Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.04.2025 - Kunst

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Das Auschwitz-Buch des Modefotografen Juergen Teller ist schon vielfach gefeiert worden - vor allem wegen der Sachlichkeit und Zurückhaltung, die der Fotograf hier walten ließ. In 820 Aufnahmen hält er fest, was in Auschwitz heute zu sehen ist. Peter Truschner erscheint das Buch in seinem Perlentaucher-Fotolot banal. Worin besteht diese Banalität? "Um die adäquate, mit der nötigen respektvollen Distanz einhergehende Sachlichkeit zu gewährleisten, die Orte wie Auschwitz offenkundig zu verlangen scheinen, muss Teller das, was ihn als Fotografen berühmt gemacht hat, regelrecht beiseite schieben - aber wofür? Dass man in den Medien erleichtert das moralische Urteil fällen kann, er habe sich in Auschwitz uneitel = anständig aufgeführt? Kann das kartografische 'Zeigen' dieses Ortes dem, was dort vor sich ging, (künstlerisch) wirklich etwas geben? Und mit einer solchen Gabe (die auch aus einer ganz eigenen Fantasie bestehen kann) etwas beleuchten (und sei es ein Detail), wie das etwa Imre Kertesz mit seinem 'Roman eines Schicksallosen' gelungen ist? Oder Mieczyslaw Weinberg mit seiner Oper 'Die Passagierin'?"

Camille Pissarro: Boulevard Montmartre, 1897, Bildrechte: Stiftung Langmatt Jenny und Sidney Brown, Jean-Pierre Kuhn.


FR-Kritiker Stephan Klemm kommt im Kölner Wallraf-Richartz-Museum kaum aus dem Staunen heraus: Dort ist die Ausstellung "Schweizer Schätze. Meisterwerke des Impressionismus" zu sehen mit Werken aus der Sammlung des Ehepaars Jenny und Sidney Brown. Die beiden haben sich beim Sammeln vor allem auf die Impressionisten konzentriert, ohne zu wissen, dass diese tatsächlich mal in die Kunstgeschichte eingehen würden. Klemm betrachtet in neun Sälen: "Landschaftsszenen, von denen die 'Trocknende Wäsche am Ufer der Seine' von Gustave Caillebotte (etwa 1892) eine besondere Wirkung entfacht. Die weiße Wäsche scheint im Wind zu wehen, verschwommen endet der Uferweg in der Ferne, blau strahlt der Fluss, auf dem zwei Hausboote liegen. Auch Renoir ist hier vertreten, mehrfach sogar, wobei sein 'Die Ufer der Seine bei Rueil' aus dem Jahre 1879 wild durch die Szenerie führt. (…) Redons Werk 'Fischerboote. Erinnerung an Venedig' (1908) überlässt es dem Betrachter, den leuchtenden Hintergrund zu deuten. Ist im Abendlicht die Silhouette der Lagunenstadt zu sehen? Oder deutet sich hier ein Gewitter an, das näher zieht, während im Vordergrund ruhig ein Bragozzo durchs Bild segelt?"

Dass Kuratorin Susanne Pfeffer die Exponate der Schau "Typologien - Photography in 20th Century Germany" in der Fondazione Prada in Mailand nach Ähnlichkeiten angeordnet hat, regt FAZ-Kritikerin Karen Krüger zu einem neuen Blick auf die Fotografien von beispielsweise Isa Genzken oder Andreas Gursky an. Die Gegenüberstellungen machten Raum für Assoziationen: "Ursula Schulz-Dornberg porträtierte Bushaltestellen in Armenien, oft an abgelegenen Orten. Die abgehalfterten Unterstände sehen aus, als seien sie von der Natur inspiriert. Blattförmige und pilzhütige Betonplatten wölben sich über den Wartenden und wirken wie Überreste eines utopischen Sozialismus, der in den Bildern von Frauen mit Kindern am Leben erhalten wird. Erst durch die Herausstellung des Typus Haltestelle und deren Variationen werden die Phantasie der Architekten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlich, und dieses Prinzip gilt grundsätzlich für die Typologien: Es schärft den Blick."

Weiteres: Anne Kiesiel interviewt die Keramikkünstlerin Anna Bochkova für Monopol. Besprochen werden die beiden Berliner Yoko-Ono-Ausstellungen "Dream Together" in der Neuen Nationalgalerie und "Music of the Mind" im Gropius-Bau (SpOn).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.04.2025 - Kunst

David Hockney, 27th March 2020, No. 1, 2020. iPad painting printed on paper, mounted on 5 panels. © David Hockney

Viel konnte Marc Zitzmann (FAZ) bisher nicht mit den späten IPad-Malereien von David Hockney anfangen. Aber in der Pariser Fondation Louis Vuitton, die dem Briten die größte je ausgerichtete Retrospektive widmet, wirken sie geradezu "nobel und verwegen", staunt Zitzmann. Etwa die Serie "220 for 2020", entstanden, als Hockney im ersten Pandemie-Jahr in der Normandie festsitzend alles in iPad-Zeichnungen festhielt, was das Jahr über blühte: "An den Wänden der Vuitton-Stiftung, ausgedruckt oder von Bildschirmen leuchtend und zu zwölft oder zu zwanzigst rechteckige Gruppen bildend, entfalten sie einen unwiderstehlichen Zauber: Variationen auf ein Thema, das nie alt wird - die Erneuerung der Natur im Wechsel der Jahreszeiten. ... Durchdrungen wird alles von der Farbe der Hoffnung: Diese adelt Landbaumaschinen und erhellt sogar ein Schneegestöber."

Max Beckmann: "Tanz in Baden-Baden". 1923. Bayerische Staatsgemäldesammlungen - Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne München

Es hätte nicht viel Recherche bedurft, damit die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen bemerkt hätten, dass Max Beckmanns "Tanz in Baden-Baden" von 1923, eines der berühmtesten Werke aus der Sammlung der Pinakothek der Moderne, nicht zu jenen Werken gehört, bei denen es keinen Hinweis auf einen "NS-bedingten Entzug" gibt, notiert Tobias Timm kopfschüttelnd in der Zeit: Das Bild gehörte ursprünglich dem jüdischen Hopfenhändler Heinrich Fromm. Der Zeit liegt eine Urkunde vor, die zeigt, dass ein Nazi-Kunsthistoriker "bei einer Schätzung von Fromms Werken noch im Juli 1938 auch mehrere Gemälde von Max Beckmann aufgelistet" hatte, "darunter jenes, das der Nazi-Gutachter verkürzt als 'Tanzende' bezeichnete". Fromm, 1938 ins KZ Dachau verschleppt, konnte 1939 mit seiner Frau nach London fliehen. "Warum suchen die Staatsgemäldesammlungen nicht öffentlich nach Fromms Erben? Das Museum hat das Gemälde noch nicht mal in der Lost-Art-Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste eingestellt, wo man in Verdachtsfällen nach Informationen und möglichen Erben sucht." 

Derweil stellte sich am Vorabend des gestrigen Internationalen Tags der Provenienzforschung in Berlin das Jewish Digital Cultural Recovery Project (JDCRP) seine digitale Plattform vor, die "archivierte Informationen über jüdisches Kulturgut, das während der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust konfisziert oder geplündert wurden" öffentlich zur Verfügung stellt, schreibt Marcus Woeller in der Welt. Auch KI soll hier künftig die Provenienzforschung erleichtern: "Ein Sprachmodell vergleichbar mit ChatGPT und eine Texterkennungssoftware soll die Dokumente lesen und in durchsuchbare Datensätze übersetzen können."

Weitere Artikel: Wer es weder in die große Helen-Frankenthaler-Retrospektive im Palazzo Strozzi in Florenz (unser Resümee) geschafft hat, noch ins Guggenheim-Museum nach Bilbao schaffen wird, wo die Ausstellung derzeit hinzieht, dem empfiehlt Judith von Sternburg in der FR einen Abstecher ins Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden, das die größte Frankenthaler-Privatkollektion der Welt beherbergt. Für die taz besucht Jens Gyarmaty das "Cybrothel" in Friedrichshain, einst ein Kunstprojekt, heute das erste Puppenbordell Berlins.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken der wenig bekannten Worpsweder-Malerin und Rilke-Freundin Olga Bontjes van Beek im Kunstverein Fischerhude (Zeit), die Ausstellung "FrauenBilder. Julia Krahn im Dialog" im Landesmuseum Hannover (taz), die Ausstellung "John Giorno: a labour of LOVE" bei der Triennale Milano (taz), die Ausstellung "Activist Choreographies of Care" im Berliner nGbK, die sich Queerness in Ghana widmet (taz), die Medienkunst-Schau "The Story That Never Ends. Die Sammlung des ZKM" im Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe (Tsp, mehr hier) und die Wolfgang Tillmans-Ausstellung "Weltraum" im Albertinum in Dresden (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.04.2025 - Kunst

Bill Viola - Stations, 1994, Videoinstallation, Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe © Bill Viola; Foto © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe.

Hans-Joachim Müller spaziert für die Welt durch die Medienkunst-Schau "The Story That Never Ends. Die Sammlung des ZKM" im Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe. Er fragt sich, ob nicht nur Alltagselektronik allzu schnell altert, sondern vielleicht auch, eben, Medienkunst. Der Vergleich mit klassischen Kunstformen fällt jedenfalls nicht immer schmeichelhaft aus: "Nicht selten fällt die medientechnische Problemlösung unverkennbar hinter die bezwingende Sinnlichkeit der klassischen Künste zurück. Das lässt sich nicht zuletzt am Körperthema beobachten. Wenn man an die mitunter schmerzhafte Leibnähe einer Performance von Tino Seghal oder Anne Imhof denkt, dann muten die motorgetriebenen Kleiderpuppen der Ursula Neugebauer wie hübsches Spiel an. Aber vielleicht ist es ja auch nicht fair, angesichts der unglaublich diffizilen Innereien dieser Techno-Kunst an ihrer mitunter etwas dürftigen Erscheinung Anstoß zu nehmen."

Jennifer Braun hat sich die Schau für monopol ebenfalls angeschaut. Unter anderem glaubt man am ZKM an das Potential von Medienkunst, Medienkompetenz zu vermitteln, lernt sie. "Ein optimistischer Ansatz, aber sicher kein naiver. Der Themenschwerpunkt 'Kritik und Utopie' beleuchtet unter anderem, wie Künstlerinnen und Künstler schon seit Jahrzehnten vorausahnend thematisierten, was heute als Cyberfaschismus Form annimmt. Lynn Hershman Leesons interaktives Gewehr 'America's Finest' (1993-94) bietet den Nervenkitzel, Menschen anzuvisieren - egal ob Soldat oder Kind - und gefahrlos abzudrücken. Ob man dies nochmal machen will, sobald der eigene Hinterkopf ins Visier gerät, ist einem selbst überlassen."

Weitere Artikel: Ingo Arend unterhält sich auf Monopol mit der Kuratorin Defne Ayas über Kunst und Protest in der Türkei und Deutschland. Weiterhin sammelt monopol sechs Stimmen aus der zeitgenössischen Kunst zu Leigh Bowerys Werk und dessen Erbe. Im Standard schreibt Olga Kronsteiger über den Stand der Dinge im bayrischen NS-Raubkunst-Skandal (siehe auch hier) und geht dabei insbesondere auf den Umgang mit den Erben Alfred Flechtheims, eines jüdischen Kunsthändlers, ein. Endlich komplett freigelegt ist nun ein Frühwerk Gerhard Richters im Dresdener Hygiene-Museum, berichtet unter anderem der Standard. Ebenfalls im Standard bespricht Ronald Pohl einen von Matthias Naumann herausgegebenen Sammelband zu Antisemitismus im Kunstbetrieb ("Verkehrte Welt: Die besonders lauthals ihren Abscheu gegen Israel artikulieren, beklagen am bittersten, sie kämen wenigstens in Deutschland zu wenig oder gar nicht zu Wort").

Besprochen werden außerdem eine große Sammlungspräsentation des Berliner Brücke-Museums (FR) mit zahlreichen Meisterwerken des Expressionismus und die Ausstellung "21 x 21 Die Ruhr Kunst Museen auf dem Hügel" in der Essener Villa Hügel (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.04.2025 - Kunst

Valentina Karga, Hug Sofa, 2023. Foto: Enric Duch, © Valentina Karga

Einer der großen Kunsttrends im Moment? Kuscheln! Das stellt jedenfalls Max Florian Kühlem in der SZ fest, wenn er sich in der aktuellen Kunstwelt umschaut. Das "gemütliche Herumhängen" fordert auch die in Griechenland geborene Künstlerin Valentina Karga in der Ausstellung "Well Beings" im Kunstmuseum Bochum mit ihrem "Hug Sofa" explizit ein, so der Kritiker. So ganz entspannen soll man hier aber auch nicht: "Das Sofa ist so tief, dass man auch die Beine in fast voller Länge ablegen muss, wenn man sich anlehnen möchte, und darauf liegen weiche Stoffringe, die man sich um den Hals hängen kann. Ein Gefühl, wie eine Dauerumarmung. Es macht das Geschehen auf dem großen Monitor etwas erträglicher, der direkt vor dem Sofa steht. Auf ihm läuft die Arbeit 'Doomscroll', die Bilder von Flutkatastrophen, Dürren und anderen beängstigenden Klimawandel-Nachrichten und Protesten der 'Letzten Generation' zeigt."

Besprochen werden die Ausstellung "Prachtstücke. Paul Kleinschmidt. Malerei 1922-1939" im Ernst Barlach Haus in Hamburg (FAZ) und eine Ausstellung mit dem Spätwerk Egon Schieles im Leopold-Museum in Wien (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.04.2025 - Kunst

Thomas Theodor Heine, Der Angler, 1892, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

"Solastalgie" - das ist "die Trauer darüber, wie sich Landschaften durch ihre Nutzung, durch Klimawandel und Biodiversitätskrise verändern", lernt FAZ-Kritikerin Petra Ahne in einer Ausstellung im Lenbachhaus in München. Ein bisschen wehmütig wird man hier schon angesichts blühender Obstbäume und "tief verschneitem" Englischen Garten, meint Ahne: "Die Ausstellung macht aber ebenso klar, dass sich das Bedürfnis, der Natur nah zu sein, in ihr Erholung zu finden und ihre Erscheinungsformen zu studieren, vor hundert, zweihundert Jahren ebenso äußerte wie auf dem versehrten Planeten von heute. Auf Richard Riemerschmids 'In freier Natur' (1895) schaut man auf eine Frau, die auf Wiesen schaut, und meint das Durchatmen zu spüren, das ihren Blick ins weite Grün begleitet. Für Menschen wie sie, die Trägerin eines modernen, korsettfreien Reformkleids, entwarf Riemerschmid zehn Jahre später Hellerau, die erste Gartenstadt in Deutschland, die eine Alternative sein wollte zu steinerner Urbanität."

In der FAS greift Niklas Maak eine Kunstdebatte auf, die von dem Kritiker Dean Kissick in der amerikanischen Zeitschrift Harper's lanciert wurde und - wir hatten damals in der Magazinrundschau auf den Artikel hingewiesen. Kissick beklagt darin eine Banalisierung der Kunst durch Repolitisierung - eine Tendenz, die für ihn mit der Documenta 2017 eingesetzt hat. Maak wittert in Kissicks Kritik eine reaktionäre Agenda: Der Text klinge "ein bisschen sehr nach Trump". "Kissick bündelt sämtliche Reizthemen, mit denen sich die Kunstwelt - die man sich nicht als homogene 'Welt', sondern eher als Ansammlung vieler sich mit Misstrauen beäugender Archipele vorstellen darf - zurzeit herumschlägt: An den Antisemitismus- und Cancel-Debatten rund um die Documenta zerbrachen Freundschaften, ebenso an der Diskussion um Wokeness und Identitätspolitik. Die Reaktionen auf Kissick fielen entsprechend heftig aus." Maak sieht Kissicks Kritik als symptomatisch "liberales Milieu, das die Auswüchse von Wokeness und Identitätsdiskursen maßgeblich für die Wiederwahl Trumps verantwortlich macht". Wir hatten allerdings in der Magazinrundschau angemerkt, dass Kissick auf die die Debatte um die jüngste Documenta gar nicht einging.

Weiteres: In der taz berichtet Harff-Peter Schönherr vom Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus, das drei zuvor unbekannte Gemälde Felka Plateks, der Frau des Namensstifters, erhalten hat, die aus der Zeit stammen, als sich Nussbaum und Platek in Belgien vor den Nazis versteckt hielten. Die nigerianisch-norwegische Künsterlin Frida Orupabo erhielt für ihre Fotografien den Spectrum-Fotografiepreis 2025, berichtet Maxi Broecking in der taz, Orupabos Werke sind im Sprengel-Museum in Hannover zu sehen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.04.2025 - Kunst

Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ schwärmt der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecký von einer Frauenbüste, die in seiner slowakischen Heimatstadt Levoča entdeckt wurde: Die Kunsthistorikerin Marta Herucová fand diese im Archiv des Zipser Museum lagernde Büste der "Cecilia Gonzaga" wieder und stellte fest, dass es sich wohl um einen echten Donatello handelt. Auch wenn es im Moment sonst kaum Gutes aus der slowakischen Kulturszene zu berichten gibt, diese Cecilia ist ein echtes Highligt: "'Sprich, Cecilia, sprich!', würde ich bei der Beobachtung der Marmorbüste am liebsten sagen, die, wie die meisten Donatello-Skulpturen, durch eine seltsame Magie das Phantom des Lebens einzufangen scheint. Sie könnte in seinem beeindruckenden Werk eine der erstaunlichsten sein: so durchsichtig, so lichtdurchlässig! Die Oberfläche scheint zu flimmern, wenn man sich bewegt: als wäre da ein Film in hartnäckigem Marmor konzipiert. Die flachen 'Schiacciato'-Reliefs - das atemraubendste seiner Experimente - sind so leicht, so präzise, so natürlich, so lebendig! Und wie schön diese junge Frau war! Der Kopf ist in seiner Zerbrechlichkeit geisterhaft wie ein Gespenst, und doch stellt das Bildnis eine durchaus lebhafte Persönlichkeit dar. Donatello verstand wie kein anderer seiner Generation, wie man Trauer und Mut im Abbild einer menschlichen Figur verkörpert." Hier kann man ein 3D-Modell von Cecilia bewundern.

Weiteres: Der Schriftsteller Michail Schischkin erinnert in der NZZ an den russischen Bildhauer Ernst Neiswestny, der am 9. April hundert Jahre alt geworden wäre. In der FAZ berichtet Rose-Maria Gropp von einer Online-Auktion des Wiener Dorotheum, bei der 221 Zeichnungen Andy Warhols zu Rekordpreisen versteigert wurden. Besprochen werden die Ausstellung "Connecting Threads" mit Fotografien von Christiane Eisler in der Leipziger Baumwollspinnerei (FAZ), die Ausstellung "Von der Seite in den Raum - Grenzenlosigkeit im zeitgenössischen Comic" im Klingspor-Museum Offenbach (FAZ) und die Ausstellung "Andrea Fraser: Art Must Hang" in der Nationalgalerie Zachęta (FAS).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.04.2025 - Kunst

Jörg Häntzschel ist in der SZ skeptisch bezüglich der neuesten Entwicklungen in der Raubkunst-Affäre der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (unsere Resümees). Er hegt große Zweifel, dass Meike Hopp als "Provenienzkontrolleurin" ihrem Job überhaupt angemessen nachkommen kann, wo sie zugleich noch Leiterin des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste und Vorsitzende des Arbeitskreises Provenienzforschung ist, der die SZ-Berichte als "Halbwahrheiten", "konstruiert pauschale Anschuldigungen" und "skandalisierende öffentliche Empörung" bezeichnete, wie Häntzschel weiß: "Stehen also für die vermeintlich neutrale Aufklärerin Hopp die Ergebnisse ihrer Untersuchung bereits fest? Sie hat außerdem in München studiert und jahrelang dort gearbeitet. Die Welt der Provenienzforschung ist winzig. Es ist schwer vorstellbar, wie sie die Arbeit ihrer Kolleginnen und Kollegen an den Staatsgemäldesammlungen mit Distanz bewerten kann." Für Häntzschel ist klar, warum der Minister niemanden von außen dazuholt, der ein unbelastetes "Mandat" zur Aufklärung erhält: "Der Minister versucht, Versäumnisse an die Staatsgemäldesammlungen auszulagern und sie dem geschassten Maaz anzuhängen. Dabei ist er mitverantwortlich dafür. In Wahrheit will Bayerns Kunstminister seine Versäumnisse nur auslagern."

"Die bayerische Kunstverwaltung erlebt eine Revolution von oben", konstatiert Patrick Bahners in der FAZ, das Handeln des Ministers Blume ist auch ihm ein besonderer Dorn im Auge: "Blume kündigte die Einsetzung von nicht weniger als fünf Kommissionen und anderen Gremien an, die weiter 'schonungslos aufklären' und zu gegebener Zeit Vorschläge zum Umbau der Museumslandschaft ausarbeiten sollen. Die 'Vertrauenskrise' ist nach seiner Einschätzung 'nicht beendet', weil 'neue Vorwürfe' aufgetaucht sind." Diese Vorwürfe hätten aber gar nicht mehr direkt mit dem ursprünglichen Raubkunst-Anlass zu tun, sondern mit "Fehlverhalten" von Aufsichtspersonen, eingeschlossen sexuelle und rassistische Belästigung, aber auch um Überwachung von Mitarbeitern unter Missbrauch von Kameras.

Hier spielt Bahners auf einen Bericht des Dlf-Rechercheurs Stefan Koldehoff an. So "soll es laut den Unterlagen zum Missbrauch von Videoanlagen in den Museumsräumen gekommen sein - demnach wurden diese zur rechtswidrigen Verhaltenskontrolle von Mitarbeitenden eingesetzt. In der Sicherheitszentrale sollen auch andere Datenschutz- und Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten worden sein. Vorwürfe gibt es nach Informationen des Deutschlandfunks auch bezüglich der Sicherheit der Kunstwerke in mindestens einem Haus der BStGS."

Paul Jandl schließt sich in der NZZ dem Tenor an und nennt den entlassenen Bernhard Maaz ein "Bauernopfer."

Wer in Berlin wohnt, muss jetzt nicht mehr raus nach Brandenburg fahren, um mal Kühe zu Gesicht zu bekommen, es reicht ein Besuch im Kunsthaus Dahlem: Der vor sechzig Jahren verstorbene Künstler Ewald Mataré hat etliche Kuh-Skulpturen geschaffen, die Elke Buchholz für den Tagesspiegel nun (neben einigen anderen Tieren) in der Ausstellung "Nichts ohne Natur" betrachten kann. "An ihnen erprobte er sein Formempfinden, frönte seinem Hang zur Perfektion und zur radikalen Vereinfachung, selbstkritisch bis zur Verzweiflung", hält sie fest, "die Kühe ruhen schwer und massig, sie grasen still oder stehen reglos einfach da. Sie sind die Stars." Auch ein Wandteppich mit "ornamental verknappten Kühen" ist zu entdecken, wichtig war Mataré laut Buchholz vor allem aber die Haptik seiner Werke: "jede Skulptur müsse so beschaffen sein, dass auch Blinde sie genießen könnten, schrieb er einmal. Er begann seine Arbeiten immer als Unikate in Holz, ließ später manches Stück als Bronze gießen, aber nur in kleinen Auflagen."

Weiteres: Ursula Scheer schaut sich für die FAZ die Restauration von Giottos Wandbildern in der Bardi-Kapelle an. Lisa-Marie Berndt interviewt den Künstler Pol Taburet für Monopol. Frauke Steffens spekuliert in der FAZ, was Trumps neue Einfuhrzölle für den Kunstmarkt bedeuten könnten. Die Kulturhauptstadt Chemnitz hat mit dem Karl-Schmidt-Rottluff-Haus nun ein neues Museum vorzuweisen, melden FR und FAZ, benannt ist es nach dem expressionistischen Maler, der die Künstlergruppe "Die Brücke" mitbegründet hatte. Roman Bucheli unterhält sich für die NZZ mit dem Künstler Roman Signer.

Besprochen werden: Die Ausstelllungen "An den Rändern taumelt das Glück: Die späte DDR in der Fotografie" im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst im Dieselkraftwerk Cottbus (Monopol), "Susan Sontag: Sehen und gesehen werden" in der Bundeskunsthalle Bonn (Filmdienst), "Roman Signer: Landschaft" im Kunsthaus Zürich (NZZ) und Tobias Rehbergers "on top of surface - beneath some thought" in der Galerie Neugerriemschneider (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.04.2025 - Kunst

Sechs Wochen nach der SZ-Recherche zur Raubkunst-Affäre in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen entlässt Bayerns Kulturminister Markus Blume deren Generaldirektor Bernhard Maaz, verkündet Jörg Häntzschel in der SZ nicht ganz ohne Stolz (unsere Resümees). Maaz fällt aber weich, er wechselt nur ans Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Münchens bisheriger Kulturreferent Anton Biebl übernimmt seinen Posten in der Gemäldesammlung interimsmäßig. Zudem soll ein Team um die Münchner Provenienzforscherin Meike Hopp die bisher geleistete Arbeit an den Münchner Museen überprüfen und "die Vorarbeit liefern für einen 'Runden Tisch', der sich auch jenseits der Provenienzforschung mit dem Umgang mit NS-Raubkunst beschäftigen soll. Dieses für den Sommer geplante 'Forum' soll unter anderem mit Experten und Vertretern von Opferverbänden besetzt sein und wiederum die Einsetzung einer Kommission 'Historische Verantwortung' vorbereiten."

Patrick Guyton weist in der FR darauf hin, dass die SZ-Recherche zum Teil veraltet war: Laut Gemäldesammlungen gehe es nicht um 200, sondern um 97 Bilder, die darüber hinaus nicht sicher als Raubkunst, eher als massive Verdachtsfälle gewertet wurden. Dennoch, zitiert Guyton Kultusminister Blume, "sei 'viel aufgelaufen', von dem er erst 'in den letzten Monaten erfahren' habe. Was ihm da bekannt wurde, 'das lässt mich schlecht schlafen'. Übersetzt heißt das in etwa, und so sieht es auch die Grünen-Landtagsabgeordnete Sanne Kurz: interner Machtmissbrauch, Mobbing, Bedrohungen - 'sehr schlimme Missstände', sagt Kurz der FR. Dafür spricht auch, dass nun eine Ex-Staatsanwältin die Gemäldesammlungen durchleuchtet und 'jeden Stein umdrehen wird', so Blume."

Ull Hohn, Untitled, 1989. Öl auf Holzkiste. 56 x 112 x 15 cm. Courtesy Privatsammlung, Berlin

Die Werke von William Turner oder Sally Mann, aber auch von Bob Ross kommen Hilka Dirks (taz) in den Sinn, während sie die Gemälde des im Alter von 35 Jahren an den Folgen einer HIV-Infektion gestorbenen Malers Ull Hohn betrachtet, dem das Berliner Haus am Waldsee derzeit die Ausstellung "Revisions" widmet: "Leinwände voll schmantiger, monochromer Farbe, druckgrafisch anmutende Körperbilder, verschwommene Masturbationsszenen und immer, immer wieder amerikanische Landschaften. Ull Hohn taucht viele dieser malerischen Symbole der Spießigkeit betulicher Wohnzimmer und des getrockneten Bluts des amerikanischen Kolonialismus ins Gelb. In ein schwefeliges, chemisches, dickes Gelb, in Pisse, Auswurf und stinkenden Schwefel. ... Lässt man sich auf diese gelben Arbeiten Hohns ein, entwickeln sie einen Sog, so stark, man möchte sie anfassen, seinen Körper an sie pressen, die Farben anlecken. Es ist die überaus drückende Dringlichkeit, die man glaubt, in diesen Bildern spüren zu können, das Elend des Lebens und das Elend des Sterbens."

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung über die neusachliche Rostocker Malerin Kate Diehn-Bitt in der Kunsthalle Rostock (FR) und die Ausstellungen "Laure Prouvost. We felt a star dying" im Kraftwerk Berlin (FAZ) sowie "The Return: Works from the North Sea" mit Werken der US-amerikanischen Malerin Lucy Dodd in der Berliner Galerie Sprüth Magers (Monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.04.2025 - Kunst

Die Innsbrucker Galerie Innsitu präsentiert Fotografien der vor den Nazis geflohenen Wiener Jüdin Gerti Deutsch, die in der Nachkriegszeit Karriere als Fotojournalistin machte. Ivona Jelčić hat sich die Schau für den Standard angeschaut und erfreut sich vor allem am "Gespür der Fotografin für Bildaufbau, Proportion, Licht und Raum. Gerti Deutsch erweist sich auch dort als scharfsinnige Beobachterin, wo traditionelle und moderne Lebenswelten unmittelbar aufeinandertreffen: Auf einer Japan-Reise 1960 entstehen Aufnahmen vom dörflichen Leben und von modernen Großstadtmenschen, von Fischmärkten und vom Architekten Kenzō Tange. Selbst als sie in Japan nach einem Unfall im Krankenhaus landet, legt sie die Kamera nicht aus der Hand und dokumentiert Wartezimmerszenen und die eigene Behandlung."

Außerdem: Die Letzte Generation wird den deutschen Pavillon in Venedig 2026 mitbespielen, meldet monopol. Martin Zips macht sich in der SZ Gedanken über Kunststilimitation Marke ChatGPT.

Besprochen werden Kathrin Linkersdorffs Ausstellung "Microverse" im Haus am Kleistpark, Berlin (taz) und die Schau "Frau in Blau. Oskar Kokoschka und Alma Mahler" im Essener Museum Folkwang (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.04.2025 - Kunst

Caravaggio: "The Cardsharps". Kimbell Art Museum, Fort Worth, Texas

Auf nach Rom in den Palazzo Barberini, ruft uns Kia Vahland in der SZ zu, denn die dortige Caravaggio-Ausstellung leistet in gleich zweierlei Hinsicht Außergewöhnliches: Zum einen reichert sie den an Caravaggios wahrlich nicht armen Bestand Roms um Leihgaben aus Europa und den USA an, zum anderen befreit sie den Barockkünstler endlich von der "Last moderner Sehnsüchte" und legt den "Menschendenker und Theatermacher" hinter dem Rebell frei, freut sich die Kritikerin: Die Ausstellung "führt dafür Leitmotive aus verschiedenen Schaffensphasen zusammen. Eines handelt von heranwachsender Männlichkeit, und es sind keineswegs Haudegen, die einem hier - braun gelockt wie der Künstler selbst - entgegentreten. Stattdessen ist da ein Junge beim Obstschälen, glücklich versunken in seine Tätigkeit. Oder ein mutmaßliches Selbstbildnis als Weingott Bacchus, der schwer krank wirkt mit seinen blauen Lippen. Es gibt Jünglinge, die von einer Wahrsagerin oder einem Falschspieler ausgenommen werden, und Bilder von Johannes dem Täufer, der mit jugendlich überlangen Gliedmaßen noch nicht zu wissen scheint, welch ein Mann einmal aus ihm werden könnte. Caravaggios Jungs beschreiben das Großwerden als Suche, als Sammlung von Unsicherheiten und Pannen. Auch das Erwachsensein bleibt bei ihm riskant."

Ausstellungsansicht: Kathrin Linkersdorff: Microverse - Haus am Kleistpark. Foto: Andreas Meichsner

An Ovids "Metamorphosen", gar an Stillleben Alter Meister muss Ingeborg Ruthe (FR) denken beim Anblick der Fotografien von Kathrin Linkersdorff, die nun unter dem Titel "Microverse" im Berliner Haus am Kleistpark ausgestellt sind. Als Artist in Residence am Institut für Biologie/Mikrobiologie der Humboldt-Universität hat die Fotografin die Bakterien in biochemischen Verfallsprozessen aufgenommen: "Sterben und unaufhaltsamer Verfall in Schönheit und in Verwandlung zu einem neuen Daseinszustand - so könnte man metaphorisch nennen, was man auf den großen Fotos sieht: Streptomyceten im biochemischen Zerfallsprozess, als 'Siedler' auf einer abgestorbenen Erbsenpflanze mit sich noch im Tode kringelnden Klettertrieben. 'Diese Bakterienart verdaut Pflanzen; befindet sie sich in gesunder Erde, ist sie fähig, eigene Antibiotika zu erzeugen' erklärt die Fotografin. Dabei bilden diese Mikroorganismen leuchtend rote und blaue Pigmente aus, zudem weißliche Sporen, fast wie Puderzucker. Das Experiment in Petrischalen war herausfordernd: Linkersdorff und die Mikrobiologin Hengge erlebten die harmlosen Bakterien nämlich als 'recht launisch, im Verhalten sehr komplex und kaum vorhersehbar'."

Besprochen werden die Ausstellung "Siena. The Rise of Painting, 1300-1350" in der National Gallery in London (FAZ), die Ausstellung "Linder: Danger Came Smiling", die der radikalfeministischen Fotografin Linda Sterling gewidmet ist, in der Hayward Gallery, in London (taz) und die Ausstellung "Von hier aus. Jubiläumsausstellung" im Bündner Kunstmuseum Chur (NZZ)