Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 12.03.2019 - Elet es Irodalom

Erinnerungspolitik a la Viktor Orban erkennt der Kunsthistoriker József Mélyi anhand der in den letzten zehn Jahren in Budapest aufgestellten Skulpturen und Statuen: "Die öffentlichen Plätze der Budapester Innenstadt tragen bereits eindeutig die Spuren der populistischen Politik. Diese Politik behauptet nichts eindeutig: es entsteht kein neues Mahnmal für die Zwischenkriegszeit, weil sie dann sagen müsste, welche Werte sie vertritt. Sie selbst setzt keine erinnerungspolitischen Akzente im öffentlichen Raum, sie lässt es eher den Vertretern der Vorkriegszeit diese indirekt anzudeuten. Sie schafft nichts Neues, sondern rahmt um, packt ein und vernebelt."

Magazinrundschau vom 26.02.2019 - Elet es Irodalom

Der Dichter, Übersetzer und Schriftsteller Dezső Tandori, einer der bedeutendsten ungarischen Lyriker der Gegenwart, ist am 13. Februar verstorben. Der Literaturwissenschaftler István Margócsy verabschiedet den Dichter. "Schweren Herzens, doch ohne Risiko kann die nicht beweisbare, aber auch nicht unglaubwürdige Aussage getätigt werden: im letzten Viertel- oder halben Jahrhundert war er der größte Dichter, der Initiator und der Vollender, der ununterbrechbare Erneuerer, der mit seinen steten Selbstwiederholungen immer für unerwartete, erstaunliche Überraschungen sorgen konnte. Er war der Unerschöpfliche. (…) Dezső Tandori schuf ein undurchsichtiges und unglaublich umfangreiches Lebenswerk, seine Variationen und Selbstkommentare, die Übergänge in seinen Übersetzungen und eigenen Werken zwingen den Leser zu unglaublichen Fragestellungen, denn Tandori - insbesondere in seinen späten Jahren - tat so, als hätte er sich von einem geschlossenen, vollkommenen, ganzen - wir könnten sagen: kompletten - Kunstwerk losgesagt und er hätte kein Werk mehr geschrieben, sondern der Akt des Schreibens selbst wurde zum Werk: seine Bücher existieren nicht in ihren Einzigartigkeiten, sondern in ihrer Prozesshaftigkeit und Zusammengehörigkeit. Ihre Bedeutung und Stellung steckt in erster Linie (oder ausschließlich?) in ihrem gegenseitigen Verweis."

Magazinrundschau vom 12.02.2019 - Elet es Irodalom

Nach vier regierungskritischen Jahren wurde der Eigentümer der traditionsreichen konservativen Zeitung Magyar Nemzet zur Übergabe des Mediums an die vor kurzem gegründete Medienstiftung gedrängt, in der regierungsnahe Print-, Rundfunk-, sowie Online-Medien zentral koordiniert werden. Die als regierungsnahe Tageszeitung gegründete Magyar Idők wird eingestellt und die Belegschaft wechselt zu Magyar Nemzet. Für Aufsehen sorgte bezüglich dieser Übernahme ein Interview des Vorsitzenden der Medienstiftung, István Varga, der etwas überraschend sagte, dass die Medienorgane der Regierungsseite an der Wahrheitsgestaltung zu arbeiten hätten und dass gute, qualitativ hochwertige und niveauvolle Medien heute regierungskritisch seien. Er selbst liest Élet és Irodalom, Magyar Narancs und HVG. Varga trat am Tag nach der Veröffentlichung des Interviews zurück, mehrere Regierungsvertreter nahmen die Belegschaft diverser regierungsnaher Medien in Schutz. Der Chefredakteur der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom, Zoltán Kovács, meint dazu: "Es könnte sogar schmeichelhaft sein, was der Vorsitzender des neugeschaffenen Medienkoloss von sich gab, nämlich, dass die oppositionellen Zeitschriften niveauvoller sind, als die regierungsnahen, doch den eigentlichen Inhalt seiner Aussagen liefert doch die Tatsache, dass er nach der Veröffentlichung seiner Meinung zurücktreten musste. (…) Es gab bis Montag ein niveauloses Agitprop-Organ namens Magyar Idők, was aber auch nicht viel störte. Es war so, wie die Regierung selbst: lautstark und Schund. Die Auflage war so gering, dass manch ein Redakteur einer wettbewerbsfähigen Schülerzeitung erstaunt gewesen wäre. Doch sie es voll mit Anzeigen - was nur zeigt, wie sich Orbán den Wettbewerb vorstellt und wie er diejenigen schätzt, die tatsächlich im Wettbewerb aus eigener Kraft bestehen wollen. Auf diese kaum existierenden Zeitung legen sie die Patina von Magyar Nemzet, was Anbetracht der wendungsreichen, doch alles zusammengenommen progressiven Geschichte der Nemzet grob pietätlos ist (...), woraus aber ersichtlich wird, dass aus diesem Versuch erneut kein Niveau entstehen wird und früher oder später erneut jemand kommen wird, der seine Meinung sagt. Der wird dann anders heißen und er wird auch entlassen werden."

Magazinrundschau vom 29.01.2019 - Elet es Irodalom

Der aus Siebenbürgen stammende rumänische Dichter und Dramatiker András Visky denkt im Gespräch mit Péter Deményi über die schwierige Angelegenheit nach, sich Tag für Tag der Realität zu stellen. "Die entschlossene Wirklichkeitskenntnis, das Auspacken und Zeigen der Wirklichkeit: das ist und bleibt die Aufgaben der Intellektuellen heute. Ich strebe nach Genauigkeit, nach einer geduldigen, Samuel Beckett´schen Radikalität, oder zumindest danach, dass wir uns nicht selbst etwas vormachen. In der Tat wirkt all das oft defätistisch, was soll ich machen. Die projizierten falschen Hoffnungen in die Möglichkeiten des Menschen und seine gemütliche Güte erscheinen mir eine wesentlich pessimistischere Lebensform zu sein, als die Benennung dieser leeren Hoffnungssurrogate. (...) Es gibt kein Entkommen, wir leben in diesem verfluchten und gnadenlosen Vertrauensvakuum. Zwischendurch glaube ich ans Gespräch - zumindest noch. Daran, dass unsere Angelegenheiten besprochen werden können, dass wir uns gegenseitig in die Augen schauen können und dass der Mensch nicht nur aus der Stärke etwas versteht, sondern auch aus der Liebe. Wir leben hierzulande in einer durch die Politik brutalisierten Kultur, aber auch das sind wir, und wir sehen wie lange es schon so geht - als hätte lediglich unsere Vorstellungskraft und nicht die gesellschaftliche Wirklichkeit die kleinen Freiheitserfahrungen geboren: sie verschwinden spurlos, als wären sie nie dagewesen. Und dann bricht die Vergangenheit ein, aber auch das ist etwas uns Ähnliches, auch dies können wir nicht einfach abwälzen."

Magazinrundschau vom 08.01.2019 - Elet es Irodalom

Im Gespräch mit Zoltán Végső erklärt der Komponist und Dirigent Péter Eötvös, was für ihn zeitgenössische Musik ausmacht. "Zeitgenössisch ist, was unser Zeitgenosse ist, worin wir leben, doch dies verteilt sich auf mehrere Generationen. In der selben Ära, zur selben Zeit gibt es unterschiedliche zeitgenössische Musiken, nicht nur bei den Gattungen. Ich arbeite sehr gerne mit jungen Komponisten und Dirigenten zusammen, weil mich die Entwicklung der musikalischen Sprache sehr interessiert. Ich halte es für wunderbar, dass nach Jahrhunderten manchmal ein Ton zu den bereits bekannten hinzugefügt wird, rhythmische Formeln auf einmal komplexer werden - dies gilt verstärkt für die letzten zehn Jahre. Während meiner akademischen Studien waren die Traditionen der Dinge essenziell. Wir lernten, wie man 'etwas zu tun pflegte'. Als ich dann nach Köln kam und anfing, mit Stockhausen zu arbeiten, geschah das Gegenteil. Alles, was sonst 'gepflegt' wurde, wurde hier ein Stück verschoben, nicht negiert, sondern verschoben, damit wir sehen konnten, woher es kam. In Ungarn lernten wir den oberen Teil der Blume verstehen, was über dem Boden ist, was ich aber später in Köln lernte, ist das, was darunter liegt, die Wurzeln, die jene Elemente aufsaugen, aus denen dann die Blume entsteht."

Magazinrundschau vom 02.01.2019 - Elet es Irodalom

Das Budapester Ethnografische Museum wird nach Plänen der Regierung 2019 in einen architektonisch ambitionierten Neubau umziehen. Der Medienwissenschaftler Péter György denkt über die Auswirkungen des Umzugs auf die Konzeptionen des neuen Museums sowie des Nationalmuseums nach: "Die heutige ständige Ausstellung des Nationalmuseums ist mittlerweile kaum mehr interpretierbar: die Geschichte der Nation und die des Volkes, also die Geschichte der Gesellschaft können nicht zweigeteilt und in zwei voneinander unabhängigen Gebäuden gezeigt werden. (...) Die Konzeption des neuen Ethnografischen Museums wird Auswirkungen auf die Konzeption des Nationalmuseums haben. (...) Wenn die Erzählung des Nationalmuseums irgendetwas mit der ungarischen Geschichte zu tun haben soll und nicht lediglich als Diener der aktuellen politischen Identitätsstiftung fungieren will, wird der Begriff  des Nationalstaates zu ernsthaften Problemen führen."

Magazinrundschau vom 18.12.2018 - Elet es Irodalom

Jenő Setét, der Vorsitzender des Vereins für Interessen der ungarischen Roma, "Idetartozunk" ("Wir gehören hierzu"), denkt im Gespräch über die Auswirkungen der flüchtlingsfeindlichen Kampagne auf die ungarische Mehrheits- und die Roma-Gesellschaft. "Diese Kampagne der Regierung schadet dem ganzen Land. Sie weckt wahre Ängste, die auf unwahren Behauptungen basierend. Es ist eine Tatsache, dass aufgrund der Kampagne seit geraumer Zeit nicht die Roma als Sündenbock Nummer eins und als Feind gelten. Wir könnten sagen, dass dies eine Erleichterung sei. Leider ist es aber so, dass dort, wo die Menschen- und Staatsbürgerrechte dermaßen an Wert verlieren, früher oder später auch die Minderheiten in Schwierigkeiten geraten. Der 'Migrant' kann jederzeit gegen 'Linke', 'Liberale', 'Obdachlose', mit dem CEU, mit der Akademie der Wissenschaften ausgetauscht werden. So auch gegen die Roma, auch wenn diese die flüchtlingsfeindliche Kampagne ebenso akzeptierten wie die Mehrheitsgesellschaft. Gegen emotionale Fixierungen kann man offenbar mit den Mitteln der Vernunft kaum ankämpfen."

Magazinrundschau vom 11.12.2018 - Elet es Irodalom

Nach langer Kampagne der Regierung wir die Central European University von Budapest nach Wien umziehen, und die regierungsnahen Medien werden zu einem einzigen Konglomerat zusammengelegt. In der ungarischen Gesellschaft greift Resignation um sich, wie der Autor András Bruck beobachtet: "'Untertauchen, ausweichen, sich anpassen, das sind die handfesten Techniken des Überlebens', schrieb Günter Grass in seinem autobiografischen Roman 'Beim Häuten der Zwiebel', und ich ließ an dieser Stelle überrascht das Buch los. Wie kann es sein, dass die Erfahrungen des an der Ostfront kämpfenden Waffen-SS-Mitglieds Grass so identisch sind mit dem Verhalten der im Frieden lebenden ungarischen Bevölkerung? So dass Freiheit, Recht, Demokratie für sie fremde Empfindungen und Erlebnisse blieben. Auf dem Lande sind es das Dorffest und der Gulasch-Wettbewerb, in der Hauptstadt das Feuerwerk und die Red Bull Air Race - m Groben werden bei uns diese Ereignisse mit Freiheit identifiziert. Für ihre Rechte tun nur wenige etwas ... Die Menschen sehen nicht, dass Ungarn zunehmend zu einem Ort wird, wo die Menschen geboren werden und im Alter sterben, und dazwischen ändert sich nichts, außer vielleicht die Handy-Tarife. Wer noch Drang zum besseren Leben hat, der verlässt das Land, die Mehrheit hat schon aufgegeben."

Magazinrundschau vom 27.11.2018 - Elet es Irodalom

Die in Siebenbürgen geborene Schriftstellerin Réka Mán-Várhegyi legte vor kurzem ihren ersten Roman mit dem Titel "Mágneshegy" (Magnetberg, erschienen bei Magvető, Budapest) vor. Im Interview mit László Kőszeghy spircht sie über genderspezifische Schreib- und Lesarten: "Wie die Protagonistin im Roman, so begann auch ich um die Jahrtausendwende feministische Kritik an der Universität zu studieren, was eine enorme Wirkung auf mich hatte. Sie änderte grundsätzlich die Art und Weise, wie ich Texte und die Welt betrachtete, Aber ich begann auch einen großen Teil der Dilemmata zu verstehen, mit denen ich als beginnende Schriftstellerin konfrontiert war. Kein Wunder, dass das gegenwärtige politische Regime ein Feind von Genderstudiengängen ist, denn eine genderspezifische Leseart hat genau als Ziel, eine Ideologie der Ästhetik, die sich selbst als neutral und als Garant der universellen humanistischen Werten sieht, zu hinterfragen und zu zeigen, dass diese tatsächlich in enger Beziehung mit der Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Machtordnung und der Grundannahme der patriarchalen Ideologie steht."

Magazinrundschau vom 13.11.2018 - Elet es Irodalom

Nach dem in den vergangenen Wochen eine Diskussion über die Zukunft des umstrittenen Erinnerungsprojektes der geplanten Holocaust-Gedenkstätte "Haus der Schicksale" entbrannt war, zeigt sich der renommierte Rechtsanwalt András Hanák (Sohn des legendären Historikers und Holocaust-Überlebenden Péter Hanák) skeptisch gegenüber den zwei Trägern des Projektes, nämlich dem ungarischen Staat einerseits und der hassidischen Gemeinde Chabad (eine der Orthodoxie nahestehenden Richtung innerhalb des religiös-praktizierenden Judentums) andererseits. "Wenn es zwei Protagonisten gäbe, denen ich die Erinnerung an das Schicksal der ungarischen Juden nicht anvertrauen würde, dann wären es diese zwei. (...) Wie wir wissen, lehnt der jetzige ungarische Staat für die Ereignisse nach dem 19. März 1944 die Rechtsnachfolge ab. Für die aus New York stammende Chabad-Gemeinde auf der anderen Seite spielt der Holocaust in ihrem auf die Ankunft des Messias wartenden Gedankensystem eine diametral andere Rolle als für die traditionellen orthodoxen Juden."