Magazinrundschau - Archiv

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28 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 3

Magazinrundschau vom 03.05.2016 - Aeon

Steven Nadler, Professor für Philosophie und Judaistik in Wisconsin, gehörte im Jahr 2012 zu einem Beraterstab der Jüdischen Gemeinde von Amsterdam, die überlegte, den berühmten Bann gegen Baruch Spinoza, der von der portugiesisch-jüdischen Gemeinde im Jahr 1656 verhängt worden war, aufzuheben. Es war die strengste Strafe, die diese Gemeinde je gegen ein Mitglied verhängt hatte. Aber auch im Jahr 2012 beließ sie es noch bei dem Bann. Leicht fasslich erklärt Nadler, warum der leider so schwer lesbare Spinoza heute notwendiger ist denn je: "Spinoza wird oft als Pantheist bezeichnet, aber Atheist wäre die korrektere Beschreibung. Spinoza vergöttlicht die Natur nicht. Natur ist nicht der Gegenstand ehrfürchtiger Scheu oder religiöser Verehrung. 'Der weise Mann', sagte er, 'versucht die Natur zu verstehen, nicht sie anzuglotzen wie ein Dummkopf. Die einzig angemessene Einstellung zu Gott oder der Natur ist der Wunsch, sie durch den Intellekt zu begreifen."

Magazinrundschau vom 05.01.2016 - Aeon

Psychische Erkrankungen werden heute viel sensibler behandelt als vor hundert Jahren, aber sie werden auch noch benutzt, jedes aufmüpfige Verhalten als "krank" zu charakterisieren. Das hat eine Tradition, nicht nur in Ländern wie Russland oder China, sondern auch im Westen, erklärt Carrie Arnold. Gezeigt hat ihr das eine Auswertung der Akten der Psychatrie 1885-1973 im Ionia State Hospital in Michigan durch den Psychiater und Soziologe Jonathan Metzl. Bis in die 1950er hinein wurden vor allem weiße Hausfrauen als schizophren eingewiesen, die an Depressionen litten und "ihren Haushalt nicht in Ordnung halten konnten", stellte dieser fest. Als die Bürgerrechtsbewegung in den Sechzigern an Fahrt gewann, änderte sich das: "Als 1968 die zweite Ausgabe des psychiatrischen Handbuchs (DSM) erschien, hatten Psychiater die Kennzeichen für Schizophrenie verändert: von Symptomen wie Stimmungsschwankungen, leichte Bereitschaft zu weinen oder Verwirrtheit hin zu Zeichen von Größenwahn, Feindseligkeit und Aggression - oder anders gesagt: von weißen Ehefrauen aus der Vorstadt hin zu schwarzen Männern aus der Großstadt. Die Forscher dachten womöglich, dass die neue Terminologie ihnen helfen würden, wissenschaftlicher in ihrer Diagnose zu werden. Aber als sie in den Kliniken und in der Gesellschaft angewandt wurde, zeigte sich plötzlich, dass sie benutzt wurde, überproportional viele schwarze Männer als schizophren zu behandeln, besonders, wenn sie Teil der politischen Protestbewegung waren, sagt Metzl."

Magazinrundschau vom 20.10.2015 - Aeon

Jahrhundertelang galten leere Hände als Zeichen für Luxus: wer etwas Nützliches in den Händen hielt, arbeitete - meist für andere -, während die Reichen und Mächtigen arbeiten ließen und ihre Hände frei hatten für angenehmere Beschäftigungen, schreibt die Harvard-Historikerin Joyce E. Chaplin. Das änderte sich, als Kameras, Radios, Taschenrechner und andere Geräte immer kleiner wurden. Vorläufiger Endpunkt dieser Entwicklung ist das Smartphone: "Darin geballt sind gleich mehrere geschichtliche Schrumpfstücke: Uhr, Ortungssystem, Kamera, Aufnahmegerät, Bildschirm, Telefon, künstliche Intelligenz, Spielkonsole, alles in einem Gerät, das in die Tasche deiner Jeans passt, jetzt wo du und alle anderen so ziemlich jeden Tag Jeans tragen können. Aber die wirklich interessante historische Entwicklung ist, dass du dein Gerät in der Hand hälst, mit stolz, dass jeder es sehen kann. Anstatt dass die meisten von uns Knechte sind, die zur Arbeit mit den Händen gezwungen werden, halten wir nun die Entsprechung dieser Arbeit in den Händen. Es gibt kein Stigma; wir sind Gleichgestellte."

Außerdem untersucht Jacob Burak, warum so viele große Männer von Rivalitäten angetrieben wurden, beispielsweise John Constable und Edward Turner, Michelangelo und Raphael, Gottfried Leibniz und Isaac Newton, Sigmund Freud und Carl Jung, Thomas Edison und Nikola Tesla oder Bill Gates und Steve Jobs. Und Craig Mod erklärt, warum er nach vier Jahren aufgehört hat, Ebooks zu lesen.

Magazinrundschau vom 21.07.2015 - Aeon

Häufigkeit von Anrufen bei der Mutter, Fleischverzehr, Wahlverhalten, Wohltätigkeit - auf der Basis dieser und weiterer Kriterien untersucht Eric Schwitzgebel, ob sich Ethiker grundsätzlich moralischer Verhalten als der Rest der Bevölkerung. Sein Ergebnis: nein, aber sie haben ein schlechteres Gewissen dabei. Denn während sie in ihrem Verhalten keinerlei signifikante Abweichungen zum Durchschnitt aufwiesen, zeigt sich, "dass Ethiker in manchen Fällen moralische Normen außergewöhnlich ernst nehmen. Besonders eklatant sind unsere Ergebnisse zum Vegetariertum. In einer Umfrage unter Professoren aus fünf Bundesstaaten wurde "regelmäßig das Essen von Säugetieren, beispielsweise Rind- oder Schweinefleisch" zu sechzig Prozent im negativen Spektrum einer Neun-Punkte-Skala zwischen "moralisch sehr schlecht" und "moralisch sehr gut" bewertet. Im Gegensatz dazu finden nur 19 Prozent von Nicht-Philosophieprofessoren Fleischkonsum verwerflich. Das ist ein erheblicher Meinungsunterschied!"

Außerdem geht Hana Schank der Frage nach, warum nur 2 Prozent der Schachgroßmeister Frauen sind.

Magazinrundschau vom 09.06.2015 - Aeon

Warum verfällt man im Hotel so leicht in Melancholie? Die britische Autorin Suzanne Joinson beschreibt, wie sie durch übermäßiges Reisen ihre Identität und ihren Lebenswillen zu verlieren drohte, und wie sie in den surrealistischen Künstlerinnen Unica Zürn, Leonora Carrington und André Bretons Muse "Nadja" Schicksalsgenossinnen fand: "Alle drei lebten rastlose, nicht-stationäre Leben, und die Spiegel, Türen, Schlösser, Balkone und Bäder von Hotelzimmern wurden aktive Requisiten und Umgebungen, um "auf die andere Seite" zu gelangen - worin sie von den männlichen Künstlern in ihrem Umfeld stark ermutigt wurden. Die Surrealisten waren besessen von Begegnungen mit dem Unbewussten, von Liebeleien mit dem Wahnsinn, und meist waren es die Frauen, die in den Abgrund gestoßen wurden - oder sich entschlossen zu springen -, während ihre Gegenüber zuschauten. Durch die von Frauen geöffneten Pforten erlangten männliche Surrealisten einen reinen Zustand von psychischem Automatismus - in anderen Worten: Kunst jenseits der Beschränkungen von Vernunft und moralischer oder ästhetischer Kontrolle -, und das Hotelzimmer war häufig das ideale Theater für diese Experimente."

Magazinrundschau vom 19.05.2015 - Aeon

In einer umfangreichen Reportage zeichnet Ross Andersen die Erfolgsgeschichte der Kosmologie nach, die er jedoch allmählich an ihr Ende gekommen sieht: Mit Theorien über die Inflation unmittelbar nach dem Big Bang und über die Entstehung von Multiversen habe sich die theoretische Astrophysik endgültig zu Erklärungsmodellen vorgearbeitet, die sich schlechterdings von unserer Position im Universum aus nicht mehr beweisen lassen. Doch "Wissenschaft verdankt ihre epistemologische Gravitas ihrer sturen Insistenz darauf, dass jede Idee der Feuertaufe durch das Experiment ausgesetzt wird. Das ist ihr philosophisches Rückgrat. Das ist die Methodologie, die uns diesen schimmernden, beeindruckenden, expandierenden Kosmos geschenkt hat, den wir heute bewohnen."

Ed Lake denkt noch einmal über den Fall Aaron Swartz nach, dem für das unerlaubte Herunterladen akademischer Aufsätze 26 Jahre Haft und eine Million Dollar Bußgeld drohten. 2013 beging der erfolgreiche Programmierer im Alter von 26 Jahren Selbstmord. "Armer Junge, richtig? Nun, ja. Er war um einiges mächtiger, als es dieses Bild nahelegt. Er hatte ein bequemes Geldpolster. Seine Entwicklerarbeit an RSS hatte ihm enormes soziales Kapital unter Alpha-Nerds eingebracht. Einflussreiche Freunde hatten ihm die Türen zu Recht, Politik, Medien geöffnet. Er war äußerst charismatisch. Vor allem aber war er schlau: diese geduldige, brutal praktische Intelligenz, die tatsächlich etwas zustande bringt (und damit ist noch nichts über seine Fähigkeiten als Programmierer gesagt). Es ist gut vorstellbar, dass er ohne seinen unsicheren Seelenzustand den Angriff hätte abwehren können. Es haben schon kleinere Davids ihre Goliaths geschlagen."

Magazinrundschau vom 21.04.2015 - Aeon

Der Psychologe und Radiologe Jeffrey M. Zacks geht einer längst überfälligen Frage nach: Warum explodieren unsere Gehirne nicht, wenn wir Filme sehen? Immerhin widerspricht der Filmschnitt, bei dem sich auf einen Schlag alle visuellen Informationen ändern können, unserem über Jahrmillionen entwickelten Sehsinn - oder etwa nicht? "Unsere Seherfahrung kommt uns vielleicht nicht so zerstückelt vor wie eine von Paul Greengrass inszenierte Kampfszene, aber in Wirklichkeit ist sie es. Zum einen blinzeln wir alle paar Sekunden und sind jeweils für mehrere Zehntelsekunden blind. Zum anderen bewegen sich unsere Augen, zwei oder drei pro Sekunde vollziehen sie ruckartige sogenannte sakkadische Augenbewegungen. Diese dauern weniger als eine Zehntelsekunde, und die Information, die während dessen ans Hirn gesendet wird, ist ziemlich unbrauchbar. Das Hirn hat einen famosen Kontrollmechanismus um den Informationsmüll während der Sakkaden auszublenden. Mit Blinzeln und Sakkaden sind wir rund ein Drittel unseres Wachlebens funktionell blind."

Magazinrundschau vom 24.03.2015 - Aeon

Wie kommen Menschen auf der Basis derselben Informationen zu völlig verschiedenen Überzeugungen? Weshalb hängen Menschen Verschwörungstheorien an, die längst durch Gegenbeweise widerlegt sind? Kurz: Warum glauben wir, was wir glauben? Es ist unser jeweiliger intellektueller Charakter, der bestimmt, was wir aus Informationen machen, meint der britische Philosoph Quassim Cassam. Dass wir uns vieler dieser Charakterzüge nicht bewusst sind, liegt in der Natur der Sache: "Die Gutgläubigen halten sich selten für gutgläubig, und die Engstirnigen finden sich nicht engstirnig. Die einzige Hoffnung, die wir haben, in solchen Fällen unsere Selbstignoranz zu überwinden, ist die Einsicht, dass andere Menschen - Kollegen, Partner, Freunde - unseren intellektuellen Charakter vermutlich besser kennen als wir. Doch auch das hilft nicht immer. Schließlich könnte es sein, dass es einer unserer intellektuellen Charakterzüge ist, nicht auf andere Menschen zu hören. Manche Defekte sind eben unheilbar."

Magazinrundschau vom 17.02.2015 - Aeon

Sie sind orthodoxe Juden - und Atheisten. Batya Ungar-Sargon schildert die heikle Lage und den inneren Zwiespalt von orthodoxen Juden in New York, die vom Glauben abgefallen sind: "Sie bezeichnen sich als "Orthoprax" - von richtiger Praktik -, um sich von den Orthodoxen - von richtigem Glauben - zu unterscheiden. Jedes Mal, wenn ich einen traf, stellten sie mich einigen ihrer Freunde vor, doch die meisten weigerten sich mit mir zu sprechen, aus Angst aufzufliegen. Es befinden sich viel weniger Frauen als Männer in dieser Situtation, und sie sind noch schwerer aus der Deckung zu locken. Sie riskieren, ihre Kinder zu verlieren, besonders im Staat New York, wo das Sorgerecht meist an den gläubigeren Elternteil geht."

Außerdem: Noch nie war die Wissenschaft so einsprachig wie heute. Wer nicht auf Englisch veröffentlicht, geht unter. Der Wissenschaftshistoriker Michael D. Gordin erklärt in einem historischen Exkurs, wie es dazu kam.
Stichwörter: Atheismus, Orthodoxe Juden

Magazinrundschau vom 10.02.2015 - Aeon

Feiglinge werden verachtet, verhöhnt, im Krieg oftmals hingerichtet. Es gibt allerlei Erklärungen, wie heldenhaftes Verhalten einer Spezies nutzt, aber keine evolutionäre Ehrenrettung der Feigheit. Chris Walsh beschreibt, warum sie trotz allem nützlich ist: "Die Abneigung, die wir üblicherweise gegenüber Feigheit hegen, kann hilfreich sein, sich darauf zu besinnen, wie wir uns verhalten sollten und welche Ängste uns davon abhalten... Wie wir lieben, wer und wo wir sind, was wir tun, was wir denken, sogar was wir wissen und uns zu wissen erlauben - manchmal scheint es, als würde all das von aufgebauschten Ängsten und Pflichtvermeidungen geformt, die so lange aufrecht erhalten wurden, dass sie zur Normalität wurden. Über Feigheit zu reflektieren, kann helfen, sie zu überwinden."
Stichwörter: Feigheit, Normalität