Magazinrundschau

Kratzen und singen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
02.01.2013. Im Espresso erzählt Roberto Saviano, warum die Einwohner von Scampia keine Haustürschlüssel mehr haben. Vanity Fair beobachtet John Belushi im Bienenkostüm. Outlook India untersucht die "Vergewaltigungskultur" in Indien. Le Monde lauscht der Musik der tibetischen dranyen dunglen. Der Economist feiert Comics im Netz. In Wired erklärt Internet-Unternehmer Tim O'Reilly sein Credo. In The New Republic stellt Anne Applebaum neue und alte Bücher über Polens Geschichte im 20. Jahrhundert vor.

Economist (UK), 19.12.2012

Als "Triumph der Nerds" feiert der Economist die Renaissance des satirischen Cartoons, die im Internet gerade dann einsetzte, als sich der an Printtitel geknüpfte Cartoon in die inhaltliche und ästhetische Stagnation verabschiedete. "Viele dieser Comics expandieren in kleine, auf eigenen Füßen stehende Medienimperien. ... Die typische Reichweite eines der führenden Web-Comics liegt zwischen einer und zehn Millionen Visits pro Monat, also etwa mit einer mittelgroßen Zeitung vergleichbar (die Website der Daily Mail, der meistgelesenen Zeitung im Netz, erzielt rund 48 Millionen im Monat). Aber anders als bei Zeitungswebsites, deren Haupteinnahmequelle Werbung ist, besteht das Publikum von Web-Comics nicht nur aus Lesern, sondern auch aus Kunden: Die meisten Künstler verkaufen T-Shirts, Bücher, Mousepads, Poster und anderes."

Außerdem: Der Economist plädiert für eine Verschärfung der Waffengesetze in den USA - und notfalls für eine Änderung der Verfassung. In diesem Porträt lernen wir den offenbar reichlich hitzköpfigen Medienmogul Matsutaro Shoriki, den japanischen "Citizen Kane", kennen. Die langsam nach Europa zurückkehrenden Wölfe hatten jahrelang nicht nur denkbar schlechte, sondern auch denkbar ungerechte Presse, ist hier zu lesen: "Sonderbar, dass ausgerechnet der Wolf zur bête noire der Menschheit wurde. Bären, die deutlich bessere Presse kriegen, sind viel gefährlicher. Störe einen Bären und er könnte Dich angreifen; störe einen Wolf und er wird die Flucht ergreifen."
Archiv: Economist
Stichwörter: Cartoons, Waffengesetze

Times Literary Supplement (UK), 28.12.2012

Der englische Schauspieler und Komödiant Samuel Foote machte gern Witze über andere und über sich selbst - selbst, nachdem ihm nach einem Unfall ein Bein amputiert werden musste. Kein Spaß im 18. Jahrhundert. Ian Kelly, selbst Schauspieler, hat ihn in einer Biografie als den ersten "modernen urbanen Prominenten" beschrieben, erzählt Norma Clarke, die das ganz treffend findet: "Es gefiel ihm, als 'der junge Gentleman' eingeführt zu werden, 'dessen Onkel für den Mord an seinem Bruder gehängt wurde'. Er hatte ein Pamphlet über das Verbrechen geschrieben, das sich so gut verkaufte, dass es ihn aus dem Schuldturm befreite. Er war ein brillanter Mime und unwiderstehlicher Witzbold, geltungssüchtig, Risiken suchend, grob und begabt mit dem, was das 18. Jahrhundert 'animalische Instinkte' nannte. Foote wurde sehr schnell eine West-End-Berühmtheit. Selbst Dr. Johnson, der seine Zweifel hatte, musste in seiner Gesellschaft lachen."

Frederic Raphael liest sich durch die "adipösen" Tagebücher Richard Burtons. Michael Saler bespricht drei Bücher über Alan Turing. Und wer jetzt noch Urlaub hat und sich langweilt, könnte versuchen, Tony Lurcocks literarisches Weihnachtsquiz ohne Google zu lösen: "Who said to his teacher 'History is a raw onion sandwich, sir'?"
Stichwörter: Norma, Alan Turing

Vanity Fair (USA), 01.01.2013

Dan Ackroyd und John Belushi tourten schon als Blues Brothers durch die Gegend und verkauften Platin-Alben, als noch niemand an einen Film dachte, erzählt Ned Zeman. Aber jeder aufstrebende Künstler, der sich schon mal in einem lächerlichen Kostüm auf der Bühne wiederfand, sollte wissen, dass auch für sie der Anfang kein Zuckerschlecken war. "Ackroyd hegte einen geradezu unheimlichen Glauben an Belushi, dessen Stimme okay war, aber nichts besonderes. Aber Belushi ist eben nicht einfach nur ein Sänger. Er ist ein front man. 'Das Alpha Illinois-Männchen', nannte ihn Ackroyd. 'Einer dieser Menschen wie Teddy Roosevelt oder Mick Jagger. Er war einfach einer dieser Charismatiker, die Köpfe verdrehen und den Raum beherrschen.' Nachdem die Blues Brothers eine Weile überall in der Stadt aufgetreten waren, ließ Morne Michaels sie die Saturday-Night-Live-Zuschauer vor den Shows anwärmen. Ins Fernsehen zu kommen war, schwieriger. Michaels war nicht ganz überzeugt. Man fand einen Kompromiss. Die Blues Brothers wurden am 17. Januar 1976 live aus New York gesendet. Verkleidet als Bienen."

Kein Problem, solange man dabei eine Sonnenbrille tragen kann, erklärt Regisseur Paul Shaffer:



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Archiv: Vanity Fair
Stichwörter: Mick Jagger

Outlook India (Indien), 14.01.2013

Die Massenvergewaltigung einer Frau in Delhi mit mittlerweile tödlichem Ausgang beschäftigt auch Outlook India. "Wir haben uns dazu entschlossen, sie 'Jagruti' zu nennen, das 'Erwachen'. Sie ist unsere Frau des Jahres", schreiben Amba Batra Bakshi und Chandrani Banerjee. Und weiter: "Jagruti ist typisch für eine junge, urbane Frau im modernen Indien: gebildet, ambitioniert, westlich gekleidet, sie geht gerne shoppen, schaut gerne Filme und nutzt die öffentlichen Verkehrssysteme. Und doch kämpft sie, um sich ihren Platz in einer von archaischen Werten beherrschten Gesellschaft zu behaupten."

Für Meena Kandasamy ist der Vorfall eine Folge der indischen "rape culture", deren Facetten sie genauer analysiert. Dazu zählt auch eine Rhetorik der Bagatellisierung und Schuldumkehrung seitens der Institutionen: "In einer von ihren eigenen Wahnvorstellungen der Macht benebelten Stadt musste ein solches Disaster früher oder später geschehen. Die Polizei von Delhi hat Vergewaltigungen in der Region schon früher legitimiert, indem sie vor versteckten Kameras frei heraus redeten, etwa 'sie hat es so gewollt' oder 'meistens geschieht dies im Einvernehmen'. Sie beschuldigten junge Frauen dafür, dass sie sich nicht innerhalb ihrer Grenzen bewegten, dass sie kurze Röcke und keine Stolas trugen, dass sie Wodka tranken und Männer umgarnten. Ein Polizist erklärte, dass keine Vergewaltigung stattfinden könnte ohne vorherige Provokation durch das Mädchen. Gegen keinen dieser Polizisten wurden ernsthafte Maßnahmen ergriffen."

Außerdem spricht Chandrani Banerjee mit dem Freund der vergewaltigten Frau.

Monde (Frankreich), 27.12.2012

Einen interessanten Hintergrundbericht schickt François Bougon über den Widerstand der Tibeter gegen die chinesische Besatzung, der in letzter Zeit mit grauenhaften, per Video verbreiteten Selbstverbrennungen neue Zeichen setzt. Immer häufiger, so Bougon, geht es den jungen Tibetern aber schlicht um die Verteidigung der eigenen Sprache. "Für die weniger gebildeten Schichten der Bevölkerung Tibets sind es vor allem Lieder, die über CD oder Internet verbreitet werden, mit denen sie ihre tibetanische Identität ausdrücken. Seit den achtziger Jahren ist ein bestimmtes Genre besonders beliebt, das dranyen dunglen, was 'kratzen und singen' bedeutet. Der Sänger begleitet sich mit einer Mandoline. Wie in der Literatur sind die versteckten Anspielungen immer deutlicheren Beschwörungen einer gloriosen Vergangenheit oder der Niederlage gegen die Chinesen gewichen, die mit der offiziellen chinesischen Sichtweise brechen."
Archiv: Monde
Stichwörter: Tibet

Wired (USA), 01.01.2013

Steven Levy unterhält sich mit HTML- und Web2.0-Vordenker Tim O'Reilly, dessen Open-Source-Credo "Schaffe mehr Wert als Du abzapfst" besonders im Mittelpunkt steht: "Jeder möchte sein Unternehmertum pflegen, doch wir müssen über die Vorbedingungen des Unternehmertums nachdenken. Man sät großartigen Samen in großartigem Boden. Und der Boden ist Gemeingut. ... Am Anfang so vieler Technologiefirmen steht ein Schub an Idealismus, Demokratisierung und neuen Möglichkeiten, doch mit der Zeit verschließen sie sich und stehen Unternehmertum, Innovation und neuen Ideen weniger offen gegenüber. Mit der Zeit nehmen die dominant gewordenen Firmen mehr aus dem Ökosystem als sie ihm zurückgeben. Wir haben das bei Microsoft gesehen, die mit einer großen Vision angetreten sind: Wie kriegen wir einen PC auf jeden Schreibtisch in jedem Haus? Das war grundlegend demokratisierend. Aber als Microsoft an die Spitze gelangte, begannen sie langsam damit, den Pfad zum Erfolg für alle anderen zu versperren." Darauf angesprochen, welche Firma sich dies besonders zu Herzen nehmen sollte, antwortet O'Reilly klipp und klar: "Apple. Die befinden sich eindeutig auf dem falschen Weg."

Außerdem: Joshua Davis spricht mit dem zum Zeitpunkt des Gesprächs noch untergetauchten, mittlerweile aber in die USA ausgewiesenen Virenscannerspezialisten John McAfee, der sich in Lateinameria Anwürfen ausgesetzt sah, im großen Stil Drogen fabriziert zu haben und in die Ermordung seines Nachbarn verwickelt zu sein (mehr). Und hier erfahren wir, in welchen Bereichen uns in Zukunft Roboter die Arbeit abnehmen werden.
Archiv: Wired
Stichwörter: Open Source, Roboter

Espresso (Italien), 30.12.2012

In Scampia, einem heruntergekommenen Viertel im Norden Neapels, sind zwei Bomben explodiert. Zwei spielende Kinder auf der Straße wurden verletzt. Zuvor gab es einen Mord in einem Kindergarten, wo Kinder gerade Weihnachtslieder lernten. Die Taten werden mit der Drogenmafia in Verbindung gebachte. Roberto Saviano schreibt in L'Espresso einen empörten Kommentar über die Zustände in Scampia: "Einigen Kindern wird gar nichts gegönnt. Kein Platz um zu lernen, kein Platz um zu spielen. Die Verbrecherbanden haben die Hand auf alles gelegt, alle sind betroffen. Sie beherrschen das Leben ganzer Familien, vor allem in den Wohnburgen, vor denen Drogen gehandelt werden. Dort sind sie nicht mal mehr im Besitz der Haustürschlüssel, denn die müssen den Drogenclans für ihren Verkauf von Haschisch und Marihuana ständig zur Verfügung stehen. Damit sie im Fall einer Razzia verschwinden können. Sie haben Zäune und Gatter gebaut, die unüberwindlicher sind als in Gefängnissen. Sie wurden wieder abgerissen. Sie haben sie neu gebaut. Sie haben eine Kriegszone errichtet, in der niemand ruhig leben und sich bewegen kann."
Archiv: Espresso

New Republic (USA), 31.12.2011

Anne Applebaum empfiehlt allen, die nicht ganz verstehen, warum Polen über den Zweiten Weltkrieg oft so anders zu denken scheint als Westeuropäer und Amerikaner, zwei gerade neu auf Englisch erschienene Bücher: Witold Pileckis "The Auschwitz Volunteer", ein Bericht aus Auschwitz, den Pilecki schrieb, nachdem er sich 1940 in das Lager hatte schmuggeln lassen, um Augenzeuge zu sein (nach dem Krieg wurde er von den polnischen Kommunisten hingerichtet), und ein Band der britischen Historikerin Halik Kochanski: "The Eagle Unbowed: Poland and the Poles in the Second World War". Letzteres ist für Applebaum "schon der Natur seines Gegenstandes nach ein außerordentlich ehrgeiziges Buch. Kochanski versucht, erstmals auf Englisch die verschiedenen Stränge der polnischen Kriegserfahrung zusammenzuführen. Diese schließen unter anderem ein: die Geschichten der deutschen Besetzung Westpolens, die sowjetische Besetzung Ostpolens, der Holocaust, die polnischen Piloten, die in der Luftschlacht um England kämpften, die polnische Infanterie, die mit den Alliierten bei Monte Cassino kämpften, die polnischen Soldaten, die mit der Roten Armee kämpften und die Polnische Heimatarmee - der militärische Arm der Widerstandsbewegung - die im Warschauer Aufstand 1944 entsetzliche Verluste erlitt." Allein wie Kochanski das erzählt, die Struktur des Buchs, ringt Applebaum gehörigen Respekt ab. (Richard J. Evans, der das Buch im Guardian besprochen hat, und der Economist (hier) bemängelten allerdings beide, dass Kochanski keine deutschen und russischen Quellen benutzt hat und kaum polnische.)

In der Titelgeschichte erzählt Ada Calhoun, wie schwierig es heute in den USA ist, eine ärztlich überwachte Abtreibung vorzunehmen, weshalb immer mehr Frauen es allein tun. Immer weniger Krankenhäuser führen Abtreibungen durch - in manchen Bundesstaaten gibt es grad noch eins. In den ersten neun Wochen könnten schwangere Frauen zwar Abtreibungspillen nehmen, aber auch deren Gebrauch wird immer stärker eingeschränkt. "Mehrere Bundesstaaten wollen den Zugang zu Abtreibungspillen im Netz und anderswo immer erschweren. 2011 verabschiedete Wisconsin eine Maßnahme, wonach Ärzte potenziell strafrechtlich belangt werden können, wenn sie bestimmte Vorschriften nicht einhalten, etwa den Patienten drei mal vorher sehen zu müssen. Die Kliniken von Planned Parenthood haben in diesem Staat im April alle Abtreibungen mit Medikamenten eingestellt und gegen das Gesetz geklagt. Unterdessen nehmen Frauen Abtreibungspillen ohne medizinische Betreuung, was gefährlich und voller Risiken ist."

Außerdem: Pankaj Mishra fürchtet, dass Indien sich immer mehr dem autoritären Staatswesen Chinas annähert. Paul Starr liest mit einigem Gewinn Nate Silvers Buch über Methoden für das Vorhersagen: "The Signal and the Noise" (Leseprobe)
Archiv: New Republic

Longreads (USA), 02.01.2013

Zum Weiterstöbern: Auf Longreads stellen Reporter ihre Lieblingsreportagen 2012 vor.
Archiv: Longreads