Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 24.06.2025 - Aeon

Donald Trumps Erhebung von Zöllen ist dem Versuch geschuldet, die USA möglichst autark zu machen, meint Ben Chu. Das widerspricht dem Trend zur Globalisierung, der in den letzten Jahrzehnten die Handelspolitik der Welt und insbesondere der USA bestimmte. "Handel und Verflechtung, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, sind Teil unseres Wesens - und waren es schon immer. Dennoch ist es müßig zu leugnen, dass der Impuls zur Autarkie ebenfalls sehr tief in unsere Psyche und unsere Geschichte hineinreicht", meint Chu, der in der neuerlichen Hinwendung zur Autarkie auch etwas persönliches ausmacht: Die "Tugend der Eigenständigkeit", die von Menschen in allen Jahrhunderten hochgehalten wurde. Auch in den USA: "Im Januar 1790 erhob sich George Washington, der erste Präsident der Vereinigten Staaten, um seine erste Botschaft an den US-Kongress zu richten: 'Ein freies Volk sollte nicht nur bewaffnet, sondern auch diszipliniert sein', erklärte er, 'und seine Sicherheit und sein Interesse erfordern, dass es solche Manufakturen fördert, die es in Bezug auf lebenswichtige, insbesondere militärische Güter von anderen unabhängig machen.' ... Eine der ersten Amtshandlungen des ersten Kongresses war die Einführung von Zöllen. Das so genannte 'Amerikanische System' inspirierte den nach Pennsylvania ausgewanderten Deutschen Friedrich List 1841 zu einem einflussreichen Buch, in dem er ein 'nationales System der politischen Ökonomie' empfahl, das die kanonischen Argumente von Adam Smith und David Ricardo über die Rationalität von Nationen, die Freihandel betreiben, verwarf. List vertrat stattdessen die Ansicht, dass Länder mit einem großen, noch nicht ausgeschöpften Industriepotenzial, die versuchten, den Produktivitätsvorsprung des Spitzenreiters - in diesem Fall Großbritanniens - aufzuholen, ihre unreifen Fabriken mit starken Einfuhrbeschränkungen vor dem Wettbewerb mit dem Spitzenreiter schützen sollten, bis sie stark genug waren, um konkurrenzfähig zu sein. Es ist auch heute noch ein überzeugendes Argument für die Staats- und Regierungschefs sowohl der Entwicklungsländer als auch der wohlhabenden Länder, das oft angeführt wird, um den Handelsprotektionismus als Eckpfeiler der Industrialisierungs- oder Reindustrialisierungsstrategien zu rechtfertigen. Es ist schon erstaunlich, wenn man Washingtons erste Rede vor dem Kongress mit dem vergleicht, was Trump im Jahr 2025 vor derselben Institution sagte. 'Wenn wir keinen ... Stahl und viele andere Dinge haben, haben wir kein Militär und, offen gesagt, werden wir nicht lange ein Land haben', begründete der 47. Präsident die Wiedereinführung von Zöllen auf Stahlimporte. ... Indem er die Handelspolitik ausdrücklich mit der nationalen Eigenständigkeit und den Verteidigungsfähigkeiten verknüpfte, ließ Trump Ideen wieder aufleben, die bereits bei der Gründung der US-Republik eine Rolle spielten." (Hingewiesen sei noch auf die List-Biografie von Roland Brecht, die vor zwei Jahren im Kohlhammer Verlag erschien.)

Magazinrundschau vom 13.05.2025 - Aeon

Wie sprechen eigentlich Außerirdische? Und was bedeutet das, wenn wir im Falle eines Falles verlässlich kommunizieren wollen? In der Science Fiction als für solche Fragen generalzuständigem Genre läuft die Sache oft darauf hinaus, dass die Aliens quasi wie Menschen sprechen - also prinzipiell übersetzbar und unter dem ersten Anschein von Andersartigkeit doch strukturell ähnlich, schreibt der Linguist Nikhil Mahant. Aber was, wenn es auf der grundsätzlichen Ebene von Sprache - also Zeichenhaftigkeit, sinnstiftende Struktur, Bedeutungsebene und kulturell bedingter Pragmatik - dann doch zu Abweichungen kommt? Damit sollte man bei einem Fremdkontakt dieses Ausmaßes durchaus rechnen, rät Mahant. "Als Menschen, die wir mit einem gewissen Set kognitiver Fähigkeiten ausgestattet sind, nehmen wir die Welt als auf bestimmte Weise strukturiert wahr. Wir fassen sie beispielsweise so auf, dass sie Objekte umfasst, Handlungen, Ausmaße und Abläufe. Wie die Elemente unserer Sprachen Bedeutung tragen, spiegelt die Art wider, wie wir die Welt strukturieren. Gängige Hauptwörte etwa bedeuten Objekte, Verben beziehen sich auf Handlungen und ganze Sätze stehen für Sachverhalte." Aber "was, wenn eine außerirdische Spezies, die sich anders entwickelt hat als wir, die Welt ganz anders wahrnimmt? Die Sprache dieser Spezies würde reflektieren, wie sie die Welt einsortieren, mit Kategorien, für die uns die kognitive Auffassung fehlt. Neue Wörter in unserer Sprache zu schaffen, würde nicht helfen - es sei denn, wir würden wissen, mit welchem Element der Welt ein Fragment einer außerirdischen Sprache korrespondieren würde. Die Elemente einer solchen außerirdischen Sprache wären grundlegend unübersetzbar, nicht weil wir nicht wissen, was sie bedeuten, sondern weil wir noch nicht einmal wissen würden, welche Art von Bedeutung sie überhaupt haben. ... Eine außerirdische Sprache ohne die dritte Ebene, die Semantik, würde auf uns ganz besonders fremdartig wirken: Es wäre eine Sprache, deren Elementen nicht mehr auf 'etwas anderes' verweisen." Solche Wesen "würden kausale Mechanismen nutzen, die sich zur Welt über Umgebungsinputs ins Verhältnis setzen - etwa Gerüche, Temperaturen oder Strahlung -, um Ergebnisse hervorzurufen. 'Kommunikation' zwischen solchen Wesen könnten eine Abfolge kausaler Transaktionen sein: ein Stimulus, der im Gegenüber eine Reaktion hervorruft, ganz ähnlich wie Hormone in unserem Körpern."

Magazinrundschau vom 27.06.2023 - Aeon

Costica Bradatan gönnt sich eine Auszeit vom pragmatisch-positiven Denken und lässt sich von Emil Cioran in Nihilismus unterweisen: "Wenn wir die Welt verstehen wollen, müssen wir aufhören zu handeln: Wir müssen sie betrachten. Kontemplation und Aktion sind Erzfeinde. Das Nichtstun bringt einen Blickwinkel hervor, aus dem man alles mit kosmischer Gelassenheit betrachten kann. Der Müßiggang führt zu einem tiefen Blick und einer wahrhaft philosophischen Perspektive. Cioran gewann seine größten Einsichten nicht aus Büchern oder schicken Schulen, sondern aus ziellosen Spaziergängen durch Paris und aus seinen Nächten mit schrecklicher Schlaflosigkeit. Er lernte die Philosophie nicht von Professoren, sondern aus Gesprächen mit Bettlern, Säufern und Prostituierten. Auf den Spuren anderer großer Müßiggänger der kontemplativen Tradition - wie Herman Melvilles Bartleby oder Iwan Gontscharows Oblomow - war Cioran in einer guten Position, um die Weiten des Nichts zu erforschen, die unserer Entstehung vorausgehen und die ihr folgen werden. Der Leere ins Gesicht zu sehen, war seine alles verzehrende Aufgabe, auch wenn er die meiste Zeit seines Lebens arbeitslos war. Nachdem er auf diese Weise "die Offenbarung der universellen Bedeutungslosigkeit" erfahren hatte, beschloss Cioran, dass die bestmögliche soziale Existenz das Leben eines Parasiten wäre - eines Verlierers. In einer bedeutungslosen Welt, so stellte er fest, 'ist nur eines wichtig: zu lernen, der Verlierer zu sein'. Das Verlierertum anzunehmen, das Beste daraus zu machen, mit ihm eins zu werden, wurde das große Projekt seines Lebens."

Magazinrundschau vom 25.04.2023 - Aeon

Die VerGANGENheit heißt gerade auch in der deutschen Sprache nicht umsonst so. Alle unsere Begriffe und Auffassungen von Zeit und Zeiterfahrung gründen in unserer Art der Fortbewegung und wahrnehmungsbedingten Raumstrukturierung - also darin, wie wir körperlich determiniert sind, schreibt der Psychologe David Borkenhagen: Die Zeit schreitet voran, das Gestern liegt hinter uns. Von dieser Beobachtung aus ist es sehr reizvoll, sich einmal näher mit dem Oktopus zu befassen, empfiehlt er. Dieser verfügt ja nicht nur über eine erstaunliche operative Intelligenz, die ihm auch planvolles Taktieren für Zukunftsszenarien gestattet, sondern kennt zugleich mit seinem Nahezu-Rundumblick und seiner totalen Fortbewegungsflexibilität kein Hinten und Vorne. "Wenn die körperlichen Interaktionen mit unserer Umgebung die menschlichen Metaphern für Zeit begründen, dann kann man sich ausmalen, auf welche Metaphern ein Oktopus wohl zurückgreifen würde. Dass er mit Objekten vor und hinter seinem Körper auf völlig gleichberechtige Weise umgehen kann, lässt vergangene Ereignisse auf rein metaphorischer Ebene ebenso manipulierbar erscheinen wie zukünftige. Ausdrücke wie 'Lassen wir die Vergangenheit hinter uns' wären für den Oktopus ohne Belang. Ja mehr noch, da der Oktopus seine visuelle Perspektive auf seine Umgebung verändern kann, indem er nach oben schwimmt, mögen alle Ereignisse in der Zeit - in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - von einem metaphorischen, weiten Fluchtpunkt aus betrachtet werden, was es gestatten würde, Muster in Ereignissen zu erkennen, die sich über lange Perioden erstrecken. Wenn Menschen sich solche, vom Oktopus inspirierte Zeit-Metaphern aneignen würden, könnte unser Verhältnis zur Vergangenheit an Bedeutung gewinnen. Die Vergangenheit könnte sich lose mit der Gegenwart verbinden und uns gestatten, unsere Aufmerksamkeit von unserer kulturell bedingten Obsession mit zukunftszentriertem Fortschritt zu lösen." Ein überaus anregendes philosophisches Gespräch über Kraken, Oktopusse und deren beeindruckende Intelligenz findet sich im übrigen im Archiv des Dlf Kultur.
Stichwörter: Oktopus, Zeit, Psychologie

Magazinrundschau vom 02.02.2021 - Aeon

Der britische Jurist Bernard Freamon, Spezialist für islamisches Recht, blickt auf die sechs superreichen arabischen Stadtstaaten am Persischen Golf und sieht - Sklavenhaltergesellschaften. "Sklaverei und Sklavenhandel bildeten einen wichtigen Teil ihrer Handelsgeschichte, insbesondere nach dem Aufkommen des Islam. Afrikaner, Belutschen, Iraner, Inder, Bangladescher, Südostasiaten und andere aus den Küstenregionen des Indischen Ozeans wurden stetig und unfreiwillig in immer größerer Zahl in den Golf transportiert, um dort als Hausangestellte, Dattelpflücker, Seeleute, Steinmetze, Perlentaucher, Konkubinen, Wächter, Landarbeiter, Hilfsarbeiter und Viehzüchter zu arbeiten. Historiker haben festgestellt, dass es im 18. und 19. Jahrhundert, während der Blütezeit des Sklavenhandels im Indischen Ozean, einen großen Aufschwung des Sklavenhandels in der Region gab. Viele Familien am Persischen Golf wurden durch diesen Aufschwung sehr wohlhabend. Dies ist der Hintergrund für das, was sich als ein sehr hässlicher und trauriger Aspekt des spektakulären Aufstiegs der zeitgenössischen Gesellschaftsordnungen in den sechs Stadtstaaten am Golf herausstellt. Jeder von ihnen ist ein Beispiel - und vielleicht das einzige Beispiel, das heute auf der Welt existiert - für das, was der Soziologe Moses Finley (1912-86) eine 'echte Sklavengesellschaft' nannte." Im Folgenden macht Freamon das vor allem an der Behandlung der Migrantenarbeiter fest.

Magazinrundschau vom 26.02.2019 - Aeon

Der Arabist Bruce Fudge liest dreißig Jahre nach seinem Erscheinen nochmal Salman Rushdies Roman "Die Satanischen Verse", der über der Rushdie-Affäre fast in Vergessenheit geriet und doch ein epochales Werk war. Rushdie schrieb ihn noch mit einem fast ans 18. Jahrhundert erinnernden Aufklärungsoptimismus, so Fudge. Eine seiner Ideen ist, dass sich das fiktionale Erzählen als weiße Magie gegen die schwarze der heiligen Texte stellen sollte. Und es gibt sozusagen eine Vorläufer-Figur des Erzählers im Roman selbst: "Die 'Satanischen Verse' erzählen unter anderem in stark fiktionalisierter Weise die Geschichte des Ibn Abi Sarh, des Schreibers von Mohammed, der die Offenbarung aufschrieb, wenn der Prophet sie rezitierte. Verschiedene Quellen sagen uns, dass Ibn Abi Sarh beim Diktat noch weiterschrieb, nachdem Mohammed aufgehört hatte zu sprechen, um Sätze mit Wörtern zu beenden, die er für die richtigen hielt. Als seine Ergänzungen entdeckt wurden, schüttelte man ihn. Wie sollten dies die Worte Gottes sein? Sie waren seine eigenen! Er verschwand und lief über zu den Feinden des Propheten. Nachdem die Muslime Mekka erobert hatten und der Islam triumphierte, verlangte Mohammed, dass Ibn Abi Sarh neben anderen Apostaten getötet werden sollte. Man überzeugte ihn, gegenüber seinem ehemaligen Schreiber Gnade walten zu lassen, aber später drückte er sein Bedauern aus, dass seine Gefolgsleute ihm nicht einfach den Kopf abgeschnitten hatten."

Magazinrundschau vom 15.05.2018 - Aeon

Immer stärker werden die Konvulsionen des amerikanischen Rassismus-Diskurses, der ja schon dazu geführt hat, dass auch hierzulande wieder unbedarft von Rassen gesprochen wird. Tim Whitmarsh warnt jetzt davor, rassische Kategorien auch dem Denken des antiken Griechenlands überzustülpen. Die Marmorstatuen waren nicht weiß, und Homer hat nicht in Schwarz und Weiß gedacht, selbst wenn er Achill dunkel nennt. "Einen Griechen weiß zu nennen, bedeutete, ihn zu effiminieren. Und Odysseus, umgekehrt, als schwarz zu beschreiben, hieß, ihn mit dem rauen Outdoor-Leben zu assoziieren, das er auf dem felsigen Ithaka verbrachte. Zu fragen, ob Achill und Odysseus weiß oder schwarz waren, hieße, Homer falsch zu verstehen. Seine farblichen Begriffe sollen Menschen nicht in rassische Kategorien einteilen, sondern sie als Individuen charakterisieren, seine subtilen poetischen Assoziationen verflüchtigen sich, wenn wir blond durch braun ersetzen, gebräunt durch schwarz (oder umgekehrt). Für die Griechen war die Welt einfach nicht in Schwarz und Weiß geteilt. Das ist eine bizarre Idee der modernen westlichen Welt, ein Produkt vieler verschiedener historischer Kräfte, vor allem des transatlantischen Sklavenhandels und der kruderen Aspekte der Rassentheorie des 19. Jahrhunderts. In Rom oder Athen sprach niemand von schwarzen oder weißen Völkern. Griechen bemerkten zwar eine unterschiedliche Schattierung in der Pigmentierung, und sie unterschieden sich selbst von den dunkleren Völkern Afrikas und Indien, manchmal auch in aggressiven, abwertenden Begriffen, die wir heute rassistisch nennen würden; aber sie unterschieden sich selbst auch von den helleren Völkern des Nordens. Die Griechen dachten von sich selbst nicht als weiß." Und wenn, dann waren die anderen höchstens Barbaren!

Magazinrundschau vom 20.03.2018 - Aeon

Nicht nur Menschen können von links nach rechts wechseln - auch Begriffe können es, lernt man von Martin Jay, Professor für Europäische Geschichte in Berkeley. Der vielleicht populärste Begriff in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren, das Elend des Kapitalismus zu beschreiben, war "Entfremdung", ein Begriff, den heute kein Linker mehr benutzen würde: "In der Blütezeit des marxistischen Humanismus konnte Entfremdung verstanden werden als Teil einer kapitalistischen Produktionsart, die jede Möglichkeit nicht entfremdeter Arbeit hintertrieb. Aber dann begann die Linke 'Klasse' weniger wichtig zu finden und sich mit Kultur statt Produktionsbedingungen zu befassen. Als linke Politik begann, die Toleranz der Unterschiedlichkeit zu feiern, wurde sie wachsamer, was die Stigmatisierung des Fremden anging - den Fremden im Innern eingeschlossen. Statt 'abgerundete Ganzheit' oder das Eintauchen ins warme Bad der gemeinsamen Einheit zu suchen, ging es bei diesem politischen Wechsel darum, die Tugenden wechselnder Identitäten und die Zerstreuung in einer Diaspora anzuerkennen. Feindschaft gegenüber dem fremden 'Anderen' sowohl außer- wie innerhalb ist jetzt auf die Seite der populistischen Rechten gewandert."

Magazinrundschau vom 25.10.2016 - Aeon

Benjamin Peters erzählt auf Aeon die Geschichte des sowjetischen Internets, von dem sich dessen Mastermind Wiktor Gluschkow nicht weniger versprach als einen Siegeszug des "elektronischen Sozialismus" auf Grundlage der Kybernetik - und dabei an den Borniertheiten der sozialistischen Elite scheiterte. "Die Kräfte, die das OGAS-Projekt zum Erliegen brachten, ähneln jenen, die auch die Sowjetuntion in die Knie zwangen: Subversive Minister, am Status-Quo hängende Bürokraten, nervöse Fabrikchefs, verwirrte Arbeiter und sogar einige Wirtschaftsreformer opponierten dagegen, weil es in ihrem institutionellen Eigeninteresse lag. ... Der Sowjetstaat scheiterte daran, seine Nation zu vernetzen, nicht etwa, weil er zu rigide oder zu sehr von oben nach unten durchregierte wurde. Sondern weil er in der Umsetzung zu unentschlossen und zu tückisch war. Darin liegt eine gewisse Ironie. Die ersten globalen Computernetzwerke entstanden in den USA dank einer gut regulierten, staatlichen Finanzaustattung und kollaborativer Forschungszusammenhänge, während zeitgleich (und davon bemerkenswert unabhängig) die nationalen Netzwerkversuche der UdSSR wegen unregulierter Wettbewerbe und institutioneller Grabenkämpfe zwischen den sowjetischen Administratoren strauchelten. Das erste globale Computernetzwerk verdankt seine Existenz Kapitalisten, die wie kooperative Sozialisten handelten, und nicht Sozialisten, die sich wie konkurrierende Kapitalisten benahmen."

In einem Telepolis-Kommentar widerspricht Marcus Hammerschmidt letzterem allerdings ein wenig: "Viel eher hatten sich im sowjetischen Staatsapparat quasifeudale Strukturen breitgemacht, bei denen die einzelnen Minister und Parteigranden ihre Kompetenzbereiche wie kleine Könige verteidigten."

Magazinrundschau vom 17.05.2016 - Aeon

Wenn es um Künstliche Intelligenz geht, werfen selbst Technik-Visionäre wie Stephen Hawking, Bill Gates und Elon Musk Schreckensszenarien über denkende, die die Menschheit versklavende Computer an die Wand, stöhnt Luciano Floridi, Professor für Philosophie und Informationsethik in Oxford. Ultraintelligenz, also Künstliche Intelligenz, die die menschliche Intelligenz übersteigt, kann zwar nicht logisch ausgeschlossen werden, sei jedoch höchst unplausibel: "Digitale Technologien können mehr und mehr Dinge besser als wir, da sie auf immer mehr Daten zurückgreifen und ihre Leistung verbessern, indem sie ihren eigenen Output als Input für die nächsten Operationen analysieren. AlphaGo, das von Google DeepMind entwickelte Computerprogramm, besiegte im Brettspiel Go den weltbesten Spieler, indem es auf eine Datenbank mit 30 Millionen Zügen zurückgreifen und seine Leistung in tausenden Partien gegen sich selbst steigern konnte. Es ist wie ein Zwei-Messer-System, das sich selbst schleifen kann. Was ist der Unterschied? Derselbe wie zwischen Dir und einer Spülmaschine, wenn es um den Abwasch geht. Was folgt daraus? Dass jede apokalyptische Vision bezüglich AI getrost verworfen werden kann. Wir, nicht Technologie, sind und werden in absehbarer Zeit das Problem sein."

Dazu passend geht Adrienne Mayor der Frage nach, was Entwickler von Künstlicher Intelligenz aus der griechischen Mythologie lernen können.