Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

854 Presseschau-Absätze - Seite 47 von 86

Magazinrundschau vom 30.07.2013 - New Yorker

Der Schriftsteller Gary Shteingart hat im Selbstversuch Google Glass ausprobiert, womit man Netzdaten einblenden und seine Umwelt fotografieren oder filmen kann. Sein vorläufiges Resümee: "Das Beste daran ist bisher, die Reaktionen aufzunehmen, die die Brille auslöst. Als ich den Google-Laden verlasse, überquere ich einen breiten Fahrradweg, auf dem ich eine Woche zuvor fast überfahren worden wäre. Ein wütender Radler hatte mir damals ziemlich genau erklärt, wohin ich mir das iPhone stecken solle, auf dem ich abwesend herumgetippt hatte. Jetzt führt ein Beinahzusammenstoß mit einem offenbar kundigen Radfahrer zum Ausruf 'Ach, Glass!' ... Neuntklässler der Xavier High School laufen mir einen ganzen Block hinterher wie Kinder in den ärmsten Ländern der Welt einem nachlaufen, wenn man, sagen wir, einen Kugelschreiber hat."

Weiteres: Ariel Levy erzählt die Geschichte der Bloggerin Alexandria Goddard, deren Netz-Recherche und -Engagement dazu führte, dass zwei Mitglieder einer High-School-Football-Manschaft in Steubenville wegen Vergewaltigung einer betrunkenen Schülerin verurteilt wurden; bedeutsam ist dabei die - teilweise durchaus zweifelhafte - Rolle der soziale Medien inzwischen auch im juristischen Bereich (siehe zu diesem Thema auch weiter unten die New York Times). James Wood bespricht David Gilberts zweiten Roman "& Sons". Und David Denby sah im Kino James Ponsoldts Komödie "The Specatcular Now", Maggie Careys High-School-Komödie "The To Do List" und Paul Schraders Erotik-Thriller "The Canyons" nach einem Drehbuch von Bret Easton Ellis.

Magazinrundschau vom 23.07.2013 - New Yorker

Vor dem Hintergrund des Freispruchs von George Zimmerman und einer Anzeigenkampagne der nationalen Schusswaffenvereinigung NRA vom März diskutiert Jelanie Cobb ein merkwürdiges Missverhältnis in der Einschätzung, ob der Zugang zu Waffen in Amerika reglementiert werden sollte oder nicht. Es offenbart sich demnach in der unterschiedlichen Bewertung dieser Frage durch afro-amerikanische und weiße Bevölkerungsgruppen - und steht im Widerspruch zum Inhalt besagter Anzeigenkampagne, in der ein Schwarzer mit der Begründung gegen Beschränkungen eintrat, angesichts der Geschichte rassistischer Gewalt sei es für Schwarze geradezu "absurd", gegen Waffen zu sein. Cobb hält dagegen: "2010 machten Afro-Amerikaner dreizehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus und fünfundfünfzig Prozent aller Mordopfer ... Heute befürworten Weiße das Recht auf Waffenbesitz gegenüber seiner Einschränkung mit neun Punkten Vorsprung. Im Gegensatz dazu befürworten Afro-Amerikaner die Einschränkung gegenüber freiem Waffenbesitz mit einem Vorsprung von vierundvierzig Punkten ... Der Teil der Bevölkerung, der mit hoher Wahrscheinlichkeit Erfahrung mit Waffengewalt macht, ist damit zugleich am ehesten der Überzeugung, dass Waffen zu leicht zugänglich sind."

Weitere Artikel: Atul Gawande erklärt, warum sich technologische Innovationen in der Medizin oft nur langsam durchsetzen: Weil sich Normen und Standards eben nur im Gespräch von Mensch zu Mensch ändern. Emily Nussbaum unterzieht die TV-Serie "Sex and the City" einer Neubetrachtung und erklärt, wie sich die Serie um ihren guten Ruf brachte. Und David Denby sah im Kino Ryan Cooglers Drama "Fruitvale Station", das in Cannes den Preis für den besten Debütfilm gewann, und den neuen Film von Woody Allen "Blue Jasmine".

Magazinrundschau vom 16.07.2013 - New Yorker

Unter der nun wirklich vielversprechenden Überschrift "Operation Ostern - Auf der Jagd nach kriminellen Eiersammlern" berichtet Julian Rubinstein über die Arbeit schottischer und britischer Oologen - Vogeleierkundler -, denen Eierdiebe das Leben sauer machen. Dabei ist dieser Verstoß gegen den Naturschutz der einzige, der strafrechtlich verfolgt wird. Rubinstein traf Mark Thomas und Guy Shorrock, zwei Ermittler der Royal Society for the Protection of Birds, die berichten: "Die meisten Eiersammler scheinen nicht am Verkauf oder am Handel interessiert zu sein, sondern allein daran, sie zu besitzen. 'Das sind keine normalen Kriminellen', erklärt Shorrock ... 'Aber wir wissen, wer sie sind.' Thomas und Shorrock waren schon bei vielen Sammlern zu Hause, bei manchen mehrmals. Es hat fast etwas von einer großen Familie. Daniel Lingham, der bei sich daheim 3600 Eier gehortet hatte, brach in Tränen aus, als Thomas und die Polizei 2004 bei ihm aufkreuzten. 'Gott sei Dank, dass Sie gekommen sind', sagte er. 'Ich kann einfach nicht damit aufhören.'

Weitere Artikel: Christine Smallwood bespricht den neuen Roman "Big Brother" der in London lebenden amerikanischen Autorin Lionel Shriver, in dem sie das Schicksal ihres eigenen fettleibigen Bruders verarbeitet. Und Anthony Lane sah im Kino den Science-Fiction-Film "Pacific Rim" von Guillermo del Toro, den Thriller "Only God Forgives" von Nicolas Winding Refn und Joshua Oppenheimers Dokumentarfilm "The Act of Killing".

Magazinrundschau vom 28.05.2013 - New Yorker

Haben Sie auch manchmal Wochenendgäste? Dann kennen Sie das Problem. Autor David Sedaris spielt Gästezimmer-Gambit, aber er hat es leicht: "'Wenn Sie statt einer Badewanne eine Dusche vorziehen, kann ich Sie oben im zweiten Gästezimmer unterbringen', sagte ich. 'Es gibt dort auch eine Kofferablage.' Ich höre diese Worte aus meinem puppenförmigen Mund kommen und erschauere vor mittelalter Zufriedenheit. Ja, mein Haar ist grau und wird dünn. Ja, mein Penis ist undicht und lässt mich Urin tröpfeln, lange nachdem ich den Reißverschluss meiner Hose hochgezogen habe. Aber ich habe zwei Gästezimmer."
Stichwörter: Mittelalter, Penis, Hose, Zufriedenheit

Magazinrundschau vom 11.06.2013 - New Yorker

In einer lesenswerten Reportage, die allerdings gerade von den Ereignissen überholt worden ist, beschreibt George Packer, der in den siebzigern in Palo Alto zur Schule ging, wie sehr sich die Gegend, die mal Mittelklasse, egalitär, angenehm und etwas langweilig, aber auch politisch bewusst war, durch die IT-Industrie in Silicon Valley verändert hat. "Der Druck, der aus verschiedenen Richtungen im Valley entsteht - seine Arbeitsethik, Statusbewusstsein, Idealismus, Gier - war perfekt zusammengefasst in einer Anzeige für die Universität von San Francisco, die ich auf einem öffentlichen Bus sah: 'Werde rasend erfolgreich, ohne ein Idiot zu werden, den niemand mag. Ändere die Welt von hier aus.' Die IT-Industrie, die sich selbst von der Community abgesondert hat, mit der sie zusammenwohnt, hat die Bay Area transformiert, ohne von ihr verändert zu werden - in gewisser Weise, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. In der ganzen Geschichte von Silicon Valley haben die Manager einen libertären Instinkt an den Tag gelegt, so weit wie möglich von Politik und Regierung entfernt zu bleiben."

Den Vorgängen rund um die NSA-Spionageskandale hat der Perlentaucher eine eigene Presseschau gewidmet.

Magazinrundschau vom 14.05.2013 - New Yorker

Nathan Heller beschreibt eine Entwicklung an amerikanischen Eliteunis, die auch hier zu beobachten ist: die Digitalisierung der Lehre, also Lehrveranstaltungen am heimischen Laptop. Die so genannten MOOCs (für massive open online courses) werden ins Netz gestellt, auch Bewertungen, Tests und Scheinvergabe finden online statt: "Das erklärte Ziel ist demokratische Reichweite. 'Ich rechne damit, dass viele Angebote kostenlos oder fast kostenlos zugänglich sein werden', erklärte kürzlich John L. Hennessy, Präsident der Stanford University, in einem Artikel. 'Der Goldstandard kleiner, persönlicher Lehrveranstaltungen mit bedeutenden Lehrkräften wird erhalten bleiben. Daneben aber werden sich Online-Kurse als eine wirkungsvolle Studierwelt erweisen, vor allem gegenüber großen, vorlesungsartigen Kursen." Die Frage ist allerdings, ob das wirklich eine Demokratisierung des Studiums bedeutet, so Heller: "Zugang zu einer 'Eliteerziehung' mag mehr zu tun haben mit Zugang zur Elite als mit Zugang zum Lernstoff. Bill Clinton, ein Kind aus der unteren Mittelklasse in Arkansas, hätte möglicherweise eine gleichwertige Bildung erhalten, auch wenn er nicht in Georgetown, Oxford und Yale studiert hätte, aber er wäre nicht Präsident geworden."

Weitere Artikel: Paul Bloom bespricht drei neue Bücher, die sich mit dem Phänomen der Empathie bzw. Einfühlung befassen: "Sticks and Stones" von Emily Bazelon, "The Empathic Civilization" von Jeremy Rifkin sowei "Humanity on a Tightrope" von Paul R. Ehrlich und Robert E. Ornstein; die beiden letzeren "vertreten das schlagkräftige Argument, dass Empathie die Hauptantrieb menschlicher Entwicklung gewesen sei und wir mehr davon bräuchten, wenn unsere Spezies überleben soll". Und Emily Nussbaum erklärt, weshalb die sechste Staffel von "Mad Men" inzwischen "Heimweh nach sich selbst auslöst".

Magazinrundschau vom 07.05.2013 - New Yorker

Kelefah Sanneh porträtiert den amerikanischen Ethnologen David Graeber ("Schulden") und sein neues Buch "The Democracy Project" (hier mehr) als Anarchisten, der von "grimmigen und freudlosen" Linken so weit entfernt ist wie von Kapitalisten. Oder doch nicht? "Es gibt eine Spur von Askese in seiner Vision. Teil von Graebers Motivation, 2011 zum Bowling Green hinunter zu wandern, war seine Opposition gegen Bürgermeister Bloombergs 'drakonische Austeritätsbudgets', wie Graeber sie nannte. Graeber will moderne Schulden dämonisieren ohne die Schuldner dabei mit zu dämonisieren. Doch die Sprache wirtschaftlicher 'Austerität' zeigt eine verblüffende Analogie zu seiner Vision einer post-Schulden-Gesellschaft aus Menschen, die gelernt haben, im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu leben."

Außerdem: Dexter Filkins berichtet ausführlich über die Debatte, die im Weißen Haus über Syrien geführt wird.
Stichwörter: Askese, Graeber, David

Magazinrundschau vom 30.04.2013 - New Yorker

Steve Coll stellt zwei neue Bücher von Journalisten vor, die sich mit dem heiklen Problem der von der amerikanischen Regierung angeordneten Tötung politischer Gegner befassen: "Dirty Wars" von Jeremy Scahill, Reporter bei The Nation ("Schmutzige Kriege" erscheint im Oktober auf Deutsch bei Kunstmann, hier ein Auszug in The Nation) und "The Way of the Knife" von Mark Mazzetti, der für die Times arbeitet. "Ohne juristische Überprüfung oder öffentliche Debatte haben Missbrauch und Übergriffe in gewaltiges Potenzial. In einer der beunruhigendsten Passagen seines Buchs schreibt Mazetti, dass, als sich die Anzahl der Toten in Pakistan erhöhte, Obamas Behörde einmal behauptete, die gestiegenen Drohnen-Schläge hätten keinerlei Zivilisten getötet. 'Das hatte was von einem logischen Trick', schreibt Mazetti. 'Denn in einem Gebiet, das für militante Aktivitäten bekannt war, wurden alle Männer im militärfähigen Alter als feindliche Kämpfer angesehen. Deshalb wurde dort jeder, der bei einem Drohnen-Anschlag ums Leben kam, als Kämpfer eingestuft."

Außerdem: Nicholas Schmidle geht der Frage nach, ob man der UCK, der Befreiungsarmee des Kosovo, all die "grotesken" Kriegsverbrechen, die man ihr anlastet - vor allem das Ausweiden und den Verkauf von Organen serbischer Gefangener - auch tatsächlich wird nachweisen können; im Zentrum seiner ausführlichen Reportage steht der amerikanische Radiojournalist Michael Montgomery, der mithalf, das Massaker an 41 Kosovo-Albanern durch serbische Kräfte am 14. Mai 1999 aufzudecken. Und Emily Nussbaum stellt die zweite Staffel der TV-Serie "Veep" vor.

Magazinrundschau vom 16.04.2013 - New Yorker

Unter der Überschrift "Die Mars-Chronisten" porträtiert Burkhard Bilger die beiden entscheidenden Figuren hinter der gegenwärtigen Mars-Erkundung mit dem Rover "Curiosity": den Ingenieur Adam Steltzner und sein "Gegengewicht", den Geologen John Grotzinger: Ersterer habe sich gefragt, wie man dort hinkommt, Letzterer, was man dort wohl findet. Minutiös beschreibt Bilger die Probleme bei den Vorentwicklungen bis hin zum Countdown der Landung und den ersten, sensationell zu nennenden Entdeckungen unter anderem eines Seebetts. Vor dem Start des Rovers unterhielt sich Bilger mit Steltzner. "'Alles zusammengenommen liegen Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende menschlicher Beteiligung in diesem Ding', sagte er. 'Deshalb ist es für uns alle auf einer persönlichen Ebene eine große Sache.' Gefragt, wie er sich fühle, runzelte er die Stirn. 'Auf der Vernunftebene bin ich zuversichtlich, gefühlsmäßig graut mir', meinte er. 'Ich glaube aber, wir haben den Scheißkerl jetzt geknackt. Allerdings ist der Mars immer für eine Überraschung gut."

Weitere Artikel: Peter Schjeldahl besichtigt das wiedereröffnete Rijksmuseum in Amsterdam. David Denby sah im Kino Brian Helgelands Bio-Pic "42" über den Baseballspieler Jackie Robinson, der 1947 als erster Schwarzer in ein Team der Major Leagues aufgenommen wurde. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Mexican Manifesto" von Roberto Bolano.
Stichwörter: Bolano, Roberto, Mars, Rijksmuseum

Magazinrundschau vom 09.04.2013 - New Yorker

Susan Faludi erzählt die Geschichte der amerikanischen Feministin Shulamith Firestone, die verschiedene feministische Organisationen gegründet oder mitgegründet hatte und 1970 mit ihrem Buch "The Dialectic of Sex" ein feministisches Manifest vorgelegt hatte, das man auch heute noch radikal nennen würde (hier das erste Kapitel). Kurze Zeit später zog sie sich vollkommen aus der Bewegung zurück. Sie malte und schrieb, fühlte ihre Kreativität jedoch durch Medikamente beeinträchtigt, die sie wegen schizoider Schübe nehmen musste. 2012 starb Firestone verarmt und allein in ihrer New Yorker Wohnung. Es ist ein Schicksal, das sie mit nicht wenigen Feministinnen der zweiten Generation teilt, so Faludi. Einer der Gründe dafür war, dass Frauen, die sich mit ihrem Kampf für Gleichbereichtigung ins soziale Abseits begeben hatten, nur noch die Schwesternschaft hatte. Die aber beherrschte das Mobbing genauso gut wie Männer: Unter dem Vorwand, sie sei 'zu männlich', versuche sich aufzuspielen und habe für ihr Buch einen Vorschuss bekommen, wurde Firestone aus ihrer eigenen Organisation rausgemobbt, erzählt Faludi. "Letztes Jahr, als ich die Gründerinnen des radikalen Feminismus in New York interviewte, häuften sich die Geschichten von 'sozialen Abstürzen': schmerzhafte Einsamkeit, Armut, Unsicherheit, Geisteskrankheiten und sogar Obdachlosigkeit. In einem Essay von 1998, 'The Feminist Time Forgot', beklagte Kate Millett die immer länger werdende Liste ihrer Schwestern, die 'untergingen und allein in der Vergessenheit kämpften oder in psychiatrischen Anstalten verschwanden und noch zurückkehren müssen, um ihre Geschichte zu erzählen', oder die 'in eine Verzweiflung verfielen, die nur der Tod beenden konnte'. Sie erwähnte die Selbstmorde von Ellen Frankfort, der Autorin von 'Vaginal Politics', und Elizabeth Fisher, der Gründerin von Aphra, dem ersten feministischen Literaturmagazin. 'Wir waren einander keine große Hilfe', stellte Millett fest. Wir 'waren unfähig, eine wirkliche Community aufzubauen und Sicherheit zu geben.'"