
Mehrere Beiträge analysieren den Kampf der beiden großen Parteien "auf Leben und Tod". Der
nicht-ungarische Leser kratzt sich am Kopf und fragt entgeistert, wie ein Land mit solcher Fähigkeit zur
Selbstkritik in einer Krise gefangen sein kann.
In Ungarn gibt es keinen Konsens über die Regeln der Demokratie,
meint der Philosoph
Janos Kis. Er sieht den Grund im zu schnellen Übergang von einem System zum anderen: "Die ungarische Gesellschaft war auf eine Wende nicht vorbereitet, und beide Seiten,
rechts und links, starteten in die frische Demokratie als Gefangene ihrer widersprüchlichen Geschichte, ihrer anachronistischen Weltbilder und ihrer Vorstellungen vom jeweils anderen - und haben seither viel zu viel Zeit verschwendet. Diese
anachronistischen Ideologien könnten nicht aufrechterhalten werden, würden sie sich nicht ständig gegenseitig rechtfertigen." Doch liege die Verantwortung nicht allein bei den Politikern, weshalb Kis vorschlägt, mit dem Nachdenken noch einmal von vorne anzufangen: "Auch die
Intellektuellen sind verantwortlich."
Und die
Journalisten,
ruft der Journalist Janos Szeky. "Vor 25 Jahren gab es in Ungarn manch gute Journalisten, einige lesbare Zeitungen, den Rest kauften die Menschen aus Gewohnheit. Die Partei dachte, der Journalist diene der Politik der Partei und ist er dazu nicht in der Lage, so soll er sein Maul halten. Den Großteil der Presse durchdrang eine
grinsende Gemütlichkeit. Heute gibt es manch gute Journalisten, einige lesbare Zeitungen, den Rest kaufen die Menschen aus Gewohnheit. Die Parteien denken, der Journalist diene der Politik der Partei und ist er dazu nicht in der Lage, so soll er sein Maul halten. Den Großteil der Presse durchdringt ein
grinsender Zynismus. In der Zeit dazwischen hätte die politische Presse in Ungarn für einen historischen Augenblick lang die Chance gehabt, erwachsen zu werden. Aber der Augenblick verging, das
arme Würmlein konnte nicht wachsen. ... Die überwiegende Mehrheit unserer Politiker konnte sich von Anfang an nicht vorstellen, dass es in den Medien
souveräne Individuen geben kann, die ohne zentrale Anweisung schreiben oder reden - und sorgte nach Möglichkeiten dafür, dass es sie auch nicht gibt. Daraus wird bei uns aber
keine demokratische Kontrolle mehr entstehen können, keine vierte Gewalt, kein Wachhund.?
Für ein tieferes Problem als die politische Krise
hält der Medienwissenschaftler
Peter György die Unfähigkeit, sich in zeitgenössischen gesellschaftlichen und kulturellen Räumen zurechtzufinden: "Die schwere und komplizierte Existenz in der intensiven kulturellen Dichte - die Toleranz fordert und schafft - ist unsere gemeinsame Zukunft. Ungarn bewegt sich aber heute in die entgegengesetzte Richtung. Seine absurden, veralteten und agressiven
monokulturellen Manien gehören zum dunkelsten und letzten Erbe des Kadar-Regimes, an dem sich Rechte und Linke gleichermaßen beteiligen. Erstere träumen den hoffnungslosen Traum der Gemeinschaft, des
Nationalstaates weiter: Manche zeitgenössische rechte Kulturbeschreibungen scheinen die
Xenophobie der ehemaligen Staatspartei zu beschwören. Die Linke hingegen hat ihre Kompetenz bezüglich der Modernität verloren und glaubt im Gegensatz zum nostalgiegläubigen rechten Lager an nichts mehr, demzufolge sie auch nichts mehr von jener Kultur versteht, die uns durch die Krisen der zeitgenössischen Gesellschaften vermittelt wird. Hier befinden wir uns jetzt. Der Ort, an dem wir leben, treibt in der Tat weg vom
Gleichzeitigkeitserlebnis zeitgenössischer Gesellschaften, weg von einer grundsätzlichen Bedingung des Dialogs, der Erfahrung einer gemeinsamen Gegenwart."