Magazinrundschau - Archiv

Le point

157 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 16

Magazinrundschau vom 16.11.2004 - Point

Der Philosoph und Soziologe Edgar Morin ist inzwischen 83 Jahre alt und bringt den sechsten Band seines Riesenunternehmens "La methode" heraus. Im Interview mit Le Point äußert er sich extrem pessimistisch über den Gang der Dinge: Die Welt "schreitet auf die Katastrophe zu". Mit Entsetzen beobachtet Morin die Rückkehr der Religionen und definiert den Nahen Osten als seismischen Punkt, "wo sich alle Konflikte zu gleicher Zeit abspielen: der Konflikt der Religionen gegeneinander, der Konflikt von Religion und Laizität, der Konflikt der Armen gegen die Reichen und der alternden Demografie gegen die Überbevölkerung. Und in dieser Region ist der israelisch-palästinensische Konflikt ein wahrer Krebs. Er streut seine Metastasen bis nach Frankreich aus, wo die Identifikation sehr stark ist, weil es sowohl eine starke arabische als auch jüdische Bevölkerung hat ... Es ist eine schwankende Welt, auf die der Dschihad von Al Qaida unabsehbare Folgen hat."

Magazinrundschau vom 01.11.2004 - Point

In seinem jüngsten Buch "Le discours de la haine" (Plon) führt der Philosoph Andre Glucksmann (mehr) aus, dass "zerstörerische Kräfte" für die Zukunft der Menschheit noch nie so bedrohlich waren wie heutzutage. In einem Gespräch mit dem Philosophen und Journalisten Roger-Pol Droit erläutert er seine These, wonach die USA "eines der Hauptziele des Hasses unserer Zeit" geworden seien: "Der Antiamerikanismus ist zur Ideologie geworden, der einzigen, die weltumspannend vorherrscht. In meiner verrückten Jungendzeit waren wir gegen den Vietnamkrieg, aber die Filme, die Lyrik, die Musik und die Literatur aus Übersee haben wir rückhaltlos bewundert. Über die derzeit gängige Vorstellung von 'zwei Weltanschauungen', also dass die europäische Kultur aus einem anderen Holz und der amerikanischen überlegen sei, hätten wir gelacht. (...) Der Hass auf Amerika ist ein Selbsthass, blind und selbstmörderisch. Er ist eine antiwestliche, vom Westen selbst erzeugte Ideologie wie zuvor andere. Der nihilistische Geist der Zerstörung und Selbstzerstörung ist im 19. und 20. Jahrhundert oft über Europa hinweggefegt."

Bernard-Henri Levy hat eigentlich nur ein Buch gelesen, nämlich "Frere Tariq", die gründliche Recherche von Caroline Fourest über den vermeintlich gemäßigten, in Genf residierenden Islamisten Tariq Ramadan (vgl. auch den in der letzten Magazinrundschau verlinkten Artikel in Al-Ahram). Aus dem Referat der in diesem Buch vorgebrachten Fakten macht Levy allerdings eine flammende Anklage gegen Ramadan, dem offenbar keine Regung des islamistischen Terrors fremd ist: Das reicht von Verbindungen zur Al-Qaida über Zustimmung zur Rushdie-Fatwa bis hin zur Unterstützung von Hamas-Selbstmordanschlägen. Levys Attacke mündet in Vorwürfe an die Linke, die das Bündnis mit dem Islamisten Ramadan suche: "Das Bild vervollständigt sich, wenn man sieht, wie dieser Mensch Bündnisse mit einem Teil der extremen europäischen Linken sucht - und zwar auf der Grundlage des Antizionismus und Antiamerikanismus. Es vervollständigt sich dadurch, dass Organisationen wie die Liga der Menschenrechte oder das Europäische Sozialforum in die Falle getappt sind und Ramadans Plädoyer für eine Anpassung des Laizismus an den Islam mit einem authentischen Laizismus verwechseln."

Magazinrundschau vom 25.10.2004 - Point

Er war ein genialer Schriftsteller - und ein "totales Arschloch": Louis-Ferdinand Celine. Philippe Almeras, Celine-Biograf und -Spezialist, legt nun einen "Dictionnaire Celine" (Plon) vor, in dem er auf über 800 Seiten und in fast 2.000 Stichwörtern "den ganzen Celine" in all seine Facetten abhandelt: etwa "den Briefschreiber, den schelmischen Liebhaber, das wahre und das vermeintliche Opfer, den Exaltierten, den Komödianten" - und eben auch "das kleine Arschloch". Im Anschluss an die Kritik ist ein Gespräch mit Almeras über seine Arbeit und seine Quellen zu lesen, in dem er auch den genialen "Schwindler" Celine vorführt: In seinem "Dictionnaire historique de Copenhague" erzähle er die Geschichte "seiner Verhaftung über den Dächern der Stadt, der Verfolgungsjagd über Kamine mit gezücktem Revolver. Ich bin hingefahren, habe das Gebäude angeschaut und mir gesagt: 'Wie soll das gehen, bei den Dachformen dort?' Ich habe eine Bewohnerin getroffen, die im letzten Stock wohnt und sie gefragt, ob ich mal schauen darf. Sie hat mir eine Terrasse gezeigt, auf die sie sich gerettet haben. Ich bin der einzige Celianer, der diese Wohnung besucht hat. Seine Version ist ausgeschlossen, es war ein Dachstübchen mit einer Luke. Lucette hätte sich da vielleicht durchzwängen können, er aber keinesfalls. (...) Er hat alles komplett verdreht."

In seiner Kolumne wirft Bernard-Henri Levy einen Blick auf den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf und sieht dort so viel Politik wie noch nie. "Man sagt, Amerika sei unpolitisch. (...) Das stimmt überhaupt nicht. In Amerika wurde - nach dem 11. September und mehr noch nach dem Beginn des Wahlkampfs, noch nie so viel politisch debattiert. Aufbruch. Spannung. Schlacht um Registrierung in den Wahllisten bis zum letzten Moment. Noch nie hat man in der Erinnerung Amerikas Überzeugungen mit solcher Heftigkeit aufeinanderprallen sehen. Ideen gegen Ideen. Die Rückkehr der Politik."

Magazinrundschau vom 18.10.2004 - Point

Zum Tode von Jacques Derrida druckt Le Point ein Interview, das Franz-Olivier Giesbert mit dem Philosophen geführt hat. Derrida kam nicht mehr dazu, es zu autorisieren - das Magazin veröffentlicht es dennoch, "für die Geschichte". Auf die Frage zu seinen Vorbildern und Einflüssen erklärt Derrida: "Ich habe Sartre bewundert und träumte naiv davon, nach seinem Vorbild ein Philosoph zu werden, der Romane schreibt. Später hat mich Gide sehr beeinflusst, den ich wie ein Irrer gelesen habe, von den 'Paludes' bis zu 'L'Immoraliste'. Für mich ist er kein Romancier, sondern ein Moralist, der uns sagte, wie wir leben sollten. Im Grunde ist die Philosophie für mich immer genau das gewesen: die Suche nach einer Ethik und einer Lebensweise." Außerdem geht es um die Dekonstruktion, das Verhältnis des Menschen zum Tier, die Religion und seine Bewunderung für Helene Cixous, Nelson Mandela und Charles De Gaulle.

In fünfzehn Punkten erklärt Bernard-Henri Levy in seiner Kolumne, was von Derrida bleiben wird. Punkt 8: "Für jene, die wie ich das Privileg hatten, ihn nicht nur zu lesen, sondern auch zu hören und in seiner Gegenwart lesen zu lernen, bleibt von Derrida die Geringschätzung der Philosophien der Unmittelbarkeit: Oh! der Bann, den er über das Denken der Intuition, der Verschmelzung mit dem Wahren, des gesunden Menschenverstands verhängt hat."

Magazinrundschau vom 11.10.2004 - Point

Nur kurz, aber für deutsche Liebhaber des Dramatikers vielleicht interessant: ein Hinweis auf ein Buch, das die politischen Ursprünge Jean Genets ortet. Francois Dufay formuliert es als Preisfrage: "Wer sang eine Hymne auf 'jene Bataillone blonder Krieger, die uns am 14. Juni 1940 seelenruhig in den Arsch fickten'" und die "Stukapiloten, die lachend den Tod säten"? Weder Celine noch Lucien Rebatet, sondern der Schriftsteller Jean Genet, die Ikone der intellektuellen Linken". Jean-Paul Sartre hatte ihn in seinem Buch "Saint Genet" von 1952 zu dieser Ikone gemacht und über Genets fortwährenden Antisemitismus mild hinweggesehen. Ivan Jablonka hat Genets Vergangenheit jetzt in dem Buch "Les verites inavouables de Jean Genet" ("Die uneingestehbaren Wahrheiten des Jean Genet") bei Seuil unter die Lupe genommen. Einen ausführlichen Artikel über das Buch brachte vor einigen Tagen auch schon der Figaro.

Magazinrundschau vom 27.09.2004 - Point

Le Point bringt ein umfangreiches bisher unveröffentlichtes Interview mit Michel Foucault (mehr), das der Philosoph und Journalist Roger-Pol Droit im Juni 1975, einige Wochen nach der Veröffentlichung von "Überwachen und Strafen", mit ihm geführt hat. Darin spricht Foucault - was er selten getan hat - über sich selbst, seine Ziele und seine intellektuelle Entwicklung. Zu Beginn des Gesprächs erklärt er, warum er sich weder als Historiker, noch als Philosoph bezeichnen möchte. Er sehe sich stattdessen eher als "Feuerwerker". "Ich stelle etwas her, das letztlich einem Krieg dient, einer Zerstörung. Ich bin nicht für Zerstörung, aber ich bin dafür, dass man weiterkommen, vorankommen, dass man Mauern einreißen kann. Ein Feuerwerker ist zunächst Geologe. Er betrachtet die Beschaffenheit des Geländes, die Falten, die Risse. Was ist einfach auszuhöhlen? Was wird widerstehen? Er beobachtet, wie die Festungen errichtet sind. Er prüft die Profile, die man als Versteck benutzen kann, oder dazu, einen Angriff zu unternehmen. Sobald all das genau markiert ist, bleibt noch das Experimentieren, das Tasten. Man schickt Kundschafter aus, postiert Wachen und verschafft sich Informationen. Dann legt man die Taktik fest, mit der man operieren möchte. Ist das eine Grube? Eine Falle? Ein Minenloch oder ein direkter Angriff? Methode ist letztlich nichts anderes als diese Strategie." Von Droit erscheint aus Anlass des 20. Todestages Foucaults außerdem in der Edition Odile Jacob ein kleiner Band über ihn.

Zu lesen ist des weiteren ein Porträt des Philosophen Paul Ricoeur (mehr), der zwei neue Bücher vorlegt ("Parcours de la reconnaissance", Stock und "Sur la traduction", Bayard), und der Schriftsteller Michel Tournier ("Der Erlkönig", mehr) würdigt Immanuel Kant anlässlich seines 200. Geburtstags. Und in seinem "Notizblock" verteidigt Bernard-Henri Levy den europäischen Verfassungsentwurf gegen die scharfen Angriffe des sozialistischen Politikers Laurent Fabius.

Magazinrundschau vom 13.09.2004 - Point

In einem umfangreichen Essay stellt der französische Philosoph und Journalist Roger-Pol Droit (mehr) den Begründer und Vordenker des Islamismus vor, den Schriftsteller und Dichter Sayyid Qutb (1906-1966, mehr hier und hier). Er schreibt: "In Qutbs kosmischer Vision, stellt sich das Volk Gottes (die wahren Muslime) den Juden und Christen entgegen, welche schon seit jeher und ohne Erfolg versucht haben, es zu vernichten ... Jene Passagen im Koran, welche zur Vergebung und Toleranz gegenüber den Juden anhalten, empfiehlt Qutb keinen Wert beizumessen." Sein "theologischer Totalitarismus" ziele auf einen "langen Krieg im Namen Gottes", jeglicher Laizismus gelte als "Verbrechen", jede "Freiheit zum Nichtglauben" werde abgelehnt. Als bestes Werk über das Denken von Qutb empfiehlt Droit "Mystique et politique. Le Coran des islamistes. Lecture du Coran par Sayyid Qutb, Frere musulman radical (1906-1966)." von Olivier Carre. Mehr journalistisch ausgerichtet sei dagegen das Buch des amerikanischen Autors Paul Berman "Les habits neufs de la terreur" (Terror und Liberalismus), zu dessen französischer Ausgabe Pascal Bruckner ein Vorwort geschrieben hat.

In seiner Kolumne kommentiert Bernard-Henri Levy in dieser Woche das Drama von Beslan und bezeichnet die Geiselnahme von Kindern als "neuen Eskalationsgrad" des internationalen Terrorismus. Für eine derartiges "Gräuel" gebe es "keine Entschuldigung", auch die "bemitleidenswerte und tragische" Geschichte Tschetscheniens könne weder zur Erklärung noch zur Rechtfertigung der Verbrechen an den "kindlichen Märtyrern" herhalten. "Trotzdem. Ja, trotzdem darf uns diese Tatsache nicht davon abhalten, zumindest ein Minimum an kritischer Reflexion der Hintergründe und Begleiterscheinungen des Dramas anzustellen". So führt Levy etwa Putins Desinformationspolitik an, beklagt die "Al-Qaidisierung" Tschetscheniens und kritisiert die "beschämende" und "feige" westliche Außenpolitik gegenüber Russland. Levy fordert abschließend "die restlose Verurteilung dieses Faschismus unserer Zeit, den der Terrorismus islamistischen Ursprungs darstellt. Und zweitens die Ablehnung einer Politik, die zum Leid der Welt beiträgt und offensichtlich nichts in Ordnung bringt."

Magazinrundschau vom 06.09.2004 - Point

Bernard-Henri Levy kommentiert in seiner Kolumne die Entführung zweier französischer Journalisten und die Reaktion der französischen Öffentlichkeit auf die Verhandlungskünste der Regierung. "Liegt nicht in unserer Freude über die Aufrufe zur Vernunft durch libanesische Hisbollah-Führer oder Kämpfer der palästinensischen Hamas etwas Seltsames, ja extrem Beunruhigendes? Warum behaupten diejenigen, die sonst zu Mord an 'Juden und Ungläubigen' aufrufen, hier habe man sich im Ziel geirrt?" Es entpuppe sich hier der geheime Sinn jener "famosen arabischen Politik" Frankreichs, so Levy weiter, der darin gelegen habe "uns vor den Schlägen zu schützen. Ist das nicht alles furchtbar beschämend?"

Magazinrundschau vom 30.08.2004 - Point

Gleichzeitig in den USA, Großbritannien und Frankreich, aber nicht in Deutschland, so scheint's, erscheint Art Spiegelmans neuer Comic "In the Shadow of No Towers" (mehr hier und hier) über den 11. September. Le Point bringt ein schönes Gespräch mit dem Autor. "Wissen Sie, nach dem 11. September haben sich viele New Yorker der Lyrik zugewandt, um wieder Hoffnung zu schöpfen. Wie ich es im Buch sage - man hörte genauso viele Gedichtlesungen wie Polizeisirenen. Ich dagegen habe mich den Comics des frühen 20. Jahrhunderts zugewandt. Schon weil Hearst und Pulitzer, die damaligen Pressetitanen, sie keine zwei Schritt vom Ort der späteren Türme erfunden haben. Dann auch, weil die Comics, die am Sonntag in illustrierten Beilagen erschienen, immer noch da sind, obwohl sie eigentlich mit dem Fisch, der damit eingewickelt wurde, verschwinden sollten. Statt dessen sind die Türme, die man für unzerstörbar hielt, in zwei Rauchpilze aufgegangen. Das Buch ist auch eine Reflexion über die Flüchtigkeit."
Stichwörter: Spiegelman, Art, Le Point

Magazinrundschau vom 28.06.2004 - Point

Bernard-Henri Levy kommt in seiner Kolumne noch einmal auf die Affäre Cesare Battisti zurück. Der ehemalige italienische Terrorist, der der Gewalt inzwischen abgeschworen hat, soll entgegen einem einstigen Beschluss Mitterrands ausgeliefert werden - falls die Richter am Mittwoch nicht noch ein Machtwort sprechen. Levy gehört in der bitteren Debatte zu den Gegnern der Auslieferung und begründet es juristisch: Battisti hatte keinen ordentlichen Prozess und würde im Fall einer Auslieferung lebenslang ins Gefängnis kommen, ohne dass er sich je zu den Vorwürfen gegen ihn hätte äußern können: "Ich weiß, dass die französischen Richter das wissen. Ich weiß, dass sich der Justiziminister, so wie ich ihn kenne, Argumenten des Rechts, der Gerechtigkeit und Menschlichkeit nicht verschließt... Die Unschuldsvermutung muss gelten und Battisti demzufolge mehr denn je in den Genuss der französischen Gastfreundschaft kommen."