Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2024 - Musik

Von Death Metal über Prog-Rock bis zu Synth-Sounds aus der Berliner Schule sowie einmal durchs Weltall und zurück reicht die Reise, die die Band Blood Incantation auf ihrem neuen Album "Absolute Elsewhere" anbietet. Standard-Kritiker Christian Schachinger ist ziemlich von den Socken: Die Band befindet sich in der "künstlerischen Höchstform des kompletten Durchschotterns" - die künstlerische Strategie wurde dabei schon auf früheren Alben erprobt und verfeinert: "Der Bandleader und mit dem Sound eines untertourig gefahrenen Motors ins Mikrofon röchelnde Paul Riedl hackt Stakkatos in die Gitarre. ... Der Schlagzeuger kartätscht sein Instrument in einem Wutraum. Es wird gegrunzt. Die Leadgitarre bäumt sich mit sonst nur von einem ländlichen Saustechen bekannten Quieken dagegen auf. Es ist heftig. Nach sechs Minuten wechselt die Stimmung. ... Lucy in the Sky with Diamonds schwebt nun mit einem kleinen Stückchen Löschpapier auf der Zunge auf der Wolke sieben ein. Die Kosmischen Kuriere des Krautrock packen für einige Minuten ihre Synthesizer aus. Fröhlich blubbert einer Wasserpfeife aus den Boxen. Relax. Reee-laaaxxx. Doch halt, der Donnergurgler kehrt zurück! Er ist noch immer mächtig sauer." Ein zwanzigminütiger Kurzfilm mit allerlei Durchgeknalltheiten bewirbt das Album:



Außerdem: Im Zeit-Online-Gespräch weiht David Garrett Dirk Peitz tief ein in die Mysterien der Geschichte der Geigen und ihrer Herstellung. Für die NZZ geht Johannes C. Bockenheimer mit den Amigos spachteln. In der taz ist Popexperte Detlef Diederichsen sehr angefressen von dem Versuch, sich von ChatGPT einen Text im eigenen Stil schreiben zu lassen: "ChatGPT scheint keine hohe Meinung von mir zu haben - der bestellte Text war ziemlich langweilig."

Besprochen werden ein Auftritt der Jazzpianistin Hiromi Uehara (NZZ), ein Konzert des Pianisten Krystian Zimerman in Wien (Standard) und Kylie Minogues neues Album "Tension 2", dem allerdings laut SZ-Kritikerin Sofia Paule mitunter "schlicht die Kylieness fehlt".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2024 - Musik

Jakob Biazza porträtiert für die SZ den unter anderem für Haftbefehl tätigen Produzenten Ben Bazzazian, der "verändert, wie Deutschland klingt. ... Auch weil es Bazzazian gibt, hat man seit ein paar Jahren wieder etwas Hoffnung, dass es ganz vielleicht doch noch mal was wird mit diesem Land und wirklich gutem Pop. Mit Musik, die etwas bedeuten will, die, Gott bewahre, vielleicht sogar wahrhaftig sein möchte." Sein eigenes Album "100 Angst" führt "in die Tiefe. Sehr weit unter die Oberfläche. Marianengraben-tief. Bassdrum-Sounds wie sanfte Drohschreie riesiger Unterseemonster, die das letzte Mal vor ein paar Zehntausend Jahren weit genug aufgetaucht sind, um Tageslicht zu erahnen. Sonar-Synthies. Klavierakkorde wie die Unterseite von Eisbergen im Mondschein."



Sebastian Solte singt auf VAN eine vergiftete Lobeshymne auf den Opus Klassikpreis und dessen Übertragung im ZDF: "Einmal mehr muss das Engagement gelobt werden, mit dem sich die tatkräftigen Stakeholder im Verein zur Förderung der klassischen Musik (VzFdKM) einbringen. Ihre besondere Leistung, den unübersichtlichen Klassik-Markt so vorzusortieren und aufzubereiten, dass Redaktionen nicht mit unnötiger Recherchearbeit belastet werden, kann in der heutigen Zeit gar nicht hoch genug angerechnet werden."

Außerdem: Titus Engel erinnert in VAN an die Komponisten Hans Krása, Ilse Weber, Gideon Klein und Viktor Ullmann, die von den Nazis in Theresienstadt ermordet wurden. Ruth Lang Fuentes spricht in der taz mit der Rapperin Finna über Hiphop und linke Politik. Besprochen werden Bob Dylans Auftritt in Frankfurt (FR, FAZ), Kylie Minogues neues Album "Tension II" (TA), ein von Elim Chan dirgiertes Konzert der Wiener Symphoniker (Standard), Noga Erez' Album "The Vandalist" (FR) und das Debütalbum des Berliner Rappers Apsilon (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2024 - Musik

Tim Caspar Boehme empfiehlt in der taz einen Konzertzyklus der Berliner Philharmoniker mit Kompositionen von Ferruccio Busoni. Tilman Spreckelsen (FAZ) und Willi Winkler (SZ) gratulieren dem Schlager- und TV-Komponisten Christian Bruhn zum 90. Geburtstag. Bei beiden unerwähnt bleibt Bruhns Soundtrack zur deutschen Ausgabe der Zeichentrickserie "Captain Future", deren Sound eine ganze Generation westdeutscher Fernsehkinder geprägt hat.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2024 - Musik

Carlo Mariani blickt in der NZZ auf den anhaltenden Streit zwischen der argentinischen Popmusikerin Lali Espósito und dem Präsidenten ihres Heimatlandes, Javier Milei: Dabei geht es um "den Kampf zwischen den Kunstschaffenden und der Regierung in Argentinien, die das Budget für die Kultur drastisch kürzt". In ihrem aktuellen Video "Fanático" hat sie "nun richtig ausgeteilt":



Außerdem: Die Band Limp Bizkit wirft ihrem Label Universal systematischen Betrug vor, meldet Mathis Raabe auf Zeit Online. Besprochen werden ein Konzert von Joan as Police Woman in Zürich (NZZ), ein ARD-Podcast über Leonard Cohen (TA), das Honeyglaze-Album "Real Deal" (FR), das neue Album "It's All Going South" der Grazer Band The Base (Standard) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter Geordie Greeps Soloalbum "The New Sound" ("ein harter Brocken", ruft Standard-Kritiker Christian Schachinger).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2024 - Musik

Jonathan Fischer schreibt in der NZZ über den weltweiten Erfolg von nigerianischem Afrobeat. In seinem Poptagebuch für den Rolling Stone erzählt Eric Pfeil, wie ihm das Schicksal eine Kiste mit gebrauchtem Christenrock-Vinyl in die Hände spielte. In der FAZ gratuliert Achim Heidenreich dem Komponisten Mathias Spahlinger zum 80. Geburtstag. Besprochen werden die Neubearbeitung von Charli XCX' aktuellen Album "Brat" mit diversen Gastauftritten anderer Musiker (Welt), eine von Thomas Guggeis dirigierte Aufführung von Luca Francesconis "Sospeso" in Frankfurt (FR) und ein von Tarmo Peltokoski dirigiertes Konzert der Kammerphilharmonie Bremen in Wien (Standard).
Stichwörter: Peltokoski, Tarmo

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2024 - Musik

Im Festspielhaus von Dresden-Hellerau wurde SZ-Kritiker Helmut Mauró Zeuge "einer kleinen Revolution, die sich zu Größerem auswachsen könnte": Ein Roboter namens MAiRA Pro S hat dort anstelle eines Menschen die Dresdner Sinfoniker dirigiert. Die Bewegungsabläufe wurden vom Intendanten Markus Rindt vordirigiert, erfahren wir, aber die Maschine werde künftig wohl auch ohne solche Vorarbeit auskommen. "Genau dies erzählt die Dirigiermaschine MAiRA an diesem denkwürdigen Abend: Ich dirigiere, du spielst. Und dann winden sich ihre kalten Kunststoffarme um die Musik und zerschneiden den Klang von Wieland Reissmanns '#kreuznoten'." Die "Musikersklaven ... spielen perfekt, soweit man das bei dieser hochkomplexen Neukomposition sagen kann. Dabei überkreuzen sich zwei Abteilungen des Orchesters im Tempo ihres Spiels, der eine Teil beginnt langsam und wird schneller, der andere stürzt sich rasant ins Geschehen und bremst dann immer mehr ab. Ein Mensch könnte solch komplexe Kompositionen, zumal wenn gleichzeitig mehrere unterschiedliche Rhythmen ins Spiel kommen, kaum noch präzise dirigieren. Damit ist die Bruchstelle einer langen Tradition auch gleich definiert. Es sind nun Kompositionen möglich, die bisher unaufführbar waren"

Die Deutsche Welle hat das (zunächst noch klassisch dirigierte) Konzert dokumentiert:



Axel Brüggemann ärgert sich in Backstage Classical darüber, dass Paul Müller, Intendant der Münchner Philharmoniker, in einem BR-Interview sein Verhältnis zu dem russischen Dirigenten Valery Gergiev etwas arg schönredet: "Tatsächlich hat der Intendant seinen Chefdirigenten Valery Gergiev mehrfach aus der Schusslinie genommen und seine undemokratischen und zum Teil menschenverachtenden Einlassungen immer wieder als Privatmeinungen verteidigt. ... Müllers bedingungslose Deckung Gergievs war wohl auch der Beweis einer tiefen Männer-Freundschaft. Stand Valery Gergiev dem Intendanten Müller näher als die Werte unserer freiheitlichen Gesellschaft? Offensichtlich will Müller bis heute nicht einsehen, dass sein damaliger Umgang mit Gergievs menschenverachtenden Äußerungen falsch war und sein Vertrauen in den 'Freund' von eben diesem immer wieder bitter enttäuscht wurde. Gergiev war seinem Intendanten gegenüber nie loyal. Seine Treue galt stets - und schon sehr früh - seinem politischen Führer, Vladimir Putin."

Weitere Artikel: Andreas Michalke und Max Pohl streifen für die Jungle World durch die Platten- und Konzertläden von Marseille. Für die Seite Drei der SZ hat Alex Rühle die Karaoke-WM in Finnland besucht. Jan Feddersen (taz) und Udo Badelt (Tsp), gratulierten Nana Mouskouri zum 90. Geburtstag. Johanna Adorján spricht für die SZ mit der Popsängerin Zaho de Sagazan, die im vergangenen Jahr in Frankreich einen kometenhaften Aufstieg hinlegte. Hier singt sie (auf Deutsch - "Ich liebe den Klang") Nenas "99 Luftballons":



Besprochen werden Charli XCXs Neubearbeitung ihres aktuellen Albums "Brat" mit anderen Musikern (Standard), ein Abend für Gabriel Fauré im Piano Salon Christophori in Berlin-Wedding (VAN), Caspar Battegays Buch "Leonard Cohens Stimme" (online nachgereicht von der FAZ), ein Auftritt von José James in Berlin (taz), ein Oud-Konzert von Simon Shaheen mit Ensemble in Berlin (Tsp), das neue Album der Fantastischen Vier (Presse), Jake Shimabukuros neues Ukulele-Album "Blues Experience" ("das ganze Album ist von provozierender Lässigkeit", schreibt Peter Kemper in der FAZ), neue Klavierzyklen von Christopher Brown, David Johnson und Matt Dibble (FAZ), das Album "In Waves" von Jamie XX (FAZ) und Tucker Zimmermans Album "Dance of Love" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2024 - Musik

"Es war ein grandioses Geheul und Geröll", schreibt Joachim Hentschel in der SZ nach dem ersten von drei Konzerten, die Bob Dylan dieser Tage in Berlin gibt. Zu bezeugen war "eine Menge an musikalischer Dynamik, die den meisten Konzertohren heute völlig fremd vorkommen muss. Vor allem: ein 83-jähriger Dylan, ohne Hut und mit viel Haaren, der so leutselig, präsent und groovy wirkte, wie man ihn lange nicht mehr erlebt hat. ... Dabei hatte alles so katastrophal begonnen", zu Beginn sollte es "All Along the Watchtower" geben, doch Dylan "singt zielsicher am Mikrofon vorbei. Dreht sich mitten im Lied um, spielt ein bisschen Gitarre, dreht sich wieder zurück. Frei nach seinem berühmten, alten 'Mister Jones'-Song: Irgendwas ist los, man weiß nur nicht, was." Tobi Müller fragt sich auf Zeit Online derweil, welcher Bob Dylan da auf der Bühne zu sehen war: "Sehen wir in diesem Sturm der Verweise, der auf der Textoberfläche manchmal wie ein Sommerwindchen weht, den echten Bob Dylan? Einen, der nicht wie das Fitnesswunder Mick Jagger der Zeit trotzt, sondern zeigt, dass dieser Geist (und dieser Körper) bald mehr gesehen und geschaffen und sicher mehr Konzerte auf dem Buckel hat als jede andere lebende Person? Oder sehen wir eben auch den coolen, gewitzten Spieler, der ebenso gut aus einem alten Film stammen könnte, oder einem neueren, der in eine ungefähre Vergangenheit reist." Eine Antwort findet auch Müller nicht, nur so viel: "Man muss sich Bob Dylan nach diesem Abend als heiteren Menschen vorstellen."

Magdalena Adugna poträtiert für VAN das Ensemble Naked String Quartet, das seit einiger Zeit wöchentlich im Berliner Fetischclub KitKat auftritt - und zwar passend zum Namen und dem Dresscode des Veranstaltungsortes unbekleidet. "Für die Musiker:innen sind es die bestbezahlten Gigs der Stadt. ... Allerdings gibt es aktuell für die Naked String Quartet-Sessions nur einen kleinen Pool von etwa 12 bis 15 Musiker:innen, die überhaupt bereit sind, nackt aufzutreten. Mittlerweile hat sich eine kleine Kerntruppe herauskristallisiert, die vier, die auch die erste Performance gemeinsam gemacht haben. Clara und Anny wollen nicht mit ihren echten Namen genannt werden. Sie machen sich Sorgen, erkannt zu werden und möglicherweise andere Jobs zu verlieren. Zum Beispiel ihre Arbeit als Instrumentallehrerinnen. Dabei ist Nacktheit auf der Bühne, zum Beispiel im Theater, längst kein Skandal mehr. Wenn vier junge Frauen allerdings nackt in einem sexpositiven Club auftreten, macht man sich Gedanken darüber, was andere Menschen denken könnten."

Weitere Artikel: Carolin Gasteiger unterhält sich für die SZ mit Nana Mouskouri, die zu ihrem morgigen 90. Geburtstag ein neues Album veröffentlicht. Manuel Brug erzählt in der WamS von seiner Begegnung mit der spanischen Violonistin Maria Dueñas. Rainer Schmidt plaudert für die FAS mit Tex Brasket, der seit 2021 für die Punkband Slime singt, zuvor aber obdachloser Straßenmusiker war, worüber er nun ein Buch geschrieben hat.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2024 - Musik

Mit "Wir Waren Hier" ist dem Ex-Stuttgarter und nunmehr Berliner Noiserocktrio Die Nerven "ein ausgesprochen tolles Album" gelungen, schreibt Benjamin Moldenhauer in der taz. Es geht um die Angst, also "ein ausgesprochenes Scheißgefühl ... Der Gesang bildet den Versuch der Versprachlichung dessen, was das Subjekt umtreibt oder auch quält, die Soundwand aus Schall und Druck bildet die tragende Struktur oder auch die Couch, auf der das alles sein und hörbar werden darf. Die Struktur bleibt lebendig, auch wenn das Subjekt immer wieder singend darauf insistiert, dass es kurz davor ist, der Welt abhanden zu kommen ('Und ich fühl mich so fremd / Weiß nicht, wie man es nennt'). Nur Therapeutin oder Therapeut sind abwesend."



Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung spricht Stefan Hochgesand mit Kid Simius über den Berliner Club Watergate, der demnächst schließt. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ zum Tod des finnischen Komponisten und Dirigenten Leif Segerstam.

Besprochen werden das neue Album von Joan As Police Woman (Standard), die Arte-Doku-Serie "DJ Mehdi" (TA), der von Geoffrey Norris herausgegebene Band "Sergei Rachmaninoff spricht" (FAZ) und das neue Album von The Waeve (taz).

Stichwörter: Die Nerven, Angst

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2024 - Musik

Der zwischen Pop und Kunst fröhlich changierende Pianist Chilly Gonzales könnte die Wand raufgehen, wenn er sieht, was aus der Neo-Klassik geworden ist, die er vor 20 Jahren mit dem Album "Solo Piano" eventuell mitgegründet zu haben für sich durchaus beansprucht: gebrauchswertige Tapetenmusik für Kitsch-Playlists auf Spotify. "Ich hasse mich dafür", stöhnt er in der Zeit. "Mir gefiel die konzeptuelle Idee, mein Elektro-Hipster-Publikum mit einer Platte zu überraschen, die das Ohr gleichermaßen als 'Hinter-' und 'Vordergrundmusik', genannt 'autonome Musik', genießen konnte. ... Ich war schon immer ein Verfechter von Hintergrundmusik gewesen - eine Provokation und Herausforderung für den prätentiösen Snobismus der kulturellen Eliten." Doch ist im Zeichen der Streaming-Algorithmen "ein Großteil dieser Neoklassik nur als Hintergrundmusik zu gebrauchen, denn sie schien bei genauerer Betrachtung nichts Gehaltvolles zu offenbaren, was sie als autonome Musik auszeichnen würde." Der Algorithmus "fördert Stücke, denen es grundsätzlich an Überraschung mangelt."

Heute Abend führen der Komponist Adrian Sieber und der Cellist Jakob Haas in München ihr sinfonisches neues Werk "The Twin Paradox" auf, für das sie eng mit Google und derem Online-Kunstarchiv sowie auf Grundlager ihrer KI Google Gemini gearbeitet haben. Die KI spuckt dabei kein fertiges Werk aus, sondern gibt eher kooperative Anweisungen, nachdem man sie mit Prompts gefüttert hat, erklärt Andrian Kreye in der SZ. Dabei konnten die beiden Musiker in mehreren Monaten feststellen, "wie tief die Simulation von Musikverständnis so einer Maschine ging, die nur auf Texte zugreifen kann. ... 'Im dritten Satz hat die KI sehr genau beschrieben, dass sie Harfe will, ein Vibrafon, Holz und Blechbläser, Glissandi', erzählt Sieber. 'Sie hat die Streicher komplett weggelassen. Dann haben wir den dritten Satz einfach auch mal ohne Streicher geschrieben.'" Im Lauf der Zeit "entwickelte Haas eine Methode, die er 'metaphorisches Prompten' nennt. Ein schlichtes Beispiel aus den ersten Versuchen: 'Ich habe gesagt, schreib mir eine Melodie, die klingt wie ein Krokodil. Gemini schafft es da, Verbindungen herzustellen. Sie gab tiefe, langsame Töne vor, mit kleinen Intervallen, die ein bedrohliches Szenario mit einem schwerfälligen Tier insinuieren'."

Moritz Baumstieger stutzt in der SZ darüber, wie gleichförmig bis unfreiwillig komisch die an den Sound populärer Politthriller angelehnte musikalische Untermalung von ARD-Politdokus ausfällt: "Ab und zu heben sich Blasinstrumente mit der Ahnung einer aufsteigenden Melodie. Diese Fanfaren der Macht deuten damit an: Hier könnte Heroisches geleistet werden - sicher ist das in der Politik aber letztlich nie, darum brechen die Melodien bald ab und verhallen leise wie Gesetzesentwürfe in 18. Lesung im Fachausschuss."

Außerdem: Matthias Nöther erzählt in VAN von seinen Erfahrungen bei der Gründung eines Bläserensembles gegen Rechts im brandenburgischen Falkensee. Ane Hebeisen spricht für den Tages-Anzeiger mit dem Berner Kontrabassisten Mich Gerber. Und Arno Lücker kürt in VAN die zehn "nervigsten Klassik-Floskeln".

Besprochen werden ein Konzert der Einstürzenden Neubauten in Frankfurt (FR), eine Schubert-Aufnahme von Julian Prégardien (VAN), und ein postumes Album der 2021 gestorbenen Musikerin Sophie ("Noch einmal wird klar, welches Talent der Popwelt mit Sophies tragischem Tod verloren gegangen ist", seufzt Christian Schachinger im Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2024 - Musik

Das erste Update nach 60 Jahren des alle Mozartwerke bündelnden Köchelverzeichnisses schreibt dem Komponisten 95 Werke neu zu. Zahlreiche davon galten zwar zuvor schon lose als Mozartarbeiten, aber jetzt sind sie es auch quasi offiziell. "Ein paar echte Funde gibt es tatsächlich", freut sich Christian Wildhagen in der NZZ. Insbesondere "eine 'Serenate ex C', die binnen weniger Tage nach der Salzburger Uraufführung am 19. September zu einem Hit in der Mozart-Gemeinde avanciert ist. ... Das zauberhafte Jugendwerk aus den 1760er-Jahren ist fraglos mehr als eine Fußnote für Vollständigkeitsgläubige. Es tauchte aus den Beständen der Leipziger Städtischen Bibliotheken auf, wo es vermutlich seit dem 19. Jahrhundert unerkannt schlummerte. Das suitenhafte Stück besteht aus sieben kurzen Sätzen mit einer Spieldauer von gut zwölf Minuten. Es ist klar dem frühklassischen Stil der Epoche verhaftet, zeigt aber bereits jenes rhetorische Denken in Kontrasten und einige unverkennbare melodische Wendungen, die Mozarts gesamtes Schaffen durchziehen. Und namentlich das Adagio, den fünften Satz, würde niemand für das Werk eines Teenagers halten."



"Radiohead wird es wohl weiterhin nicht mehr geben", schreibt Standard-Kritiker Christian Schachinger nach dem Durchhören von "Cutout", dem bereits zweiten Albums, das Radiohead-Sänger Thom Yorke und Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood in diesem Jahr mit ihrer anderen Band The Smile veröffentlichen. "Zusammengehalten wird die Musik natürlich von Thom Yorkes verwehter, ätherischer, getragener und zerbrechlicher Kopfstimme. Darunter werden, wie etwa im herausstechenden Song 'Colours Fly', meist aus dem synkopischen, also auf die unbetonten Taktteile die Betonung legenden Spiel Tom Skinners frei flottierende Jams gelegt. Im konkreten Fall erklingen so Arabesken, die zurückweisen auf den ähnlichen Arbeitsansatz von Vorbildern wie der Kölner Krautrock-Band Can mit ihrem Wunderschlagzeuger Jaki Liebezeit. ... In 'Zero Sum' dudeln sich die Endlosschleifen-Gitarrenlicks eines Robert Fripp und seiner Studentenrockgötter King Crimson in deren Talking-Heads-Phase mit dem Album Discipline von 1981 Richtung Funky Afrika."


 
Weitere Artikel: Jonas Wagner porträtiert für die FAS (online nachgereicht) den Berliner Rapper Apsilon. Christoph Amend schreibt auf Zeit Online einen Nachruf auf die Gospelsängerin Cissy Houston. In der FAZ gratuliert Wolfgang Sandner dem Jazzpianisten Abdullah Ibrahim zum 90. Geburtstag. Und Arte bietet Christian Thielemanns Antrittskonzert mit Igor Levit an der Berliner Staatskapelle online zum Nachsehen an.

Besprochen werden Janet Jacksons Auftritt in Berlin (Tsp), PeterLichts Konzert in Frankfurt (FR), Sol Gabettas und Bertrand Chamayous Konzert im Wiener Konzerthaus (Standard) und das Debüt der Pavement-Nachfolgeband The Hard Quartet ("Da haben vier alte Hasen eine Form gefunden, auf die sie sich einigen konnten und innerhalb derer sie sich gegenseitig überraschen, anstacheln", freut sich Karl Fluch im Standard).