Magazinrundschau

Mit der Strenge einer Linie

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
13.08.2013. Detroit verkauft keine Kunst, versichert Le Monde. In La Repubblica blickt der Historiker Marco Revelli in das schwarze Loch, das die radikale Linke hinterlassen hat. Magyar Narancs blickt auf ungarische Auswanderer. Das New York Magazine porträtiert den Designer Narciso Rodriguez. Cabinet fragt sich mit Giacomo Leopardi, ob der Tod auch nur eine Mode ist. In The New Republic fragt Steven Pinker: Was haben die Geisteswissenschaften denn Neues zu bieten?

Monde (Frankreich), 09.08.2013

"Kann die Kultur einfach weitermachen, während die Welt um sie herum zusammenbricht?", fragt Laurent Carpentier in einer Reportage über das Kulturleben in Detroit. Über die Stadt, die gerade in Konkurs gegangen ist, wurde viel geschrieben. Die Einwohnerzahl ist von 1.8 Millionen auf 700.000 gesunken, die auf einer riesigen maroden Fläche leben. Aber die Stadt Detroit hat auch das sechstgrößte Museum der Vereinigten Staaten, das Detroit Institute of Arts (DIA), mit einer Menge kostbarer Gemälde. Der Direktor dementiert Verkaufsgerüchte in aller Deutlichkeit: "'Wenn wir auch nur ein Gemälde von Wert verkaufen, wird das sofort Auswirkungen haben', empört sich Graham Beal. 'Wir werden sofort aus der Gemeinschaft der Museen ausgeschlossen, und wir werden das Vertrauen unserer Spender verlieren. Ich kann Ihnen versichern: Die Schließung des DIA wäre schlimmer als die Pleite von General Motors. Sie würde bedeuten, dass die Stadt den Kampf aufgegeben hat.'"

Gerade ist auch eine Fernsehserie über das Leben in Detroit gestartet: "Low Winter Sun". Zur Lektüre empfiehlt Carpentier Charlie LeDuffs Buch "Detroit, an American Autopsy" (Auszug).
Archiv: Monde
Stichwörter: Detroit, Fernsehserien

New Republic (USA), 19.08.2013

Der Szientismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung, ruft Steven Pinker den Geisteswissenschaften zu. Seine Prinzipien sind ganz einfach: Die Welt ist verstehbar. Die Aneignung von Wissen ist hart: "In den Diagnosen der geisteswissenschaftlichen Malaise wird zurecht auf die antiintellektuellen Tendenzen in unserer Kultur und die Kommerzialisierung der Universitäten verwiesen. Aber eine ehrliche Einschätzung würde die Tatsache anerkennen, dass ein Teil des Schadens selbstverschuldet ist. Die Geisteswissenschaften haben sich immer noch nicht vom Desaster der Postmoderne erholt, mit seinem trotzigen Obskurantismus, dogmatischen Relativismus und seiner erstickenden politischen Korrektheit. Und sie haben es versäumt, eine fortschrittliche Agenda zu formulieren. Verschiedene Universitätspräsidenten und -kanzler haben mir gegenüber geklagt, dass ein Naturwissenschaftler zu ihnen kommt, um aufregende neue Forschungsmöglichkeiten zu verkünden und neue Mittel dafür zu verlangen. Wenn ein Geisteswissenschaftler vorbeischaut, dann um etwas mehr Respekt dafür zu verlangen, dass die Dinge schon immer so gewesen sind."

Abraham Riesman zeichnet ein arg ambivalentes Bild des Comicautors Mark Millar, der das Superhelden-Genre auf den Kopf stellte, indem er in "Nemesis" einen Milliardär erschuf, der in seiner verbrecherischen Widerwärtigkeit nur von einem Polizeichef aufgehalten werden kann. Außerdem ist er bei Fox zuständig für die Verfilmung von Marvel-Comics und seiner eigenen ("Kick-Ass", "The Ultimates"): "Niemand hat das so Genre auf so schockierende Weise dekonstruiert und so erfolgreich befördert. Seine Kritiker sagen, er bringt das Schlechteste seiner Leser zum Vorschein, seine Anhänger sagen, er ist ein schlaues Genie und hat das Genre neu erfunden."

Außerdem: Paul Berman beschäftigt sich in einem Essay mit Albert Camus' "Chroniques algériennes", die jetzt erstmals ins Englische übersetzt wurden. Präsident Obama ist selbst schuld, dass ihm jetzt vorgeworfen wird, die Amerikaner über ihre Überwachung belogen zu haben, meint Jeffrey Rosen: "Die Regierung glaubt, sie dürfe keine Details ihres Überwachungsprogramms enthüllen, darum benutzt sie eine komische Sprache und wird dann beim 'Lügen' ertappt, was eine Atmosphäre der Unehrlichkeit und des Misstrauens schafft."
Archiv: New Republic

Elet es Irodalom (Ungarn), 09.08.2013

Am 6. August wurde nach mehr als zweijähriger Verhandlung in Budapest in erster Instanz das Urteil im Prozess über eine Mordserie an sechs Roma (mehr hier) gefällt: In drei Fällen wurden die Angeklagen zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt. Ein Vierter erhielt 13 Jahre Haftstrafe. András Vágvölgyi B. kommentiert das Urteil: "Bei der Begründung wies Richter László Miszori auf die Bedeutung des Urteils für die Prävention hin. (...) Das 'Gewaltmonopol des Staates' wurde nicht explizit erwähnt, doch wurde betont, dass gesellschaftliche Konflikten nicht durch die Selbstjustiz privater Brigaden gelöst werden dürfen. Bürgerkrieg ist nicht vertretbar. Lange Zeit hatte die Gesellschaft von diesem Prozess keine Kenntnis genommen. Nun wird darüber mehr berichtet. Die Frage bleibt, ob es eine nationale Katharsis geben wird. Ich bin nicht sehr optimistisch."
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Stichwörter: Gewaltmonopol, Roma

Repubblica (Italien), 08.08.2013

Ehe symptomatisch als diagnostisch liest sich das Interview mit dem in Italien bekannten Historiker und 68er Marco Revelli, der weiterhin die Gleichheit als wichtigstes linkes Ideal verficht und darauf beharrt, dass die Linke eine Utopie anbieten muss. Aber es gibt auch Selbsterkenntnis: "Die radikale Linke, wie sie Rossana Rossanda verkörperte, ist freiwillig und ohne Vermächtnis eingegangen. Und die institutionelle Linke hat sich anders orientiert. Meine Generation hat in diesem Sinne komplett versagt. Wir sind für die Politik ein enormes schwarzes Loch. Im Blick auf die neuen Generationen verschärft sich dieses Versagen noch. Sie haben allen Grund, uns den Prozess zu machen. Wir haben die Idee von Veränderung vereinnahmt, ohne eine neue und andere Welt zu konstruieren."

Außerdem in Repubblica: ein Interview mit Ian McEwan über den auch in Italien neu übersetzten und gefeierten Roman "Stoner" von John Williams (hier eine Leseprobe).
Archiv: Repubblica

New York Magazine (USA), 19.08.2013

Das New York Magazine hat diese Woche einen Modeschwerpunkt. Amy Larocca porträtiert den Designer Narciso Rodriguez, der nach einigen kreativen wie finanziellen Auf und Abs gerade eine sehr gute Phase hat: "Seine Kleider waren schon immer schlicht, körperbetont, minimal im Design, aber in den letzten Saisons haben sie eine schärfere Kontur bekommen und eine selbstbewusstere Silhouette. Rodriguez hat Jahre im Geschäft damit verbracht darüber nachzudenken, wie man das Einfache sehr, sehr schön machen kann. Wie man Interesse nicht mit einem Muster erweckt oder einem Puff, sondern mit der Strenge einer Linie. Es hat ihm auch nicht geschadet, dass gerade eine neue Art von Minimalismus aufsteigt (wie bei Céline). Die Kunst bei minimalistischer Kleidung, wenn sie richtig gemacht ist, besteht darin, dass daneben alles andere frivol aussieht."

Die Autorin Lionel Shriver ("We need to talk about Kevin") denkt in einem Essay über das "nicht schön sein" nach. Es kommt in vielen Formen. Shriver hatte als Kind vorstehende Zähne, andere schielen, haben ein fliehendes Kinn oder sind fett. Und sie werden völlig anders behandelt als schöne Menschen. Hier zitiert sie Irina, eine Protagonistin aus ihrem Roman "The Post-Birthday World": "Menschen, die immer gut ausgesehen haben, sagt sie, 'haben keine Ahnung, dass die Art wie sie behandelt werden von ihrem Aussehen abhängt. Ich wette, dass attraktive Menschen sogar eine höhere Meinung von der Menschheit haben. Weil jeder immer nett zu ihnen ist, glauben sie, dass jeder nett ist. Aber es ist nicht jeder nett."

Außerdem: Marc Jacobs spricht über seine Tätowierungen. Und der Star des Covers, die Schauspielerin und Regisseurin Lake Bell, die mit einem Tätowierkünstler verheiratet ist, erklärt, warum sie keine hat. Und hier noch eine Bilderstrecke mit den Trends für den Herbst: Supertoll sind diese Skunk-Handschuhe von Altuzarra!

Kennen Sie den amerikanischen Volkshelden John Henry, einen befreiten Sklaven aus dem 19. Jahrhundert? Drehbuchautor Damon Lindelof erklärt Ihnen im Gespräch mit Scott Brown, warum Sie in absehbarer Zeit auf keine adäquate Verfilmung von Wests tödlichem Kampf gegen die Maschinen hoffen dürfen - aber umso mehr auf eine, in der John Henry von einem anderen Planeten stammt, Superheldenkräfte besitzt, am Ende doch nicht stirbt, dafür das Mädchen kriegt und selbstredend die ganze Erde rettet: "Niemand fragt notgedrungen danach, aber es geschieht einfach irgendwie. Lindelof nennt dies 'Story Gravity', die Schwerkraft der Geschichte. Und damit umzugehen - ob das nun heißt, sich dem zu widersetzen oder sie geschickt zu meistern - ist die große Herausforderung dabei, wenn man diese neue Sorte von Tentpole Blockbustern schreibt. Früher lautete die Frage: 'Wie können wir uns toppen?' Die neue lautet scheinbar: 'Wie können wir uns stoppen?'"

Vanity Fair (USA), 01.09.2013

Vanity Fair porträtiert den großen Moderedakteur André Leon Talley, der mit seiner Größe und Körperfülle, die er gern in gigantische farbenprächtige Capes hüllt, und seiner Vorliebe, über antiquierte Künste wie das Handschuhtragen zu plaudern, leicht wie eine etwas lächerliche Figur aus der Vergangenheit wirken kann. Aber das anzunehmen, wäre ein wirklich grober Fehler, meint Vanessa Grigoriadis: "Für Topdesigner ist Talley vielleicht die wichtigste Verbindung zur Vergangenheit. 'André ist einer der letzten großen Moderedakteure mit einem unglaublichen Wissen über die Geschichte der Mode. Er kann durch alles, was man tut, bis zur originalen Reverenz hindurchsehen und erraten, was auf meiner Inspirationstafel stand', sagt Tom Ford. 'Mein Gott, wenn er in der ersten Reihe sitzt, zu wissen, dass er versteht, was man tut, was man versucht in Popkultur zu übersetzen - dafür arbeitet man als Modedesigner.'"

Außerdem: Michael Lewis erzählt die Geschichte des ehemaligen Goldman-Sachs-Programmierers Sergei Aleinikow, der zu acht Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er angeblich Computercode gestohlen haben sollte.
Archiv: Vanity Fair

Cabinet (USA), 13.08.2013

Der Literaturprofessor Leland de la Durantaye weist auf den Zusammenhang zwischen Mode und Tod hin, den Giacomo Leopardi in seinen "Operette morali" beschrieb. "Vertraulich spricht die Mode zum Tod: 'Du und ich zusammen machen die Dinge auf der Erde ungeschehen oder verändern sie, obwohl du es auf die eine Art tust und ich auf die andere.' Der Punkt in beiden Dialogen ist, dass der Tod nur vom privaten Blickpunkt einer Person oder eines Dings als Ende angesehen wird. Aus weiterer Perspektive, egal ob bei einem Isländer oder einer ganzen Galaxie, ist alles Wandel und Erneuerung. Das nimmt dem Tod allerdings nicht seinen Stachel."
Archiv: Cabinet

Magyar Narancs (Ungarn), 04.07.2013

Auswanderung ist in Ungarn zum allgemeinen Phänomen geworden, das Thema gehört zum täglichen Gespräch. Dorka Czenkli stellt eine kleine Dokumentarfilmreihe von Csaba Hernáth, Balázs Lóránt Imre und László Józsa vor, die sich mit dem Thema beschäftigt haben: "Der Film 'Menjek/Maradjak' (Soll ich gehen / soll ich bleiben) ist ein typischer Low-Budget Film, er geht in verschiedene Richtungen, probiert vieles aus. Er hat eine Rahmenstruktur, an manchen Stellen einen geteilten Bildschirm und durch die Interviews wirkt er sehr persönlich. Die Drehorte ermöglichen es auch, einen Blick auf einzelne ungarische Migrantenmilieus zu werfen. Die Filmemacher wählten exzellente Protagonisten. Bei den Ausführungen von Attila (39, der illegal Gewürze verpackt) und Mirjam (32, die Publizistik an der Columbia studierte und jetzt für Reuters arbeitet) kann man nicht nur über das Leben in den USA nachdenken, sondern auch über Fragen die unangenehm oder zu lyrisch erscheinen mögen. So werden 'Heimat, Heimweh, Entscheidungszwang' zu unserem gemeinsamen Problem, alles nach dem Motto des ungarischen Autors Lajos Parti Nagy: 'Schade, dass Dissidenz nicht mehr möglich ist.'"

Hier der erste Teil, mit englischen Untertiteln:


Slate (USA), 30.07.2013

Einen spannenden Einblick in die Problemlage der Archivierung historischer Software für kommende Generationen ermöglicht Matthew Kirschenbaum in seinem Bericht von einer Tagung, die sich mit genau diesem Themenkomplex befasst hat. Reicht es schon aus, gute Emulatoren, also Software, die die Systemumgebung älterer Rechner auf einem aktuellen Computer simuliert, zu programmieren? Oder bedarf es auch der konkreten Haptik? Einige Tagungsteilnehmer unterstrichen immer wieder "den Bedarf, wirkliche Exemplare alter Systeme zu erhalten, um den Nutzern eine möglichst umfassende Erfahrung der ursprünglichen Handhabe zu bieten. ... Manchmal ist die Interaktion zwischen Soft- und Hardware ganz besonders subtil. Ich erinnere mich gut an den Frust, mit dem ich auf meine Tastatur eindrosch, als ich interaktive Textadventures der alten Schule spielte, nur um vom Parser immer wieder 'Ich verstehe das nicht' oder 'Das kannst Du hier nicht tun' gesagt zu bekommen. Doch stieß ich auf die richtige Lösung, wusste ich das im Nu: Das Programm hielt kurz an, die Drehzahl der Diskette ging hörbar hoch und eine neue Textbeschreibung wurde geladen, während sich der Spielverlauf fortsetzte. Diese Art des Fortschreitens und der Rhythmisierung bildete das Tempo dieser Erfahrung - auf die selbe Weise, wie es Prozessorgeschwindigkeiten für bewegungsreichere Formen des Gameplays tun."
Archiv: Slate
Stichwörter: Archivierung

Nepszabadsag (Ungarn), 10.08.2013

Ervin Tamás kritisiert die Fernsehtalkshows in Ungarn, die ihr immer weniger der Diskussion als der Spaltung zu dienen scheinen: "Es gibt auch einen runden Tisch, aber nur mit Diskutanten, die dieselbe Meinung haben. Zusammen verunglimpfen sie dann auf hoher Drehzahl den gemeinsamen Gegner. An einem kleineren Tisch bekommt auch 'der Eindrittel' seinen Platz - er tut aber dasselbe. Jede Seite heizt ihr eigenes Lager an. Diese Meinungsghettos entstehen heutzutage auch, weil die Protagonisten der eigentlichen Diskussion nicht mehr gewohnt sind zu debattieren. Sie reden lieber parallel als miteinander. Was noch schlimmer ist: der Zuschauer-, Zuhörerbasis erwartet diese Art Talkshow. Wir haben uns eingerichtet in den Schützengräben, jeder in seinem."
Archiv: Nepszabadsag

Economist (UK), 10.08.2013

Der Economist ist guter Dinge, was die Zukunft der Washington Post unter Amazongründer Jeff Bezos betrifft: "Es trifft sich gut, dass Bezos, der ein Vermögen damit angehäuft hat, Endkunden zu bedienen, sich nun ins Zeitungsgewerbe einkauft. Die Zeitungen konzentrieren sich zunehmend auf ihre Leser statt auf ihre Werbekunden, die historisch etwa 80 Prozent des Umsatzes einbrachten. Im vergangenen Jahr brachten es die Leser amerikanischer Zeitungen im Schnitt auf etwa 27 Prozent des Umsatzes; einige, wie die New York Times, verdienen bereits hauptsächlich an ihnen. Im Zuge dieses Trends könnte Bezos die Post dahin bringen, mittels personalisiertem Content und clever platzierten Sonderangeboten (man denke an Amazons Kaufempfehlungen) eine unmittelbarere Beziehung zu den Lesern aufzubauen."

Weiteres: Der Economist sorgt sich um Chinas rasant ansteigenden C02-Ausstoß: Das Land "produziert beinahe doppelt soviel C02 wie Amerika. Gegenüber dem Westen befindet es sich nicht mehr bloß in einer Aufholjagd. Der durchschnittliche Chinese produziert dieselbe Menge an C02 wie der durchschnittliche Europäer." Außerdem empfiehlt der Economist eine Biografie über Mathew Brady, der mit seinen Politikerporträts und Fotografien die USA im 19. Jahrhundert dokumentierte.


Archiv: Economist