Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.08.2024 - Bühne

Frank Castorf, der demnächst den Fallada-Roman "Kleiner Mann, was nun?" am Berliner Ensemble inszeniert, kokettiert sich - mal rechts, mal links - durch ein Interview mit Ulrich Seidler (Berliner Zeitung). Er hat viel Sympathie für Falladas Protagonistin Lämmchen, die sich ein bisschen Wohlstand wünscht, aber dann doch lieber die Kommunisten wählen will: Castorf erkennt darin eine Sehnsucht nach der Zerstörung des Systems, und "Sehnsucht nach dem zugekleisterten Bruch unter dem Kitt unserer Gesellschaft. Die vielen, die gegen rechts, oder was sie dafür halten, auf die Straße gehen, erinnern mich mehr an die Demonstrationen zum Tag der Republik und zum 1. Mai in der DDR, wo alle Erich Honecker, der tatsächlich bei den Nazis im Zuchthaus in Brandenburg gesessen hat, mit ihren roten Fahnen zugewinkt haben und dann schnell abgebogen sind, um einen schönen freien Tag zu haben. Nach dem Motto: Ich mach, was ihr wollt, aber ansonsten leckt mich am Arsch."

Anna Stiede vom Berliner Theaterkollektiv "Panzerkreuzer Rotkäppchen" plagen in Ostdeutschland eher klassische Ängste einer Linken, von denen sie in der taz erzählt: "Für Beschwerden muss man gar nicht mehr auf die AfD warten. Mitte Juni wurde bekannt, dass rechte Gymnasiast:Innen eine Inszenierung am Stollberger Theater als 'linksradikale Indoktrination' kritisierten, in der Fotografien von Putin, Trump und Weidel eine Hitlerabbildung ersetzen sollten. Das Stück befasste sich mit der Münchner Widerstandsgruppe 'Weiße Rose'."

Weitere Artikel: Marco Frei schreibt in der NZZ über die Wiederentdeckung der Barockoper "Cesare in Egitto" von Geminiano Giacomelli, mit der Dirigent Ottavio Dantone seinen Einstand als neuer musikalischer Leiter der Festwochen Innsbruck gab. Schauspieler Ulrich Matthes plaudert mit Jakob Hayner (Welt) über das deutsche Gegenwartstheater und bekennt, dass er "von the bottom of my heart an die Schönheit der Vielstimmigkeit des Theaters glaubt". Ulrich Seidler trauert in der Berliner Zeitung um den viel zu früh verstorbenen Berliner Schauspieler Luca Schaub.

Besprochen werden Calderóns Mysterienspiel "Das große Welttheater" in Einsiedeln (nmz), Lola Arias' Musical "Los Días afuera - Tage draußen" beim Sommerfestival auf Kampnagel Hamburg (nachtkritik), Nicolas Stemanns "Orestie I-IV" ("Antike für Anfänger" und "Nicolas Stemann freut sich ein letztes Mal, dass er Gehaltvolles über die gefährdete Demokratie in Zeiten vager, glücklicherweise noch einigermaßen weit entfernter Kriege erzählen durfte", ätzt Manuel Brug in der Welt), Joshua Kaplans Inszenierung von "Terf", einem Stück über den Streit zwischen J.K. Rowling und der Trans-Community beim Theater- und Comedy-Festival "Fringe" im schottischen Edinburgh (Welt) sowie Choreografien und ein Auftritt der 84-jährigen Tanz-Ikone Lucinda Childs bei der Eröffnung von Kampnagels Sommerfestival ("Die vier als 'Uraufführungen' deklarierten Miniaturen sind einer schlacken- und schnörkellosen Ästhetik verpflichtet - reine Form, reine Struktur", schreibt ein bewundernder Dorion Weickmann in der SZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2024 - Bühne

Szene aus "La Clemenza di Tito". Foto: SF/Marco Borelli

Sehr zufrieden ist Manuel Brug in der Welt mit Robert Carsens Inszenierung von Mozarts "La Clemenza di Tito" bei den Salzburger Festspielen, bei der Carsen die beiden Kastratenrollen des Sesto und seines Freundes Annio genderfluid besetzt: "Er lässt offen, ob es lesbische Frauen oder mädchenhafte Männer sind. In der Gestaltung der sonoren Anna Tetruashvili mit ihrem kürzeren Haar wirkt der Annio jedoch durchaus männlich. Ist Sesto jedoch eine gleichgeschlechtlich Liebende, die ausgerechnet Vitellia begehrt, die sich einzig nach der Macht und dem Thron des Titus verzehrt, wirkt die Intrigengeschichte aus der römischen Kaiserzeit einerseits glaubwürdiger. Und die reife Cecilia Bartoli muss, andererseits, keinen pubertierenden Buben spielen, sondern kann die Tragik einer fehlgeleiteten Frau durch die Trauer ihres Gesangs wunderbar ausspielen. ... Carsen liefert seinem Star mit seinem ruhigen, zeitgenössischen Tableau eines nüchternen Senatssaales im heutigen Rom die ideale Hintergrundfolie für eine kluge, abgeklärte und doch leidenschaftliche Charakterstudie, die sich erstaunlich stimmig in das weitgefächerte Bartoli-Rollensortiment einfügt."

In der Zeit macht Christine Lemke-Matwey im diesjährigen Programm der Salzburger Festspiele mit Blick auf Mieczysław Weinbergs Oper "Der Idiot" (nach Dostojewski), Richard Strauss' "Konversationsstück für Musik" Capriccio und Mozarts Opera seria "La clemenza di Tito" eine Kontinuität aus: Alle Stücke verbindet ihre Endzeitlichkeit: "Alle drei sind späte, letzte Stücke. ... Außerdem aber, und das ist das Spannende, plädiert jedes auf seine Weise dafür, dass es in Zeiten, die augenscheinlich nicht danach sind, mehr als legitim ist, nämlich notwendig, auch das Ästhetische zu verhandeln, nicht nur das Politische. Die Freiheit, sich über künstlerische Fragen Rechenschaft abzulegen, ist der Humus, auf dem alles andere stattfindet."

Weiteres: Eines der weiteren Highlights der Salzburger Festspiele ist für den Zeit-Kritiker Peter Kümmel die Lesung aus den Briefen von Alexej Nawalny, den er hier als "großen Satiriker" kennenlernt: "Sie lesen sich, als wollten sie das Regime zur Weißglut bringen durch ihre zutrauliche, Schweijk-artige Gutmütigkeit: Die Folterhaft wird zum spannenden Experiment umgedeutet, zur Zeitreise in einem persönlichen Raumschiff, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen dürfe. In jedem Wort wird klar, dass Nawalny sich nicht brechen lassen wird." Ebenfalls in der Zeit singt Peter Kümmel eine Hymne auf Philipp Hochmair, den aktuellen "Jedermann". Besprochen wird die Ausstellung "Mensch Wagner"  im Neubau des Bayreuther Richard Wagner Museums (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.08.2024 - Bühne

Saul. Lesung mit Jens Harzer und Marina Galic. Bild: Ruth Walz. 


Botho Strauß findet schon seit längerem kaum noch auf den deutschen Bühnen statt, aber nun kommt bei den Salzburger Festspielen ein Stück von ihm auf die Bühne, das schon 2012 geschrieben und 2019 veröffentlicht wurde. "Saul" widmet sich quasi werkgetreu der biblischen Geschichte des von Gott eingesetzten, aber letztlich wenig effektiven Königs. "Wie die Anamnese einer kranken Seele von welthistorischer Bedeutung" kommt Jürgen Kaube in der FAZ die Erstlesung durch Jens Harzer und Marina Galic vor: "Es kann nicht verwundern, dass dieser Saul Jens Harzer wie auf den Leib geschrieben erscheint. Er ist der größte Gefühlszurückstauer unter den gegenwärtigen Schauspielern. Niemand kann wie er den Eindruck vermitteln, all diese Bühnengefühle seien ihm eigentlich zu viel. Was natürlich seinerseits ein Bühnengefühl ist, aber eben ein in sich reflektiertes. Wir sind durch einen Spieler beeindruckt, dem es gelingt, unsere naiven Erwartungen daran, was ein verzweifelter König ist, zu enttäuschen, um uns zu zeigen, worin die wirkliche Empörung über das Bündnis von Sohn und David besteht: nicht in Herrscherangst, sondern in Vaterangst und Eifersucht."

Christine Dössel ist in der SZ zwar auch von Harzers Schauspielleistung überzeugt, aber weniger vom Stück selbst: "Harzer skizziert mit zerquältem Blick die persönliche Verfallsgeschichte eines Mannes, der in einer Zeit des Systemwechsels - von der Theokratie zur Monarchie - als Minderleister unterperformt, wie man heute vielleicht sagen würde. Er tut dies mit feinsten Modulationen und kleinen sprechenden Gesten, mal ein Wischen mit der Hand, mal die Fäuste an den Schläfen. In der Szene, in der Saul die Hexe von Endor aufsucht, deuten Harzer und Galic die Möglichkeit einer Liebesgeschichte an. So eindringlich, wie die beiden sich für diesen angemosten Textfindling in die Bresche werfen, fühlt man sich direkt genötigt, sich und das Stück noch einmal zu hinterfragen: Was hat man verpasst, wenn man rein gar nichts damit anfangen kann?" Nachtkritikerin Gabi Hift weiß indes zu berichten, dass das Stück ursprünglich als Opernlibretto für eine Koproduktion mit dem kürzlich verstorbenen Wolfgang Rihm geplant war: "Davon wurde nur ein kleines Stück verwirklicht. Als man es hört, spürt man sofort, dass das sehr gut hätte funktionieren können. Es öffnet sich eine neue Dimension, und es ist, als ob die graue Wand aus alttestamentarischer Sprache auf einmal als Monolith im All schweben würde. Schade, dass Rihm das Projekt nicht zu Ende führen konnte."

Weitere Artikel: Die Berliner Zeitung trauert um den Theatermacher Jan Zimmermann vom Hexenberg-Ensemble, der mit 63 Jahren gestorben ist. Der Standard resümiert noch einmal das Wiener Impulstanz-Festival.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.08.2024 - Bühne

"Platée" beim Garsington Oper in London. Foto: Garsington Opera.

Gina Thomas stellt ebenfalls in der FAZ die Highlights des diesjährigen Programms der britischen Garsington Opera vor. Sehr angetan ist sie unter anderem von einer klug modernisierten Version von Jean-Philippe Rameaus "Platée": "Rameaus satirischer Umgang mit der bitteren Opernfehde zwischen italienischem und französischem Stil wird hier als Parodie des gewollt kitschigen Fernsehkults um Schönheit, Liebe und Ruhm dargeboten. Das mythologische Personal der griechischen Antike schwirrt als Produktionsangestellte oder Teilnehmer in den Studios der Fernsehgesellschaft Olympus TV herum. Samuel Boden, der die tumbe Unbedarftheit Platées stimmlich wie schauspielerisch berührend erfasst, steigt in lindgrünem Badeanzug und Flossen aus dem Planschbecken und greift ein Handtuch mit Botticellis Venus, während der Chor mit wiederholtem 'quoi, quoi' Froschgequake mokierend nachahmt."

Simon Strauß zeigt sich in der FAZ tief beeindruckt von dem melodramatischen AIDS-Musical "Rent", das Studenten der Stage School Hamburg am Hamburger First Stage Theater auf die Bühne bringen. Im Zentrum stehen ein Sänger und eine AIDS-kranke Prostituierte: "Duygu Yuzbasioglu und Lorin Goltermann verleihen den beiden Figuren eine mitreißende Anmutung. Vor allem Letzterer beeindruckt durch eine virile Körperlichkeit und eine pop-plausible Stimme. Der Blick wach, die Gesichtszüge bewegt - sein Gang erinnert an die Schritte des jungen Marlon Brando in 'Endstation Sehnsucht'. Wer Goltermann hier auf der kleinen Bühne des First Stage Theater erlebt, der ahnt, dass dieser verführerische Darsteller bald schon vor größerem Publikum auftreten könnte."

Außerdem: In der Welt berichtet Manuel Brug von den Salzburger Festspielen. Ulrich Seidler erinnert in der Berliner Zeitung an den Schauspieler Michael Günther Bard und dessen Ehefrau, die Schauspielerin Susanne Bard, die unlängst kurz nacheinander verstorben sind.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.08.2024 - Bühne

Szene aus "Dem Ring des Nibelungen" in Bayreuth. Foto: Enrico Nawrath.

Wagners Ring der Nibelungen in Bayreuth war leider eine Enttäuschung, bedauert Clemens Haustein in der FAZ. Die Idee des Regisseurs Valentin Schwarz, den Ring als "Geschichte ewig sich fortpflanzender Traumata" zu erzählen, findet Haustein eigentlich vielversprechend, allerdings war die Umsetzung für ihn wenig originell: "Eine vollgerümpelte Bühne und eine äußerst inflationäre Verwendung von Pistolen, offenbar ein verzweifelter Versuch, Dramatik zu erzeugen. Beides deutet auf eine gewisse Ratlosigkeit des Regie-Teams hin, wie mit der Ring-Erzählung denn im Detail zu verfahren sei." Berührende Momente gab es aber trotzdem, so Haustein: "Die erste Sünde ist hier nicht der Raub des Rheingoldes, sondern die Bemächtigung eines Kindes durch Erwachsene, die es in ihrem Sinn formen wollen. Wie dieses Ring-Kind in die Handlung eingeführt wird, gehört zu den berührenden Momenten dieser Inszenierung: Zur Sonnenaufgangsmusik im 'Rheingold', wenn die 'Weckerin' 'in den Grund' 'lacht', kommt ein Junge im goldgelben Shirt auf die Bühne, verträumt am Rand eines Pools entlangbalancierend, in dem eben noch die Rheintöchter Alberich in mehrfacher Hinsicht nass gemacht hatten."

Elena Philipp und Esther Slevogt unterhalten sich für die nachtkritik mit dem Regisseur Calle Fuhr und dem Correctiv-Autor Jean Peters. Einige Produktionen setzen in letzter Zeit auf eine Mischung aus Journalismus und Theater, wie zum Beispiel die Inszenierung "Geheimplan gegen Deutschland" von Correctiv mit dem Volkstheater Wien und dem Berliner Ensemble. Gibt es, so die Frage der Kritikerinnen, nicht einen grundlegenden Widerspruch zwischen faktenbasiertem Journalismus und der Fiktion im Theater? Im Journalismus wird ja ebenfalls inszeniert, meint Peters - es kommt darauf an wie und mit welchem Zweck: "Ich habe kürzlich einen ehemaligen BILD-Chef, getroffen und der sagte, 'wirklich beeindruckende Recherche, aber diese Inszenierung fand ich zu viel'. Da habe ich innegehalten, ihm in die Augen geguckt und gelächelt. Da hat er es selber gemerkt, dass sie bei BILD ständig Fakten inszenieren und zu Kampagnen bauen...Die verfolgen eine eigene politische Agenda, verdrehen Fakten, trampeln auf den Ärmsten der Gesellschaft herum. Bei Correctiv ist das Ziel und die Umsetzung mit künstlerischen Mitteln natürlich grundsätzlich anders als bei der Bild Zeitung. Fakten müssen so eingebettet, also kontextualisiert und emotionalisiert werden, dass das Publikum die Komplexität besser versteht. Und wenn du auf das Wort Manipulation bestehen solltest... Wir manipulieren zur Selbstbestimmung und zum gemeinschaftlichen Erkenntnismoment."

Weiteres: Dorion Weickmann trifft für die SZ den Ballerino Julian MacKay, erster Solist beim Bayerischen Staatsballett, der nebenher "Markenbotschafter" für Cartier ist. Tom Mustroph berichtet für die taz vom Eisenbahntheaterprojekt "Hotel Einheit".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.08.2024 - Bühne

Bogdan Volkov als Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin in "Der Idiot" bei den Salzburger Festspielen.

Es ist für nachtkritiker Thomas Rothschild völlig unverständlich, dass die Oper "Der Idiot" von Mieczysław Weinberg seit ihrer Uraufführung vor elf Jahren auf keiner deutschen Bühne zu sehen war. Immerhin kann man das jetzt bei den Salzburger Festspielen nachholen und zwar in einer Inszenierung von Krzysztof Warlikowski - der Kritiker ist begeistert. Das Libretto hält sich streng an eine gekürzte Version von Fjodor Dostojewskis Roman und auch die Musik ist ganz nah am Text: "Ganz nach den Konventionen der Operntradition ist Fürst Myschkin mit einem Tenor, der maßlose Rogoschin...mit einem Bariton oder Bass, Nastassja Filippowna mit einem Sopran und die brave, hinterhältige Aglaja mit einem Mezzosopran besetzt. Die Personen der Handlung werden nicht nur durch die Stimmlage, sondern mehr noch durch die musikalische Semantik charakterisiert. Weinbergs streckenweise tonmalerische, klug instrumentierte Musik nützt rhythmische und harmonische Elemente des Jazz und der Folklore, die vorrangig der zugleich komischen wie bedrohlichen, typisch dostojewskischen Figur des Lebedjew attribuiert werden."

Diese Aufführung ist "ein später Triumph" für Weinberg und "wahrhaft festspielwürdig", jubelt auch Judith von Sternburg in der FR: "Wie Musik und Text sich in jedem Moment wieder frisch und intensiv verbinden, sind auch Personenführung und Handlung eng geführt und als wäre alles aus der jeweiligen Situation geboren. Wie im Leben, aber hier doch in der Kunst.

"Nichts weniger als ein "Meisterwerk" ist das, pflichtet Egbert Tholl in der SZ bei. Das liegt auch an Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla: "Die Musik weiß mehr als die Figuren. Wie Gražinytė-Tyla das herausarbeitet, ist fast schon aberwitzig aufregend, sicherlich auch anstrengend - Weinbergs 20 Jahre vor dem 'Idioten' entstandene 'Passagierin' ist in ihrer harten Wucht sicherlich theaterwirksamer. Weinberg bleibt innerhalb der Tonalität, geht aber immer wieder an deren Grenzen, Gražinytė-Tyla und das Orchester fühlen sich sichtlich wohl an diesem Grat der Begegnung von Klangsinnlichkeit und schroffer Expression." Auch Eleonore Büning schreibt in der NZZ euphorisch über die Aufführung. FAZ-Kritiker Jan Brachmann hat hingegen mehr erwartet: Den "spirituelle Imperialismus" Dostojewskis wisse die Oper nicht in Bilder zu fassen, insgesamt bleibe sie "unter ihren Möglichkeiten".

Szene aus "Orestie I-IV". Foto: Armin Smailovic.

Weniger angetan scheinen die Kritiker von Nicolas Stemanns Antiken-Kompilation "Orestie I-IV" gewesen zu sein, die ebenfalls in Salzburg zu sehen war. nachtkritiker Martin Thomas Pesl hat sich etwas gelangweilt: Die "Inszenierung kommt nicht recht in Fahrt. Das mag daran liegen, dass er das Genre Antikenmarathon zwar mit ehrlicher Neugier anpackt, dabei aber irgendwie late to the party ist und im altbekannten Stoff einen griffigen Gegner (wie einen Jelinek-Text) vergeblich sucht. Weder arbeitet Stemann mit bestehenden Übersetzungen noch mit einem Autor wie Schimmelpfennig. Er selbst hat eine Fassung erstellt, gut verständlich, leidlich unterhaltsam und auf die nicht sonderlich originelle These fokussiert, dass die Menschen nicht anders können, als einander zu morden."

Christine Dössel ist in der SZ komplett genervt vom "oberlehrerhaften" Auftreten des Regisseurs, der zwischendurch als Moderator auf die Bühne kommt. In der FR schreibt Judith von Sternburg ebenfalls nicht ganz überzeugt.

Außerdem: In der FAZ unterhält sich der Choreograph Olivier Dubois über seine Pläne als zukünftiger Direktor des Tanzfestivals Bozen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.08.2024 - Bühne

Annalena Hochgruber als "Eve"© Marcella Ruiz Cruz

Einen rasanter und starbesetzter Theaterabend wird nachtkritiker Martin Thomas Pesl bei den Tiroler Volksschauspielen in Telfs beschert. Anna Bergmann hat Kleists Lustspiel der "Zerbrochne Krug" inszeniert - mit Tobias Moretti als Richter Adam, Corinna Harfouch als Gerichtsrätin und vielen guten Regie-Ideen, freut sich Pesl: "Ein gigantischer Transporter kommt von links hineingebrettert und legt eine Vollbremsung hin, dass einem das Herz stehenbleibt. Kurz darauf stürzt sich Tobias Moretti Blut speiend aus der sich öffnenden Beifahrertür. Im Laderaum des LKWs offenbart sich sodann die erwartete Gerichtsstube, wo Adam, typisch mit Glatze, Kopfwunde und Klumpfuß, und der spießige Schreiber Licht (Harald Schrott lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass er nur darauf wartet, den Chef vom Sessel zu stoßen) die berüchtigte Gerichtsrätin Walter im Sheriffhut empfangen. Schon originell: Der Star hat das Bühnenbild hereingefahren."

Auch SZ-Kritiker Egberth Tholl ist rundum zufrieden mit dieser Inszenierung und dem fantastischen Ensemble: "Die listigste, klügste und böseste Nuance hat sich Anna Bergmann mit Corinna Harfouch als Gerichtsrätin Walter ausgedacht. Sie durchschaut Adam sofort und tut alles, um das System zu bewahren. Rastet aus, ist aber letztlich überlegen. Und kümmert sich darum, dass Adam noch einen Posten kriegt. Wenn seine Kassen stimmen. Auch Frauen können, in Machtpositionen, toxisch sein."

FAZ-Kritiker Clemens Haustein hat in Bayreuth Spaß mit gleich zwei Inszenierungen des "Fliegenden Holländers": Kerem Hillel inszeniert die Wagner-Oper für Kinder und Dmitri Tcherniakov für "die Großen": "Kaum entziehen kann man sich der Präzision und Schlüssigkeit, mit der Tcherniakov die Geschichte von zwei Außenseitern in einem klinkerbewehrten Kaff ins Bild setzt, von Senta und dem Holländer. Michael Volle als Holländer, völlig Herr über seine grandiosen stimmlichen Mittel, ist dabei eine durch und durch unheimliche Figur, unberechenbar in sich ruhend, urplötzlich ausbrechend, als er für traumatisierende Erlebnisse in seiner Kindheit Rache nimmt und zur Pistole greift."

Weiteres: Im Tagesspiegel-Gespräch mit Maxi Broecking unterhält sich der Künstler William Kentridge über seine Kammeroper "The Great Yes, the Great No", sein Aufwachsen während der Apartheid in Südafrika und die aktuelle Lage dort.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.08.2024 - Bühne

Marina Davydova. Foto: SF/Neumayr/Leo
Die russische Theaterkritikerin Marina Davydova ist die neue Schauspieldirektorin der Salzburger Festspiele. Nachdem sie direkt zu Kriegsbeginn eine Petition gegen den Krieg gegen die Ukraine verfasste, lebt sie im Berliner Exil. Im SZ-Interview spricht sie über ihr offenes Verständnis von Theater: "Theater ist eine so besondere Kunst, da gibt es praktisch keine Grenzen." Als Exilantin spielt Russland weiterhin eine wichtige Rolle für ihr Theaterverständnis: "Im Schauspielprogramm gibt es, anders als in der Oper, praktisch keine Bezüge zu Russland, aber ich kann nicht so tun, als wäre mir egal, was in Russland passiert. Deshalb die Idee, eine Lesung von Nawalnys Briefen zu organisieren. Es sind Briefe eines Mannes, der uns zeigt, wie man trotz Haft frei sein kann. Freiheit ist ein sehr spezielles Thema für Russen. Wenn man Russen fragt, ob sie mit der Politik einverstanden sind, sagen sie mit großen Augen: 'Aber das ist doch nicht unsere Sache, wir sind nur einfache Leute.' Sie nehmen die Politik hin wie das Wetter. Am Wetter kann man auch nichts ändern, und wenn es regnet, nimmt man eben einen Regenschirm. Sie versuchen gar nicht erst aufzubegehren. Nawalny, der Mut hatte und dafür inhaftiert und im Gefängnis getötet wurde, bringt uns bei, wirklich frei zu sein. Es sind Briefe voller Humor, voller Liebe."

Capriccio 2024: Bo Skovhus (Der Graf, Bruder der Gräfin), Mika Kares (La Roche, der Theaterdirektor), Sebastian Kohlhepp (Flamand, ein Musiker), Wiener Philharmoniker. Foto: SF/Marco Borelli


Richard Strauss' 1942 entstandene Oper "Capriccio" mit dem Libretto von Clemens Krauss wird selten aufgeführt, weiß Judith von Sternburg in der FR, Gründe dafür liegen nicht nur in der Entstehungsgeschichte, sondern "auch im Werk selbst, das formal seine Eigenheiten hat, vom ausführlichen Eingangsstreichersextett bis zum in sich gekehrten Ausklang mit der einzigen, allerdings hinreißenden Großgesangsnummer der Gräfin. Dazwischen herrscht fast durchgängig ein Konversationston." Die Oper widmet sich inhaltlich selbstreflexiv dem Verhältnis zwischen Wort und Ton, unter der Leitung von Christian Thielemann obsiegt bei den Salzburger Festspielen der Ton, so Sternburg: "Thielemann ist ein Strauss-Experte, der weiche Wiener Klang ist ohnehin wie dafür gemacht, aber alles erscheint noch dazu aufs Feinste zugespitzt und zart liniert und auch ungemein beherrscht. 'Capriccio' lässt kaum Momente prächtigen Aufblühens zu, aber im Großen Festspielhaus funkelt und glimmt es ohne Unterlass. Ein gut zweieinhalbstündiger Konzentrationsakt, auch das. Das Orchester im (erhöhten) Graben, das Ensemble alleine auf der Bühne, wo es Platz hat und ihn nutzt. Eine noble Festspielauswahl."

Besprochen wird außerdem die Lesung "Hallo, hier spricht Nawalny" mit Briefen des Oppositionellen bei den Salzburger Festspielen (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.08.2024 - Bühne

Nein, Liebe wurde es zwischen Wien und Martin Kusej, nun nach nur fünf Jahren scheidender Direktor des Wiener Burgtheaters, nicht, darüber gab nicht zuletzt das jüngste Zeit-Interview Aufschluss (unser Resümee). In der Welt aber bricht Jakob Hayner eine Lanze für Kusej: "Allein drei der stärksten Arbeiten von Frank Castorf aus den vergangenen Jahren fielen in die Intendanz Kušej: Elfriede Jelineks Schweinesystem-in-der-Coronakrise-Text 'Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!', Peter Handkes existenzialistisches Drama 'Zdeněk Adamec' und Thomas Bernhards legendäres Skandalstück 'Heldenplatz' brachte Castorf als ausufernde Theatererkundungen auf die Bühne, mit großartigem Ensemble. Viele weitere Aufführungen sorgten für Aufsehen: Mit Jelineks 'Schwarzwasser' wurde - in Anwesenheit zahlreicher prominenter Politiker bei der Premiere - damals das aktuelle Stück zur Ibiza-Affäre uraufgeführt. Die Uraufführung von Handkes 'Zwiegespräch' durch Rieke Süßkow wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen, wie auch Anna Gmeyners 'Automatenbüffet', inszeniert von Barbara Frey, und Maria Lazars 'Die Eingeborenen von Maria Blut' in der Inszenierung von Lucia Bihler."

Weiteres: Margarete Affenzeller rät im Standard, ruhig auch einen Blick ins Nebenprogramm der Salzburger Festspiele zu werfen: Eine Lesung von Briefen von Alexej Nawalny ist hier ebenso zu hören wie ein Lesung von Botho Strauß' Drama "Saul", das sich dem Themenkomplex Israel widmet. Besprochen wird Maud Le Pladecs Tanzstück "Silent Legacy" beim Wiener Impulstanz-Festival (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.07.2024 - Bühne

Simone Young © Bertold Fabricius,
Lizenz: CC BY-SA 3.0

Keineswegs nur aus feministischen Motiven wird in Bayreuth Simone Young beklatscht: Als erste Frau, die bei den Wagner-Festspielen den "Ring" dirigiert, leistet sie schlichtweg hervorragende Arbeit, findet Clemens Haustein in der FAZ: "Das Finale des ersten 'Walküre'-Aktes gerät zum musikalischen Triumph, an dem nicht zuletzt Simone Young ihren Teil hat (...). Sie stellt die Gesanglichkeit von Wagners Orchesterpart in den Vordergrund, gestaltet weite Bögen, hält ein straffes Erzähltempo aufrecht und bringt doch jene Stellen zu ihrem Recht, an denen das Geschehen zur Ruhe kommt. Völlig frei vom Gift der Demagogie ist der Klang des Festspielorchesters unter ihren Händen, die Art, wie Young das Singende der Partitur herausarbeitet, lässt beinahe an die Musik Franz Schuberts denken. Möglich, dass sich daraus die Buhrufe weniger Hardcore-Wagnerianer erklären."

Egbert Tholl in der SZ lobt Young ebenfalls. Und nicht nur sie: "Die Sensation dieser 'Walküre' sind zwei Bayreuth-Debütanten, die beiden Wälsungen, die litauische Sopranistin Vida Miknevičiūtė und der Amerikaner Michael Spyres, 45 und gesegnet mit einem Stimmumfang, der Tenor und Bariton umfasst. (...) Spyres ist ein Dichter des Gesangs, bei ihm haben selbst die 'Wälserufe' Poesie, die 'Winterstürme' sind ganz und gar lyrisch wie ein Schumann-Lied, das Entscheidende ist dennoch das Aufeinandertreffen von ihm und Miknevičiūtė. Das ist pure Anmut. Mit mehr Liebe können sich zwei wundervolle Stimmen kaum ineinander verschlingen, alles ist hell und licht, pure Verzauberung."

Bei den Salzburger Festspielen wiederum sorgt unter anderem Beat Furrers Musiktheater "Begehren" für Aufregung. Christoph Irrgeher jedenfalls ist im Standard angetan: "Die zwei Hauptfiguren - lediglich Er und Sie genannt und stets mehrere Meter voneinander entfernt - durchleiden einerseits Gefühlsausbrüche, die an Orpheus' Hades-Visite erinnern. Andererseits erzählen sie auch von irdischen einsamen Herzen und deren Annäherungsversuchen. Auch diese sind freilich zum Scheitern verurteilt. Ein Schlüsselsatz in dieser Textcollage, die aus antiken Vorlagen schöpft und modernen Quellen (Hermann Broch, Cesare Pavese und Günter Eich): 'Deine Einsamkeit verdoppelt die meine.' Eine beklemmende Antithese zum Titel eines beliebten französischen Wohlfühlbuchs: Zusammen ist man in Furrers Oper nicht weniger, sondern eher mehr allein." Judith von Sternburg bespricht in der FR Robert Carsens Salzburger "Jedermann"-Aufführung.

Außerdem: Hans-Christian Rößler besucht für die FAZ ein Theaterfestival im kastilischen Almagro. Patrick Wildermann unternimmt im Tagesspiegel einen Streifzug durch die Spielstätten mehrerer Berliner Freilufttheater, die mit Vorliebe Shakespeare-Stücke geben.