9punkt - Die Debattenrundschau

Es sei denn, wir finden den Mut

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.01.2015. "Wir sind ein Volk", titelt Libération nach der ungeheuren Pariser Demo gestern Nachmittag. Aber die französischen Medien stellen jetzt auch Fragen für den "Tag danach". Die Morde im jüdischen Supermarkt werden erst jetzt wirklich thematisiert. Die Geiseln waren keine Geiseln, schreibt Rue89, sondern Ziele. Deutsche Blogger kritisieren den Aufruf deutscher  Zeitungsverleger nach dem Attentat auf Charlie Hebdo als Lobbyismus. Im Guardian fragt Nick Cohen nach dem Ausmaß britischer Selbstzensur.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.01.2015 finden Sie hier

Europa



Die Demo in Paris gestern, vom Monument auf der Place de la République aus gesehen. Antoine Walter hat das Foto unter CC-Lizenz bei Flickr publiziert.

Xavier de La Porte hat in Rue89 ein paar recht nüchterne Fragen für "den Tag danach": "Warum haben die Geheimdienste das Attentat nicht kommen sehen? Wie ist zu erklären, dass nicht wenigstens einer der drei Attentäter überwacht worden ist? Premierminister Manuel Valls hat von "Versagen" gesprochen, wie weit geht es? Wie konnte all dies nach der Verschärfung der Antiterrorgesetze geschehen?" Und Libération titelt: "Wir sind ein Volk."

Jeffrey Goldberg hat für den Atlantic ein Interview mit Manuel Valls geführt, der für einen Politiker der Linken in Frankreich erstaunlich klare Worte gegen den Antisemitismus fand, auch Formen des Antizionismus verurteilt und in der großen Synagoge von Paris gestern mit Applaus empfangen wurde. Goldberg zitiert ihn: ""Um zu verstehen, worum es in der Idee der Republik geht, muss man die zentrale Rolle der Emanzipation der Juden verstehen. Sie ist ein Grundprinzip." Valls, ein Sozialist, dessen Eltern aus Spanien eingewandeert sind, beschreibt einen drohenden Exodus französischer Juden so: "Wenn 100.000 Leute spanischen Ursprungs Frankreich verließen, würde ich nie sagen, dass Frankreich nicht mehr Frankreich ist. Aber wenn 100.000 Juden gehen, dann wäre Frankreich nicht mehr Frankreich. Die franzöische Republik wäre gescheitert."

Auf die Kritik Daniel Cohn-Bendits an französischen Medien, die nach den Morden in dem jüdischen Supermarkt zunächst nur von "vier getöteten Geiseln" sprachen, haben wir bereits gestern verlinkt. Die "vier Geiseln waren alles andere als Geiseln", schreibt auch Pascal Riché in Rue89: Eine Geisel ist nach Artikel 244 des Code Civil "eine Person, derer man sich bemächtigt und die mal als Druckmittel einsetzt"... Amedy Coulibaly hat keine Forderungen gestellt. Er ist in das Geschäft eingedrungen und hat sofort Yoav Hattab, Philippe Braham und François-Michel Saada exekutiert. Yohan Cohen, 23, hat danach mit bewunderungswürdigem Mut versucht, eine der Waffen des Terroristen zu nehmen. Er ist durch eine Kugel in den Kopf ermordet worden. In der Tragödie des koscheren Supermarkts handelte es sich also nicht um Geiseln, sondern um Ziele."

Dass weitere Supermarktkunden gerettet werden konnten, verdanken sie einem stillen Helden, Lassana Bathily, der wie der Attentäter malischen Ursprungs und Muslim ist, berichtet der Parisien. Er wies ihnen den Weg in die Kühlkammer des Supermarkts und schaltete die Kühlung ab.

Im Interview mit der FAZ regt sich der Kabarettist Dieter Nuhr darüber auf, dass die Bedrohung von Islamkritikern lange Zeit kleingeredet wurde, die Kritiker gar als rechts oder "islamophob" beschimpft wurden: "Auf der Linken übersieht man leider gerne, dass der radikale Islamismus mit dem Urfeind der Linken, dem Nazismus, überwältigend viel gemeinsam hat: Der Jude, der an allem schuld ist, die Bewertung jeglicher Kritik als feindliche Aggression, die Sicherheit, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein, die Kampfbereitschaft bis auf den Tod, die Aufstiegsmöglichkeiten in der Hierarchie der Bewegung für Underdogs, der Ehrbegriff und vieles mehr." Damit werde man sich als Muslim "auseinandersetzen müssen, so wie ich mich als Deutscher damit auseinandersetzen muss, was in deutschem Namen passiert ist".

Das sieht auch Maritta Tkalec so. Die einst stolze DDR-Bürgerin und überzeugte Sozialistin weiß, wie schwer es ist, sich rückblickend den Tatsachen zu stellen. Dennoch sollten die Muslime dies tun, ermuntert sie in der Berliner Zeitung: "In diesen Zeiten droht ein hässliches Bild vom Islam die Hoheit zu gewinnen, infolge des Tuns von Islamisten und auch jener, die eine vermeintliche Gefahr durch Islamisierung delirieren. Aber den respektablen, guten Islam in seiner noblen Position zu halten, das können und müssen die Muslime selber tun. Nur Mut."

Und Mut braucht es tatsächlich, für alle. Das postheroische Zeitalter ist vorbei, erklärt der Kunsthistoriker Horst Bredekamp im Interview mit der SZ: "Wer sich die Freiheit nimmt, auf der unsere Kritikfähigkeit beruht, wird in Zukunft unter Todesdrohung stehen. Dies auszuhalten und Institutionen zu finden, die diese Freiheit weiterhin beschützen, ist von Stund an die Aufgabe. Ein fundamentales Umdenken steht uns bevor: Meinungsfreiheit kann Leben kosten. Wir werden sehen, welche Konsequenzen das hat - wird es eine Bildpolitik der Konfliktvermeidung geben? Oder halten wir stand, in den Redaktionen, an den Universitäten, in der Kunst und in der Politik?"

In der englischen und amerikanischen Presse überwiegen Kommentare, die nach dem Anschlag in Paris weniger um die Meinungsfreiheit fürchten als darum, die Anschläge könnten den angenommenen Rassismus der französischen Gesellschaft verstärken. Als Beleg für diesen Rassismus werden nicht selten die Cartoons von Charlie Hebdo selbst genommen. So schreibt Teju Cole im New Yorker: "Man kann das Recht auf obszöne und rassistische Meinungen verteidigen, ohne diese Meinung selbst weiter zu verbreiten. Mann kann das Sakrileg befürworten, ohne Rassismus zu befürworten. Und man kann Islamophobie als unmoralisch verurteilen ohne sie illegal machen zu wollen."

Im Observer bezieht Nick Cohen dagegen ganz klar Gegenposition: Gerade die britische Presse, meint er, sei die feigste der Welt. Würden sie wenigstens sagen, dass sie die Karikaturen aus Angst nicht abdrucken: "Statt dessen leben die meisten Journalisten seit Jahren eine Lüge, ebenso wie viele Menschen in den Künsten, der akademischen Welt und der Comedy. Wir greifen die Mächtigen an - und wollen dafür bewundert werden - aber nur, wenn diese Mächtigen keine paramilitärische Macht sind, die uns töten kann. Die Massenmörder der Cartoonisten und des Polizisten bei Charlie Hebdo, und die Angriffe auf Juden, die so viele der schlimmsten Erinnerungen an den europäischen Faschismus weckt, lassen das Schlimmste erwarten. Die Selbstzensur wird sich ausbreiten, und nicht nur in den Medien. Es sei denn, wir finden den Mut, unsere Angst zu überwinden."

Außerdem: Im Tagesspiegel erklärt ein nervöser Ralf König, warum er seine Mohammed-Karikaturen zurückgezogen hat. Im New York Observer erklärt ein ebenfalls ziemlich nervöser Robert Crumb, warum er den Arsch von Mohammed gezeichnet hat, nicht sein Gesicht. Das Spike Magazine skizziert, was geschehen wäre, wäre Charlie Hebdo in Britannien gegründet worden: Zehn Schritte in zehn Wochen bis zur erzwungenen Einstellung des Magazins.
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