Der zwischen Pop und Kunst fröhlich changierende Pianist
Chilly Gonzales könnte die Wand raufgehen, wenn er sieht, was aus der
Neo-
Klassik geworden ist, die er vor 20 Jahren mit dem Album
"Solo Piano" eventuell mitgegründet zu haben für sich durchaus beansprucht:
gebrauchswertige Tapetenmusik für Kitsch-Playlists auf
Spotify. "
Ich hasse mich dafür", stöhnt er in der
Zeit. "Mir gefiel die konzeptuelle Idee, mein
Elektro-
Hipster-
Publikum mit einer Platte zu überraschen, die das Ohr gleichermaßen als 'Hinter-' und 'Vordergrundmusik', genannt 'autonome Musik', genießen konnte. ... Ich war schon immer ein Verfechter von Hintergrundmusik gewesen - eine Provokation und Herausforderung für den
prätentiösen Snobismus der kulturellen Eliten." Doch ist im Zeichen der Streaming-Algorithmen "ein Großteil dieser Neoklassik
nur als Hintergrundmusik zu gebrauchen, denn sie schien bei genauerer Betrachtung nichts Gehaltvolles zu offenbaren, was sie als autonome Musik auszeichnen würde." Der Algorithmus "fördert Stücke, denen es grundsätzlich
an Überraschung mangelt."
Heute Abend führen der Komponist
Adrian Sieber und der Cellist
Jakob Haas in München ihr sinfonisches neues Werk "The Twin Paradox" auf, für das sie eng mit
Google und derem Online-Kunstarchiv sowie auf Grundlager ihrer
KI Google Gemini gearbeitet haben. Die KI spuckt dabei kein fertiges Werk aus, sondern gibt eher
kooperative Anweisungen, nachdem man sie mit Prompts gefüttert hat, erklärt Andrian Kreye in der
SZ. Dabei konnten die beiden Musiker in mehreren Monaten feststellen, "wie tief die Simulation von Musikverständnis so einer Maschine ging, die nur auf Texte zugreifen kann. ... 'Im dritten Satz hat die KI sehr genau beschrieben, dass sie Harfe will, ein Vibrafon, Holz und Blechbläser, Glissandi', erzählt Sieber. 'Sie hat die Streicher komplett weggelassen. Dann haben wir den dritten Satz einfach auch mal ohne Streicher geschrieben.'" Im Lauf der Zeit "entwickelte Haas eine Methode, die er '
metaphorisches Prompten' nennt. Ein schlichtes Beispiel aus den ersten Versuchen: 'Ich habe gesagt, schreib mir eine
Melodie,
die klingt wie ein Krokodil. Gemini schafft es da, Verbindungen herzustellen. Sie gab tiefe, langsame Töne vor, mit kleinen Intervallen, die ein bedrohliches Szenario mit einem schwerfälligen Tier insinuieren'."
Moritz Baumstieger stutzt in der
SZ darüber, wie gleichförmig bis unfreiwillig komisch die an den
Sound populärer Politthriller angelehnte musikalische Untermalung von
ARD-Politdokus ausfällt: "Ab und zu heben sich Blasinstrumente mit der Ahnung einer aufsteigenden Melodie. Diese
Fanfaren der Macht deuten damit an: Hier könnte
Heroisches geleistet werden - sicher ist das in der Politik aber letztlich nie, darum brechen die Melodien bald ab und verhallen leise wie
Gesetzesentwürfe in 18.
Lesung im Fachausschuss."
Außerdem: Matthias Nöther
erzählt in
VAN von seinen Erfahrungen bei der Gründung eines
Bläserensembles gegen Rechts im brandenburgischen
Falkensee. Ane Hebeisen
spricht für den
Tages-
Anzeiger mit dem Berner Kontrabassisten
Mich Gerber. Und Arno Lücker
kürt in
VAN die zehn "
nervigsten Klassik-
Floskeln".
Besprochen werden ein Konzert der
Einstürzenden Neubauten in Frankfurt (
FR), eine
Schubert-
Aufnahme von
Julian Prégardien (
VAN), und ein postumes Album der 2021 gestorbenen Musikerin
Sophie ("Noch einmal wird klar, welches Talent der Popwelt mit Sophies tragischem Tod verloren gegangen ist",
seufzt Christian Schachinger im
Standard).