Spätaffäre

Das wimmelnde, isolierte Ich

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15.04.2014. In The New Republic begreift Adam Thirwell mit dem ausgeschlossenen Gottfried Benn die Schande als ästhetische Form. WDR5 geht mit Italien auf Irrfahrt durch Europa, der Deutschlandfunk denkt über Helden in den neuen Fernsehserien nach. Auf arte singt Juliette Gréco. Und Peter Müller schickt eine Flaschenpost aus dem alten West-Berlin.

Für Sinn und Verstand

In The New Republic singt der britische Autor Adam Thirlwell eine Hymne auf Gottfried Benn, von dem Michael Hofmann gerade eine Auswahl von Gedichten ins Englische übersetzt hat, 24 Gedichte aus der Zeit von 1912-47 und 48 Gedichte aus der Zeit von 1949-55. Thirlwell ist mit diesem Schwerpunkt auf die letzten Jahre von ganzem Herzen einverstanden: Denn hier zeigt sich die Ausgeschlossenheit Benns, der von den Nazis wegen seiner expressionistischen Gedichte und von den Demokraten nach 45 wegen seiner frühen Sympathien für die Nazis verachtet wurde. "Das Wort 'ausgeschlossen' ist der Schlüssel zu Benns spätem Stil. Dies ist es, was Benn so ungewöhnlich macht und so notwendig in dieser munteren Neonära. Dies ist nicht die Zeit für eine ernste Sprache - für peinliche, anstößige moralische Begriffe wie 'Feigheit' und 'Korruption'. Und doch kann man auf solche Begriffe nicht verzichten, trotz allem. Und es ist Benn, der aus dieser moralischen Grauzone heraus spricht. Er gibt der Schande eine ästhetische Form. Er erfuhr das Leben als totale Niederlage und in dieser Schande entdeckte er eine Art nihilistischer Weisheit. In Benns Poesie war die wirkliche Bedeutung von Schande nicht Reue. Nein, ihre wirkliche Bedeutung war Isolation. In der Schande lebend erfuhr er, wie leicht man von jeder Gemeinschaft getrennt werden kann. Diese Isolation führte für ihn zu absoluter Desillusionierung. Die einzige Wahrheit, an die er glauben konnte, war die Wahrheit, auf die er immer vertraut hatte: das wimmelnde, isolierte Ich."

Michel Houellebecq ist derzeit allgegenwärtig: Gerade hat er den Arte-Film "„L'Enlèvement de Michel Houellebecq“" (Die Entführung von Michel Houellebecq) abgedreht, in dem er sich selbst spielt, und jetzt werden seine Texte auch noch gesungen. In einem Gespräch zwischen dem Sänger Jean-Louis Aubert und Houellebecq erzählt der Musiker in Le Point, wo er auf Houellebecqs Buch gestoßen ist: in einem Tabakladen. Houellebecq meint folgerichtig zu dem Musikprojekt: "„Das ist doch was, das ein totalitärer oder vielmehr größenwahnsinniger Geist wie ich nur hinreißend finden kann: Die Vorstellung, dass jemand, ohne es vorgehabt zu haben, das Buch kauft und sich meinen Text zu Herzen nimmt, erheitert mich zutiefst. Ja, ich bin ein Größenwahnsinniger. Aber ein netter.“"

Für die Ohren

Für den WDR5 haben Bernhard Pfletschinger und Catrin Dingler "Italiens Irrfahrt nach Europa" untersucht. Sie fragen sich, warum die Italiener, nachdem sie so lange Silvio Berlusconi wählten, jetzt dem Komiker Beppe Grillo folgen: "Die Autoren begleiten Grillo auf seiner Wahlkampftour und befragen den Literatur-Nobelpreisträger Dario Fo zur Rolle der Komödianten in der italienischen Geschichte und Gegenwart. Der Schriftsteller Robert Menasse, der sich für ein Buchprojekt ein Jahr im Zentrum der EU in Brüssel aufhielt, fürchtet die Narren nicht: für ihn sind sie die letzten Vertreter europäischer Nationalstaaten, die sich auflösen. Bei den Wahlen zum Europäischen Parlament wird ein Sieg der Rechtspopulisten befürchtet. Italien übernimmt danach die EU-Ratspräsidentschaft." Hier zum Hören (ca. 50 Minuten)'

Mit den amerikanischen Qualitätsserien der letzten Jahre ging auch eine einschneidende Veränderung der Heldenfigur einher, beobachtet Barbara Sichtermann in einem Radioessay für den Deutschlandfunk nach der Sichtung von Serien wie "Mad Men", "Dexter" oder "Breaking Bad": "Die Figur des Helden erfährt eine radikale Wandlung. Sie ist nicht mehr einfach nur ein gebrochener Charakter, der Fehler macht wie wir alle. Sie entfernt sich auf eine Weise von den 'Guten', die es dem Publikum trotz intensiven Mitfieberns nicht mehr möglich macht, sich mit ihr zu identifizieren." Hier kann man die Sendung nachhören. (29 Minuten)

Für die Augen

Auch mit mittlerweile 85 Jahren singt Juliette Gréco ihre Chansons noch voller Inbrunst. Arte porträtiert die Musikerin in "Juliette Gréco - Die Unvergleichliche" - hier in Mediathek. (72 Minuten)

Eine Reise in die Vergangenheit des alten West-Berlins: In seinem Kurz-Dokumentarfilm "Menschen, Häuser" aus dem Jahr 1983 wirft der Regisseur Peter Müller einen Blick in die von der Stadterneuerung betroffenen Quartiere in Kreuzberg. Eine atmosphärisch dichte Flaschenpost aus den frühen 80ern. Auf Youtube in voller Länge vom Regisseur hochgeladen:


Stichwörter: Mediatheken, Chanson