Von Wien bis Washington, von Berlin bis Bilbao, überall werden Künstlerinnen wiederentdeckt und gewürdigt. Stellt sich da überhaupt noch die "Frauen-Frage", fragt sich Dorothea Zwirner in der Welt. Unbedingt, denn Künstlerinnen bleiben "sowohl in den Museen als auch im Kunstmarkt deutlich unterrepräsentiert. Nicht nur in den historischen Sammlungen liegt der Anteil von Künstlerinnen meist im einstelligen Bereich. In einer aktuellen, wenn auch vorläufigen Analyse zur Sammlung des MoMA zeigt sich ein signifikanter Gender-Gap: Rund 18 Prozent - nicht einmal ein Fünftel - der untersuchten Werke stammen von Frauen. Im Auktionshandel konnten sich zwar laut 'Sotheby's Insight Report 2025' die weltweiten Umsätze für Künstlerinnen in den vergangenen sechs Jahren mehr als verdoppeln, liegen aber mit knapp 14 Prozent immer noch deutlich niedriger als bei ihren männlichen Kollegen." Aber: "Ohne eine entsprechende Ankaufs- und Personalpolitik, die zu einer dauerhaften Veränderung in der Kanon-Bildung führt, bleibt der Verdacht eines bloßen 'Women-Washings' bestehen", warnt Zwirner.
Besprochen werden außerdem die große Paul-Cezanne-Ausstellung in der Fondation Beyerle (SZ, mehr hier), die Ausstellung "Admission" mit Arbeiten der Malerin Julija Zaharijević im Medium P in Berlin (taz) und die bereits zweite Zusammenarbeit zwischen dem Pariser Louvre und der App Snapchat, die Objekte im Louvre als Augmented Reality erlebbar macht (FAZ).
In der DDR hatte Hans Ticha wenig Erfolg - kein Wunder, deckte er doch die Absurditäten des Regimes mit "klarer Geste" und "überhöhter Darstellung" auf, stellt Jakob Hoffmann (taz) in der Ticha-Retrospektive in der Kunsthalle Rostock fest. Die ihm eigene Formensprache bildete Ticha dabei am Thema Sport heraus: "Bei diesen Bildern schafft er es, gleichzeitig Dynamik und Schwerkraft zu erzeugen. Wuchtig nehmen seine AthletInnen mit ihren eigenartigen Proportionen, atemberaubenden Haltungen und leistenden Extremitäten die Leinwand ein. Nicht Individuen, sondern formierte Exemplare sind hier abgebildet. Ticha thematisiert so die Zurichtung von Körpern nicht nur durch die AthletInnen selbst, sondern vor allem durch die DDR-Sportpolitik. Erfolge wurden als Beweis gesellschaftlicher Überlegenheit eingefordert und, wie später in der aufgedeckten staatlichen Dopingkampagne klar wird, auf menschenverachtende Weise forciert."
Endlich könnte der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck der verdiente Ruhm über die Grenzen Europas hinaus zuteil werden, freut sich Bridget Quinn (Hyperallergic), nachdem sie die Ausstellung "Silence" im New Yorker Metropolitan Museum of Art besucht hat. Überwältigend ist vor allem ihr Alterswerk, findet Quinn: "Während ihre frühen Selbstporträts vom Naturalismus, den sie in Paris entdeckt hatte, und von der Gelassenheit der italienischen Renaissancekunst geprägt sind, vertraut Schjerfbeck mit 50 Jahren, wie in 'Selbstporträt' (1912), vor allem ihrem eigenen Instinkt. Hier verleihen ihr ihre asymmetrischen Augen - eine dunkelblaue Iris und eine strahlend babyblaue - ein hexenhaftes, Bowie-ähnliches Gefühl der Selbstfindung. Das vielleicht Beeindruckendste an diesen späten Selbstporträts ist Schjerfbecks unerschütterliche Akzeptanz ihrer monströsen, alternden Intensität. In 'Selbstporträt mit rotem Fleck' (1944) und 'Selbstporträt in Schwarz und Rosa' (1945) mit Köpfen, die direkt aus einem Horrorfilm stammen könnten - man denkt dabei an den Originalfilm Nosferatu (1922) -, betrachtet die Künstlerin den Tod kühl und nüchtern."
Weitere Artikel: In der Zeit schreibt Tobias Timm den Nachruf auf Henrike Naumann. In der FAZ freut sich Dorothea Zwirner, dass die Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstfördernden (Gedok) ihr hundertjähriges Bestehen und somit ihre Gründerin, die Kunstförderin und Frauenrechtlerin Ida Dehmel, feiert.
Besprochen wird außerdem Pierre Huyghes Installation "Liminals" in der Halle am Berghain (laut SZ-Kritiker Peter Richter die "monumentalste Enttäuschung des Berliner Winters").
Skandal in Wien: Im Stephansdom werden derzeit 77 Kreuze des 2025 verstorbenen Künstlers Arnulf Rainer ausgestellt - obwohl der und dessen Familie dies zu verhindern versuchten. Katharina Rustler rekonstruiert im Standard die komplexe Entstehungsgeschichte der Schau, die juristisch wohl nicht anfechtbar ist, weil sich die Kreuze im Besitz des Sammlers Werner Trenker befinden. Künstlerisch scheint die Schau durchaus interessant zu sein: "Vergisst man die ganze Auseinandersetzung für einen Moment und konzentriert sich auf die Werke des großen Künstlers, fallen deutliche Parallelen und Widersprüche zwischen seinen Werken und architektonischen Elementen der Kirche auf. Einerseits harmonieren die dunklen Rottöne und das strahlende Blau mit den Farben der Kirchenfenster. Andererseits scheinen sich ihre widerspenstigen Formen innerhalb der Kreuze einer Anpassung mit ganzer Kraft zu widersetzen." Für die Presse schaut sich Almuth Spiegler die Ausstellung an.
Viel Spaß hat, ebenfalls für den Standard, Jakob Thaller in einer Ausstellung, die dem amerikanischen Künstler Scott Clifford Evans im Wiener Franz-Josefs-Kai-3 gewidmet ist. Evans ist ein inzwischen in Wien wohnhafter Off-Künstler - und ein akademischer Experte für Geisterbahnen. In seiner Schau "Splatterhaus!" "überführt er diese Theorie nun in eine blutige Praxis und vereint all die Nuancen, die sein Werk prägen; das Unheimliche wird von einem trashigen Sinn für Klamauk gebrochen, Spaghetti mit Tomatensauce klatschen auf in Österreich weltbekannte Künstlergesichter, amerikanische Popkultur wird, verquirlt mit dem Wienerischen, zu einer picksüßen Melange aus Graus und Faszinosum. Reaktionen darauf könnten, je nach Wesensart, von schallendem Gelächter über tränenersticktes Schluchzen bis zum Defäkieren in die eigene Hose reichen."
Außerdem immer noch die Epstein-Files: Jörg Häntzschel berichtet in der SZ darüber, wie Enthüllungen über den Kunstsammler und Epstein-Kumpel Leon Black, dem sadistische Vergewaltigungen Minderjähriger vorgeworfen werden, Miniwellen in der Kunstszene schlagen. Denn Black ist auch ein großer Kunstsammler und -sponsor: "Dem Dartmouth College, seiner Alma Mater, gab er 2012 48 Millionen Dollar für das 'Black Family Visual Arts Center'. Doch die meisten seiner Spenden kamen New Yorker Häusern zugute: dem Metropolitan Museum, dem Jewish Museum, dem Lincoln Center, der Asia Society. Die revanchierten sich jeweils mit Posten für Black in ihren Aufsichtsräten. Mit keinem Haus ist er aber so eng verbunden wie mit dem Museum of Modern Art. 1997 wurde er dort Trustee, 2014 Co-Chairman und 2018 Chairman. Kurz zuvor hatten Leon Black und seine Frau Debra dem MoMA 40 Millionen Dollar überwiesen, für das 'Debra and Leon Black Family Film Center'.
Die Künstlerin Henrike Naumann ist im Alter von 41 Jahren an ihrer Krebserkrankung gestorben. Als erste ostdeutsche Künstlerin sollte sie den Pavillon der Biennale in Venedig bespielen. In der tazerinnert Hilka Dirks an Naumann und ihr Werk: "Die Auseinandersetzung mit faschisierten und kapitalistischen Ästhetiken, mit neonazistischen und anderen Jugend- und Subkulturen, sie durchzieht das Werk Naumanns seit Beginn ihrer künstlerischen Karriere ebenso wie die Sezierung des Konsums, von Status, Klasse und Milieu. So kombinierte sie in ihrer Ausstellung 'Innenleben' 2019 am Münchner Haus der Kunst postmoderne West-Möbel der Nachwende-90er mit dem wuchtigen Historismus nationalsozialistischer Inneneinrichtung. Der Geist, der in den Räumen dieser Gegenüberstellung spukte, war ein sehr deutscher, ein allzu bekannter, zumindest für die Menschen, die inmitten solcher Objekte aufwuchsen, und ein ständiger Begleiter von Naumanns Werken: vom Wandtattoo in gebrochener Fraktur über Videoinstallationen aus gesammelten Archivmaterial sozialer Medien bis zum plüschig-wuchtigen Sofa in pastelligem Graffitimuster."
"Naumann hatte früh gesehen, dass die deutschen Obsessionen mit Raum und Ordnung am Ende nirgendwo anders als in der Schrankwand ihren häuslichen, sozusagen pantoffeltragenden Ausdruck finden", schreibt Peter Richter in der SZ. In der Ausstellung "Wohnkomplex - Kunst und Leben im Plattenbau" im Minsk in Potsdam war noch bis vor Kurzem Naumanns "epochale Diplomarbeit zu sehen: Die Installation 'Triangular Stories' zeigt zwei dreieckige Ausschnitte aus ostdeutschen Nachwendewohnungen, eine davon komplett mit den mutig gemusterten Discountermöbeln der frühen Neunziger, mit Videorekorder, CD-Regal - und Reichskriegsfahne an der Raufasertapete. Diese Installation hatte Naumann schlagartig berühmt gemacht, weil sie mit diesem lakonischen Hyperrealismus etwas zusammenfasste, wofür andere dicke Bücher über die heute sogenannten Baseballschlägerjahre brauchten."
Der Tänzerinnen-Brunnen aus dem Garten des Kolbe-Museums wird nun wohl endlich an die Erben des jüdischen Unternehmers Heinrich Stahl zurückkehren, meldet Nicola Kuhn im Tagesspiegel: "Nachdem abschließend geklärt war, dass der Enkel Werner Stahl vor 25 Jahren nicht im Namen der ganzen Familie bei der Überlassung des Brunnens gesprochen hatte, unterbreitete das Museum nun allen Erben im September ein Restitutionsangebot. Bis Mitte Februar mussten sich die Nachfahren dazu äußern. Mit der jetzigen Annahme nunmehr beider Familienzweige könnte die Affäre um den Tänzerinnen-Brunnen doch noch zu einem guten Ende kommen, die bereits einen Schatten auf das Museum geworfen hat, das sich eigentlich um die Aufarbeitung des Raubfalls bemüht hatte. Die im April 2025 eröffnete Rechercheausstellung zur Geschichte des Brunnens soll deshalb weiterhin im Untergeschoss zu sehen sein, wie das Museum betont."
Weiteres: Die Künstlerin Henrike Naumann ist mit nur 41 Jahren gestorben, meldetMonopol. Vor wenigen Monaten war sie noch ausgewählt worden, um gemeinsam mit Sung Tieu den deutschen Pavillon für die diesjährige Kunstbiennale zu gestalten. Barbara Barkhausen stellt in der NZZ die Melbourner Künstlerin Helen Wilding vor. Philipp Meier wirft ebenfalls für die NZZ schon einmal einen Blick ins Kunsthaus Zürich, wo ab Herbst eine große Giacometti-Schau stattfinden soll.
Besprochen werden: Die Ausstellungen "Wolfgang Leber: Zeiterleben." in der Galerie Sandau (Berliner Zeitung) und "Shadows Might Dance" mit Fotos von Jessica Backhaus im Foto Forum Frankfurt (FR).
In monopolstellt Katharina Cichosch die afghanische Künstlerin KIMIA vor, die derzeit im Schauraum Nürtingen ihre Arbeiten ausstellt. Zu sehen sind "digitale Zeichnungen und Videoarbeiten sowie Reproduktionen von Leinwänden, die KIMIA auf ihrer Flucht aus Afghanistan nicht mitnehmen konnte. In einem Mail-Interview berichtet sie, wie mit der Unfreiheit von Frauen und Mädchen auch andere unfrei werden - zum Beispiel männliche Künstler. Angesichts der repressiven Umstände, unter denen diese Werke entstehen, ließen sie sich als Punk begreifen - mit dem entscheidenden Unterschied, dass man als Punk im Vereinigten Königreich oder in der BRD der 1970er- und 80er-Jahre nicht annähernd riskierte, was Künstlerinnen und Künstler heute riskieren, wenn sie in Afghanistan malen und zeichnen. ... Afghaninnen haben keine große Lobby. Mit Forderungen nach elementaren Freiheiten passen sie offenbar weder in westlich-akademische Diskurse noch in aktuelle politische Prioritäten. Einige afghanische Künstlerinnen jedoch, wie die in Paris lebende Malerin Kubra Khademi, rücken die Frauen und Mädchen mit ihren Arbeiten mit voller Wucht in den Fokus."
Die Malerin Jill Mulleady hat in der Galerie Sprüth Magers in Los Angeles die Gruppenschau "Horror" mitkuratiert. 31 Künstler sind daran beteiligt. Im Interview mit monopol erzählt sie, was sie inspiriert hat: "Vor dem Hintergrund der politischen Situation in Amerika begann ich darüber nachzudenken, wie Horror zuerst als Filmgenre in Deutschland entstand, vor allem im Expressionismus - aber auch in der Malerei. Das war während des Aufstiegs der Nazi-Ära. Dennoch kommentierten diese Filme und andere Werke den Nationalsozialismus nicht direkt. Sie kanalisierten eher Kräfte, die bereits in der Luft lagen. Dieselben Energien manifestierten sich gleichzeitig im Kino, in der Kunst und in der Politik. ... Für mich ist Film heute das vitalste Medium, weil er wie ein kollektives Nervensystem funktioniert. Zeitgenössische Filmemacher wie Jonathan Glazer und Mati Diop erzählen nicht mehr nur Geschichten - sie fangen die atmosphärischen Spannungen ein, die unsere Gegenwart prägen."
Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch - Die großen Fragen des Lebens" im Dresdner Albertinum (in der FAZ findet Andreas Platthaus die Ausstellung wenig mutig: "Es ist, als scheute man sich in Dresden, die sensible Modersohn-Becker mit dem moralisch ambivalenten Munch zu kontaminieren. Aber warum denn dann überhaupt beide?") und Louise Bourgeois' "Echo of the Morning" im PoMo im norwegischen Trondheim (monopol).
Da ist der Sammlerin Julia Stoschek und ihrem Kurator Udo Kittelmann ein "Geniestreich" gelungen, schwärmt Jürgen Schmieder (SZ) nach dem Eröffnungsabend der Videokunst-Ausstellung "What a wonderful World: An Audiovisual Poem" in der Stoschek-Foundation in Los Angeles: "Da treffen sich zum Beispiel im Keller auf drei Leinwänden, erstens, 'Un chien andalou' von Luis Buñuel, dann 'Waves' von Anne Imhof (eine Frau peitscht das Meer aus, als hätte Xerxes sie damit beauftragt) und schließlich das berühmte 'Barbed Hula' von Sigalit Landau, der blutige Hula-Hoop mit Stacheldraht, und im Hintergrund rollen auch hier so stoisch die Wellen ans Land wie drüben bei den Surfern in Venice Beach. Und dann: Lässt man sich von einer pink glitzernden Diskokugel und Britney Spears' Bathtub-Song in Robert Boyds Vier-Bildschirm-Installation 'Xanadu' von 2006 locken wie in das Horrorhaus, von dem man im Film immer vorher schon weiß, dass am Ende nur Leid und Pein auf einen warten."
Weitere Artikel: Die Erbengemeinschaft des jüdischen Tenors Alfred Strauss und die Stadt Düsseldorf haben sich in einem Restitutionsverfahren darauf geeinigt, das Gemälde "Christus am Ölberg" von Lucas Cranach dem Älteren zu verkaufen: Drei Viertel des Erlöses erhält die Erbengemeinschaft, ein Viertel die Stadt Düsseldorf, meldet die FAZ.
In der FR ist Lisa Berins ein bisschen ratlos, meint das aber nicht böse. Es ist weniger der Inhalt, der hier zählt, wird ihr bewusst: "Vielmehr als am spirituellen Gehalt ist Bayrle nämlich an der konzeptionellen Form, der Ästhetik, dem Muster und vor allem der Wiederholung interessiert: an dem Repetitiven der Religion, dem Gebetsmühlenartigen, Rhythmischen. Dem immer wiederkehrenden Gleichen, das sich zu einem größeren Etwas zusammensetzt (...) Bayrles Werke weisen immer wieder bestimmte Raster auf - auf deren Grundlage dennoch Individualität möglich ist."
Weiteres: Das Britisch Museum hat sich ein spektakuläres Stück aus der Tudor-Zeit, ein verziertes Herzmedaillon, für 3,5 Millionen Pfund gesichert, berichtet Gina Thomas in der FAZ. Besprochen werden eine Ausstellung von Asta Gröting mit dem Titel "Herz" in der Galerie Carlier/Gebauer in Berlin (tsp), die Ausstellung "Rolf Nesch, Nadira Husain, Ahmed Umar: 'Prägungen und Entfaltungen'" im Kunstmuseum Stuttgart (taz) und die Ausstellung "Metamorphoses" im Rijksmuseum Amsterdam (Zeit).
Jens Hinrichsen bespricht im Tagesspiegel ebenfalls die Iturbide-Ausstellung sowie eine andere Schau im C/O Berlin, die der Hamburger Fotografin Dörte Eißfeldt gewidmet ist. Eine Gemeinsamkeit der beiden sonst sehr unterschiedlichen Künstlerinnen: Auch die tendenziell weniger dokumentarisch als introspektiv orientierten Arbeiten Eißfeldts verzichten weitgehend auf Farbe, weil diese "ihr zuwenig Spielraum fürs Experiment ließe. Die Arbeit am Material ist mindestens genauso wichtig wie das Bild, das die Kamera liefert. Eißfeldts Werk oszilliert zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Zu sehen sind Wellen, die sich kräuseln oder ein Felsenspringer, der wie ein schwebender Pfeil über der Gischt hängt: aufgehobene Zeit. Vom Bild eines Schneeballs in ihrer Hand hat Eißfeldt so viele unterschiedliche Abzüge hergestellt, dass das Ding fragwürdig wird. Und nicht selten ist der Gegenstandsbezug durch irrlichternde Reflexe und Dunkelkammerarbeit so gelockert, dass die Fotografie zu abstrakter Malerei tendiert."
Weiteres: Anne Simone Kiesel unterhält sich auf monopol mit der amerikanisch-nigerianischen Künstlerin Mimi Onouha, deren Schau "Soft Zeros" derzeit in der Wiener secession zu sehen ist. Besprochen werden die Ausstellung "Wolle. Seide. Widerstand" im Frankfurter MAK (FAZ, siehe auch hier) und eine Schau der Leipziger Künstlerin Maja Behrmann in der Berliner Galerie Eigen+Art (BlZ).
Wie Alice ins Wunderland fällt Bettina Wohlfarth (FAZ) in die Kartonlandschaften der Künstlerin Eva Jospin (Tochter des einstigen Premieministers Lionel Jospin), die das Grand Palais in Paris in der Ausstellung "Grottesco" zeigt: "Unter ihrer Hand entstehen aus Wellpappe fantastische Reliefs imaginärer Wälder, märchenhafte Skulpturenlandschaften und architektonische Follys, für die sich die französische Künstlerin mit Gourmandise an der Gartenkunst inspiriert." Für "ihre architektonischen Skulpturen werden Kartonplatten horizontal geschichtet, bevor aus den so entstandenen Materialblöcken die Form mit ihren unzähligen Details gesägt, ausgefräst und mit dem Skalpell eingeschnitten wird. So bildet die innere Kannelierung der Wellpappe die Außenseite der Skulpturen und lässt Maserungen entstehen, die an geologische Schichtungen, an Fels oder Gestein denken lassen." NS-Kunst ist im Aufschwung, stellt Geertjan de Vugt für die SZ besorgt fest: Er besucht einen Galeristen, der anonym bleiben will (im Text wird er Marius genannt) und in seiner German Art Gallery "irgendwo in Benelux" Werke von nationalsozialistischen Künstlern an interessierte Sammler verkauft. Ein Problem sieht "Marius" darin nicht: "Ist es Zufall, dass NS-Kunst gerade jetzt aus den Depots geholt wird?" überlegt der Kritiker: "Vielleicht hat diese Kunst auch deshalb wieder Resonanz, weil sie etwas bietet, das die Gegenwartskunst verweigert: eindeutige Lesbarkeit, heroische Körper, klare Botschaften. Während zeitgenössische Kunst oft fragmentiert, ironisch oder konzeptuell ist, verspricht NS-Kunst scheinbare Klarheit. In einer unübersichtlichen Welt mag das für manche verlockend sein. Marius selbst scheint diese Verbindung nicht zu sehen. Oder nicht sehen zu wollen. 'Ich habe nichts mit links oder rechts zu tun', sagt er. Doch seine Entscheidung, auf Trumps Plattform Truth Social zu werben, spricht eine andere Sprache."
Besprochen werden die Ausstellung "Anselm Kiefer. Le Alchimiste" im Palazzo Reale in Mailand (NZZ), die Ausstellungen "Becoming Paula - London Berlin Worpswede Paris" im Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen, "Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens" im Albertinum in Dresden, "Paula Becker - Paula Modersohn Becker: Die Landschaften" im Otto-Modersohn-Museum in Fischerhude und "Impuls Paula" im Museen Barkenhof in Worpswede (taz).
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