Spätaffäre

Eine ganze Reihe von Reflexen

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
03.03.2014. Zum Sehen eine Reportage über die Freiheit der Kunst in Putins Russland und eine Doku zum Bergarbeiterstreik 1984 in Großbritannien. Zum Hören gibt es Harry Lachners Essay über die Idee des Karnevals. Und Greg Afinogenov analysiert in n+1, wie liberale Stimmen in Russland als vaterlandslose Gesellen diffamiert werden.

Für die Augen

Die Amnestie für Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um die Freiheit der Kunst in Putins Russland schlecht bestellt ist. In der 3sat-Reportage "Pussy Riot und andere Sünden" kommen oppositionelle Künstler zu Wort und berichten von ihren aufreibenden Auseinandersetzungen mit der Regierung. (52 Min.)

Thekla Dannenberg bespricht in ihrer Koumne Mord und Ratschlag David Peace' Thriller "GB 84", der die Niederschlagung des Bergarbeiterstreiks in der fühen Thatcher-Ära zum Thema hat. Auf Youtube finden wir eine interessante Dokumentation zu der Zeit: "Margaret Thatcher - Taking on the Unions". Frage: Wie konnte eine Reform in einen solchen Konflikt führen. Die Dokumentation wurde vom Daily Telegraph herausgebracht und umfasst auf Youtube acht etwa halbstündige Episoden (Teil1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 6, Teil 7, Teil 8) Der Film über die Gewerkschaften ist Teil 5:

Für die Ohren

Wem die Idee des Karnevals noch immer fremd ist, dem bringt Harry Lachner mit seinem Essay "Masken der Ordnung" im Deutschlandfunk die Grundzüge der Lachkultur, der Groteske und des dionysischen rausches nahe: "Freiheit entsteht aus dem Geist des Rausches, aus der Blasphemie des Lachens." (30 Minuten)

Auf Deutschlandradio Kultur hat sich Dieter Kassel mit dem Filmemacher Felix Moeller über 40 indizierte NS-Filme und seine Doku "Verbotene Filme - Das verdrängte Erbe des Nazi-Kinos" unterhalten. Sind diese Filme heute noch gefährlich? Felix Möller hat für seine Dokumentation Kinobesucher in Deutschland, Frankreich und Israel befragt (10 Minuten).
Stichwörter: Blasphemie

Für Sinn und Verstand

In der New York Review of Books stellt Timothy Snyder klar, dass Janukowitschs Oligarchen das reaktionäre Regime war, vor dem die russische Propaganda so gern warnt. Die rechte Svoboda-Partei hat aber durchaus eine wichtige Rolle bei der Revolution gespielt, erklärt er in einem interessanten Hintergrundstück: "Als sie auf die Barrikaden ging, hat sie sich selbst von dem Regime befreit, dem sie als Bollwerk diente. Eine von Janukowitschs moralischen Grausamkeiten war es, die gemäßigt rechte Opposition zu zerschlagen und die Opposition der extremen Rechte zu unterstützen. Indem er seine größte Gegnerin Julia Timoschenko ins Gefängnis warf, konnte Janukowitsch die Demokratie zu einem Spiel machen, in dem nur noch er und die extreme Rechte mitspielten." Aber die Rechnung ging nicht auf: "Gegen den Willen ihrer Parteiführer kämpften jungen Svoboda-Mitglieder in großer Zahl an der Seite von Menschen mit ganz anderen Vorstellungen. Sie kämpften, brachten sich in Gefahr und starben, manchmal um andere zu retten. In postrevolutionären Situationen werden sich diese junge Männer eine neue Führung suchen."

Außerdem: Drew Gilpin Faust liest das voraussichtlich letzte Buch des Historikers David Brion Davis, "The Problem of Slavery in the Age of Emancipation". Und Edward Mendelson stellt den "geheimen Auden" vor.

In n+1 analysiert Greg Afinogenov die ersten 16 Minuten der russischen Nachrichtensendung Vesti nedeli vom 16. Februar (Video), die beispielhaft ist für den offiziellen russischen Umgang mit oppositionellen Stimmen. Angegriffen werden vom Moderator Dmitrii Kiselev in den ersten Minuten der liberale Journalist Viktor Shenderovich und der Dichter Igor Irten'ev, dessen eigentlicher Name, wie Kiselew enthüllt, Rabinovich ist. "In Nazideutschland, erklärt Kiselev finster, wären beide in Konzentrationslager verschleppt worden. Es lohnt sich, darauf näher einzugehen. Die Beschwörung des Jüdischseins beider Autoren dient der Aktivierung einer ganzen Reihe von Reflexen, die in den Pathologien von Nachkriegsrussland begründet liegen. Das Stereotyp lautet, dass die Juden wurzellose Kosmopoliten sind, ohne echte Anhänglichkeit an ihr Land, willens jeden zu verraten, wenn es ihnen nützlich erscheint. Sie sind schwache Feiglinge, die sich vor dem Kriegsdienst drückten, als echte Russen für sie starben, die aber gern das Opfer spielen. Über all dem sind sie eng verbunden mit der angeblich liberalen Ära der 1990er Jahre, als russische Politik vor allem von jüdischen Oligarchen dominiert war. All diese Assoziationen sind für den russischen Zuschauer sofort erkennbar, der diese Narrative sehr gut kennt, auch wenn er selbst kein Antisemit ist."