Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.07.2024 - Musik

Jan Wiele begeistert sich in der FAZ (online nachgereicht) für die mal grelle, mal zotige, mal innovative Musik von Swamp Dogg, der jetzt, mit 81 Jahren, mit seinem neuen Album "Blackgrass" Bluegrass und Country - für Swamp Dogg "ursprünglich eine Musik der Schwarzen" - zurückerobern will. Er "singt tatsächlich Stücke zu Banjo, Mandoline und Dobrogitarre, die man für klassisch weiße Bluegrassmusik halten könnte ('Mess Under That Dress') - wäre da nicht seine soulige Stimme, wie sie besonders im politisch aufgeladenen "Songs to Sing" hervorsticht." Aber "während die Texte aufrührerisch bleiben ('Rise Up'), stehen die Besetzung und der Erscheinungsort des Albums demonstrativ für Versöhnung und Vielfalt: Swamp Dogg hat sich nämlich mit Noam Pikelny von den Punch Brothers einen der versiertesten (weißen) Banjospieler an Bord geholt, mit Chris Scruggs exemplarisch den Enkel der weißen Bluegrass-Ikone Earl Scruggs, mit Jenny Lewis und Margo Price zwei zwischen Mainstream- und Alternative-Country schillernde Sängerinnen und mit dem schwarzen Vernon Reid aus der Band Living Colour einen Fusion-Gitarristen."



Weitere Artikel: Stephanie Grimm porträtiert für die taz die Schlagzeugerin Katharina Ernst. Günter Platzdasch berichtet in der FAZ vom diesjährigen Rudolstadt-Festival. Samir H. Köck (Presse) und Jakob Thaller (Standard) ärgern sich über Chaos und Missmanagement beim Rolling-Loud-Festival. Thomas Stillbauer erinnert in der FR an das Album "A Hard Day's Night" von den Beatles, das vor 60 Jahren erschienen ist.



Besprochen werden ein Konzet von Philharmonic Brass in Wiesbaden (FR) und Arooj Aftabs Album "Night Reign" (FR).
Stichwörter: Dogg, Swamp, Bluegrass, Country

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2024 - Musik

Was zeichnet die Kunst von Taylor Swift, die demnächst mit ihrer Tour auch nach Deutschland kommt, eigentlich aus, fragt sich Tobias Rapp in einem Longread für den Spiegel: Bei all dem sagenhaften Erfolg ist es ja gerade nicht die große Rock- und Popstarpose, mit der Swift an die Öffentlichkeit und an ihre Fans herantritt. Im Gegenteil, sie markiert Nahbarkeit. "Vielleicht ist Taylor Swift genau das: die amerikanische Freundin. Überall in der westlichen Welt rätseln Soziologen und Politikwissenschaftler darüber, was es mit all den Streitereien und Zerwürfnissen auf sich hat, die Familien spalten, Freundeskreise sprengen." Doch "Swift arbeitet am Gegenteil. Freundschaft. Gemeinsamkeit. Nähe. ... Vielleicht passt der Blick auf Bob Dylan besser. Der lief sein halbes Leben lang vor dem Missverständnis davon, er sei die Stimme einer Generation - bis seine Fans schließlich akzeptierten, dass die Stimme in den Songs nicht unbedingt die des leiblichen Menschen Bob Dylan ist. Bei Taylor Swift verhält es sich andersherum. Sie hat nur ein Thema: sich selbst. Die Heldenreise ihres Lebens, ihre Erlebnisse, Gefühle, Zweifel, ihre Selbstermächtigung. Darin findet sich die halbe Welt wieder."

Eleonore Büning porträtiert in der NZZ die in Berlin lebende Komponistin Unsuk Chin, die im Mai mit dem Ernst-von-Siemens-Preis ausgezeichnet wurde und nun an der Festival Academy in Luzern unterrichtet. "Jedes ihrer Musikstücke hat eine eigene Physiognomie. Wer eines kennt oder zu kennen glaubt, der wird jedes Mal wieder neu überrascht vom nächsten. Wird überfallen und gefangen genommen. Denn Chins Musik ist ein Ausbund an Schönheit. Wirkt überwältigend, ja, manchmal fast gewaltsam durch ihre poetische Kraft und Kompromisslosigkeit." Kürzlich erschien eine Box mit allen Aufnahmen der Berliner Philharmoniker ihrer Arbeiten:



Der gemeinsame Auftritt von Kool & the Gang und Nile Rodgers & Chic am letzten Freitag war eine "rauschende Sommernacht", schwärmt ein restlos begeisterter Andrian Kreye in der SZ. Das liegt nicht nur daran, "dass Disco nie der Soundtrack des Wandels war. Im Gegensatz zu Jazz, Rock und Hip-Hop war diese barocke Form des Soul der Soundtrack für einen Ist-Zustand des Glücks." Sondern auch daran, dass beide Bands schlicht alles gaben: "Dass Nostalgie die Wunderwaffe der Popkultur wurde, ist längst eine Binse, aber das funktioniert nicht als Routine. Das Energielevel, auf dem beide Gruppen insgesamt rund vier Stunden lang Songs spielten, die ein Großteil des Publikums mitsingen konnte, erreichen andere Bands in der Endrunde zwischen letztem Song und Zugaben."

Weitere Artikel: Sophie Emilie Beha porträtiert in der taz den nigerianischen Sänger Babatunde Akinboboye. Manuel Brug erzählt in der Welt von seinem Besuch beim Schostakowitsch-Festival in Gohrisch. Stephanie Caminada schreibt in der NZZ über den Frauenchor Echo vom Eierstock. Christoph Irrgeher blickt für den Standard auf die Zukunft des Jazzland-Clubs in Wien, der seit kurzem von Julius Melhardt geleitet wird. Und The Quietus blickt auf die besten 100 Alben des ersten Halbjahrs 2024 zurück.

Besprochen werden Karli Brauns Debütalbum "Dreckig" (Standard), ein Kraftwerk-Konzert in Wien (Presse, Standard), Goat Girls Album "Below the Waste" (FR), Swamp Doggs Album "Blackgrass" (FAZ) und eine neue Messiaen-Aufnahme von Barbara Hannigan und Bertrand Chamayou (FAZ-Kritiker Clemens Haustein bewundert die "irdisch-überirdischen Schönheit").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.07.2024 - Musik

Im Buch Zwei der SZ erkundet ein ganzes Autorenkollektiv die ungeheure Sogkraft der Pop-Großunternehmerin Taylor Swift. Zu tun hat diese auch mit Swifts Melodien, in denen sich gängige Muster zwischen Wiederholung und Überraschung geschickt potenzieren - etwa im "T-Drop": Dabei singt Swift "die gleichen drei Stufen einer Tonart hintereinander - zunächst den vierten und dann den dritten Ton (also Quart und Terz) einer Leiter. Und zum Abschluss dann die sechste Stufe der Oktave darunter." In so gut wie jedem Song lässt sich dies finden: "Die Melodie taucht derart oft auf, dass sie direkt ans Belohnungszentrum andockt, weil man sie, mindestens unterbewusst, wiedererkennt beziehungsweise bald erwartet hat. Sie hat darüber hinaus aber auch einen konkreten musikalisch-inhaltlichen Effekt: Swift nutzt das Motiv in aller Regel, um einzelne Blöcke in ihren Geschichten abzuschließen. Das funktioniert mit der Melodie deshalb so gut, weil der große Notensprung nach unten suggeriert, dass man sich zurück zum Ursprung begibt. Allerdings landet Swift dabei eben gerade nicht auf diesem Ursprung, ... sondern eine kleine Terz darunter. Das hält, ähnlich wie die Harmonien von oben, eine minimale Spannung aufrecht."

Julian Weber ist für die taz nach Essaouira in Marokko gereist, um dort bei einem Festival der Geschichte der Gnaoua-Musik nachzuspüren: Diese Musik und der Tanz dazu erschließen selbst Agnostikern "eine spirituelle Dimension. Sie verbinden uralte afrikanische Kosmogonie mit vorreligiösen Sufismus-Praktiken. Klangmuster der Gnaoua-Musik finden sich auch in der DNA von Flamenco und Jazz, während Elemente des Tanzrituals ganz ähnlich im haitianischen Voodookult vorkommen." Einen kleinen Eindruck von den Straßenumzügen und der trance-artigen Musik vermittelt dieser kurze Nachrichtenbeitrag.

Weiter Artikel: Der NDR hat nach einer Intervention der Rammstein-Anwälte seinen Podcast "Row Zero" über die Missbrauchsvorwürfe gegen Till Lindemann voerst offline gestellt, berichtet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung - allerdings geht es dabei wohl vor allem um urheberrechtliche Fragen bei der musikalischen Untermalung. Ljubiša Tošić wirft für den Standard einen Blick ins Programm des Carinthischen Sommers. Christian Schachinger freut sich im Standard auf das Kraftwerk-Konzert in Wien. Jan Wiele plaudert für die FAZ mit Ian Gillan, Sänger von Deep Purple, die Mitte Juli ein neues Album herausgebracht haben. Darauf bleibt sich die Band offensichtlich sehr treu:



Der NZZ liegt heute außerdem eine Beilage zum Lucerne Festival bei: Über dessen Motto Programmmotto "Neugier" schreibt Christian Wildhagen, zum selben Thema hat Michael Wildhagen einen Essay verfasst. Außerdem spricht Wildhagen mit dem Leiter des Festivals, Michael Haefliger.

Besprochen werden Joana Mallwitz' Dirigentinnendebüt beim Zürcher Tonhalle-Orchester (NZZ), Julia Fischers Auftritt beim Rheingau Musik Festival (FR), ein Konzert von Peter Maffay in Berlin (Tsp) und Beth Gibbons' Soloalbum "Lives Outgrown" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.07.2024 - Musik

Ein Zusammenschluss mehrerer französischer Rapper protestiert mit dem knapp zehnminütigen Track "No pasarán" gegen den Besorgnis erregenden Rechtsruck in ihrem Land, schreibt Ueli Bernays in der NZZ. Da geht es mitunter auch ziemlich drastisch zu, was Gewaltfantasien betrifft. "Gewiss darf man im Rap längst nicht alles wörtlich verstehen. Es geht um Zuspitzung und Übertreibung.". Doch "im kämpferischen Flow ... schwimmt allerdings viel irritierendes Treibgut mit. Akhenaton und seine Kollegen Demi Portion und Costa nehmen die Gelegenheit wahr, um Palästina ihre Unterstützung zu versichern - 'vive la Palestine d'la Seine au Jourdain', rappt Letzterer. Alkpote lobt nicht nur den Military-Chic von Ramsan Kadyrow, er droht auch dem prominenten liberalen Imam Hassen Chalghoumi. Schließlich werden auch Verschwörungstheorien bemüht und rechte Politiker als Illuminati bezeichnet oder als bluttrinkende Freimaurer: 'Espèce de franc-maçon, tu te nourris du sang qu'tu consommes', rappt Cocein."

Lars Fleischmann staunt in der taz: Seit Dezember befindet sich mit dem Open Ground ausgerechnet in Wuppertal ein Club, der dem Berliner Berghain ernsthaft den Rang ablaufen könnte. Und das nicht nur wegen der offenbar ausgesprochen offenen, zugewandten Atmosphäre, sondern vor allem wegen der sorgfältig konzipierten Raumakustik, die möglichst viel vom Direktschall aus den Lautsprechern retten will. Der Sound kann "kaum mit Worten beschrieben werden, muss empfunden werden. ... Auf sehr angenehme Art und Weise klingt Musik an diesem Ort wie in Watte gepackt. Es gibt kein Brummen, kein Plärren." Das bringt "den Vorteil, dass man anders als in den meisten Clubs nicht gegen die Eigenheiten des Raums anspielen muss, den DJs stattdessen eine Last von den Schultern genommen wird. Es gilt: Hier können sie spielen, was sie wollen und können. Das enorme Frequenzspektrum, dass selbst tiefste Sub-Bass-Regionen (um die 16 Hertz) sauber abbilden kann, macht nicht nur einen extrem qualitativen, sondern auch hochintensiven Sound erlebbar."

Außerdem: Christian Schachinger freut sich im Standard auf den Auftritt von Fever Ray am kommenden Wochenende in Wien. Andreas Danzer erkundigt sich für den Standard nach dem Stand der Dinge beim Wienerlied. Vladimir Tarnopolski schreibt in der FAZ zum Tod des russischen Komponisten Alexander Knaifel.

Besprochen werden Oliver Schwehms Dokumentarfilm "Born to Be Wild" über die Band Steppenwolf (NZZ, taz), ein Auftritt von Pussy Riot in Berlin (BLZ), ein Konzert von Nile Rodgers in Frankfurt (FR), der auf Amazon gezeigte Dokumentarfilm "I Am Celine Dion", in dem die Sängerin ihre Stiff-Person-Erkrankung zum Thema macht (NZZ), ein Berliner Jazzabend mit Uschi Brüning und Popette Betancor (Tsp) und Asya Fateyevas ABBA-Aufführung mit der Lautten Compagney Berlin beim Rheingau Musik Festival in Wiesbaden (FR, SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.07.2024 - Musik

Offenbar hat die russische VTB Bank vor, Teodor Currentzis und seinem Ensemble musicAeterna in Sankt Petersburger ein Konzerthaus zu errichten, schreibt Hartmut Welscher in VAN. Für Currentzis' Verflechtungen mit Russland bedeutet dies ein neues Qualitätsniveau: "Kein Bauprojekt solcher Größe ist in Russland ohne politische Einflussnahme und Ausrichtung an staatlicher Propaganda möglich. ... Dass ihm der langgehegte Wunsch eines Konzertsaals für seine Ensembles gerade jetzt erfüllt wird (...) ist vermutlich kein Zufall. Currentzis ist einer der wenigen prominenten Künstler, die nach Beginn des Krieges weiterhin sowohl in Russland als auch im Westen auftreten. ... Die Botschaft hinter dem Bauprojekt könnte auch lauten: Russland tut etwas für seine treuen Künstler, während die 'satanische Zivilisation', wie russische Propagandisten Europa neuerdings bezeichnen, sie cancelt. ... Die Frage ist, wie lange die anderen Veranstalter, die ihm bisher die Treue halten, den Spagat (und den öffentlichen Druck) noch aushalten. Ob Currentzis selbst glaubt, er könne in Russland vom Staat hofiert werden und gleichzeitig weiterhin im Westen auftreten?"

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Mathis Raabe spricht für die taz mit Glenn McDonald, der über seine Zeit, als er bei Spotify als "Daten-Alchemist" an den Empfehlungsalgorithmen geschraubt hat, ein Buch geschrieben hat. Unter anderem geht es in dem Gespräch auch darum, dass die Spotify-Tantiemen für viele Künstler oft nicht einmal einen Kaffee finanzieren. Dabei hat sich die Branche längst erholt: "Die Musikindustrie hat die Umsatzzahlen der CD-Ära bereits wieder eingeholt." Doch "die Anzahl der Künstler*innen, auf die das Geld verteilt wird, ist jetzt sehr viel größer. In der CD-Ära hatte man keine Chance, Karriere zu machen, wenn man nicht bei einem großen Label unter Vertrag stand und im Radio gespielt wurde." Aber "das Niveau der CD-Ära zu erreichen, ist nicht ausreichend. Denn eine Industrie, die mehr Künstler*innen unterhält, muss eigentlich auch um den selben Faktor größer sein. Und das ist sie noch lange nicht. ... Wir müssen etwas grundsätzlich anders machen. Taylor Swift und Ed Sheeran sind reich, aber nicht reich genug. Selbst wenn wir all ihr Geld umverteilen, könnten wir nicht alle Künstler*innen bei Spotify angemessen bezahlen."

Weitere Artikel: Eleonore Büning hat für VAN das Musikfestival Styriarte in Graz besucht. Die Musikhochschule Escuela Superior de Música Reina Sofía in Madrid hat international einen exzellenten Ruf und lässt entsprechende deutsche Institute in Deutschland ziemlich alt aussehen, schreibt Hans-Christian Rößler in der FAZ. Alex Ketzer wirft für VAN einen Blick auf die Gestaltung der aktuellen Saisonbroschüren der Klassikhäuser. Nadine A. Brügger und Janique Weder untersuchen in der NZZ das grenzreligiöse Verhalten von Taylor-Swift-Fans. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jens Buchholz über "Blackbird" von den Beatles:



Besprochen werden der Auftritte von Toto in Berlin (Welt) und Rod Stewart in Wien (Standard) sowie Emilíana Torrinis Comeback-Album (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.07.2024 - Musik

Michael Ernst berichtet in der FAZ von den Schostakowitsch-Tagen in Gohrisch. Konstantin Nowotny ärgert sich im Freitag, dass die einstige Verti Hall in Berlin nun, dem neuen Sponsoren sei Dank, lächerlicherweise Uber Eats Music Hall heißt. Dennis Sand freut sich in der Welt auf das kommende neue Album von Eminem. Karl Fluch macht sich im Standard schon mal warm für den heutigen Auftritt der Suicidal Tendencies in Wien. Frank Schäfer plauscht für die Welt mit John Kay, dem Sänger von Steppenwolf, der ursprünglich aus Deutschland stammt.

Besprochen werden der Auftakt des Nürnberger Musikfests ION (NMZ), Eric Pfeils Buch "Ciao Amore, ciao. Mit 100 neuen und alten Songs durch Italien" (FAZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album von Beak> ("Es darf gekifft werden", freut sich Christian Schachinger im Standard).

Stichwörter: Eminem

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.07.2024 - Musik

Das neue Album des israelischen, in New York arbeitenden Jazz-Saxofonisten Oded Tzur entstand im letzten Herbst unter den Eindrücken des 7. Oktober entstanden, schreibt Andrian Kreye in der SZ. "Die Mikrotöne, die er zwischen den zwölf Noten der westlichen Hörgewohnheiten findet, sind so etwas wie die Blue Notes eines Weltschmerzes, der bei den Arbeiten zu diesem Album eine solche Qual war, dass die Aufnahmen fast gescheitert wären. ... Man spürt mit jeder Note die Pein, die den Musikern in den Knochen steckte. Da ist eine Dringlichkeit, die gerade aus den freien Momenten strahlt, die über die musikalische Ekstase des Jazz hinausgeht."



Weitere Artikel: Daniel Bax porträtiert im Tagesspiegel Karol G, den "zweifellos größten Latin-Star der Saison". Ljubiša Tošić stellt im Standard sechs Nachwuchshoffnungen der Klassik vor, mit denen man rechnen sollte. Besprochen wird Omid Mirnours auf Youtube gestellter Dokumentarfilm über Rap und Revolution in Iran (taz).
Stichwörter: Tzur, Oded, Jazz, 7. Oktober, Rap-Musik

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.07.2024 - Musik

Der SWR ist in Baden-Württemberg einer der wichtigsten Player im Kulturbetrieb, gerade in der klassischen Musik. Wie sieht es da mit der journalistischen Unabhängigkeit der SWR-Kulturredaktionen aus, fragt sich Axel Brüggemann und hat für Backstage Classical mal genauer nachgefasst: "Gerade bei kulturpolitischen Themen entsteht der Anschein, dass sich innerhalb des SWR ein System etabliert, das die eigenen kulturellen Aktivitäten journalistisch unterstützt und interne wie externe Kritik gern verstummen lässt. Das zeigen Beispiele bei den Schwetzinger Festspielen, in der Berichterstattung über die #metoo-Vorwürfe gegen den designierten SWR-Chefdirigenten François-Xavier Roth und über die Russland-Verbindungen des scheidenden Chefdirigenten Teodor Currentzis." Brüggemans Fazit nach einer Detailanalyse von Berichten und Social-Media-Posts: "Der Sender nutzt seine Bedeutung als Arbeitgeber und großer Player in der Kulturszene Baden-Württembergs, um die eigenen Interessen unter dem Deckmäntelchen des Journalismus zu promoten. Das verstößt nicht nur gegen die eigenen journalistischen Ansprüche, sondern gefährdet die grundlegende Glaubwürdigkeit in den öffentlich-rechtlichen Journalismus."

Außerdem: Kira Kramer spekuliert in der FAZ darüber, was Kanye West wohl nach Moskau treibt. Benjamin Moldenhauer ärgert sich in der taz über den voranschreitenden Ausverkauf des Wacken-Metalfestivals. Besprochen werde das neue KIZ-Album "Görlitzer Park" (FAZ) und eine Neuaufnahme von Mahlers Neunter durch das Mahler Academy Orchestra unter Philipp von Steinaecker, die Welt-Kritiker Elmar Krekeler völlig begeistert. Für ihn ganz klar die Aufnahme, ohne die ein Leben auf der Insel keinen Sinn hätte.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.06.2024 - Musik

Kinky Friedman ist tot. Sein Leben können eigentlich nur die Coen-Brüder verfilmen, ist Harry Nutt in der FR überzeugt. "Für deren Spaß an anarchischen Charakteren jedenfalls wäre der Countrysänger, Krimiautor und spätberufene Politiker Kinky Friedman eine unerschöpfliche Fundgrube. ... Dick auftragen und mit Sanftheit verblüffen - seit seiner frühen Karriere fiel Friedman dadurch auf, dass seine Gesamterscheinung nicht unter einen Hut zu bringen war. Mitte der 70er Jahre posierte er mit wechselnden Kopfbedeckungen, Schnauzer, dicker Zigarre, weit aufgerissenem Hemd und glitzerndem Ohrring und erschreckte als Outlaw die konservative Country-Szene." Auch in allen übrigen politischen Milieus eckte er an: "Seine Humorfarbe triebe heute noch Röte in die Gesichter seines Publikums, vor allem die Farbe der Empörung stiege vielen hoch", schreibt Karl Fluch im Standard: "Kinky Friedman war ein Allrounder auf dem weiten Feld der Satire."

Andreas Platthaus kann dem in der FAZ nur zustimmen: "Friedman war politisch stets seine eigene Partei." Mit gepfeffertem Sarkasmus wie in Songs wie "They Ain't Making Jews like Jesus anymore" stieß er auf "ein begeistertes Publikum - und schäumende Empörung. Denn Friedman betonte seine jüdische Herkunft mit einem Selbstbewusstsein, das unüblich war - selbst sein Vater mokierte sich darüber - und ihm diverse antisemitische Hassattacken zuzog. Aber so hart er auch austeilen konnte, so empfindsam kommen manche seiner Lieder daher. Sein Verständnis von Countrymusik berücksichtigte auch die melancholische Tradition des Genres."



Weiteres: Im taz-Gespräch mit Andreas Hartmann erinnert sich Fan Ernst Ludwig an die Metalszene in der DDR. tazler Johann Voigt plaudert mit Ron Schindler über das Splash, das größte Hiphop-Festival Deutschlands. Besprochen werden die Compilation "Tránsitos Sónicos" mit elektronischer Musik peruanischer Komponisten aus den Jahren 1964-1984 (The Quietus), die auf Paramount+ gezeigte Doku "How Music Got Free" über die Geschichte der Musikpiraterie im Netz (TA), ein Konzert des Geigers Guido Sant'Anna in Wiesbaden (FR), der Auftritt von Kings of Leon beim Lido Sounds Festival in Linz (Presse, Standard), Rod Stewarts Konzert in Zürich (NZZ) und neue Musikveröffentlichungen, darunter "Night Reign" von Arooj Aftab (Standard, mehr dazu bereits hier).

Stichwörter: Friedman, Kinky, Country, Hiphop

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.06.2024 - Musik

Jeffrey Arlo Brown dringt für VAN tief vor in den Klangkosmos von Georg Friedrich Haas' "11.000 Saiten", bei dem fünfzig Klaviere, die je minimal abweichend voneinander gestimmt sind, gleichzeitig spielen: "Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit erlebe ich einen Klang, den ich noch nicht kenne." Diese Klaviere "produzieren einen Klang, der in meiner Vorstellung dem nahekommt, was eine Arbeitsbiene im Inneren des Bienenstocks hört, mit dem Gewicht und der Gewissheit von etwa 120 Millionen Jahren Evolution auf dem kleinen pelzigen Rücken. Es fühlt sich an, als wäre man eine der 3.500 inneren Haarzellen des menschlichen Ohrs, ein winziger Teil eines komplexen Leitersystems, das Schwingungen in elektrische Signale umwandelt. Oder als sitze man mitten in einem Teilchenbeschleuniger und könne die Quarks mit der Hand berühren. Manchmal scheint es, als ob sich die klangliche Energie des Stücks genau in der Mitte des Gashouders, wo niemand sitzt, sammelt und in jedem Moment das Dach des imposanten Bauwerks wegblasen könnte."

Ganz ähnlich geht es tazler Diedrich Diederichsen mit dem Album "In the Merry Month of May" des US-Dronekünstlers Tony Conrad mit der irischen Komponistin Jennifer Walshe: "Man wird weggeblasen - aber es ist keine Verstärkerwand in der Nähe, kein überblasenes Saxophon. Und zum anderen wurde eine Songform erfunden, deren textliche Seite nicht das Gedicht ist, sondern der einzelne Satz oder auch nur eine Interjektion: wie in der von britzelnden 'konkreten' Streichersounds voran getriebenen Panik-Studie 'Oh My God', in der Walshe ihre vokalen Schauspieltalente auf die Spitze treibt. Der Bass aber zerreißt uns in dem, nun ja, Rock-Hit 'Well You Would' und in 'Dance Dance' - eine Bassgitarre kann das jedoch nicht gewesen sein. ... Tatsächlich fragt man sich während dieses Sturms die ganze Zeit, was einem da einerseits vertraut und andererseits überwältigend unvertraut klanglich um die Ohren fliegt, ähnlich wie bei der Musique concrète instrumental eines Helmut Lachenmann."



Außerdem: Merle Krafeld warnt in VAN vor den Folgen des sich in den nächsten zehn Jahren wahrscheinlich noch deutlich verschlimmernden Musiklehrkräftemangels: "Der Klassik droht so eine weitere Zementierung des Status als elitärer Enklave." Dass die öffentliche Kulturförderung künftig an Honoraruntergrenzen geknüpft sein soll, ist für freie Musiker einerseits eine gute Nachricht, schreibt Anna Schors in VAN, andererseits könnten die dadurch steigenden Kosten auch dazu führen, dass insgesamt weniger Projekte gefördert werden. Franziska Dürmeier erzählt in der SZ von ihrer Begegnung mit dem Jazzmusiker Makaya McCraven. Volker Hagedorn schreibt in VAN über Bruckner, der vor 200 Jahren geboren wurde. Tilman Krause reist für die Welt auf den Spuren von Bedrich Smetana durch Tschechien. Hans Well schreibt in der SZ zum Tod des bayerischen Liedermachers Fredl Fesl. Andreas Platthaus schreibt in der FAZ zum Tod von Kinky Friedman, dessen Tod gestern Abend gemeldet wurde.

Besprochen werden Daniel Dreppers und Lena Kampfs Buch "Row Zero" über Gewalt und Machtmissbrauch in der Musikindustrie (NZZ), die Amazon-Doku "I am: Céline Dion" (Welt, Standard) und Mary Ocher Superstars Album "Your Guide to Revolution" (taz).