Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.10.2025 - Kunst

Gerhard Richter, Tisch, 1962 (CR 1) © Gerhard Richter 2025. Foto: © Jennifer Bornstein


Die Pariser Fondation Louis Vuitton zeigt gerade die bisher größte Retrospektive von Gerhard Richter mit 270 Werken aus sechzig Jahren. Wer kann, sollte sie unbedingt ansehen, wer weiß, ob man das so noch mal zu sehen bekommt, meint ein überwältigter Boris Pofalla in der Welt: "In der Zusammenschau fängt man an, sich Fragen zu stellen, die man vor dem einzelnen Bild vielleicht nicht hatte. Das erste farbige, verwischte Richter-Bild von 1964 zeigt Angehörige der Nuba in Afrika; es basiert laut Hinweistafel auf einer Aufnahme von Leni Riefenstahl - Hitlers Lieblingsregisseurin, die sich im Nachkriegsdeutschland über den Umweg exotisierender Dokumentationen zu rehabilitieren suchte. Zu was das ein Kommentar ist? Muss man selbst entscheiden. 'Stadtbild D' heißt die Luftaufnahme von Düsseldorf, 1968 abgemalt in Grau, Schwarz und Weiß. Darin stecken natürlich auch die Luftbilder zerbombter deutscher Städte. Aber man wird nicht gezwungen, das so zu sehen, und auf Riefenstahl gibt es im Bild gar keinen direkten Hinweis. Das Gemälde macht sich, wie immer bei Richter, mit keiner Deutung gemein, es gibt Fragen zurück an den Fragesteller."

Die Bührle-Stiftung scheint ihre Leihgaben ab 2034 - wenn der Vertrag mit dem Kunsthaus Zürich endet - abziehen zu wollen. In der NZZ wundert das Philipp Meier nicht: "Die Kritik, die ihr rund um die Kunst aus ehemaligem jüdischem Besitz und die Waffengeschäfte ihres Gründers mit Hitlerdeutschland entgegenschlug, wollte kein Ende nehmen. ... Die historische Aufarbeitung und Kontextualisierung wurde zum zentralen Gegenstand dieser Kunstsammlung, die Werke selber und ihr künstlerischer Wert traten dabei zusehends in den Hintergrund. Heute ist die Ausstellung ganz geschlossen - zwecks abermaliger Überarbeitung der Art und Weise, wie sie am besten zu vermitteln sei. Erst 2027 soll sie wieder eröffnet werden. Das erweckt den Eindruck, dass das Kunsthaus Zürich nicht recht weiß, wie mit dieser Sammlung umgehen. Man lässt es zu, dass die Kritiker einen vor sich hertreiben, und tut alles, um im Umgang mit den historisch befrachteten Werken als besonders vorbildlich zu gelten. Am Schluss bleiben dann die Türen zur Sammlung geschlossen."

Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Verborgene Moderne. Faszination des Okkulten um 1900" im Wiener Leopold Museum (FAZ), "Solastalgie. Spaziergänge durch veränderte Landschaften" im Frankfurter Museum Giersch (FR), "Herausgeforderte Gemeinschaft" im Kunstmuseum Magdeburg (FR), "Apropos Sex" im Berliner Museum für Kommunikation (BlZ), "Wege zu einem verzauberten Land" mit Fotos des amerikanischen Fotografen Robert McCabe in der griechischen Botschaft in Berlin (BlZ), "Out of the Box" mit Glanzstücken aus dem Archiv der Berliner Akademie der Künste (Tsp) und "Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst" mit Arbeiten von 2000 v. Chr. bis Rebecca Horn im Potsdamer Museum Barberini (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.10.2025 - Kunst

"Traumatische Fehlfunktionen" prägen die Kreaturen von Amelie von Wulffen, die Georg Imdahl (FAZ) im Kölnischen Kunstverein betrachten kann: "Seltsame Wesen wie Untote gestrandet, triggern Assoziationen von Verwesung und Moder, sind zudem auch noch flankiert von allerlei Insekten, die die Szenerie nicht einladender machen. Wenn Kunst auch mal hässlich sein darf, um eine desillusionierende Gegenwart von allgemeiner gesellschaftlicher Regression, von Klima, Krieg, heraufziehendem Faschismus zu beschreiben, dann erfüllt sie hier ebendiese Funktion. Das ist mutig. Zumal auch die Landschaftsmalereien, Veduten, Stillleben, die diesen Gestalten aufkaschiert sind, als kleine Fluchten in eine schönere Welt nicht wirklich funktionieren."

Die Aufregung über den Kunstraub im Louvre ist groß. In der Zeit schildern Hanno Rauterberg und Tobias Timm den Hergang der Tag, geprägt von "der Dreistigkeit der Siegesgewissen" (unser Resümee). Zunächst gelangten sie mit einem ausfahrbaren Lastenaufzug auf einen Balkon des Gebäudes, das Museum war schon geöffnet: "Auf dem Balkon angekommen, hatten sie mit Trennschleifern eine große Öffnung ins Glas der Balkontür geschnitten. Eine Tür übrigens, die vom Wetter und der Zeit recht mitgenommen wirkt, man sieht ihr den Renovierungsbedarf deutlich an. Was dann geschah, lässt sich auf einem kurzen, verwackelten Video besichtigen, aufgenommen von einem Museumsbesucher. Zu sehen ist einer der maskierten Täter in schwarzer Kleidung und gelber Warnweste, der sich ganz unaufgeregt, als würde er hier tun, was er immer tut, an einer der durchaus stabilen Vitrinen in der Mitte der Galerie d'Apollon zu schaffen macht. Die mit Trennschleifern bewaffneten Täter ahnten offenbar, dass die vier Wärter, die den Saal an diesem Vormittag bewachten, nicht sofort einschreiten würden (...) Und so konnten die Täter zehn der ungemein wertvollen Schmuckstücke aus der Vitrine reißen."

Man muss mehr tun, um die gestohlenen Schmuckstücke wiederzufinden, meint der Anwalt und "Kunstdetektiv" Christopher A. Marinello in der NZZ: "Ich wünschte, die Staatsanwaltschaft hätte eine Belohnung ausgesetzt. Ich wünschte, die Staatsanwaltschaft wäre ins öffentliche Fernsehen gegangen und hätte gesagt, dass die Kriminellen, wenn sie gefasst werden und die Juwelen zerbrochen haben, mit der zwei- oder dreifachen Gefängnisstrafe belegt werden. Um eine Botschaft zu senden, diese Stücke nicht aufzubrechen und zu zerstören. Gegenwärtig arbeiten etwa sechzig Beamte an dem Fall. Man hat auch eine israelische Ermittlungsfirma engagiert, die bereits beim Dresdner Diebstahl 2019 an den Untersuchungen beteiligt war. Man weiß es nie. Am Louvre-Raub waren vier Personen beteiligt. Vielleicht entscheidet sich einer von ihnen, die anderen drei zu verpfeifen. Kriminelle sind nicht für ihre Loyalität bekannt."

Außerdem: Für die taz sieht sich Ingo Arend auf der Istanbuler Biennale um (unser Resümee).
Stichwörter: Wulffen, Amelie von, Louvre

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.10.2025 - Kunst

Sonam Wangchuk, On Water. Ein sogenannter Eisstupa ist ein künstlich aufgeschichteter Eiskegel, der im Himalaya zur Speicherung von Schmelzwasser dient und so Wasserknappheit lindern soll.© Lobzang Dadul, Courtesy of Sonam Wangchuk

Harry Nutt blickt für die FR interessiert auf die Ausstellung "On Water" im Berliner Humboldt Forum. Die Schau vereint wissenschaftliche und künstlerische Zugänge zum nassen Element: "In Gestalt eines immersiven Entrees tritt man unter einen kuppelartigen Baldachin, in den die Bewegungsarten von Quallen projiziert werden, die sich bezeichnenderweise sehr gut mit mathematischen Modellen berechnen lassen. Einen ganz anderen Zugang zum Wasser haben die Künstlerin Mirja Busch und der Anthropologe Ignacio Farias gewählt, indem sie eine Klassifikation von Pfützen vorgenommen haben, von denen es bislang keine wissenschaftliche Definition gab, die aber hinreichend Aufschlüsse über ökologische Zusammenhänge zu liefern vermögen. (…) Die Pfütze als Sinnbild des vernachlässigten Rests. Ein Verzeichnis der Pfützen der Stadt böte in diesem Sinne so etwas wie die soziale Kartographie eines Gemeinwesens."

Neues zum Louvre-Kunstraub gibt unter anderem der Standard durch. Bereits gestern wurde bekannt, dass die Sicherheitsvorkehrungen im Pariser Museum zu wünschen übrig lassen und zum Beispiel nur in einem kleinen Teil der Räumlichkeiten Überwachungskameras verbaut sind. Ebenfalls im Standard interviewt Daniel Retschitzegger den Kunstmarktexperten Stefan Koldehoff, der darauf verweist, dass es gar nicht so schwer ist, auch in andere, vergleichbare Häuser einzusteigen. Zudem können sich Diebe auch juristische Regularien zunutze machen: "Man könnte sich beispielsweise vorstellen, kleine Knopfkameras in die Vitrinen solcher Stücke einzusetzen. Diese könnten die Gesichter der Besucherinnen erkennen. Das ist aufgrund des Datenschutzes aber nicht überall möglich. (…) In vielen Häusern hängen Überwachungskameras nur unter der Decke. In diesem Fall müssen Sie nur eine Basecap aufsetzen und sind nicht mehr erkennbar." Philipp Meier stellt derweil in der NZZ Spekulationen darüber an, ob französische Drogenbosse oder gar der Kreml hinter dem Diebstahl stecken könnten.

Wie steht es um die Gegenwartskunst in Erdoğans Türkei? Die Istanbuler Biennale jedenfalls, so Sabine B. Vogel in der NZZ, muss viele Kompromisse eingehen, um überhaupt zu überleben. Als Chefkuratorin war ursprünglich Defne Ayas vorgesehen, die den Posten nicht antreten durfte, nachdem bekannt wurde, dass in einem von ihr verantworteten Katalog der Völkermord an den Armeniern erwähnt wird. Stattdessen wurde Christine Tohmé berufen. Und jetzt? Ömer M. Koç, Vorsitzender des Hauptsponsors Koç Holding, sprach auf der Pressekonferenz die Konflikte nur indirekt an. "Im anschließenden Gespräch verwies er darauf, dass es gerade schwierig sei, weil es 'am Ende des Tages um Realpolitik' gehe. Aber darin sehe er auch Herausforderungen. Ähnlich reagiert Tohmé mit ihrem Biennale-Titel: Mit 'Dreibeinige Katze' wählt sie eine Metapher für Überlebensfähigkeit trotz Unvollständigkeit. 'Instabilität wird ins Positive gewendet', wie sie sagt." Die ausgestellten Künstler immerhin, fährt Vogel fort, üben sich in leiser Kritik an den Zuständen.

Weiteres: Elke Buhr spricht auf monopol mit Ann Carolin Prazan über die Ausstellung "Straight to the Heart", die in der Pariser Maison Guerlain, wo Prazan als Kulturdirektorin arbeitet, zu sehen ist und die sich der Liebe widmet. Lisa-Marie Berndt macht sich ebenfalls auf monopol Gedanken darüber, wie Taylor Swift Kunstgeschichte popularisiert. Besprochen wird die Schau "Genossin Kuckuck und andere Gestalten" der Comic-Künstlerin Anke Feuchtenberger im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2025 - Kunst

Inzwischen ist bekannt, welche Juwelen die Diebe aus dem Louvre erbeuteten, darunter eine Halskette und ein Ohrring aus der Kollektion von Kaiserin Marie-Louise, der zweiten Frau von Napoleon Bonaparte, und die Krone der Kaiserin Eugénie, die die Diebe allerdings verloren, meldet unter anderem der Tagesspiegel.

Bekannt waren auch die gravierenden Sicherheitslücken im Louvre, erinnert derweil Peter Kropmanns in der NZZ: "Erst im Sommer sickerte über streikendes Aufsichtspersonal durch, dass nicht nur Wasserschäden sowie defekte Toiletten und Aufzüge zu beklagen sind, sondern auch der erhebliche Personalmangel sowie etliche Schwachstellen im Sicherheitskonzept. Nun wurden nur wenige Stunden nach dem Raub Passagen eines alarmierenden Vorberichts des staatlichen Rechnungshofes bekannt, der im kommenden Monat in definitiver Fassung vorgelegt werden sollte. Demzufolge ist der Louvre sicherheitstechnisch seit langem in dramatischem Rückstand. Ein Drittel der Säle eines der Gebäudeflügel verfügt über keine einzige Überwachungskamera. In anderen Museumsbereichen fehlt entsprechende Technik in drei Vierteln der Räume."

Nils Minkmar erlebt in der SZ indes ein Land im "Wettrennen um die größtmögliche Selbstanklage": "Die Polizei hört sich im Milieu der üblichen Verdächtigen um, denn solch ein Raubzug überfordert auch die Branche der französischen Meisterdiebe. Die Gewerkschaften verweisen auf ihre wiederholten und ignorierten Warnungen, denn in den vergangenen Jahren wurden viele Stellen im Wachdienst gestrichen. Und der Präsident, der schon die Kathedrale in Rekordzeit erneuerte, die Olympischen Spiele nach Paris holte, der verspricht nun also eine rasche Ergreifung der Täter und eine Sicherstellung der geraubten Stücke."

Geradezu wehmütig erinnert sich Jonathan Guggenberger (taz) in der Berliner Galerie Krone daran, wie "rebellisch, melancholisch und lebensecht" Pop-Publizistik einst sein konnte. Dort werden derzeit Aufnahmen von Daniel Josefsohn gezeigt, und zwar nicht dessen "Hau-Drauf"-Kampagnen, sondern bisher "ungesehene, kleinformatig-tagebuchartige Momentaufnahmen", die Guggenberger Josefsohns nonkonformistische Haltung zeigen: "Ein junger Mann, der mit gespreizten Beinen auf einem abgewetzten Mid-Century-Schreibtisch sitzt und masturbiert. Verschwitzte, erschöpfte Gesichter, die zwischen aufgewühlten Laken hervorschauen. Das ineinander verschlungene Liebespaar, das mit vom Rave verschmutzten Lederstiefeln im Bett liegt und auf einem Fernseher Fesselpornos schaut. Alles verletzliche Szenen, in die die Kehrseite des Exzesses - das up and down und die Vergänglichkeit - schon unabwendbar eingeschrieben sind. Josefsohn schmiegt sich an diese Momente, als ob er sie vor dem Verschwinden retten will. Das ist seine Qualität als Dokumentarist: Er zeigt das Leben, wie es ist, und setzt sich selbst dazu in Beziehung."

Weitere Artikel: Berlin kann aufatmen, zumindest, was den Raubkunstverdacht der 96 surrealistischen Kunstwerke der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch betrifft, verkündet Marcus Woeller in der Welt. 26 Werke werden nun in der Ausstellung "Max Ernst bis Dorothea Tanning: Netzwerke des Surrealismus" in der Neuen Nationalgalerie mit besonderem Fokus auf deren Provenienz gezeigt, dabei sind die Objektbiografien mitunter spannender als die Werke selbst, findet Woeller. 

Besprochen werden außerdem die der deutsch-jüdisch-südafrikanischen Expressionistin Irma Stern gewidmete Ausstellung im Berliner Brücke-Museum (taz, mehr hier), die Gerhard-Richter-Ausstellung in der Pariser Fondation Louis Vuitton (FAZ) und die Yayoi Kusama-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen/Basel (SZ, mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.10.2025 - Kunst

Am Sonntagmorgen ist der Louvre überfallen worden, die Diebe haben Schmuckstücke aus Napoleons Juwelensammlung mitgenommen, melden verschiedene Medien übereinstimmend. Tobias Timm erinnert der Raub in der Zeit an den Einbruch ins Dresdner Grüne Gewölbe 2019: "Was passiert nun mit den verschwundenen Juwelen aus dem Louvre? Die Täter könnten versuchen, sie als Pfand zu verwenden, um eine große Lösegeldsumme vom Museum oder seiner Versicherung zu erpressen. Der Fall des Grünen Gewölbes hat nämlich auch gezeigt, wie schwierig es ist, historische Juwelen zu Geld zu machen. Viele Brillanten und Diamanten haben einen einzigartigen Schliff, sind also für Experten sofort wiederzuerkennen. Für einen erfolgreichen Verkauf müssten sie unter hohem Materialverlust umgeschliffen und so unkenntlich gemacht werden. Ein Vorgehen, das den Verlust dieser historisch so wichtigen Objekte endgültig besiegeln würde."

Eine sehr hübsche Karikatur zum Einbruch: "Sie sind da lang gelaufen."


In der Berliner Zeitung macht Harald Neuber ein ungutes Muster sichtbar, in das sich der Louvre-Raub einfügt: "Was hier verloren geht, ist nichts Geringeres als das kollektive Gedächtnis Europas. Der organisierte Kunstraub hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die romantische Vorstellung vom Kunstdieb als kultiviertem Gentleman-Ganoven à la Thomas Crown ist eine Hollywood-Fantasie. Die Realität ist prosaischer und brutaler. Die Operation Pandora IX, durchgeführt von Europol und Interpol im Jahr 2024, führte zu 80 Festnahmen in 23 Ländern und zur Sicherstellung von 37.700 illegal gehandelten Kulturgütern. Die Ermittler zeichnen das Bild einer hochprofessionellen, arbeitsteilig organisierten Kriminalität: Späher, die monatelang Sicherheitslücken auskundschaften. Logistiker, die Fluchtwege und Verstecke organisieren. Hehler mit Verbindungen zu internationalen Schwarzmärkten. Und ausführende Kommandos, die mit militärischer Präzision zuschlagen. Die Täterprofile sind dabei so divers wie beunruhigend." Auch Tagesspiegel und NZZ berichten.

Weiteres: Die taz stellt die Künstlerin Kerstin Brätsch vor, die die heutige Ausgabe illustriert.

Besprochen werden: Die Ausstellungen "Close Enough. Perspectives by Women Photographers of Magnum" im C/O Berlin (Monopol) und "Michaelina Wautier" im Kunsthistorischen Museum Wien (FAZ).
Stichwörter: Louvre, Kunstdiebstahl, Kunstraub

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2025 - Kunst

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Ein Beitrag geteilt von Dariia Kuzmych (@dariiakuzmych)


Yelizaveta Landenberger stellt auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ die ukrainische Künstlerin Dariia Kuzmych vor, die den Krieg in der Ukraine, in dem sowohl ihr Partner, ihr Vater als auch ihr Bruder kämpfen, in ihrem Werk verarbeitet, etwa in Aquarell-Skizzen, die sie "für eine große Installation im österreichischen Traiskirchen, einem Ort, der vor allem für sein Erstaufnahmezentrum für Flüchtlinge bekannt ist", machte: "Als die russische Vollinvasion begann, befand sich Kuzmych gerade in Wien und sollte ihren Beitrag vorbereiten. Sie beschloss, ihre Skizzen von gebrochenen Knochen, zerrissenen Muskeln und Weinreben auf große Segelstoffpaneele zu drucken. 'Körperreich, samtig, stechend, pochend' lautet der Titel ihrer Arbeit. Es sind Worte, die sowohl Wein als auch Schmerz beschreiben können. Österreich wirke auf sie unglaublich hedonistisch, das Erstaufnahmezentrum befinde sich inmitten von Weinreben. Dieser Kontrast habe sie interessiert, erläutert sie: 'Die traumatische Erfahrung trennt dich von der Welt ab. Sie ist wie ein Schleier vor den Augen, durch den du die Welt betrachtest.'"

Ausstellungsansicht: "Anatomie der Fragilität". Bild: Clemente Susini, Venerina (Liegende weibliche Figur mit abnehmbaren anatomischen Teilen), 18. Jh. (ca. 1782). Foto: Arnim Eisenhut (privat)

Sylvia Staude (FR) betrachtet fasziniert die Körper-Kunst, die der Kunstverein Frankfurt in der Ausstellung "Anatomie der Fragilität" zeigt. Alles andere als "perfekte Körper-Bilder" kann man hier sehen, im Gegenteil wird der Mensch in seiner Verletzlichkeit gezeigt - das ist manchmal auch etwas eklig: "Aus Bologna kommen anatomische Wachsfiguren von Clemente Michelangelo Sasini (1754-1814), am spektakulärsten wohl die 'Venerina'. Eine zarte Frau, deren Kopf (mit echtem Haar) zurückgebeugt ist, ihr Hals ist dadurch entblößt - gleichzeitig trägt sie eine Perlenkette. Gab es ein (totes) Modell, wollte man ihr damit einen Rest von Respekt erweisen, entblößt, wie sie ist? Denn ihr Brust- und Bauchraum sind offen, ihr zu Füßen liegt unter anderem das Gedärm. Einen hautlosen Arm gibt es in der Ausstellung, darauf blaue Adern wie Flüsse. Augäpfel gibt es, die in allerlei Richtungen blicken. Die Nerven wie Tentakel, als würden sich die Augen ankrallen am Gesicht." 

Weiteres: In der taz zeichnet Tilman Baumgärtel die Geschichte der "Copy Art" nach, Kunst, die mit Fotokopien arbeitet. Besprochen werden die Ausstellung "Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter" im Kunstpalast Düsseldorf (FAZ), die Ausstellung "Diane Arbus. Konstellationen" im Gropius Bau Berlin (FAS, tsp) und die Ausstellung "Impressionismus in Deutschland. Max Liebermann und seine Zeit" im Museum Frieder Burda in Baden-Baden (NZZ).
Stichwörter: Ukrainekrieg

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2025 - Kunst

Bild: Diane Arbus, Lady bartender at home with a souvenir dog, New Orleans, La. 1964 © The Estate of Diane Arbus, Collection Maja Hoffmann/LUMA Foundation

Diane Arbus fotografierte "Alte, Dicke, Menschen mit Behinderung, trans Personen, Paare mit schrägen Hobbys", Susan Sontag verwendete in ihrem Essay "Über Fotografie" von 1977 den Begriff "Freak Show", erinnert uns Birgit Rieger im Tagesspiegel - und widerspricht: Denn die Schau "Konstellationen" im Berliner Gropiusbau zeigt: "Arbus' Herangehensweise spricht dagegen. Sie lässt die Kamera arbeiten und die Menschen sich selbst inszenieren. Meist trifft sie die Personen mehrmals, baut langfristige Beziehungen auf, besucht sie zu Hause." Auch Marcus Woeller kann in der Welt keineswegs erkennen, dass Arbus auf "die Anderen" herabsehe, wie Sontag behauptete: "Arbus' Interesse an den Rändern der Gesellschaft erscheint hier als humanistischer Impuls: keine zynische Gleichmacherei, sondern radikale Gleichbehandlung. … Sie wollte zeigen, was die plurale Gesellschaft beinhaltet - und hat damit die Akzeptanz des Andersseins vorweggenommen. Für Arbus war Fotografie nie Mittel der Idealisierung, sondern Medium der Wahrhaftigkeit - ein Gegenentwurf zu den Schönheitsnormen, die sie als Fotografin für Modemagazine einst bedient hatte."

Die Biennale von São Paulo ist nicht nur die wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst in Südamerika, sondern auch die nach Venedig zweitältesten Kunstbiennale der Welt, erinnert Martina Farmbauer, die für die Welt die 36., aktuell von HDK-Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung kuratierte Ausgabe besucht hat. Auch im "Globalen Süden muss der Globale Süden erst einmal ankommen", erkennt die Kritikerin hier, denn auch in Brasilien werden viele Künstler erst jetzt entdeckt: "Im Fokus stehen unter ihnen vor allem afrobrasilianische und indigene Künstler. Die Bronzeskulpturen von Nádia Taquary, deren Arbeit von Geschichten und Traditionen schwarzer Frauen aus der Kolonialzeit inspiriert ist, waren der Favorit mehrerer Besucher, etwa des deutsch-brasilianischen Sammlerpaares Stefan Vilsmeier und Sérgio Linhares aus München. Taquarys beeindruckende, unheimliche Skulpturen interpretieren den weiblichen Körper als Vogel ähnliche Figuren. Zu der Installation 'Ìrokò: A árvore cósmica' gehört auch ein leuchtend-orangener Baum aus Fiberglas."

Besprochen werden außerdem die Schau "Gothic Modern" in der Wiener Albertina (NZZ, mehr hier) und - im Welt-Print - die Minimal Art Ausstellung in der Pinault Collection in Paris (wir haben schon darauf hingewiesen).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2025 - Kunst

 Yayoi Kusama, Infinity Mirrored Room - Illusion Inside the Heart, 2025
Innenansicht, Spiegelpolierter Edelstahl mit Glasspiegeln und farbiges Acryl, 300 x 300 x 300 cm, Collection of the artist. © Yayoi Kusama

Hinter der "hippiesken Farbenfrohheit und Popkulturnähe" der Werke Yayoi Kusamas blitzt immer wieder "das Fratzenhafte der Welt, das Schaudern vor dem Tod" hervor, stellt Zeit-Kritiker David Hugendick in einer großen Retrospektive der japanischen Künstlerin in der Fondation Beyeler fest: "Man läuft hier durch die Obsessionen einer Frau, einer Tochter aus wohlhabendem, verstocktem Haus, der die späten Fünfzigerjahre im ohnehin verstockten Japan zu eng, zu stickig wurden und die nach New York floh, und bald steht man vor der Verlorenheit ihres Bildes The Pacific Ocean, ein Seestück, das nach ihrem Flug entstand, ein Tosen aus wabernden grauen Punkten auf dem Grau der Leinwand, eine frostige Einsamkeit, die einen verschluckt, eine Eiswüste der Abstraktion. Kusamas Punkte sind nicht immer perfekte Punkte, oft ähneln sie Zellstrukturen, Blutkörperchen, organischer Materie, und ihre Punkte sind nie als Ende zu verstehen, sondern eher als halluzinatorische Ausbreitung der Endlosigkeit, als Raster, als unendliches Netz. Und wenn kein Ende in Sicht ist, kann man das natürlich auch Vision nennen."

Benedict Enwonwu Black Culture 1986 Lent by Kavita Chellaram 2025 © The Ben Enwonwu Foundation 

"Nie zuvor ist nigerianischen Künstlern der Moderne so viel Prominenz und Raum gegeben worden", wie in der Ausstellung "Nigerian Modernism" in der Tate Modern in London, staunt FAZ-Kritikerin Eva Lapido: "Herausragend sind die Werke von Ben Enwonwu, dem bekanntesten Vertreter der nigerianischen Moderne, der als Bildhauer und Maler arbeitete. Vor der Unabhängigkeit schuf er, nach zahlreichen Sitzungen in Buckingham Palace, eine überlebensgroße Bronze von Queen Elisabeth II. Nach der Unabhängigkeit erhielt er den Auftrag des Daily Mirror, die Londoner Lobby der britischen Zeitung zu verschönern. Seine Holzskulpturen von stehenden Zeitungslesern sind grandiose Beispiele für die Fusion von Realismus und Phantasie, Witz und Ernst, Funktion und Kunst, die damals in Mode war und dem heutigen Zeitgeist so gefällt."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2025 - Kunst

Albrecht Dürer: Rhinocerus, Nürnberg, 1515 Holzschnitt Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Nürnberg war ein "früher Treiber der Globalisierung", lernt ein verzückter Stefan Trinks in einer Ausstellung des dortigen Germanischen Nationalmuseums. Der Handel und die Künste blühten vom 13. bis zum 16. Jahrhundert in Mittelfranken. Einige Exponate zeigen sehr direkt, wie der Nürnberger Einfluss damals selbst in fernsten Orten sichtbar wurde. "Unfassbar", so Trinks in der FAZ, "scheint ein vollständig beschnitztes und rubinverziertes Elfenbeinkästchen aus dem heutigen Sri Lanka, eines von nur elf weltweit erhaltenen, auf dessen Deckel unverkennbar Dürers Dudelsackspieler prangt. Obwohl Motive als Grafik auf Papier einigermaßen leicht reisen können, schüttelt man dennoch vor dem weit mehr als 12.000 Kilometern Seeweg gereisten und von einem ceylonesischen Schnitzer aufgegriffenen Nürnberger Musikanten in Bein den Kopf."

FAZ-Kollege Georg Imdahl wiederum schaut sich in den Hamburger Deichtorhallen um, wo derzeit Daniel Spoerri eine Schau gewidmet ist. Bekannt geworden ist der Künstler vor allem durch seine Skulpturen aus Essensresten. Imdahl ist einigermaßen fasziniert. "Die Ausstellung macht vor allem dies kenntlich: In all den Essensresten, geleerten Weinflaschen, verkrusteten Messern und Gabeln tut sich nicht nur gepflegte Geselligkeit kund. Gewiss auch keine Henkersmahlzeit, wohl aber stets ein kleiner Tod. Vieles sieht nach Gelage aus. Den Ansprüchen eines Knigge hätte manch dergestalt hinterlassenes Memento mori nicht genügt."
Agnes Martin, Blue-Grey Composition, 1962 Pinault Collection. © Agnes Martin Foundation, New York / SIAE 2023. Photo Marco Cappelletti © Palazzo Grassi

"Alles hat seine Zeit gehabt. Auch 'Minimal'": Das lernt Hans-Joachim Müller in einer Schau, die die Pariser Pinault-Collection einer Kunstrichtung widmet, die zurück zu den Basics, den alltäglichen Grundlagen unseres Lebens strebte. Müller denkt in der Welt über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Minimal-Art nach und konzentriert sich in seiner Besprechung vor allem auf die Arbeiten von Frauen, die lange im Schatten ihrer männlichen Kollegen standen. Wie zum Beispiel die Brasilianerin Lygia Pape, deren Arbeiten für Müller zu den Höhepunkten der Schau zählen: "Ihre 'Tecelar'-Holzschnitte auf Japanpapier mit Flächen aufgelöster Kuben, kriechen wie fliehende Ameisenschwärme über die Wände. Während ein wackliges Video zeigt, wie Pape aus einer am Meer abgestellten Papierhütte in einem Akt selbstgeburtlicher Anstrengung schlüpft, während auf großer Leinwand die Teilnehmer einer Performance unter einem bis auf die Köpfe alles abdeckenden Tuch zum 'neokonkreten Ballett' animiert werden. Und nebenan, ganz hinten herrscht erhabenes Schweigen, wo im dunklen Raum ein Dutzend rechteckiger Bündel Goldfäden schräg zwischen Decke und Boden gespannt sind, dass es aussieht, als breche das Sonnenlicht durch ein Gitter ins Verlies."

Besprochen werden "Elvira Bach: So rot, so rot", in der Berliner Galerie Friese (taz), Bryan Adams' Fotoausstellung "#Shotbyadams" im Kunsthaus Göttingen (SZ), die Schau "Der Berliner Skulpturenfund", die im Neuen Museum von den Nazis verfemte und erst jüngst wiederentdeckte Werke präsentiert (Tagesspiegel, Standard), die Schau "Utopia. Recht auf Hoffnung" im Kunstmuseum Wolfsburg (taz), die Helga-Paris-Retrospektive im Fotografiska Berlin (FR) und die Schau "Vom Dunkeln ins Licht: Eine Spurensuche" im Berliner Kunstquartier Bethanien, in der Kunstwerke präsentiert werden, die von Strafgefangenen in der Justizvollzugsanstalt Tegel geschaffen wurden (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2025 - Kunst

Aus "dem Vollen" schöpft die Ausstellung "Fünf Freunde" im Kölner Museum Ludwig, die sich dem "Beziehungsnetzwerk" der Künstler John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg und Cy Twombly widmet, freut sich taz-Kritikerin Regine Müller. Die fünf Künstler verband tiefe Freundschaft, ihre Kunst und auch gegenseitige Liebe: "Hoch anzurechnen ist der Ausstellung, dass sie die 'Queerness' der Künstler und ihre Liebesbeziehungen zwar als Erzählfaden definiert, aber gar nichts Reißerisches hat. Die Schau guckt nicht durchs Schlüsselloch, sondern versucht, die Codes und Hinweise auf das Private in den Werken zu finden. Am offensichtlichsten gelingt das in einem offenen Rondell, das mit Rauschenbergs 'Bett' von 1955 die prominenteste Leihgabe der Schau zeigt. Für diese Arbeit aus der Reihe der 'Combines' klebte Rauschenberg sein eigenes Bett mit Laken und inzwischen ausgebleichter Steppdecke auf eine Holzunterlage und besprenkelte und bekritzelte den Kopfteil mit Farbe und Grafit. Wenn man will, kann man in den Kritzeleien im Kopfteil Reminiszenzen an die typische Arbeitsweise von Cy Twombly erkennen. Gegenüber steht in der Schau eine 'Odalisk'-Skulptur, die Rauschenberg mit einem ausgestopften Hahn bekrönte, dessen englischer Name 'cock' bekanntlich doppeldeutig ist."

Sarah Gillespie, Peppered Moth, 2021, Mezzotinto, aus der Serie A Litany of Moths, © Sarah Gillespie 

Die Geheimnisse der Nacht kann FR-Kritikerin Sylvia Staude im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg ergründen. Dort widmet sich die Ausstellung "Nachtleben" verschiedenen Facetten der Dunkelheit. Zum Beispiel mit Thierry Cohens "'Darkened Cities' von denen im Sinclair-Haus Tokio, Warschau, Rio de Janeiro in Umrissen und mit Sternenhimmel zu sehen sind. Mit Sternenhimmel? In der Realität sind diese Städte viel zu hell. Cohen fotografiert sie darum sogar tagsüber, dann den Himmel an einem lichtfernen Ort desselben Breitengrades, fügt beides digital zusammen. So dass sich nun ein zaubrisch funkelnder Himmel über grau-schwarzen Gebäuden wölbt. Noch ein Stück weiter geht Yann Mingard in seiner Serie 'Repaires' (franz. Versteck, Unterschlupf), die als Fotobuch erschienen ist, das von Seite zu Seite dunkler, schwärzer wird. Eines der letzten Bilder aus dieser Reihe hängt im Sinclair-Haus - und wenn man lange genug schaut, die Augen gewöhnt, wenn die fast schwarze Fläche nicht zu sehr spiegelt, erkennt man im feinen Umriss eine fliegende Eule."