Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

641 Presseschau-Absätze - Seite 24 von 65

Magazinrundschau vom 30.10.2018 - Elet es Irodalom

ln Ungarn ist ein Gesetz verabschiedet worden, das es künftig erlaubt, Obdachlosigkeit mit einer Freiheitsstrafe zu ahnden. Für den Rechtsanwalt Gábor Gadó ist dieses Gesetz nicht mit der Verfassung vereinbar: "Der von Viktor Orbán geleitete Parteiverbund strebt unermüdlich danach, die Folgen von ihrer Ursache zu trennen, als wäre es möglich, jemandem seine Würde zu nehmen, ohne die Folge des vollkommenen Ausgeliefertseins zu produzieren. Als könnten Personen, die laut Gesetz kaum noch als Menschen gelten, noch ihren durch die 'Verfassung garantierten Schutz' einfordern."

Magazinrundschau vom 23.10.2018 - Elet es Irodalom

Der Historiker Gábor Gyáni konstatiert die Zunahme der Zensur in Ungarn, die vermehrt die Wissenschaften und wissenschaftliche Publikation betrifft. Als Mitglied der Akademie der Wissenschaften erinnert er an die Entlassung der kompletten Redaktion des regierungsnahen populärwissenschaftlichen Periodikums Századvég aufgrund eines kritischen Aufsatzes und kritisiert die ersatzlose Streichung mehrerer Veranstaltungen der Akademie zum Tag der Wissenschaft, welche möglicherweise "unnötig die Aufmerksamkeit erregen" und um "Missverständnisse" auslösen könnten, wie es in einer späteren Erklärung der Akademie hieß (es handelte sich dabei um Vorträge zum Thema Gender in der Informationstechnologie, sowie um eine Marx-Gedenkkonferenz zum 200. Geburtstag des Philosophen). Mehrere Akademiker sagten daraufhin ihre Teilnahme aus Protest ab. "Gegenwärtig zählt zur Eigenheit der äußerst lebendigen Zensurpraktiken, dass sie direkter und stärker die Welt der wissenschaftlichen Öffentlichkeit betrifft, im Gegensatz zur reinen Publizistik oder den belletristischen Wortmeldungen. Bei den letzteren geschieht beinahe nichts Erwähnenswertes, wenn wir die Angelegenheit des abgelösten Direktors des Literaturmuseums nicht dazu zählen. Es ist schwer zu erklären, warum ausgerechnet der nur für wenige interessante wissenschaftliche Diskurs im Fokus der Macht steht. Tatsache ist, dass diesmal der beinahe unerreichbare, selbst in den Bibliotheken kaum zugängliche Századvég und nicht eine große, auflagenstarke Tages- oder Wochenzeitung eingestampft wurde. Tatsache ist weiterhin, dass die für den Tag der Wissenschaften geplanten wissenschaftlichen Debatten und Vorlesungen aus Überlegungen der Zensur gestrichen wurden. Die Hauptrolle bei all diesen Fällen spielt wohl die dezentralisierte Praxis der Zensur."
Stichwörter: Zensur, Ungarn, Gyani, Gabor, Gender

Magazinrundschau vom 16.10.2018 - Elet es Irodalom

Der Historiker Timothy Snyder ist Permanent Fellow am Wiener Institut für die Wissenschaft vom Menschen, wo er im Interview mit Tamás Fóti über die Rolle Ungarns und der Beziehung zu Russland sprach: "Ich denke Viktor Orbán ist eher ein Asteroid, der am Ende in etwas krachen wird. Er ist Opfer seiner Erfolge. Er hat recht, wenn er denkt - zumindest eine Zeit lang -, dass man auf seine Weise ein ein Land lenken kann; er irrt sich, wenn er denkt, dass er es nur auf diese Weise lenken kann; er hat recht, wenn er davon ausgeht, dass die EU Fehler macht, weil sie mit inneren Problemen kämpft; er irrt sich, wenn er denkt, dass Russland oder China Alternativen zur EU bieten; er hat recht, wenn er glaubt, dass eine Demokratie von innen zerstört werden kann; doch er irrt sich, wenn er denkt, dass er sie von innen auch zerstören muss. Meiner Meinung nach denkt er von sich, dass er ein Vorbote von etwas sei - so wie Putin auch - doch am Ende werden Russland und auch Ungarn verlieren. (...) Ungarn und Russland können davon überzeugt sein, dass sie eine Alternative zu Europa bieten könnten, und sie haben auch die Macht, gegen die EU aufzutreten - doch nur vorübergehend. All dies ist eine schlechte Richtung, denn sie können sich nur gegen etwas definieren. Das ist nicht konstruktiv, darauf kann nicht gebaut werden."

Magazinrundschau vom 25.09.2018 - Elet es Irodalom

Der Oberlandesrabbiner Róbert Frölich, der Philosoph György Gábor und die Erziehungswissenschaftlerin Kata Vörös legen in einem gemeinsam gezeichneten Artikel dar, warum das Betreiben einer Holocaust-Gedenkstätte durch eine jüdische Gemeinde - wie dies im Falle des umstrittenen "Haus der Schicksale" in Budapest durch den ungarischen Ableger der orthodoxen Chabad-Bewegung EMIH geplant ist - für eine gemeinsame, nationale Erinnerungskultur kontraproduktiv ist: "Der ungarische Staat muss als Träger der Institution durch Zielsetzung, Bestimmung und Betreiben derselben die unabweisbare Verantwortung übernehmen. Die inhaltliche Zusammenstellung und Präsentation des dort gezeigten Materials, die Organisation und Durchführung der verschiedenen Programmpunkte, die Sicherung der Präsenz beim internationalen Diskurs, die Zurverfügungstellung und die Anwendung von zeitgemäßen pädagogischen Mitteln, müssen durch hiesige und internationale Experten, die in ihren Berufen anerkannt sind, durch Historiker, Soziologen, Philosophen, Theologen, Museologen, Fachpädagogen, Psychologen, Ästheten, Vertreter der verschiedenen Religionsgemeinschaften zusammen erarbeitet werden. Durch ihre Kooperation demonstrieren sie, dass es sich hierbei um eine gemeinsame nationale Angelegenheit handelt."

Magazinrundschau vom 28.08.2018 - Elet es Irodalom

Der Kunsthistoriker László F. Földényi denkt über die Veränderung von ästhetischen Präferenzen nach: "Bei 'Stromlinienform' kommen mir zuerst Autos in den Sinn. Dass sie immer stromlinienförmiger entworfen werden, bis die verschiedenen Marken nicht mehr zu unterscheiden sind. Wo ist heutzutage ein Citroën DS, eine Porsche 964 oder ein Trabant! (...) Hinter den vereinheitlichten Karosserien erkennen wir eine Denkweise, die alles ähnlich sehen möchte. Dies ist auch in anderen Bereichen zu erkennen: bei den für Festivals produzierten Filmen, genau so wie bei den für Büchermessen veröffentlichten Büchern, um über die bildenden Künste gar nicht zu reden. Ziel ist es, ein gutes Gefühl zu haben, was natürlich eine gute Sache ist. Doch dies ist kein nachhaltiges Gefühl und an sich hilft es nicht weiter. Wer erinnert sich an die großen Erfolge von vor drei oder fünf Jahren? Der polnische Dichter Adam Zagajewski schrieb einst über das 'vertikale Heimweh', das immer eine herausragende Eigenschaft der europäischen Kultur war und das heute als anachronistisch gilt. Anknüpfend füge ich hinzu, dass es durch das 'horizontale Verlangen' ersetzt wurde: die Sensibilität für Metaphysik wurde abgelöst vom Genuss der Stromlinienförmigkeit der Oberfläche. Der Katharsis durch die Wirkungserregung. Die Katharsis - und ich rede hier nicht über Tränen (...) - ist ähnlich wie die metaphysische Sensibilität ebenfalls anachronistisch in einer Welt, die ausschließlich horizontales Verlangen erregt und im unendlichen Meer von erwerbbaren Gegenständen und aufhäufenden Objekten die ganze Zivilisation erdrosseln will."

Magazinrundschau vom 31.07.2018 - Elet es Irodalom

Der Lyriker Dénes Krusovszky veröffentlichte vor kurzem seinen ersten Roman "Akik már nem leszünk soha" ("Wer wir nie mehr sein werden", Magvető Budapest, 2018, 540 Seiten), eine Generationen und Grenzen übergreifende Geschichte von 1956 bis heute. Im Gespräch mit Csaba Károlyi erklärt Krusovszky die Rolle der Zeit in seinem Werk. "Es bewegt mich einfach zu sehen, was das Dasein in der Zeit für einen heute lebenden Menschen bedeutet: wie wirkt sie sich auf uns aus, welche ihrer Schichten sehen wir und wie können wir unsere Zeit bewohnen. Wenn ich zum Beispiel höre, dass die Welt schneller geworden ist, fühle ich stets, dass dies eher eine Metapher für eine Art Unaufmerksamkeit oder Ungeduld ist, denn die Welt an sich ist nicht langsamer oder schneller als jemals zuvor. Also drücke ich es so aus, dass mich diese Unaufmerksamkeit erregt. Die Zeit ist nicht in jedem Roman gleich betont, doch es gibt kaum einen, in dem sie gar keine Rolle spielt. Im Falle meines Buches denke ich, dass die Zeit nicht nur Thema oder Motiv ist, sondern irgendwie auch der Grund für die ganze Erzählung."

Magazinrundschau vom 17.07.2018 - Elet es Irodalom

Die ungarische Regierung will das Mahnmal des Ministerpräsidenten der Revolution von 1956, Imre Nagy, aus der Nähe des Parlaments entfernen und durch ein "antikommunistisches Mahnmal" ersetzt werden. Imre Nagy wurde nach deren Niederschlagung der Revolution zum Tode verurteilt und hingerichtet. Zwar erlangte der gegenwärtige Ministerpräsident, Viktor Orbán auch deshalb internationale Bekanntheit, weil er bei der Wiederbestattung von Imre Nagy 1989 eine Rede hielt, doch dann entfernte er sich zunehmend von Imre Nagy, der als Reformkommunist kaum für eine antikommunistische Erzählung geeignet ist. Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás betrachtet den Schritt der Regierung aus deren Sicht nachvollziehbar und für die Erinnerung an Imre Nagy und dem Gedenken an die Revolution von 1956 sogar erfreulich. "Dass 'der Sozialismus' für die Ungarn heute mit der Kádár-Ära gleichbedeutend ist und nicht mit 1956, ist nicht der 'Fehler' von Imre Nagy oder dem Petőfi Kreis, sondern der einfachen Tatsache schuldet, dass die Kádár-Ära 33 Jahre lang dauerte, in ihrem begrenzten Rahmen erfolgreich war und ihr Untergang so gründlich und endgültig war, dass heute in Ungarn 'Sozialismus' etwas ist, 'was nicht wieder hergestellt werden kann' - für manche leider, für manche zum Glück. (...) Kádár - wie Erfolg grundsätzlich - wird auch von der Rechten respektiert. Das System Kádár war in vielerlei Hinsicht konservativ und hasste 1968 genau so, wie die heutige Regierung 1968 hasst, größtenteils gar aus demselben Grund. Gegenrevolutionäre verstehen sich halt über Kleinigkeiten wie Freiheit."

Magazinrundschau vom 03.07.2018 - Elet es Irodalom

Die Politikwissenschaftlerin Edit Zgut vergleicht die Visegrád-Staaten (Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn) hinsichtlich ihrer ideologischen Grundlagen und Narrative. "Orbán tauschte den nach 2014 ohnehin selten verwendeten Begriff 'illiberale Demokratie' in 'Christdemokratie' aus, was nahezu perfekt zur islam- und einwanderungsfeindlichen Politik der Regierung passt. War die Selbstbezeichnung 'christlich' bei den autoritären Regimen der Zwischenkriegszeit eine antijüdische Selbstbeschreibung, zielt dies jetzt im Falle Orbáns auf den Islam. Zusammen mit Kaczyński weist er die Errungenschaften der Wende zurück und beruft sich beim gegenwärtigen Systemumbau auf das 'Scheitern'. Seit 2015 wird zunehmend auf die Migration verwiesen und so Menschenrechte und die Grundlagen der liberalen Demokratie in Form von prozeduralen Normen zweitrangig. Der Brüssel-feindliche Freiheitskampf wird damit in einen breiteren Souveränitätsdiskurs eingebettet und erhält so eine ideologische Füllung: Nach Orbáns Behauptung herrscht ein grundsätzlicher Konflikt zwischen der migrationsfeindlichen ungarischen Nation einerseits und dem in der Wertekrise steckenden, untergehenden Westen andererseits."

Magazinrundschau vom 22.05.2018 - Elet es Irodalom

In der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom formuliert der Medienwissenschaftler und Kunsthistoriker Péter György die Grundpfeiler einer zukünftigen Opposition in Ungarn: "Die neue Politik müsste nicht von den Armen, sondern mit den Armen sprechen. Es bedarf keiner Wahlkampftouren, sondern es müsste etwas zusammen mit den Armen getan werden; nicht Almosen verteilen oder Mitleid bekunden, sondern jene, die in der Unsichtbarkeit leben, als politischen Partner betrachten, nicht deren Anschluss organisieren, sondern ihre Würde als selbstverständlich ansehen: Etwas, was die politische Elite für sich selbst stets einfordert. Die selbstzerstörerische postkommunistische und postliberale Opposition kann der ethnizistischen Regierungspartei dann Paroli bieten, wenn sie versteht, dass sie nur eine Chance hat: mit dem Aufrufen der linken bäuerlichen Tradition, indem sie sich gegenüber der Macht genau so verhält wie jene damals gegen das Horthy-System. Die Würde der Armen und der Roma, die Unveräußerlichkeit ihrer Rechte, die Evidenz der Priorität ihrer Schicksale: das ist die wahre Frage. Alles andere ist Feigheit und Verrat."
Stichwörter: Ungarn, György, Peter, Evidenz

Magazinrundschau vom 15.05.2018 - Elet es Irodalom

Die sich weiter in Umbruch befindende Medienlandschaft in Ungarn ist weiterhin ein Thema. Der ehemalige Publizist der eingestellten Zeitung Népszabadság Ervin Tamás sucht nach den Gründen, die zur jetzigen Situation führten und macht neben den repressiven Aktionen der Regierungspartei auch das Medien-Konsumverhalten der linken und liberalen Intelligenz verantwortlich. "Ich glaube nicht, dass alles mit der fehlenden zahlungsbereiten Nachfrage erklärt werden kann. Der neugierige, offene, Fakten, Zusammenhänge und Argumente suchende Mensch entschwindet - reife, selbstbewusste Bürger gab es hierzulade sowieso zu wenige. Die linksliberalen Zeitungen wurden von ihren Lesern im Stich gelassen. Sie nahm nicht zur Kenntnis, dass wenn sie Artikel nur auf Facebook teilten, früher oder später nichts mehr zu finden sein würde und damit die eigene Gemeinschaft zum Hungertod verurteilt war. ... Das Desinteresse an Qualität zeigt sich auch darin, dass die Verkaufszahlen von Élet és Irodalom, Magyar Narancs, HVG oder vergleichbaren Organe sehr bescheiden sind. An der Kostenlosigkeit des Internets trauen sich auch Kulturportale nicht etwas zu ändern. Was bleibt (sei es als Opposition seiner Majestät oder durch Crowdfunding erhalten) wird durch einen geschlossenen Klub konsumiert - und siehe da, auch das Internet hat die Welt nicht verändert..."
Stichwörter: Ungarn, Hvg, Umbruch