Wie man mit verschiedenen Masterclasses für Verständigung und gegen den Boykott jüdischer und israelischer Künstlerinnen und Künstler einsetzt, erfährt Eugen El im Monopol-Gespräch mit Stella Leder, der Mitbegründerin der Jüdischen Kunstschule Berlin. Kunstschaffende wie David Adika und Hilla Toony Navok sollen die Kulturbeziehungen zwischen Deutschland und Israel intensivieren: "In erster Linie laden wir Künstler ein, weil wir sie interessant finden - wir wollten sozusagen keinen Raum der Marginalisierten schaffen, sondern einen interessanten, anziehenden und offenen Raum. Gleichzeitig wollen wir etwas gegen den extremen und massiven Boykott von israelischen Künstlerinnen und Künstlern nach dem 7. Oktober tun. Die Kunstwelt funktioniert ja sehr stark über Netzwerke, die den Zugang regeln. Wir glauben, dass es zumindest in den nächsten Jahren darauf ankommt, neue Netzwerke zu bauen - und dass jüdische und israelische Künstlerinnen und Künstler auch jüdische Netzwerke in der Kunstwelt brauchen, weil sie sonst völlig ungeschützt diesem Sturm an Boykott und Antisemitismus ausgesetzt sind."
Weiteres: Rembrandt hat Konjunktur, stellt die SZ in den Ausstellungen "Rembrandts Amsterdam" im Städel-Museum Frankfurt und "Rembrandt - Hoogstraten. Farbe und Illusion" im Kunsthistorischen Museum Wien fest.
Anonym: Planteur d'homme, um 1790. Der Menschenpflanzer. Bibliothèque nationale de France, Paris. Foto: Bnf, Paris
Dass sich die in der Ausstellung "Böse Blumen" in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg gezeigten Werke auf Charles Baudelaires "Blumen des Bösen" beziehen, vergisst Andreas Kilb (FAZ) mitunter, so variantenreich wird die Blumenmetaphorik hier in Werken von Odilon Redon über Rene Magritte bis Gundula Schulze-Eldowy umgesetzt: "Der Explosionspilz vom Abwurf der Atombombe auf Nagasaki hat hier ebenso seinen Platz wie der Feuerball, der am 11. September aus dem Südturm des World Trade Center schießt, oder die bizarre Anmut der KI-generierten Ansicht einer Covid-19-Viruszelle. Das aktuellste Schreckensbild hat Wahkil Kohsar vor einem Schönheitssalon in Kabul aufgenommen: Das Frauengesicht auf dem Eingang ist mit Schwarzstift übermalt, ein Sicherheitsschloss verdeckt die Nase. Das Laster ist hier verboten, die Sprache der Engel auch." In der tazstaunt auch Hilka Dirks, wieviel Abgründiges, Krankes, Verfallendes hier zusammengetragen wurde, etwa eine "berührende Installation von Fatoş İrwen aus vertrockneten Pflanzen und den Haaren ihrer Mitgefangenen, die die kurdische İrwen bei einem ihrer Gefängnisaufenthalte in der repressiven Türkei sammelte."
Naomi Beckwith, stellvertretende Direktorin und Chefkuratorin des New Yorker Guggenheim Museums, wird die Leiterin der Documenta 16. "Wiederkehrendes Thema ihrer Ausstellungen und Lehrtätigkeit ist die Wirkung Schwarzer Kultur in der zeitgenössischen Kunst", lässt uns Nicola Kuhn im Tagesspiegel wissen - und atmet auf: "Mit Beckwith ist eine allseits abgesicherte Kuratorin gewählt: kein unberechenbares Team wie zuletzt Ruangrupa, das Kollektiv aus Indonesien, sondern eine klare Verantwortungsträgerin, verankert im westlichen Establishment, die mit institutionellen Strukturen umzugehen weiß und als Frau wie Person of Color unausgesprochene Proporz-Erwartungen erfüllt. ... Die Documenta geht auf Nummer sicher: bloß keine Experimente mehr aus dem Globalen Süden. 'Wie kann man Krisen überleben und weitermachen?', fasste Beckwith ihr zehnseitiges Konzept zusammen, mit dem sie sich gegen vier weitere Kandidaten durchsetzte, die zur finalen Vorstellung in den letzten drei Tagen nach Kassel angereist waren. 'Kunstschaffende sind Meister der Improvisation. (…) Sie entwickeln Möglichkeiten der Imagination', lautet ihr Rezept."
In der FAZ ist auch Stefan Trinks zufrieden: "Beckwith erscheint als Chefkuratorin eines der drei großen New Yorker Museen pragmatisch-verlässlich, was positiv gemeint ist, da es in ihrem Fall eine gepflegte Diskussionskultur sowie einen weiten Blick auf Black Culture umfasst, betrachtet in westlichen ästhetischen Kategorien der Kunstgeschichte, die es, wie sie mehrfach betonte, für die Documenta hochzuhalten gilt - und gerade nicht ein durchgängig politisierter, postkolonialer, alles Tradierte einreißender und einseitig parteiischer Blick aus dem 'globalen Süden', wie es zuletzt Ruangrupa als Documenta-Kurator tat. Zwar wolle sie ebenfalls die globale Mehrheit einbinden und dem Süden eine Stimme geben, so Beckwith. Das höchst kontroverse Kollektiv bekam dennoch einen Seitenhieb ab, als sie betonte, dass sie, um jeglichen Rassismus und Antisemitismus auszuschließen, nach intensiven Vorfeldgesprächen mit den ihr gut bekannten Künstlern deren in Kassel präsentierte Arbeiten allesamt kennen werde." "Eher ein 'Zurück zu alter Stärke' als ein völliger Neustart", kommentiert Saskia Trebing im Monopol Magazin. In der SZ begrüßt Jörg Häntzschel, in der Welt Marcus Woeller und in der taz Sophie Jung die Entscheidung.
Weitere Artikel: Nach knapp dreißig Jahren haben sich die Erben des Bauhaus-Künstlers Oskar Schlemmer geeinigt, meldet Adrienne Braun im Tagesspiegel. Anna Schneider, die bisher am San Francisco Art Institute und am Haus der Kunst München Ausstellungen kuratierte, wird neue Leiterin des Potsdamer Minsk, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung.
Besprochen werden eine Ausstellung der Otto-Mauer-Preisträgerin Cäcilia Brown im Wiener Jesuitenfoyer (Standard) und die Ausstellung "Schwerelos" des argentinischen Künstlers Leandro Erlich im Kunstmuseum Wolfsburg (Tsp).
Ingeborg Ruthe begeistert sich in der Berliner Zeitung für David Schnells Kunst, die derzeit im Berliner Mies van der Rohe Haus ausgestellt wird. Die farbigen Muster, mit denen der Maler arbeitet, rufen Assoziationen an Drohnenflüge wach und regen auch ansonsten die Fantasie an: "Sind es Kartenhäuser? Farbstarke Halluzinationen von sicheren Behausungen, von urbanen Gebilden? Optische Täuschungen von (bedrohten) sozialen Gesellschaftsformationen, von Nachbarschaft? Kaum saugt der Blick sich fest an den wie schwebenden Bodenplatten im Gemälde 'Diorama', hat man das Gefühl, in die Tiefe hinabzustürzen, in eine Krypta. Doch dann fangen einen die vertikalen Strukturen oben auf, nachtdunkel die einen, kirchenfensterartig wie hinterleuchtet die anderen. Es ist, als brausten Orgelklänge auf einen herab."
Yelizaveta Landenberger streift für die FAZ durch das Museum für zeitgenössische Kunst Krakau. Thomas Steinfeld bespricht in der SZ ein Buch des Kunsthistorikers Willibald Sauerländer über den Barock-Maler Nicolas Poussin. In der taz Nord wiederum bespricht Bettina Maria Brosowsky einen Katalog, der die Arbeit des BraunschweigerMuseum für Photographie sowie dessen Trägervereins würdigt. Ferial Nadja Karrasch denkt auf monopol darüber nach, weshalb die Museen plötzlich Künstlerinnen aus der DDR entdecken.
Besprochen werden eine Hans-Haacke-Ausstellung in der Frankfurter Schirn (Tagesspiegel), die Esel-Ausstellung "Einfach unentbehrlich" im Neuen Museum Berlin (taz), die Schau "Arte Povera: Giovanni Anselmo, Mario Merz, Giuseppe Penone" in der Berliner Konrad Fischer Galerie (taz Berlin), die Ausstellung "Alberto Giacometti - Surrealistische Entdeckungen" im Max Ernst Museum Brühl (NZZ) und Bethan Hughes' Ausstellung "Hevea Act 6: Ein elastisches Kontinuum" im Tiroler Kunstpavillon (Standard)
Im Tagesspiegel-Interview erzählt die Berliner Künstlerin Chiharu Shiota, deren Webarbeiten gerade in Paris und Prag zu sehen sind, von ihrem Studium bei Marina Abramović, dass sie eigentlich Malerin werden wollte ("Weben ist für mich wie Malen in der Luft") und was sie über die aktuellen politischen Debatten in der Kunstwelt denkt: "Es hat Auswirkungen auf mein Leben, aber keinen direkten Einfluss auf meine Arbeit. Meine Kunst ist nicht politisch, sondern beschäftigt sich mit grundlegenden Fragen von Leben und Tod. Meine Arbeit beginnt mit einer persönlichen Erfahrung oder Emotion, aber ich möchte sie zu etwas Universellem ausweiten, mit dem sich Menschen identifizieren können. Ich möchte den Fokus von mir auf ein kollektives Wir verlagern."
Während die Berliner Kulturwelt vor den neuen Sparmaßnahmen erzittert, geht es dem Metropolitan Museum of Art in New York prächtig, freut sich Hannes Stein in der Welt. Direktor Max Hollein kann in einer Pressekonferenz nicht nur große Erfolge vorweisen, sondern stellt auch wichtige Zukunftsprojekte vor, wie einen größeren Umbau des Gebäudes: "Keinen Zweifel lässt der Direktor daran, dass das Metropolitan Museum unter seiner Leitung gar nicht daran denkt, sich unpolitisch aus dem Streit der Welt zu stehlen. 'Wir stehen in Opposition zum Nationalismus', sagt Hollein. 'Wir feiern Kulturen, die zusammenkommen.' Man kann seine Ankündigungen wie folgt zusammenfassen: Das Metropolitan Museum baut in großem Stil um, und es geht in den Widerstand."
Besprochen werden die Ausstellung "Carpaccio, Bellini und die Frührenaissance in Venedig" in der Staatsgalerie Stuttgart (Welt), die Ausstellung "Gert und Uwe Tobias - Das Blaue vom Himmel" in der Kunsthalle Tübingen (FAZ), eine Werkschau von Miriam Cahn, die in Abwesenheit der Kaiserring der Stadt Goslar 2024 erhalten hat, im Mönchehaus Goslar (taz) und die Ausstellung "The More It Hurts, the Less It Shows" mit Werken von Kiriakos Tompolidis in der Galerie Judin in Berlin (FR).
Nick Cave, Devil as Child, Portait of a Devil, Devil's Last Dance, 2020-2024 Collection museum Voorlinden, photos: Courtesy the Artist and Xavier Hufkens, Brussels Wenn Nick Cave sagt, er habe sich eigentlich schon immer mehr als Bildender Künstler denn als Musiker gefühlt, ist das nicht nur leeres Gerede, versichert Stefan Trinks in der FAZ. Davon kann man sich in Museum Voorlinden im niederländischen Wassenaar überzeugen. Hier wird Caves Keramik-Figuren-Zyklus "The Devil - A Life" gezeigt, für die er sich an den vierzehn Kreuzwegstationen der Passion Christi sowie an mittelalterlichen Antichrist-Zyklen orientiert hat - sich aber eigentlich selbst darstellt: "Zu Beginn ist der Teufel ein ganz normaler Mensch, doch bleibt von der anfänglichen Unschuld nach Eintritt in den Krieg nicht viel übrig. Der endgültige Bruch in der Vita dieses Satans von nebenan ist der Tod des ersten Sohnes, den Cave eine 'Devastation' nennt, eine Verheerung. Die überwiegend in durchscheinendem Weiß glasierte und nur zart farbig gefasste Keramik 'Devil kills his first child' soll man auf ihn selbst beziehen. Verstörender noch: Indem Cave das Werk nicht '... kills his first son' nennt, kann man in den Titel auch hineinlesen, dass es nur das erste getötete Kind in einer längeren Reihe sein wird. Tatsächlich fehlen Cave heute zwei Kinder, weil er in Momenten nicht hingeschaut habe, in denen die Söhne ihn gebraucht hätten, wie er sagt."
Besprochen wird eine Ausstellung der "Beach Portraits"-Serie der niederländischen Fotografin Rineke Dijkstra im Frankfurter Städel-Museum (FR).
Außerdem: Ursula Kastler nimmt für die NZZ eines der letzten Selbstporträts des französischen Impressionisten Gustave Caillebotte unter die Lupe. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Caillebotte. Peindre les hommes" im Musée d'Orsay in Paris (NZZ).
Semiha Berksoy: Nude, 1996. Bildrechte: Nachlass Semiha Berksoy und GALERIST.
Die türkische Operndiva Semiha Berksoylernttaz-Kritiker Ingo Arend in der Ausstellung "Singing in Full Color" im Hamburger Bahnhof als schillernde Figur kennen, bei der sowohl Werk als auch Leben äußerst aufsehenerregend sind, sie wurde als erste Frau zur türkischen Staatskünstlerin ernannt und war unter anderem mit Nâzim Hikmet zusammen: "Mit dem Titel spielen die Kuratoren in Berlin auf Berksoys Multitalent als Sängerin, Performerin und Malerin an. Mit acht monumentalen Kulissen, auf denen sich die Diva in den Hauptrollen von Opern wie 'Ariadne auf Naxos', 'Salome' und 'Tosca' darstellte, verwandeln sie den Museumsraum zu der Bühne, auf der Berksoy ihre Opern wie ihr Leben aufführte. Was diese Arbeiten mit ihren Malereien verbindet, die sie ab 1972 begann, ist der naive, hochexpressive, emotionale Stil. Ihr mit rotem Bleistift gestricheltes Selbstporträt von 1928 war noch realistisch-kokett wie für ein Modemagazin. In dem 'Nude' betitelten aus dem Jahr 1996 wird sie zu einer kubistischen Fratze, in seiner groben Abstraktion, nahe an Graffiti und Comic."
"Derselbepastose Farbauftrag, dieselbe pointillistische Malweise" verbindet NZZ-Kritiker Philipp Meier zufolge die Bilder des 1984 geborenen Kanadiers Matthew Wong und die von Vincent van Gogh, die nun Seite an Seite in der Ausstellung "Letzte Zuflucht Malerei" im Kunsthaus Zürich von einer "Seelenverwandschaft" der beiden Künstler zeugen. Beide haben sich jung das Leben genommen, Wong mit 35, van Gogh mit 37; Meier erblickt in den Gemälden deshalb auch die "unendliche Größe der Welt und die Kleinheit des Selbst in ihr. Manchmal drohen Wongs Figuren geradezu verschlungen zu werden vom Gewicht der vegetabilen Umgebung, in der sie stehen. Es ist auch viel Melancholie und Einsamkeit vorhanden, und der Versuch des Künstlers, diese Fantasielandschaften zum eigenen Refugium zu machen. Da ist nicht nur Schönheit und Ruhe, sondern auch die Angst spürbar, verlorenzugehen, der Welt abhandenzukommen. Noch seine bezauberndsten Kompositionen haben stets etwas Erschreckendes."
Weiteres: Die algerische Künstlerin Lydia Ourahmane erhält den Rosa-Schapire-Kunstpreis, meldet die FR. Dass das Kunstforum Wien aufgegeben werden muss, offenbart dem Standard zufolge, warum es keine gute Idee ist, Kulturförderung von privaten Sponsoren abhängig zu machen. Der Standard interviewt zudem die Pussy-Riot-Künstlerin Diana Burkot.
Besprochen werden: Die Ausstellung "Access Kafka" im Jüdischen Museum Berlin, die Verbindungen zwischen dem Schriftsteller und der bildenden Kunst zeigt (Tagesspiegel), die Otto-Mueller-Ausstellung im LWL Museum für Kunst und Kultur in Münster (Welt) und "Tarsila do Amaral, Peindre le Brésil moderne", deren Üppigkeit in Form und Farbe die FAZ im Pariser Musée du Luxembourg entdeckt (ein weiteres Resümee findet sich in unserer Magazinrundschau).
Arno Henschel: Dame mit Maske. 1928. Kulturhistorische Museen Görlitz. Foto: Görlitzer Sammlungen Es war und es ist wieder die "Kunst der Stunde" bemerkt Florian Illies (Zeit), der staunt, wie die Mannheimer Kunsthalle die dort vor hundert Jahren erstmals gezeigte legendäre Schau "Die Neue Sachlichkeit" rekonstruiert und um Malerinnen wie Anita Rée, Lotte Laserstein oder Jeanne Mammen ebenso erweitert wie um weniger bekannte Namen wie Ilona Singer, Fritz Burmann, Arno Henschel oder KateDiehn-Bitt. Hundert Jahre später stehen wir erneut in einer Zeit, die "zwischen innerer Agonie und äußerem Aktionismus hektisch ihrem Ende entgegentaumelt", glaubt Illies: "Wieder gibt es dieses Verlangen nach Klarheit in einer unübersichtlich gewordenen Welt. Aber kann uns der emotionslose Blick der Neuen Sachlichkeit wirklich dabei helfen, 'in unserer schwer zu begreifenden Gegenwart', wie es der Bundespräsident in seinem Vorwort des Kataloges schreibt? Der Pädagoge Steinmeier hofft: 'Und auch heute können wir daraus lernen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind: 'sachlich'.' Aber, so muss man fragen, wollen wir oder sollten wir das eigentlich lernen? Ist es eigentlich gut, einer unsachlichen Welt mit Sachlichkeit zu begegnen? Das ist die große Aufgabe, die diese Ausstellung uns stellt für den Nachhauseweg: Wann wird Distanz zur Teilnahmslosigkeit, wann das Beobachten zu unterlassener Hilfeleistung?"
Amoako Boafa: Papillon Hug, 2023. Courtesy Amoako Boafo, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien Regine Müller besucht für die taz die Ausstellung "Proper Love", die das Wiener BelvedereAmoaka Boafo widmet. Thematisiert wird in der Schau unter anderem der Einfluss der Wiener Moderne auf den weltweit gefeierten Künstler. Müller gefällt unter anderem, wie Boafo Kleidung inszeniert: "Männer tragen Türkis und Pink, spielen sinnfällig mit Erdbeeren und konterkarieren mit offensiv gezeigter Verletzlichkeit Klischees schwarzer Macho-Männlichkeit. Gelassen blicken die Porträtierten aus den Bildern heraus, sie zeigen Boafos Umfeld und feiern selbstbewusst Freundschaft und Solidarität der Black Community. Der Intensität und Treffsicherheit dieser Porträts kann man sich nicht entziehen, sie scheinen förmlich zu sprechen und wahren doch - wie Klimts Porträts - ein letztes Geheimnis."
Ausstellungen hängen auch immer vom Budget ab, meint Andreas Kilb in der FAZ mit Blick auf zwei Berliner Schauen zur Geschichte und Gegenwart Afrikas, nämlich "Planet Africa" in der James-Simon-Galerie und "Geschichte(n) Tansanias" im Humboldt Forum. Letztere, im Tagesspiegel kürzlich hochgelobt (unser Resümee), hat doppelt so viel Fördergelder erhalten, was sich vor allem in ihrer opulenten Gestaltung widerspiegelt. Inhaltlich allerdings schaut es ganz anders aus, notiert ein "verwirrter und düpierter" Kilb: Ein klares Konzept suche man vergebens, teilweise verschweigen die Texte wichtige Informationen wie etwa die Beteiligung eines Nyamwezi-Anführers am Sklavenhandel. "Man hofft vergeblich darauf, von ihr in die Gegenwart geführt zu werden. So wie das Humboldt Forum an seinen teils durch Raub und Betrug zusammengetragenen Sammlungen würgt die Schau an den Verheerungen der Kolonialzeit, von der sie, in Ermangelung eines historischen Konzepts, doch kein klares Bild zeichnen kann."
Außerdem: Caroline Schluge spaziert im Standard durch Ausstellungen von Rochelle Feinstein, Ali Cherri und Beatriz Santiago Muñoz. Ebenfalls der Standardberichtet von einer Attacke auf eine Skulptur der Pussy-Riot-Mitgründerin Nadya Tolokonnikova in Linz. Alexander Kloß trifft sich für monopol mit den Geschwistern Alicja und Martin Kwade, sie Künstlerin, er Galerist.
Besprochen werden "Mark Lammert: Revolutionssplitter" in der Galerie Pankow (FR), die Robert-Longo-Ausstellung in der Wiener Albertina (NZZ), die Schau "Lise Gujer. Eine neue Art zu malen. Im Dialog mit Ernst Ludwig Kirchner" im Brücke-Museum, Berlin (Tagesspiegel), Lucy Beechs Videoinstallation "Out of Body" im Berliner Between Bridges Residence Space (taz Berlin) und die Ausstellung "Caspar David Friedrich: Goethe und die Romantik in Weimar" im Weimarer Schiller Museum (monopol).
Bild: Lise Gujer und Ernst Ludwig Kirchner, Schwarzer Frühling , Wandbehang, nach 1954, Verzahnte Wirkerei mit Leinenkette und farbigem Wollschuss, Brücke Museum Ernst Ludwig Kirchner schätzte sie sehr, die Davoser Weberin Lise Gujer, die zu Lebzeiten des Malers und lange darüber hinaus dessen Motive webte, weiß Bernhard Schulz, der für den Tagesspiegel die Ausstellung "Eine neue Art zu malen" im Berliner Brücke-Museum besucht hat: "Lise Gujer, die webte und vor allem - was technisch ein Unterschied ist - wirkte, verwendete die Vorlagen seitenverkehrt auf ihrem Webstuhl, der maximal 95 Zentimeter breite Bahnen zuließ. (…) Kirchner tauchte in den zwanziger Jahren in die bäuerliche Welt ein, die außerhalb der Davoser Zauberberg-Szenerie fortbestand. Almauftrieb, Heumahd, Haustiere, Bauern auf dem Weg, das sind die Motive, die Kirchner zu Papier brachte und auch in Gemälden verarbeitete. Lise Gujer setzte die Vorlagen in farbkräftige Teppiche um. Lange nach Kirchners Freitod 1938 fand sie erneut zur Arbeit an seinen Vorlagen, aber nun zunehmend freier, auch in kleinen Serien, jedes Unikat abweichend gestaltet. ... Mit einem Mal meint man, Kirchner als bloßen Anstoßgeber, Lise Gujer als Schöpferin kraftvoller Harmonien zu sehen."
In der DDR wurde Karl-Heinz Adler als Kunst-am-Bau-Avantgardist, der Fassaden und Spielplätze gestaltete, geschätzt, sein malerisches Werk, ganz der Konkreten Kunst verhaftet, galt als "elitäre (westliche) Außenseiter-Disziplin", weiß Ingeborg Ruthe in der FR. Umso schöner, dass die Berliner Galerie Eigen+Art die "strahlenförmigen Gebilde" nun ausstellt: "Die wirbelnden Linien saugen den Blick förmlich ein, wie in schwarze Löcher. Die optische Suggestion ergibt sich aus Adlers Methodik des Seriellen, der Schichtung und Rhythmisierung des Bildraums mit minimalistischen Mitteln. Sein streng-schönes Werk ist gleichermaßen Ausdruck eines experimentellen wie philosophischen Denkens. Über Jahrzehnte hat er das Verhältnis Natur-Kunst befragt, Raum, Zeit und das Bildhafte. Erstaunlich ist, dass diese Entwicklung sich seit 64 Jahren im Osten - parallel zur Etablierung der Konzeptkunst, von Minimalismus, Zero, Op-Art und Konkreter Kunst in der westlichen Nachkriegsmoderne -, obwohl isoliert, völlig eigenständig vollzog. Adlers Bildwelten scheinen eigenen Gesetzen entsprungen."
Bild: Peter Dell, Allegorieën op de Zeven Hoofdzonden, ca. 1535-1540. Collectie Germanisches Nationalmuseum, Neurenberg. Foto: M. Runge Best Merkwürdig vertraut erscheinen Stefan Trinks in der FAZ die Exponate aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die er in er Ausstellung "Truly Wicked" im Bonnefanten Museum in Maastricht zu sehen bekommt, dabei werden viele Werke erstmalig ausgestellt. Aber die sieben Todsünden, denen die Schau sich widmet, kennt Trinks nur zu gut - und dann sind sie auch noch so "schmerzhaft plastisch" dargestellt: "Wahren Meistern wie dem Renaissancebildhauer Peter Dell mit seinen heute nur noch sechs erhaltenen Schnitzfiguren aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg gelingt das Kunststück, nahezu ohne Attribute auszukommen. Die holzsichtigen weiblichen Kunstkammer-Personifikationen aus Birnbaum erzählen allein durch die elastisch zähe Feinheit des Materials alles Nötige: die Wollust lüpft ihr geradezu knisterndes Gewand, sodass der verführerisch glatte und nackte Oberschenkel zum Vorschein kommt; um das Bäuchlein der Völlerei wirbeln fein plissiert nur noch flache Zugfalten, weil es kugelrund den Stoff ebenso gespannt nach außen drückt wie die Brustwarzen der Lust die hauchdünn geschnitzte Stoffmembran über ihren Brüsten."
Weitere Artikel: Für die tazreist Yelizaveta Landenberger von Uschhorod bis Lwiw, um die Kunstszene im westukrainischen Untergrund zu besuchen. Geradezu berauscht ist Birgit Rieger (Tagesspiegel) nach dem Besuch der Ausstellung "Singing in Full Color" im Hamburger Bahnhof, die das malerische Werk der türkischen Operndiva Semiha Berksov würdigt. Im Standardberichtet Olga Kronsteiner über das drohende Aus des Bank-Austria-Kunstforums. Im Tagesspiegel resümiert Birgit Rieger ein zweitägiges Symposium an der TU Berlin, bei dem Wissenschaftler, Kuratorinnen, Künstler und Pädagoginnen über Antisemitismus in Bildform sprachen. Für die NZZporträtiert Philipp Meier Nan Goldin und kommt zu dem Schluss: "Was Nan Goldin tut, tut sie mit radikaler Kompromisslosigkeit. Ihr Vorgehen hat oft etwas Blindwütiges, wie ihre einseitige Parteinahme im Nahostkonflikt zeigt."
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