.'"

Der Waffenstillstand für Bergkarabach hat "wenig Perspektive", schreibt der ehemalige Diplomat Rüdiger Lüdeking ebenfalls in der taz. Er kritisiert die EU, die dem Konflikt teilnahmslos zugesehen hätte: Auch "die Vereinten Nationen und die OSZE haben die untrüglichen Anzeichen für das aserbaidschanische Sinnen auf Revanche für die Niederlage im ersten Krieg um Bergkarabach nicht zur Kenntnis genommen. Zudem haben sie dem Handeln der Konfliktparteien sowie Russlands und der Türkei tatenlos zugesehen. Auch die Nato wäre gefordert gewesen. Sie hätte ihr Mitglied Türkei in die Schranken weisen müssen."
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Gesellschaft

Letzte Woche beschloss die Bundesregierung ein Antirassismusprogramm, für das sie eine Milliarde Euro bereitstellt und insgesamt 89 Maßnahmen vorsieht. Eine davon ist eine noch intensivere Förderung des von Naika Foroutan geleiteten "Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung" (Dezim), dessen jetzt schon ansehnliche Ausstattung von bislang 6,8 Millionen Euro weiter verbessert werden soll. In einer Presseerklärung (hier als pdf-Dokument) äußert sich das Institut erfreut, mahnt aber weitere Schritte an. Foroutan schreibt: "Um die Forschung zu Rassismus in Deutschland zu stärken und dieses Forschungsfeld an deutschen Hochschulen zu verankern, müssen entsprechende Professuren geschaffen werden. Ein Ministerium, das sich allen zentralen Belangen unserer Einwanderungsgesellschaft widmet, wäre ebenfalls ein echter Meilenstein gewesen. Hier gibt es noch Gestaltungsmöglichkeiten für die nächste Bundesregierung." Die Bundesregierung erläutert ihr Programm ebenfalls in einem pdf-Dokument.

In der NZZ übt die Historikerin und Migrationsforscherin Sandra Kostner scharfe Kritik am Begriff "struktureller Rassismus". Der, meint sie, ist nur Teil einer Appeasementpolitik, empirische Belege für seine Existenz gibt es so gut wie nie. "Der Begriff struktureller Rassismus dient dazu, staatliche Interventionen als unabdingbare Notwendigkeit zu begründen. 'Rassismus' erfüllt dabei eine moralische Funktion; 'strukturell' wird verwendet, um Rassismus auf eine abstrakte - und damit nicht greif- und belegbare - Ebene zu verlagern. Solange Rassismus konkreten menschlichen Handlungen zugeordnet werden kann, ist er belegbar. Lassen sich solche Handlungen nicht in hinreichend großer Zahl nachweisen, entfällt der moralische Druck auf die Institutionen, sich für die Ziele der Aktivisten zu öffnen. Der strategische Vorteil eines Rassismusbegriffs, der nicht von individuellen Handlungen abhängig ist, liegt auf der Hand."

Die meisten Bürger sind fest überzeugt, sich an die Corona-Regeln zu halten. Wenn man genauer hinguckt, stimmt das jedoch nicht, notiert Werner Bartens in der SZ: Hier die Seniorin, die sich mit Freundinnen zum Kaffee trifft, aber nur mit "Gerda, Elvira und Marlene, die kenne ich doch". Dort das Dorf, in dem "jeden Abend Party" ist, weil auf dem Land, "da kennt man sich. Da kann man einander vertrauen. Und wer sich vertraut, steckt sich nicht gegenseitig an, oder? Blöd nur, dass sich das Virus von ländlicher Idylle nicht abhalten lässt. Wer sich zuletzt die Kreise mit der höchsten Inzidenz eingeprägt hat, kann demnächst bei 'Stadt Land Fluss' mit Ortsnamen wie Traunstein, Freyung, Grafenau, Hildburghausen oder Bautzen punkten." Besser fahren Depressive, lernt Bartens: "Sie bewerten ihre Infektionsgefahr als höher als die Nicht-Depressiven. Dieser Sadder-but-wiser-Effekt besagt, dass Traurige oftmals klüger sind und zu einer realistischeren Einschätzung der Realität kommen. Für den Kampf gegen die Pandemie ist das eine geradezu trübsinnige Pointe: Die seelische Verstimmung in Zeiten der Seuche könnte dabei helfen, sie besser zu überstehen."
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Ideen

Der Philosoph Otfried Höffe denkt in der NZZ darüber nach, was Freiheit heute noch bedeuten kann, obwohl einige Hirnforscher seit dreißig Jahren behaupten, es gebe keine Freiheit. "Dem trete ich mit einem einzigen Argument entgegen, dem eines pragmatischen Widerspruchs. Obwohl freiheitsskeptische Hirnforscher die Freiheit unter einem Berg von Zweifeln begraben wollen, bleiben wir in unserem täglichen Leben davon so gut wie unberührt. Die Wissenschaftler verhalten sich nicht anders. Während ihre Äußerungen die Freiheit bestreiten, nehmen sie sie kräftig in Anspruch, was die Philosophie einen pragmatischen Widerspruch nennt."

Thomas M. Eppinger kritisiert bei Mena-Watch die Voreingenommenheit der heutigen "woken" Linken für das Religiöse: "'Religionskritik' galt noch vor wenigen Jahren als linke und liberale Domäne. Nicht aus innerem Antrieb, sondern auf Druck der Gesellschaft haben sich die christlichen Kirchen in vielen Aspekten liberalisiert und in ihre gesellschaftliche Rolle eingefunden. Doch fordert man heute von Muslimen, was man den Christen abgetrotzt hat, wird man schneller als 'rechts' abgestempelt als man 'Aufklärung' sagen kann."
Archiv: Ideen