Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 25

Magazinrundschau vom 06.09.2005 - Nouvel Observateur

Der französische Islamforscher Gilles Kepel hat gemeinsam mit Studenten des Institut d'Etudes Politiques in Paris erstmals Schriften von vier führenden Ideologen des Dschihad übersetzt und kommentiert. Unter der Überschrift "Was al-Qaida wirklich meint" gibt Kepel einen Überblick seiner Analyseergebnisse. So bescheinigt er den Texten eine "unglaublichen Arabozentrismus. Das ist einer der Widersprüche von al-Qaida: Ständig werden Arabisch-Sein und Islamist-Sein durcheinander gebracht." Außerdem zeichneten sie sich durch "große geistige Armut" aus. "Wir sind weit entfernt von den Klassikern des mystischen Islam. Diese Schriften richten sich hauptsächlich an Jugendliche. Tatsächlich betonen sie vor allem, dass kein Muslim die Erlaubnis eines Übergeordneten, etwa der Eltern oder von Führern, braucht, um in den Dschihad zu ziehen."

In einem Gespräch unterhalten sich Paul Auster und Salman Rushdie über ihre schon lange bestehende Bekanntschaft und ihre neuen Bücher ("Brooklyn Follies" und "Shalimar the Clown"). In einer Sequenz erzählt Auster den Inhalt seines neuen Romans, in dem der Held "am 11. September 2001, eine dreiviertel Stunde vor dem ersten Anschlag, glücklicherweise das Krankenhaus verlassen kann". Rushdie: "Mein Gott! Du hast gewagt..." Auster: "Ja. 'Brooklyn Follies' ist ein Buch über das Leben davor." Rushdie: "'Fury', mein letzter Roman, ist am 11. September in die Buchhandlungen gekommen..." Auster: "Was für ein Timing! Ein Sammelband meiner Erzählungen ist am 12. September erschienen!"

Das Titeldossier beschäftigt sich mit der Frage, ob man die Psychoanalyse abschaffen soll; sowohl ihre Gegner als auch ihre Verfechter kommen zu Wort.

Magazinrundschau vom 30.08.2005 - Nouvel Observateur

Frankreich wird gar nicht fertig mit Michel Houellebecq, dessen neues Buch "La possibilite d?une ile" am Mittwoch erscheint. Der Nouvel Obs widmet dem "zu erwartenden Erfolgs- und Skandalroman" noch einmal sechs Beiträge. In einem Interview bezeichnet sich Houellebecq selbst als "Amateur-Prophet". Er spricht darin auch über seine Recherchen in der Rael-Sekte (mehr), deren seltsame Anschauungen er in seinem Roman verarbeitet. Als er die Sekte bei ihrer 30-Jahr-Feier im schweizerischen Crans-Montana besuchte, habe Le Monde das herausgefunden und ihm unterstellt, er sei ein Anhänger des Gurus Rael. "Das stimmt nicht: ich finde ihn einfach nur sympathisch. Und für einen Science Fiction-Fan wie mich sind seine Vorstellungen interessant." Er habe sich im Vorfeld des Schreibens viel mit Sekten beschäftigt und sich "schließlich für die entschieden, die mir am intelligentesten erschien. Ich weiß, dass es hier keinen kollektiven Selbstmord oder Geldgeschichten geben wird. Sie ist zeitgemäß, übt keinerlei moralischen Druck aus und verspricht vor allem Unsterblichkeit."

Zu lesen sind außerdem Auszüge aus dem Roman und aus einem Vorwort, das Stephen King für die amerikanische Ausgabe von Houllebecqs Essay über H.P. Lovecraft geschrieben hat. Weitere Artikel beschäftigen sich mit Houellebecqs Popularität außerhalb Frankreichs (hier) und zwei Büchern, die über ihn erschienen sind: eine unautorisierte Biografie des Journalisten Denis Demonpion ("Houellebecq non autorise. Enquete sur un phenomene", Maren Sell Editeurs) und ein "Pamphlet" von Eric Naulleau ("Au secours, Houellebecq revient!", Chiflet & Cie).

Im Debattenteil erläutert Wole Soyinka die These seines neuen Buchs "Un climat de peur", das bei Actes Sud erscheinen wird. "Es herrscht ein Klima der Angst auf der Welt. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Der wichtigste ist die Tatsache, dass der Dritten Welt, vor allem dem Nahen Osten, die Ungerechtigkeit in ihren Beziehungen zu den Großmächten und Industrieländern bewusst geworden ist, angefangen bei den USA, die auf die Welt eine politische und technologische Dominanz ausüben."

Magazinrundschau vom 23.08.2005 - Nouvel Observateur

Die französischen Magazine stehen in dieser Woche alle im Bann des neuen Romans von Michel Houellebecq, "La Possibilite d'une Ile" (Fayard), der am 31. August in die Buchläden kommt und um den es im Vorfeld jede Menge Geheimniskrämerei gab. Der Nouvel Obs prophezeit in seinem Ausblick auf den französischen Bücherherbst, dass es "der absolute Renner" werden dürfe. Die Science-Fiction Geschichte um die Hauptperson Daniel und ihre Klone geht mit einer Auflage von 200.000 Exemplaren an den Start. An das zu erwartende Verkaufsereignis hängen sich naturgemäß noch ein paar andere: So erscheint eine - nicht-autorisierte - Biografie des Le-Point-Journalisten Denis Demonpion über Houellebecq, die mit "Enthüllungen" aufwarten will. Eric Naulleau legt mit "Au secours, Houellebecq revient!" (Chiflet & Cie., mehr hier) einen Verriss vor und bezeichnet den Autor darin als "literarischen Absturz" (degringolade litteraire). Bei Cherche Midi erscheint schließlich eine "Verteidigung" durch Houellebecqs Freund, den spanischen Schriftssteller und Lyriker Fernando Arrabal (mehr); eine Gedichtzeile Arrabals stiftete den Titel von Houellebecqs neuem Buch.

Magazinrundschau vom 16.08.2005 - Nouvel Observateur

Ist nun die französische Küche in der Krise oder ist es nur der Guide Michelin? Die Titelgeschichte beschäftigt sich mit einem neuartigen Phänomen in der Hochgastronomie: der Rückkehr zur Vernunft. Immer mehr Restaurantbetreiber wollen der Hochpreispolitik und der "Diktatur des Michelin" entrinnen und geben in letzter Konsequenz auch schon mal einen der mühsam erkochten Sterne zurück. Ihr neues Credo: Man könne auch "ohne Chichi und Tralala" erstklassig und mit persönlichem Stil kochen. Die angesagten Jungköche aus der "Generation C." heißen: Fabrice Biasiolo ("Une auberge en Gascogne"), Benjamin Tourcel, Gilles Choukroun, David Zuddas. Der Nouvel Obs feiert sie schon als "Husaren der Tafel", die aufgebrochen seien, die französische Küche zu "entsakralisieren". Ein umfassend recherchierter Bericht stellt fest: "Die meisten Küchenchefs der neuen Generation lehnen das 'System' und den 'Druck' des Michelin ab. Sie lieben ihren Beruf leidenschaftlich, wollen aber nicht daran zu Grunde gehen. Und sie können die willkürlichen, dummen und öden Beurteilungen nicht mehr ertragen."

Zu lesen gibt es außerdem ein Interview mit Pascal Ory, Herausgeber des Buchs "Discours gastronomique francais des origines a nos jours" (Gallimard), über die abnehmende Bedeutung der französischen Küche und ein Porträt des Kochs Thierry Marx. Der bietet in seinem Restaurant Chateau Cordeillan-Bages im Medoc ein Menü für 60 Euro an. An jedem Tisch isst ein Gast umsonst - und muss im Gegenzug ein elaboriertes Urteil über die Kreationen des Küchenchefs fällen. Ergänzt wird das Dossier um ein kleines Lexikon der "angesagten Küche".

In der Reihe über Ethnologie nach Levy-Strauss schreibt die französische Anthropologin Barbara Glowczewski über ihre Forschungen zur "faszinierenden Kultur" der australischen Aborigines.
Stichwörter: Aborigines, Gallimard, Ethnologie

Magazinrundschau vom 02.08.2005 - Nouvel Observateur

In der Reihe über die Ethnologie nach Levy-Strauss interviewt Gilles Anquetil den in Paris lehrenden Afrika-Historiker Elikia M?Bokolo, der sich gegen "Ethnizismus" in Ethnologie und Geschichtswissenschaft wendet: "Die letzten Tempelwächter dieses Begriffs sind allerdings die Ethnologen... und die Sammler afrikanischer Kunst." M?Bokolo möchte dagegen einen offenen Begriff von Identität verfechten: "Der schlimmste Gefallen, den man den Afrikanern tun kann, ist sie in den Begriff der Ethnie einzuschnüren. Ethnien sind keine Wesenheiten, sondern Prozesse. Zu sagen 'ich bin Peul oder Bambara' heißt heute etwas anderes als in zehn Jahren. Es gibt kein ethnisches Schicksal. Aber es gab einen Ethnizismus, der zahreiche Tragödien und Genozide ausgelöst hat."

Magazinrundschau vom 19.07.2005 - Nouvel Observateur

Der Nouvel Obs eröffnet in seinem Debattenteil eine Sommerserie: Sechs Wochen lang werden Wissenschaftler und Forscher aus fünf Kontinenten berichten, was uns die Auseinandersetzung mit andere Kulturen und Gesellschaften heute noch bringen kann. Den Auftakt macht der ehemalige Schüler und nun Nachfolger von Claude Levi-Strauss am College de France, der Ethnologe und Sozialanthropologe Philippe Descola (mehr zu seiner Arbeit hier). Er erzählt in seinem Text von seinen Forschungsreisen zu den Jivaros, einem Amazonasstamm in Ecuador. Descola, der sich vor allem mit dem Gegensatz von Natur und Kultur beschäftigt, schreibt unter anderem: "Die Unterscheidung von Natur und Kultur ist uns eigen. (...) Andere Gesellschaften haben die Rollen indes anders verteilt. Wenn ein Indio ein Tier jagt, kann es vorkommen, dass dieses zu den geschützten Arten gehört. Aber für einen Jivaro ist die Vorstellung, ein Tier zu schützen genau so absurd, wie einen Nachbarn zu beschützen. Wovor denn? Der Nachbar, mit dem man Krieg führt, ist eben da, das ist alles. Er ist nicht vom Aussterben bedroht." In den kommenden Folgen geht es dann um Japan, Afrika, China, Australien und Indien.

In einem Artikel beschreibt Aude Lancelin das intellektuelle und literarische Netzwerk, mit dem sich der französische Premierminister Dominque de Villepin umgibt. Es reicht von Bernard-Henri Levy über die Schriftsteller Maurice Druon, Francois Nourissier, Jean-Christophe Rufin, Daniel Rondeau und den ehemaligen Chefredakteur von Le Monde Edwy Plenel. Etwas despektierlich schreibt Lancelin, das Image des dichtenden Präsidenten hinterlasse bei ihm den "unauslöschlichen Eindruck von einem Kitschästheten, der jederzeit imstande ist, vor Gewerkschaftern seinen Lautreamont zu schwingen".

Und wer will, kann auch in diesem Jahr dieses absolut demoralisierende Sommer-Quiz zur französischen Sprache machen. Immerhin: Die Auflösung befinden sich im gleichen Heft.

Magazinrundschau vom 05.07.2005 - Nouvel Observateur

Auf dem diesjährigen Festival d'Aix-en-Provence tritt Patrice Chereau mit einer Inszenierung von Mozarts Oper "Cosi fan tutte" an. In einem Interview bekennt Chereau, dass er seit seiner Kindheit nicht mehr im Theater war und erklärt, warum er Komiker nicht leiden kann: "Mit solchen Leuten kann ich nichts anfangen. Ich habe schon viel zu oft in meinem Leben Komödianten auf der Bühne getroffen. In der Regel sind das total nervige Leute, die die ganze Zeit um jeden Preis komisch sein wollen. Das lähmt mich. (...) Der Sänger Michel Senechal, der in 'Hoffmanns Erzählungen' mitgewirkt hat, hörte nicht auf, den Chor zum Lachen zu bringen und machte alle möglichen Faxen. Der Chor schüttelte sich vor Lachen. Ich überhaupt nicht. Also habe ich den Chor angeschnauzt."

Magazinrundschau vom 28.06.2005 - Nouvel Observateur

Im Interview erläutert der französische Sozialphilosoph Jean-Pierre Dupuy, warum er die Natur- und politischen Katastrophen des 20. und 21. Jahrhunderts in einen Zusammenhang bringt. Auf die Frage der Reporter, ob man denn diese Dinge miteinander verbinden dürfe, erklärt er: "Vergleichen heißt nicht vermengen. Mein Buch ("Petite Metaphysique des tsunamis", Seuil) ist eine kurze Einführung in die moderne Philosophie seit dem 18. Jahrhundert, die ich als von der Frage des Bösen verfolgt lese. Die großen Katastrophen, die naturbedingten ebenso wie die politischen, haben dermaßen viele Erdbeben zur Folge gehabt in der Art und Weise, wie wir das Böse darstellen. Ich folge der Spur dieser 'Tsunamis' und arbeite ihre Unterschiede wie auch ihre Ähnlichkeiten heraus. Auschwitz ist der Gipfel des beabsichtigten Bösen, aber das Wort, das wir benutzen, um dem Schrecken einen Namen zu geben, bezeichnet eine Naturkatastrophe: Shoah."
Stichwörter: Erdbeben, Shoah, Tsunami

Magazinrundschau vom 21.06.2005 - Nouvel Observateur

Das französische und niederländische Nein zur Verfassung hat Europa in eine "Identitätskrise" gestürzt, stellt der US-Ökonom und Europa-Theoretiker Jeremy Rifkin (mehr) in einem Debattenbeitrag fest. Er schreibt weiter: "Seltsamerweise steht in der aktuellen Debatte weniger die europäische Verfassung als die Zukunft des Kapitalismus auf dem Spiel, und das nicht nur in Europa, sondern weltweit. Die Europäer fragen sich zunehmend, ob das Modell der freien oder sozialen Marktwirtschaft der ideale Weg zu einer zukünftigen Wirtschaftsordnung ist. Die Referenden haben den französischen und niederländischen Wählern ein indirektes Mittel geboten, ihren Hoffnungen, Vorurteilen und Ängsten bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklung Ausdruck zu verleihen." Leider orientiere sich die aktuelle Diskussion darüber im Spannungsfeld der beiden Extrempole Kapitalismus-Sozialismus. Doch wenn es einer reformierten europäischen Sozialwirtschaft gelänge, die "Spannung zwischen dem Unternehmensgeist des Kapitalismus und der sozialen Solidarität des Sozialismus" im Gleichgewicht zu halten, könnte dies ein "Modell für den Rest der Welt" werden.

Magazinrundschau vom 14.06.2005 - Nouvel Observateur

Die Anhänger des "Nein" haben Europa vorgeworfen, im Namen der Globalisierung zu agieren, während die eigentliche Herausforderung außerhalb Europas, nämlich in Asien liegt, sagt der Demograph Emmanuel Todd, der Europa als einzigen Rahmen eines möglichen, von ihm persönlich befürworteten Protektionismus sieht. "Europa muss eine Macht werden. Angesichts des Aufstiegs der chinesischen Konkurrenz wird der Druck des Freihandels derart unerträglich, dass eine europäische Form des Protekionismus als unausweichlich erscheinen wird." Schon darum dürfe man Osteuropa nicht ausschließen wollen, so Todd weiter. Denn die wichtigste Wirtschaftsmacht in Europa sei nun mal Deutschland, und Deutschland brauche Osteuropa als Markt. "Für Deutschland ist Westeuropa zu klein."