Dirk Peitz versenkt sich für ZeitOnline zum Tod von TatjanaPatitz ins Gesicht des Supermodels, das in den Neunzigern mit einigen ikonisch gewordenen Modefotografien und nicht zuletzt mit ihrem Auftritt Musikvideo-Klassiker "Freedom" von GeorgeMichael für Furore sorgte: Eigentlich ist ihr Gesicht fast schon langweilig in seiner makellosen Schönheit. Doch liegt "im Ausdruck des Gesichts von Tatjana Patitz etwasvollkommenEntwaffnendes. Etwas, das keines Beweises und keiner Negation bedarf, auch keiner kritischen Nachfrage. Etwas in sich Gekehrtes, Ruhiges, völlig Selbstsicheres, Müheloses, auch ein wenig Melancholisches. Es ist das Gesicht einer damals kaum Mittzwanzigerin, aber man sieht eine vollkommen erwachsene, keine junge Frau. Und keine manipulierte. ... Sie war total da - und doch nicht. Und diese Wirkung scheint visuell zu belegen, was man der da noch sehr kleinen Kaste der Supermodels, den sogenannten Big Five, zu denen Patitz gehörte, bewundernd nachsagte: dass sie nämlich die ersten ihres Berufszweigs waren, die wirklichunabhängig waren, die die Regeln mitbestimmten, die zu wichtig wurden, als dass die Männer der Schönheitsindustrie sie noch unterjochen und erniedrigen konnten, die stinkreich wurden in dem Job, die Geschäftsfrauen der Schönheit waren." Einen weiteren Nachruf schreibt Jürg Zbinden in der NZZ. Hier ihr Auftritt für George Michael (ab 3:30):
Tillmann Prüfer prüft für das ZeitMagazin die Farbtrends2023. Die Kandidatinnen fürs Erste: "Goldgelb und Zitronengelb, dazu ein Cherrytomatenrot und Feuerrot, Krokus-Lila, Sorbet-Rosa, ein Granatapfel-Pink, ein Aquamarinblau und auch Tiefseeblau, ferner Salbeigrün, Pfirsich- und Mangoorange, Salatgrün, Smaragdgrün und Khaki, dazu Mokka und Macchiato-Braun, abgeschmeckt mit Vanille."
ZeitMagazin-Stilkolumnist Tillmann Prüfer beobachtet in der Mode "gerade sehr viele Zitate des Motorradfahrens". Woher kommt der Trend? Vielleicht ja aus dem Kino, wo "der Motorrad-Film das letzte Genre ist, wo noch der klassische tragische männliche Held funktioniert, mit einer Figur, die Risiken auf sich nimmt und sich in Gefahr begibt, die Regeln bricht, dabei aber auch verletzlich ist." Doch "es könnte auch sein, dass die Motorrad-Montur die letzte Kleidung ist, mit der man als Designer noch zuverlässig von wildem Rebellentum erzählen kann. Wir haben es also in diesem Sinne nicht mit einer Ausweitung der maskulinen Symbole in der Mode, sondern mit ihrem Rückzug zu tun. All die anderen Symbole wie Cowboyboots und Holzfällerhemden wirken nicht mehr männlich genug. Es bleibt nur das Motorrad. Und bald wird man vielleicht auch das nicht mehr verstehen."
Man kann alles streichen - von der Wand bis zum Lampenschirm. Foto: Annie Sloane
"Als ich die Kunstschule verließ, wurde mir klar, dass mich konzeptionelle Arbeit nicht wirklich glücklich macht. Es war die Farbe, die die Menschen in ihrem Leben am meisten zu brauchen schienen", erklärt die Farbenpionierin und -herstellerinAnnie Sloane der heftig zustimmenden Nell Card, die sie für den Guardian in ihrer Wohnung in Oxford besucht hat. Und sie erklärt, warum man praktisch nie zu viel Farbe in einem Raum haben kann: "Im Erdgeschoss wurden zwei getrennte Wohnräume zusammengelegt. An einem Ende hebt sich der kunstvolle Stuck von den grasgrünen Wänden ab (Schinkel Grün, benannt nach dem neoklassizistischen deutschen Architekten Karl Friedrich Schinkel). 'Ich wusste, dass ich hier etwas Starkes und Helles haben wollte', sagt Sloan. 'Es musste eine Farbe sein, die die starken Kunstwerke, die wir haben, tragen kann. Wenn man diese Farben auf etwas zu Neutrales legt, gehen sie einfach unter, also musste es leuchtend, aber nicht heiß sein.' In den Nischen zu beiden Seiten des Kamins wurden Regale in einer Reihe von Farben gestrichen, die 'die Objekte zum Singen bringen'. Am gegenüberliegenden Ende des Raums sind die Wände in einem gedämpften, warmen Grau (French Linen) gehalten, das die ruhigeren Kunstwerke und Objekte in diesem Teil des Raums widerspiegeln soll (obwohl sie einem Sonnenuntergangsstreifen in Barcelona-Orange über der Bilderleiste nicht widerstehen konnte)."
Zum Tod von VivienneWestwood hatten wir gestern schon einiges zitiert, heute kommen die Nachzügler. "Die britische Mode war ein verfestigtes System in der traditionsorientierten Klassengesellschaft", erinnert Alfons Kaiser in der FAZ an die Zeit, als Westwood den Grundstein ihrer Karriere legte. "Nur eine starke gesellschaftliche Bewegung konnte das aufbrechen." Und "die wirkliche Häresie der Formlosigkeit brauchte einen starken Charakter. Westwood erfand den Bondage-Stil mit Gurten um den Körper und legte mit Frauen in Latex-Anzügen den Verkehr lahm. Sie bedruckte T-Shirts mit nackten Brüsten, mit Anti-Phrasen ('Only Anarchists are Pretty'), mit kombinierten Haken- und Christuskreuzen. Sie garnierte die Hemdchen mit aufgenähtenHühnerknochen, schnitt Minikrawatten aus Leder, die mit Reißverschluss zu öffnen waren, so dass ein Pin-up-Girl herauslugt. Der Hass auf das Establishment sprang aus jedem aufgerissenen Knopfloch. Die Öffentlichkeit staunte über den Furor der Straße." Marlen Hobrack erinnert in der taz an Westwoods schönste Provokationen: Der Queen den nackten Hintern entgegenstrecken, mit einem Panzer auf das Wohnhaus von David Cameron zuhalten - all das hat sie getan. Doch bei aller Lust am grellen Überschwang, "sollte nicht vergessen werden, dass ihr Designerleben beherrscht war von der Faszination für Schneiderhandwerk, insbesondere der Konstruktionsweise klassischer Korsetts, Kostüme und historischer Kleider. ... Auch in den Punk-Looks trat ihre Faszination für die Konstruktion von Kleidung zum Vorschein, buchstäblich sogar. Die Shirts und Hosen zeigen ihre Nähte, tragen ihr Innerstes nach außen; Sicherheitsnadeln werden zum Dekor."
Vivienne Westwood ist gestorben. Die britische Modedesignerin gilt als die Miterfinderin des Punk. Kann man das tragen - Sie ahnen es - ist also eine Frage die Westwood nie eingefallen wäre. Auch "Alter war für die Modeschöpferin Vivienne Westwood immer nur eine Zahl", erzählt Marion Löhndorf in der NZZ. "Altersgemässe Kleidung? Mit 78 sah man sie im Schottenrock, mit nackten Knien über bunten Kniestrümpfen, Sneakers und einer wild gemusterten Jacke. Was die Leute dachten, war ihr egal. Und was sie trug, musste nicht neu sein. Denn Westwood, die auch im hohen Alter noch durch London radelte und bescheiden auf kleinster Wohnfläche lebte, rezyklierte bereits lange bevor auch das Mode wurde."
In der FAZwürdigt Gina Thomas die Designerin, die so wunderbar jedem Bild entsprach, das man sich von britischen Exzentrikern macht: "Heftige politische Gefühle und der Wunsch, gegen den Strich zu bürsten, gehörten denn auch zu den Merkmalen der Designerin, die ihre berufliche Karriere als Grundschullehrerin begonnen hatte. Ihre Entwürfe prägten Anfang der siebziger Jahre die Punk-Ära. Damals hatte sie mit ihrem Lebensgefährten Malcom McClaren, dem späteren Manager der Punkband 'Sex Pistols', in der Londoner King's Road einen Laden eröffnet, dessen häufig wechselnder Name die Dynamik ihres Wesens, der Zeit und des Milieus spiegelte. Bei aller Aufsässigkeit verriet ihr Stil auch eine Faszination für historische Kostümen und Stoffe wie Tweed und Tartan, denen sie einen eigenwilligen schrägen Schliff verlieh. Aus einer mittelenglischen Arbeiterfamilie stammend, wurde sie als enfant terrible vom Establishment gefeiert und als Dame des Britischen Empire geadelt." Im Guardianschreibt Jess Cartner-Morley den Nachruf auf Westwood. Und eine schöne Bilderstrecke gibts auch dazu.
Falls Sie sich schon mal gefragt haben, warum französische Botschaften immer so elegant eingerichtet sind - das liegt an Ludwig XIV., der zusammen mit Colbert eine üppig alimentierte Abteilung im königlichen Haushalt schuf, die Garde-Meuble de la Couronne, aus der Botschaften und Elysee-Palast heute noch schöpfen, erzählt nach dem Besuch der Pariser Mobilier national Marcus Woeller in der Welt. In den Dreißigern begann man auch moderne Möbel zu sammeln: "Präsident Auriol startete nach seinem Amtsantritt 1947 ein umfangreiches Renovierungsprojekt im Élysée Palast. Während er in den offiziellen Bereichen vorsichtig modernistische Möbel (wie etwa ein reich intarsiertes Lack-Sideboard von Dominique und Paul Cressent) in die historischen Raumfluchten stellen ließ, war in seinen privaten Gemächern der plötzliche Einzug der Gegenwart deutlicher zu spüren. So entwarf Colette Guéden für die First Lady Michelle Auriol einen hypermodernen Schminktisch aus Chrom und Glas. Das präsidiale Badezimmer wurde - wie viele andere Räumlichkeiten in Botschaften und Regierungsbehörden - in der Ausstellung 'Le Chic!' nachgebaut. Die von dem angesagten Interiordesigner Vincent Darré kongenial inszenierte Schau stellt nicht nur die Entwürfe der bedeutenden Designer und Dekorateure vor, sondern auch die Arbeit der Handwerker des Mobilier national in den Fokus."
Frida Kahlo ist nicht nur für ihre Kunst berühmt, sondern auch für ihre Kleidung. Die würdigt jetzt das Pariser Mode-Museum Palais Galliera mit der Ausstellung "Frida Kahlo, au-delà des apparences" (Jenseits des Scheins). FAZ-Kritikerin Alexandra Albrecht ist beeindruckt: "Kleidung diente der Künstlerin zur Inszenierung ihres Selbstbildnisses und dem Ausdruck ihres politischen Anliegens; mit dem Tragen regionaler Tracht bekannte sie sich zu Mexiko, seiner präkolumbianischen Kultur und seinen indigenen Völkern. Die Tehuana-Kleidung mit ihren fein gewebten Schals und langen Röcken, unter denen weiße, in Falten gelegte Volants hervorblitzen, kombinierte sie mit hochgeschlossenen europäischen Blusen im Gouvernantenstil, dazu trug sie reichlich präkolumbianischen Schmuck und amerikanische Accessoires. Viele der sehr gut erhaltenen, auf Figurinen präsentierten Stücke sind mit geometrischen Ornamenten oder Blumen bestickt, in kühn kombinierten Farben."
Freddy Langer hält sichtlich wenig von den zahlreichen Bemühungen der letzten Jahre, die Fotografiegeschichte etwas weiblicher zu perspektivieren. Entsprechend muffig reagiert er auf die Ausstellung "Female View - Modefotografinnen von der Moderne bis zum digitalen Zeitaler" im Schloss Moyland unweit der Grenze zu den Niederlanden (wir berichteten). "Dem Besucher bleibt die weibliche Komponente des Blicks verborgen", schreibt er in der FAZ. "Dass Modefotografinnen versucht hätten, die Autonomie des Blicks auf die Frau an sich zu reißen, davon ist in der Ausstellung nichts zu spüren. Auch sie erliegen jeweils dem Geist der Zeit oder halfen ihm auf die Sprünge. Auf wunderbare Weise dokumentiert die Ausstellung deshalb den Wandel im Selbstverständnis von Weiblichkeit und der vorherrschenden Schönheitsideale im Laufe von hundert Jahren. Der ausgeprägte Wille jedoch, neue Wege zu öffnen, wird viel weniger zur Sache des Geschlechts als der einer Künstlerpersönlichkeit."
In der NZZgeht Philipp Maier dem - offenbar vor allem von Männern angetriebenem - Boom teurerLuxusuhren nach: "Viele mechanische Uhren zeigen zwar schlicht die Zeit an. Das Nonplusultra im Ranking von Herrenarmbanduhren sind aber Chronografen, die auf die Bezeichnung Grande Complication hören. Auf ihnen lassen sich auch die Mondphasen, ein ewiger Kalender, die Schaltjahre ablesen. Sie sind Stoppuhr und Wecker, der einen rein mechanischen Klingelton erzeugt. Das höchste der Gefühle für Uhrenfans ist aber das Tourbillon. Ein solcher 'Wirbelwind' ist eine Vorrichtung, bei der sich das Schwing- und Hemmungssystem um die eigene Achse dreht. Die technische Raffiniertheit soll eine weniger lageabhängige Ganggenauigkeit erzielen. Solche Spielereien lassen die Herzen vieler Männer höher schlagen. Insbesondere dann, wenn alles durch eine Öffnung im Zifferblatt oder ein Saphirglas im Gehäuseboden gutsichtbarzubeobachten ist."
In der großen Ausstellung "Africa Fashion" im Victoria & Albert Museum zeigt sich, "wie die radikale soziale und politische Neuordnung nach der Unabhängigkeit auf dem afrikanischen Kontinent eine kulturelle Renaissance ohnegleichen auslöste", berichtet eine staunende Renata Stih in der taz. Die modehistorische Schau führt von der Welle der Dekolonisierung in den Sechzigern bis heute. "Fotos von Frauen in langen, schmalen Kleidern aus gemusterten, grell bunten Stoffen, die auf Vespasihre Stadt erobern, verkörpern diesen emanzipatorischen Aufbruch in die Moderne aufs Beste und sie unterscheiden sich deutlich von Europäerinnen in diskret grauen Dior-Kostümen. ... Der Porträtfotografie ist ein eigener Bereich gewidmet, die den Wandel der Menschen in ihrem Lebensraum begleitet und mit der Entwicklung kostengünstiger Filme und Kameras auch möglich wurde. Zu den Highlights dieser Sektion gehören die Studioaufnahmen von Sanlé Sory, Michel Papami Kameni und Rachidi Bissiriou: Die Fotos dokumentieren das Modebewusstsein des Einzelnen, den Willen zur Selbstdarstellung und den Stolz, schwarz und afrikanisch zu sein."
Zugegeben, mit solchem geballtem Glam mag die aktuelle Ausstellung im Deutschen Leder-Museum in Offenbach nicht ganz mithalten können. Aber die dort gezeigte Ausstellung über Handschuhe hat auch ihre ganz eigenen Reize, wenn man tazlerin Katharina J. Cichosch glauben darf: Nicht nur "Designerexemplare, die garantiert gar nicht warmhalten", gibt es dort zu sehen, "nicht nur weitere Modelle von Chanel, Hermès, Maison Margiela oder Prada, sondern außerdem cremeweiße Lederhandschuhe mit Seidenrips und Tambourstickerei, prunkvollePontifikalhandschuhe aus dem 18. Jahrhundert mit Metallstickerei und Pailletten darauf, gestreifte Fäustlinge aus dem Pelz des Karibu, die Indigene um 1940 herum in den Northwestern Territories anfertigten, Panzerhandschuhe einer echten Ritterrüstung, ein zitronengelb eingefärbter Muff des Kürschners Hans Schwarz oder die Halbfingerhandschuhe 'Tribute to Karl' von Roeckl mit Nappaleder und Metallkettchen, wie sie Karl Lagerfeld selbst gern trug. ... Herrlich auch die erfolglosen (die Tamponentfernungshandschuhe Pinky Gloves) oder jetzt hoffnungslos historischen Beispiele (wird Nintendo heute nicht mit dem terminatoresken POWER GLOVE, sondern wieder unspektakulär mit Controller gespielt)."
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