Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.12.2024 - Musik

"Sollte auch in der klassischen Musik eine Nulltoleranzpolitik herrschen", fragt sich Christina Rietz in der Zeit angesichts des Comebacks von John Eliot Gardiner nach der Ohrfeigenaffäre vor einem Jahr. "Aus Sicht des Publikums scheint der Fall klar zu sein, es hat keine Moral, es hat nur Geschmack: Auf Gardiner will man auch jetzt keinesfalls verzichten. Die Elbphilharmonie ist ausverkauft." Aber "gibt es das: Dirigieren auf Bewährung? Kann John Eliot Gardiner mit 82 Jahren lernen, seine Musiker nicht unter Druck zu setzen, zu beleidigen oder zu beschämen? Hat er sich im Griff, jetzt, wo auf seinem Hamburger Auftritt so ein gigantischer Druck lastet?"

"Die Leute sollen das Programm ja gucken", sagt Tobias Feilen, Leiter der Redaktion Musik und Theater im ZDF, im VAN-Gespräch mit Hartmut Welscher über das in aller Regel doch eher unterkuratiert anmutende Klassikprogramm des Senders, das sich auch durch eine gewisse Industrienähe auszeichnet. "Dazu ist es nötig, dass Personen auf der Bühne stehen, die unser Publikum kennt. Der Echo hat seinerzeit allein schon über seinen Markenwert für einen Einschaltimpuls gesorgt. Soweit ist der Opus noch nicht, dazu ist der Preis zu jung. Da ist es schon sehr stark vonnöten, dass wir dafür sorgen, dass unser Publikum namens- und gesichtsbekannte Menschen auf der Bühne wiederfindet.

Weitere Artikel: James C. Taylor spricht für VAN mit Semyon Bychkov über die Geschichte der Tschechischen Philharmonie. Robert Schumanns Liederzyklus "Frauenliebe und Leben" stellt VAN-Autorin Anna Schors mit seinem doch eher etwas angestaubten Frauenbild vor einige Herausforderungen. Bernhard Uske resümiert in der FR das "Happy New Ears"-Festival in Frankfurt. Christian Staas erinnert in der Zeit an John Coltranes vor sechzig Jahren eingespieltes Album "A Love Supreme", eine der "bedeutendsten Musikaufnahmen des 20. Jahrhunderts" und, so "schreibt sein Biograf Peter Kemper, eines der wenigen Kunstwerke, die, ähnlich wie Bachs Matthäus-Passion oder die Sixtinische Kapelle, selbst einer spirituellen Erfahrung gleichkämen".



Besprochen werden eine 70 CDs umfassende Werkschau Udo Jürgens, dem "größten Chansonnier der deutschen Sprache" (Welt) und ein Reclamband mit Songtexten von Die Ärzte (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.12.2024 - Musik

Der Komponist Hans Hammerschmid ist gestorben. Wer ihn nur auf Schwarzwaldklinik- und Traumschiff-Melodien reduziert, tut ihm Unrecht, schreibt Jan Feddersen in der taz. Vielmehr spiegele sich in diesem Leben auch die Geschichte der populären Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. "Er arbeitete mit Stan Getz, lebte in New York und leitete, zurück in Europa, das Südwestfunk-Tanzorchester. ... In den sechziger Jahren war er der entscheidende Musikmacher, Orchesterpartiturenschreiber wie Tonsetzer, der spätere Megastars wie die Ofarims produzierte und vor allem in der Kooperation mit der Chanteuse (und Schauspielerin) Hildegard Knef sein Lebenswerk krönte. Ihr schrieb er 'Für mich soll's rote Rosen regnen' und 'Von nun an ging's bergab' - elegante, jazzig angehauchte Stücke, geeignet für eine Sängerin, deren größte Begabung nicht in der Entfaltung von Großstimmigkeit lag, sondern in der Entwicklung von intimen Atmosphären. ... Mit ihm wollten sie arbeiten, er hatte das Händchen, aus Popularem Pop zu machen, eingängig und doch nicht simplizierend: Donna Summer, Anneliese Rothenberger, Helmut Zacharias, Miriam Frances, Curd Jürgens."

Acht Jahre lang arbeiteten Hammerschmid und die Knef zusammen, schreibt Christian Schröder im Tagesspiegel. "Die Langspielplatten 'Knef' (1970) und 'Worum geht's hier eigentlich?' (1971) floppten bei ihrer Veröffentlichung, werden wegen ihrer avantgardistischen Synthiesounds und der Mischung aus Jazz, Schlager und Soul inzwischen aber sehr geschätzt. 'Knef' schaffte es 2022 bei der Wiederveröffentlichung auf Platz 23 der deutschen Album-Charts."



Weitere Artikel: Im FR-Gespräch mit Max Dax blicken Herwig Mitteregger und Reinhold Heil auf die bewegte Geschiche ihrer 80s-Band Spliff zurück, deren Werk gerade in einer neuen Vinylausgabe herausgekommen ist. Anna Vollmer plaudert für die FAZ mit Gianna Nannini, die mit "Sei nell'anima" gerade ein Soulalbum veröffentlicht hat, über Altersdiskriminierung und unterschiedliche Musikkulturen in Italien und Deutschland. Ilo Toerkell berichtet in der taz vom Berliner Festival "Songs of Radical Kindness" mit Auftritten von Rasha Nahas und Golnar Shahyar. Ljubiša Tošić ist im Standard gespannt auf den Wiener Auftritt der bereits preisgekrönten Jazz-Newcomerin Yvonne Moriel.

Besprochen werden Caspar Battegays Buch "Leonard Cohens Stimme" (taz), Bernhard Eckers und Peter Hoseks Buch "Johann Strauss. Amerikanische Reise" (Presse) und der Auftakt von Moses Pelhams Abschiedstour (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.12.2024 - Musik

Dieser Abend "war ein bemerkenswertes Plädoyer für eine Institution, die unbedingt und uneingeschränkt zu erhalten ist", schreibt Berhold Seliger im ND nach der Veranstaltung "Herbert Fritsch macht ein Konzert" in der Komischen Oper Berlin, deren Existenz nach den aktuellen Kürzungsplänen des Berliner Senats auf dem Spiel steht. Begann der Abend noch mit einer Persiflage sinfonischer Aufführgewohnheiten, hielt schließlich doch die ernste Kunst Einzug, erfahren wir. Neben Gośka Isphordings Interpretation von einem Auszug aus Iannis Xenakis' Komposition "À l'île de Gorée" war Danæ Dörkens Darbietung von Alexander Scriabins "Prométhée ou Le Poème du feu op. 60" ein Highlight des Abends: Der Pianistin gelang es "den Flügel in allen Farbtönen schillern und die von Scriabin geforderte Ekstase in der Musik entstehen zu lassen. Dazu verwendet der Komponist den von ihm begründeten 'Mystischen Akkord' aus sechs Tönen, die in reinen, übermäßigen und verminderten Quarten übereinandergeschichtet werden und sich auf die Oberton-Reihe beziehen. Dieser Akkord löst die Dur-Moll-Tonalität auf und kann auf alle zwölf Stufen der chromatischen Skala transponiert werden. So entsteht eine gleichzeitig transparente, aber auch mystisch-nervöse, geradezu zauberische Atmosphäre."

"Es wird immer düsterer in der Welt, und Popmusik kann nichts ändern, aber schon so etwas ausstrahlen wie ein kleines Leuchten in der Finsternis", schreibt Benjamin Moldenhauer in der taz zu Joachim Franz Büchners neuem Album "Hits in the Dark", das "von der ersten Sekunde an das Licht als Antidot gegen Tod, drohende Schwärze und Vergletscherung beschwört." Der Kritiker denkt zuweilen an Blumfeld, aber auch an Prefab Sprout: "'Hits in the Dark' verbindet in ähnlicher Weise Alltägliches und Traumhaftes. 'Unvollendetes Duett' zum Beispiel, in dem Büchner über eine platonisch bleibende Beziehung in einem immer wieder im Falsett landenden Gesang so singt, dass die Schönheit dieser Verbindung genau so hörbar wird wie das traurigerweise Unfertige und die Fantasien, die man über sein Gegenüber entwickeln kann, wenn sie nie überprüft werden müssen."



Weitere Artikel: Mirjam Marits porträtiert für die Presse die Klarinettistin Andrea Götsch, die als erste Frau das Wiener Mozart Orchester dirigiert. Ljubiša Tošić blickt im Standard voraus aufs Johann-Strauß-Jahr 2025. Andrian Kreye schreibt in der SZ zum Tod des Komponisten Hans Hammerschmid, dessen Wurzeln im "rebellischen Jazz" - und zwar "mit Substanz" - lagen, später aber Chansons ("Für mich soll's rote Rosen regnen") komponierte, TV-Schnulz ("Schwarzwaldklinik") und Werbespots ("Wrigley's Spearmint") musikalisch einkleidete und damit "der deutschen Fernseh- und Popgeschichte den Soundtrack schrieb".


 
Besprochen werden David Tedeschis auf Disney+ gezeigte Doku "The Beatles 1964" (NZZ), ein Auftritt des US-Jazzsängers Gregory Porter in Wien (Standard), ein von Rafayel Payare dirgiertes Konzert des Orchestre symphonique de Montréal mit Daniil Trifonov in Wien (bei der "unbeschreiblichen Zugabe" bekam Standard-Kritiker Daniel Ender "Gänsehaut"), ein Konzert von Simin Tander und Jens Düppe in Frankfurt (FR), Kelly Lee Owens' "Dreamstate" (FR), ein neues Album des Wiener Musikers Bibiza (Standard), ein Konzert von Peter Gall mit seinem Jazzquintett (SZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Ice-Ts Metalband Body Count, die darauf nicht nur Pink Floyds "Comfortably Numb" covern, sondern dafür auch David Gilmour für eine Zusammenarbeit gewinnen konnten (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.12.2024 - Musik

Welt-Kritiker Elmar Krekeler killt seine Novemberdepression mit dem Berliner Originalklangensemble Lautten Compagney, die eine Abba-CD aufgenommen haben: "Wolfgang Kaschner, der Lautenist und Co-Gründer der Compagney, fand die Idee prima, vor allem wenn man Abba mit Jean-Philippe Rameau, dem revolutionären Tanzkomponisten von Louis XV, kombiniert - die bürgerlichen Stockholmer Dorfdissenklassiker und die grazilen Versailler Ballettbizarrerien des 18. Jahrhunderts. 'Dancing Queen' heißt das Album, zu dem sich die Compagney mit der Saxophonistin Asya Fateyeva verstärkte. ... Sie wollen Spaß haben. Was sie (und wir) gerade deswegen haben, weil Bo Wiget aus 'Waterloo' und 'Mamma mia' und 'Lay All Your Love On Me' geradezu in den Winterwald der harmonischen Verwandlungswunder verwandelt hat. Hier funkelt der Jazz durch, da tanzt Abba durchs Unterholz barocker Kontrapunktik, die Farben changieren."

Wir hören rein:



Weitere Artikel: Klaus Walter gratuliert in der FR den Goldenen Zitronen zum Vierzigsten. Jens Wohlgemuth erklärt in der FAZ, was Basketball und Jazz gemeinsam haben. In der FAZ schreibt Wolfgang Sandner zum Tod des Jazzkritikers Ulrich Olshausen.

Besprochen werden Adalbert von Goldschmidts Oratorium "Die sieben Todsünden" an der Berliner Volksbühne (Tsp, FAZ), Konzerte der Bandleaderinnen Joëlle Léandre, Anna Webber und Caroline Davis beim Züricher Jazzfestival (NZZ) und ein Konzert des Peter Gall Jazzquintetts im Münchner Club Unterfahrt (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.11.2024 - Musik

Christoph Irrgeher annonciert im Standard ein Wiener Bachkonzert von John Eliot Gardiner samt Constellation Choir und dem Constellation Orchestra. Jürgen Kesting (FAZ) und Christian Wildhagen (NZZ) schreiben über Giacomo Puccini, der vor 100 Jahren gestorben ist. Dlf Kultur würdigt Puccini mit einer "Langen Nacht" von Jürgen König. Corinne Holtz erinnert in der NZZ an den Komponisten Klaus Huber, der dieser Tage 100 Jahre alt geworden wäre. Andreas Hartmann hat für die taz den (auch im Netz gewerblich tätigen) Schallplattenladen Kontor Records im brandenburgischen Kyritz besucht, der sich Hoffnungen auf eine Auszeichnung mit dem morgen in Köln verliehenen "Emil" macht. Dirk Peitz blickt für Zeit Online auf aktuellen Streitigkeiten um den Benefiz-Schmierensong "Do They Know It's Christmas?", dem mal wieder Paternalismus statt echter Solidarität vorgeworfen wird. Jean-Martin Büttner berichtet in der NZZ von einer Vernissage zur Veröffentlichung von zwei Büchern zur Schweizer Mundartgruppe Züri West.

Besprochen werden eines der seltenen Konzerte der Krautrock-Legende Agitation Free um Gitarrist Lutz "Lüül" Ulbrich (taz) und ein Auftritt von BAP in Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.11.2024 - Musik

Max Nyffeler ist in der FAZ sehr unzufrieden mit der Entwicklung der Neue-Musik-Festivals: "Je größer die organisatorischen und finanziellen Ressourcen werden, desto überraschungsloser und weniger horizonterweiternd sind aufs Ganze gesehen die Inhalte." Eine Ausnahme bilden für ihn die selbst noch sehr neuen Musiktage Weingarten, das jedes Jahr auf eine Person fokussiert, in diesem Jahr die in London lebende, mexikanische Komponistin Hilda Paredes. "In ihren Werken, die allesamt akribisch ausnotiert sind, verbindet sich frei fließende Emotionalität mit einer illusionslosen Perspektive auf die harte Wirklichkeit ihres Herkunftslandes, in dem sich heute das künstlerische Bewusstsein einen Weg zwischen verschütteten indigenen Traditionen und dem Ansturm der Moderne bahnen muss. ... Daraus ist eine kraftvolle Musiksprache hervorgegangen, die frei ist von jeglichem Folklorismus. Doch im Dickicht der energiegeladenen Texturen und der dissonant geschärften Klänge artikuliert sich unverwechselbarer Ton, der etwas von der unter der zivilisatorischen Oberfläche weiterlebenden Magie der alten mexikanischen Kulturen zu künden scheint."

Ruth Lang Fuentes spricht für die taz mit Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen über das 40-jährige Bestehen der einstigen Funpunk-Band, die über die Politik bei der Avantgarde angekommen ist und ihr Jubiläum nun mit einem Best-Of und einer Tour feiert. Um Nostalgie geht es dabei nicht, beteuert Kamerun, sondern eher um Inventur. "Die Stones müssen 'Satisfaction' spielen, wir aber nicht 'Für immer Punk'. Wir haben uns extrem verändert über die Jahre. Und versucht, uns immer mit Gegenwart auseinanderzusetzen. ... Der Nachteil ist aber, wir spielen unsere alten Sachen nicht, das können wir nicht mehr, weil diese Songs für uns überhaupt nicht mehr funktionieren."

Weitere Artikel: Jonathan Fischer porträtiert für Zeit Online den Jazzmusiker Kahil El'Zabar, der seit Jahrzehnten Alben veröffentlicht und jetzt von einer an Hiphop geschulten Generation von Musikern und Hörern wiederentdeckt wird. "Die Dominanz einer avantgardistischen Orthodoxie in der Gegenwartsmusik gehört der Vergangenheit an", nimmt Stefan Ender in der NZZ als Fazit von der Wien Modern mit. Gerrit Bartels wirft für den Tagesspiegel einen Blick auf den aktuellen Streit um den gerade als Remix wiederveröffentlichten Charity-Schmachtfetzen "Do They Know It's Christmas?", dem unter anderem vorgeworfen wird paternalistisch statt solidarisch zu sein. Wilhelm von Sternburg erinnert in der FR an den vor hundert Jahren gestorbenen Komponisten Giacomo Puccini. Besprochen wird außerdem ein Konzert von Die Nerven (FR).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Stephan Sura über "Für die Ewigkeit" von Moses Pelham:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.11.2024 - Musik

Hartmut Welscher spricht für VAN mit dem ukrainischen Geiger Oleh Kurochkin über das zusehends erlahmende Engagement für die Ukraine, das er in der Politik und in der Kultur beobachtet - und das sich auch im Zuspruch für AfD und BSW bei aktuellen Wahlen zeigt. Auch wenn er in Deutschland lebt, ist der Krieg für ihn jedoch ganz nah: Sein Vater ist an der Front, Freunde sind von Raketeneinschlägen betroffen. "Natürlich hat man diesen Wunsch, dass es irgendwie vorbei ist. Aber dann erinnere ich mich, was vor zehn Jahren passiert ist bei der Annexion der Krim: Das war der Grund, warum ich nach Deutschland gezogen bin, weil mein Zuhause geklaut wurde. Und mir war damals klar: Weil es erlaubt wurde, wird es nochmal passieren. Und so ist es gekommen. Und wenn wir es jetzt wieder erlauben, was würde Russland davon abhalten, das Gleiche in zehn Jahren wieder zu machen? Warum denken wir, dass wir hier in Berlin oder sonstwo in Europa davor geschützt sind? Sind wir nicht. Wir müssen realisieren, dass es nicht vorbei ist, wenn wir den Krieg jetzt einfrieren. Es kommt wieder, das habe ich schonmal erlebt."

Weitere Artikel: Tobi Müller durchleuchtet für Zeit Online die Streitereien zwischen Drake und Kendrick Lamar, dessen neues Album (mehr dazu bereits hier) Ueli Bernays in der NZZ rezensiert. Regine Müller resümiert für VAN die Wien Modern. Für den Tagesanzeiger spricht Sara Peschke mit Kim Deal über deren Debüt-Soloalbum. In einer Kolumne für VAN plädiert Holger Noltze dafür, "Empfindsamkeit nicht bloß als (sentimentale) Stimmung zu nehmen, sondern als rezeptives Vermögen zu schätzen". Albrecht Selge hat für VAN den November mit Brahms verbracht.

Besprochen werden der in der Edition Hawara erschienene Sampler "The Other Sound of Music" mit obskurer österreichischer Musik der Achtziger ("Würdig und recht. Und funky", freut sich Karl Fluch im Standard), Sofie Royers neues Album "Young-Girl Forever" (Standard), Markus Kienzls Album "Three" (Standard), ein Auftritt von Nilüfer Yanya in Berlin (Tsp), High Vis' neues Album "Guided Tour" (FR) und das neue Album von Michael Kiwanuka (Presse, mehr dazu bereits hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.11.2024 - Musik

Jakob Biazza verneigt sich in der SZ tief vor Father John Misty. Dieser "menschenfreundlichste Berufszyniker, zynischste Berufsmenschenfreund" meldet sich mit seinem neuen (auch auf Pitchfork hymnisch besprochenen) Album "Mahashmashana" zurück, um dem der Menschheit pünktlich zum Trump-Comeback einmal mehr ihre Lächerlichkeit unter die Nase zu reiben - dies neben "weithin brillanten Songs" auch mit einem "ganz enorm lächerlichen Stück", nämlich "I Guess Time Just Makes Fools of Us All": "Wenn man eine eher gut eingespielte Schülerband jetzt darum bitten würde, das Casio-Keyboard-Pre-Set Disco-Funk-Schwof nachzuspielen, 'Aber mit Seele, Leute! Ich will das spüren!', dann käme nach ein paar Wochen diese Musik heraus. ... Das wird schon Absicht sein. Father John Misty, der, wenn er gerade nicht als feinste pomadige, strahlend pilztrippige Ennui-Figur herumdeliriert, Josh Tillman heißt, gehört ja zu jenen Künstlern, die von Inhalten getrieben sind. ... Wenn einer wie er die Arrangements auffallend simpel gestaltet (Wha-Wha-Gitarren-Geplucker, aggressiv unauffällige Rhodes-Flächen, kaum zu identifizierende Basslinien, Klavier-Gedaddel, zielloses Saxofon-Geflöte, Bongos; vor allem Bongos), ist ihm meistens der Text wichtig." Wir hören zu:



Was ist eigentlich in der Schweiz los? Ein Zürcher Auftritt der israelischen Musikerin Eden Golan wurde von Antisemiten unter dem Deckmantel der Palästina-Solidarität mit Farbbeutel-Attacken gestört, meldet Michèle Binswanger im Tagesanzeiger. Außerdem hat das Basler Hirscheneck ein Konzert des deutschen Musikers Björn Peng abgesagt, weil dieser sich nach Ansicht der Veranstalter gegen Antisemitismus engagiert, melden Mélanie Honegger und Lukas Hausendorf ebenfalls im Tagesanzeiger.

Weiteres: Im Standard gratuliert Karl Fluch dem Wiener Plattenladen Recordbag zum 20-jährigen Bestehen. Thomas Kramar freut sich in der Presse darüber, dass sich Nick Cave darüber freut, dass Bob Dylan zu Twitter gefunden hat. Gerald Felber schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Komponisten Siegfried Thiele.

Besprochen werden das neue Album von Kendrick Lamar (taz, mehr dazu bereits hier), eine Totenlieder-CD des Chors Šari Stinjaki (Standard), ein Wiener Konzert von Philippe Herreweghe mit dem Collegium Vocale Gent (Standard), ein Konzert von Bruce Liu in Frankfurt (FR) und ein Konzert von Sebastian Studnitzkys "Memento Odesa"-Projekt in Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.11.2024 - Musik

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In London mussten mehrere Veranstaltungen zur Veröffentlichung von Joe Mulhalls Buch "Rebel Sounds" zur Geschichte des Protestsongs aus Angst vor rechtsradikalen Attacken abgesagt werden, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ unter Verweis auf einen Artikel mit Stellungnahmen im Guardian. Dabei handelt es sich um keinen Einzelfall, vielmehr ist eine "in der Londoner Kulturszene umgehende Angst vor rechtsradikalen Übergriffen" zu beobachten: "Auch das große London Film Festival, das vom British Film Institute (BFI) ausgerichtet wird, strich im vergangenen Monat eine vom Guardian und von der Times hochgelobte Dokumentation ('Undercover: Exposing the Far Right') über die extreme Rechte aus ihrem Programm, ebenfalls aus Angst vor rechter Gewalt. ... Joe Mulhall, der für die Absagen seiner Lesung seitens kleiner Veranstaltungsorte wie Buchhandlungen und Kneipen Verständnis hatte, kritisierte das BFI im Zusammenhang mit dem London Film Festival: 'Sie haben die Kapazitäten und Ressourcen, um eine Veranstaltung zu schützen, wenn sie es wollten.'"

Auf der Seite Drei der SZ porträtiert Fabian Müller die chinesische Rockband Round House Kick, die mit ihrer Musik ganz groß rauskommen wollen - alles andere als ein leichtes Unterfangen unter den Bedingungen der paradoxen Kulturpolitik Xi Jinpings, wo Rockmusik zwar nicht verboten ist, aber als mutmaßlicher Importeur westlichen Gedankenguts hinreichend unter Dekadenzverdacht steht, um gegängelt zu werden. "'Es ist manchmal schwierig für uns, hier Musik zu machen', sagt Kevin D und klingt jetzt ganz anders als vorhin, als die Kameras des Staatsfernsehens mitliefen. 'Manchmal kann man nicht echt sein. Man kann nicht ausdrücken, was man wirklich denkt.' Vor jedem offiziellen Gig müssen sie die Liedtexte beim Veranstalter einreichen, damit die Behörden sie auf politische oder unsittliche Sprache prüfen können. 'Manchmal steht eine Person an der Bühne, wenn wir auftreten. Wenn ein Wort anders ist, könnten sie uns abschalten.'  ... Dabei sei die Zensur oft ziemlich willkürlich: 'Man darf keine Schimpfwörter verwenden', sagt Kevin. In ihrem Heimat-Dialekt gehe das aber doch irgendwie. Oder sie nutzen Wörter, die im Chinesischen ähnlich klingen, statt 'Hure' sagen sie dann beispielsweise 'gelähmt'."

Weitere Artikel: Christina Mohr spricht für die FR mit Kim Deal, die nun nach ihren Jahren mit den Pixies und den Breeders mit über 60 ihr erstes Solo-Album vorlegt. Dorothea Walchshäusl porträtiert für die NZZ die Geigerin Rachel Kolly. Carolin Gasteiger spricht für die SZ mit Gianna Nannini, die in diesem Jahr 70 Jahre alt geworden ist und nun ein neues Album veröffentlicht. Axel Brüggemann blickt für Backstage Classical auf die Klassikwoche zurück.

Besprochen werden Kendrick Lamars neues Album (Standard, mehr dazu hier), Will Hermes' Biografie über Lou Reed (NZZ) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter "Ballads of Harry Houdini" von David Pajo alias Papa M, der auch schon bei Postrock-Legenden wie Slint und Tortoise gespielt hat ("tolles Album", schwärmt Karl Fluch im Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.11.2024 - Musik

Die großen Rapstars veröffentlichen ihre Alben ja mittlerweile ohne Vorankündigung. So auch Kendrick Lamar mit "GNX" in der Nacht von Freitag auf Samstag. Den Popkritikern verlangt das Flexibiliät und Überstunden am Wochenende ab, geliefert haben sie aber alle. Für Joachim Hentschel von der SZ (online nachgereicht vom Tagesanzeiger) ist Lamar "einer der größten, besten und literarisch beschlagensten Rapper der Gegenwart". Auch dieses Album ist "eine große öffentliche Übung in virtuos angewandten Skills, praktizierter Achtsamkeit und Sound-Arithmetik. Wenn auch kein titanisches Manifest zur Lage der Dinge" wie frühere Alben. Gut aber, dass Produzent Jack Antonoff, sonst für Taylor Swift und Lana del Rey tätig, mit an Bord ist, denn der bringt "eine rotbackige Popzugkraft in einige der Stücke, lässt sie schneller, schlüssiger und impulsiver zum Punkt kommen, als man es von Lamar sonst gewohnt ist."



"Dieser Mann ist wütend", hält Aida Baghernejad auf Zeit Online fest. Lamar "bellt, er knurrt, er lässt seine Stimme in höchste Höhen aufschwingen und zieht sie hinunter in die Untiefen seiner Psyche", wirkt dabei aber mitunter auch "selbstbesoffen". An Männern dieses Schlags herrscht aktuell kein Mangel, doch anders als jene "schafft es Lamar, diese Behauptung und diese Pose mit hypnotischen, explosiven Texten zu unterfüttern, jeder davon voller lyrischer Dichte, Adrenalin und Verletzlichkeit. ... Kaum ein Künstler vereint Hybris und Selbstzweifel, Narzissmus und Selbstlosigkeit, Liebe und Hass so gekonnt wie Kendrick Lamar. Und vielleicht ist genau dies der Sound, der in diese zerrissene Zeit passt." Es ist Lamars "bisher aufgeräumtestes Album", urteilt Andreas Borcholte im Spiegel. "Erstaunlicherweise scheinen Antonoffs Charts-Sensibilität und seine im Achtzigerjahre-Pop geschulten Synthie-Klangsphären perfekt zu Kendrick Lamars lässiger L.A.-Kreuzfahrt zu passen."

Fast hat man den Eindruck, Neo-Soul-Musiker Michael Kiwanuka lieferte mit "Small Changes" eine Art Gegengewicht zu Lamar. Denn er "bietet mit seinem neuen Album genau das, was die Welt zurzeit am dringendsten bräuchte: Sanftmut", schreibt Karl Fluch im Standard. Geglückt ist Kiwanuka "ein stilles, anmutiges Werk mit Soul, Folk und Cinemascope fürs Handykino." Er bezieht "eine liberale Position, die im Gekeife polarisierender Gesellschaften zusehends verlorengeht. Wobei Kiwanukas Insistieren, sich davon nicht anstecken zu lassen, bereits eine Message ergibt. ... Nach mehrmaligem Hören erweist sich 'Small Changes' als Slow Burner, dessen Qualität und Vielseitigkeit sich langsam offenbart."



"Ach, es war so ein netter Abend", freut sich Johanna Adorján in der SZ über "Plattenspieler" im Roten Salon der Berliner Volksbühne, das unregelmäßig wiederkehrende Format von Thomas Meinecke, der sich pro Abend einen Gast einlädt, um dann im Wechsel einander Vinyl vorzuspielen, ohne dass der eine wüsste, was der andere hervorzaubert. Diesmal war Diedrich Diederichsen zu Gast und Adorján fühlte sich dabei wie in einer gut kuratierten Radiosendung im Nachtprogramm. "Den Anfang macht Diederichsen ohne große weitere Einleitung. Er höre zurzeit sehr gerne Pianisten, die hart zuschlagen, sagt er und lässt dem ein Bebop-Stück des amerikanischen Jazzpianisten Mal Waldron (1925-2002) folgen, bei dem dieser hart in die Tasten schlägt. Nach dem Song sagt Meinecke etwas leicht Abfälliges über die Plattenfirma, auf der Mal Waldron viel veröffentlichte, ECM. Diederichsen widerspricht: Diese Plattenfirma hätte 43 gute Platten herausgebracht. Damit ist der Ton des Abends gesetzt. Man befindet sich auf allerfeinstem Nerd-Terrain."

Weiteres: Die Rockband Nickelback wird zu Unrecht geschmäht, findet Dennis Sand in der Welt. Besprochen wird das Album "Homecoming" des Schriftstellers und Kulturjournalisten Fabian Saul, das laut tazler Jens Winter "manchmal fast als Apotheose des Einfachen wirkt".