Frank Castorf, der demnächst den Fallada-Roman "Kleiner Mann, was nun?" am
Berliner Ensemble inszeniert, kokettiert sich - mal rechts, mal links - durch ein Interview mit Ulrich Seidler (
Berliner Zeitung). Er hat viel Sympathie für Falladas Protagonistin Lämmchen, die sich
ein bisschen Wohlstand wünscht, aber dann doch lieber die
Kommunisten wählen will: Castorf erkennt darin eine Sehnsucht nach der Zerstörung des Systems, und "Sehnsucht nach dem zugekleisterten Bruch unter dem Kitt unserer Gesellschaft. Die vielen, die
gegen rechts, oder was sie dafür halten, auf die Straße gehen, erinnern mich mehr an die Demonstrationen zum Tag der Republik und zum 1. Mai in der DDR, wo alle Erich Honecker, der tatsächlich bei den Nazis im Zuchthaus in Brandenburg gesessen hat, mit ihren roten Fahnen zugewinkt haben und dann schnell abgebogen sind, um einen
schönen freien Tag zu haben. Nach dem Motto: Ich mach, was ihr wollt, aber ansonsten leckt mich am Arsch."
Anna Stiede vom Berliner Theaterkollektiv "Panzerkreuzer Rotkäppchen" plagen in Ostdeutschland eher klassische Ängste einer Linken, von denen sie in der
taz erzählt: "Für Beschwerden muss man gar
nicht mehr auf die AfD warten. Mitte Juni wurde bekannt, dass rechte Gymnasiast:Innen eine Inszenierung am Stollberger Theater als 'linksradikale Indoktrination' kritisierten, in der Fotografien von Putin, Trump und Weidel eine Hitlerabbildung ersetzen sollten. Das Stück befasste sich mit der Münchner Widerstandsgruppe 'Weiße Rose'."
Weitere Artikel: Marco Frei
schreibt in der
NZZ über die Wiederentdeckung der Barockoper "Cesare in Egitto" von
Geminiano Giacomelli, mit der Dirigent
Ottavio Dantone seinen Einstand als neuer musikalischer Leiter der Festwochen Innsbruck gab. Schauspieler Ulrich Matthes plaudert mit Jakob Hayner (Welt) über das deutsche Gegenwartstheater und bekennt, dass er "von the bottom of my heart an die Schönheit der Vielstimmigkeit des Theaters glaubt". Ulrich Seidler
trauert in der
Berliner Zeitung um den viel zu früh verstorbenen Berliner Schauspieler
Luca Schaub.
Besprochen werden
Calderóns Mysterienspiel "Das große Welttheater" in Einsiedeln (
nmz),
Lola Arias' Musical "Los Días afuera - Tage draußen" beim Sommerfestival auf Kampnagel Hamburg (
nachtkritik),
Nicolas Stemanns "Orestie I-IV" ("Antike für Anfänger" und "Nicolas Stemann freut sich ein letztes Mal, dass er Gehaltvolles über die gefährdete Demokratie in Zeiten vager, glücklicherweise noch einigermaßen weit entfernter Kriege erzählen durfte", ätzt Manuel Brug in der
Welt),
Joshua Kaplans Inszenierung von "Terf", einem Stück über den Streit zwischen
J.
K.
Rowling und der
Trans-
Community beim Theater- und Comedy-Festival "Fringe" im schottischen Edinburgh (
Welt) sowie Choreografien und ein Auftritt der 84-jährigen Tanz-Ikone
Lucinda Childs bei der Eröffnung von Kampnagels Sommerfestival ("Die vier als 'Uraufführungen' deklarierten Miniaturen sind einer schlacken- und
schnörkellosen Ästhetik verpflichtet - reine Form, reine Struktur", schreibt ein bewundernder Dorion Weickmann in der
SZ)