Szene aus "Der Zauberberg". Foto: Laura Vanseviciene Die polnische Regie-Legende Krystian Lupa hat mit dem Ensemble des Jaunimo Teatras aus Vilnius Thomas Manns "Zauberberg" auf die Bühne der Salzburger Festspiele gebracht, ganze fünfeinhalb Stunden lang in litauischer Sprache - und die TheaterkritikerInnen ächzen. "Alles spielt sich - bis auf ein paar Wege durch das Parkett - in einem raumhohen Kubus ab, dessen drei Wände mit wechselnden Projektionen bespielt werden", stöhnt Margarete Affenzeller im Standard nach vielen "verlangsamten, zerdehnten Szenen". Bilder kann Lupa, konstatiert Egbert Tholl in der SZ, aber er wolle einfach zu viel - einerseits "große Thomas-Mann-Exegese", andererseits diene ihm der Text "nur als Vorwand für ein Untergangsgemälde, für einen imposanten Bilderrausch des Weltenwahnsinns. Was Naphta, Peeperkorn, Krokowski, Settembrini und alle anderen Unternehmer in den jeweils eigenen Gefilden des Geistes zu sagen haben, verkommt immer mehr zu einem Raunen angesichts des Weltenbrands. Bei der Séance gegen Ende, wenn in einer hoch albernen, aber nie albern gemeinten Splatter-Nummer der Geist des toten Ziemßen beschworen wird, taucht der auch tatsächlich auf. In KZ-Kleidung."
Gnädiger urteilttaz-Kritiker Uwe Mattheiss, der zumindest Lupas Intention zu erkennen versucht: "Er befragt den 'Zauberberg' nach den Gründen für das, was nach ihm gewesen sein wird. Schon in der Anfangsszene mischt sich eine Person in der gestreiften Häftlingskleidung der Konzentrationslager unter das Ensemble, als Castorp noch, ganz 19. Jahrhundert, von romantischer Todesfaszination eingelullt ist. Lupas Interesse gilt dabei eher der anthropologischen Reflexion als der materiellen Geschichte. Er fragt nach der Affektkontrolle der Bestie Mensch unter der brüchigen Sedimentschicht einer Zivilisation. (…) Ein weiteres Moment in Lupas Annäherung ist nach wie vor die Wiedereroberung einer europäischen Perspektive auf die Literatur. Von Vilnius aus betrachtet hat man noch immer genug von der kulturellen Unterfütterungimperialer Ansprüche - aus Deutschland wie aus Russland." Nachtkritiker Reinhard Kriechbaum winkt ab: Nach fünf Stunden hat er "jede Hoffnung aufgegeben", dass sie die Inszenierung aus ihren "selbst gelegten Zeitschlingen" befreien werde. Wer braucht bei diesem "Fest des Visuellen" schon Sprache, fragt indes Bernd Noack in der NZZ: "Lupa hat ein Gesamtkunstwerk kreiert, das anmutet, als wäre es nur für diesen einen endlosen Moment entstanden, um danach wieder und für immer zu verschwinden."
Weitere Artikel: In der Welt kniet auch Jakob Hayner nieder vor Sandra Hüller, die in "I Want Absolutely Beauty" bei der Ruhrtriennale mit "rauer Schönheit" - und gegen die "einfältige Konzeption" des Stückes - 26 Lieder von PJ Harvey singt (unser Resümee). Der bisherige Höhepunkt ist für Hayner aber Kirill Serebrennikows Inszenierung "Legende", eine szenisch-musikalische Collage, mit der der russische Regisseur dem sowjetischen Filmemacher Sergej Paradschanow mit einem "fantastischen Spektakel" huldigt. Für die SZ resümiert Dorion Weickmann den Auftakt des Berliner Festivals "Tanz im August", das sie bisher erst mit Soa Ratsifandrihanas Stück "Fampitaha, fampita, fampitàna" überzeugt. In der NZZporträtiert Alfred Schlienger den Regisseur Antú Romero Nunes, aktuell Schauspielchef am Theater Basel.
Offiziell wurden die russischen Theatermacherinnen Schenja Berkowitsch und Swetlana Petrijtschuk wegen ihres Theaterstücks "Finist - heller Falke" in Moskau zu sechs Jahren Strafkolonie verurteilt, vielmehr ging es wohl aber um putinkritische Gedichte, die Berkowitsch veröffentlichte, vermutete Viktor Jerofejew bereits vor einigen Wochen in der FAZ (unser Resümee). Um den Gedichten nicht mehr Publizität zu bescheren, musste das Stück kriminalisiert werden, ergänzt Kerstin Holm, die, ebenfalls in der FAZ, nachzeichnet, wie die russische Justiz einfach Aussagen in ihr Gegenteil verkehrt. Das Stück warnte dezidiert vor der Verführung junger Frauen durch islamistische Terroristen - Fälle, die auch in Russland bekannt sind. Um dem Stück "Rechtfertigung von Terrorismus" vorzuwerfen, stützte sich die Staatsanwaltschaft daher "auf die 'destruktologische' Expertise des nationalistischen Religionshistorikers Roman Silantjew, der das Rechtsschutzzentrum des von der Russischen Orthodoxen Kirche gegründeten Weltweiten russischen Volkskonzils leitet. Dieses Zentrum will die Rechte des russischen Volkes schützen und betrachtet Rechte von Frauen, religiösen oder sexuellen Minderheiten, für die sich Menschenrechtler einsetzen, als Bedrohung. Silantjew richtete 2019 an der Moskauer Linguistischen Universität ein Labor für die von ihm selbst begründete Pseudowissenschaft 'Destruktologie' ein, die destruktive Subkulturen diagnostizieren will, um sie auszumerzen."
"A Hole in Waiting" von Calvin Ratladi. Bild: Zürcher Theaterspektakel Als "Fest der Kommunikation" erlebt SZ-Kritiker Egbert Tholl den Auftakt des Zürcher Theaterspektakels, vor allem auch, weil die an den verschiedenen Spielorten verhandelten Themen so gut untereinander korrespondieren. Es geht um Ökologie, den Globalen Süden und den reichen Norden, um Post-Neo-Kolonialismus und die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Besonders "ergreifend" findet Tholl das Stück "A Hole in Waiting" von Calvin Ratladi: "Ein Requiem auf alle Toten, die der Bergbau in Südafrika forderte. Ratladi ist ein Xhosa, hat einen verkrüppelten Körper, seit Generationen schuftete seine Familie im System kolonialer Ausbeutung. Zusammen mit dem fantastischen Musiker Xolisile Bongwana erschafft er ein ergreifendes Ritual, die Überwindung der Tränen zu einem wiedergefundenen Stolz."
"Erhellend und inspirierend" erscheint auch Nachtkritikerin Valeria Heintges der Auftakt, wenngleich Festivalleiter Matthias von Hartz bei der Eröffnung versprach: "Dieses Jahr gibt es nichts zu lachen". Entsprechend diskursiv ging es zu bei den Stammtischen, "einem Format, an dem die Künstler mit Interessierten an einem langen Holztisch über die Themen ihrer Werke ins Gespräch kommen können. Zusammen mit Sunny Dolat von 'The Nest Collective' entwickelte sich ein gemeinsames Nachdenken über Second-Hand-Kleidung, die in riesigen Stoffballen in afrikanischen Ländern wie Kenia, Ghana oder Ruanda landet, dort die heimische Industrie und das lokale Handwerk zerstört und, weil der Anteil an minderwertiger Ware mit rund 40 Prozent viel zu hoch ist, auf längst überfüllten Deponien oder oft genug in der Umwelt endet. 'Waste Colonialism' nennt Sunny Dolat das."
Besprochen werden das Schauspiel "Bambi und die Themen" von Bonn Park am Hannoveraner Theater an der Glocksee (taz), eine Inszenierung von Carl Orffs Oper "Die Kluge" für Kinder bei den Salzburger Festspielen (FAZ) und Wu Tsangs filmische Bizet-Inszenierung "La gran mentira de la muerte" im Museu d'Art Contemporani de Barcelona (FAZ).
Szene aus Soa Ratsifandrihanas Choreografie "Fampitaha, fampita, fampitàna". Foto: Harilay Rabenjamina Zum zweiten Mal kuratiert Ricardo Carmonda das Berliner Festival Tanz im August, im Zentrum steht dieses Jahr das Thema "Migration", wie Katrin Bettina Müller (taz) der Eröffnungsrede entnimmt. Passend dazu inszeniert die junge Brüsseler Choreografin Soa Ratsifandrihana mit dem Gitarristen Joël Rabesolo ihr Stück "Fampitaha, fampita, fampitàna": "Beide und die zwei weiteren Performer eint eine Geschichte der Migration in erster, zweiter und dritter Generation aus Madagaskar, Haiti und weiteren früheren Kolonien Frankreichs und Belgiens. Am Anfang zitieren ihre Rokoko-Kostüme die Kolonialzeit und ihr Tanz lehnt sich an höfische Menuette an. Bald aber folgen Funk, Soul und Disco in der Musik. Szenen der sprachlichen Übungen wechseln mit langen Tanzsequenzen ab, in denen sie eine immer größere Leichtigkeit entfalten. ... So hat das Stück einige Verweise auf den Umgang mit der kolonialen Vergangenheit, lebt vor allem aber vom freien Umgang mit schwarzen Musikstilen und minimalistischen Tanzmaterial."
Dass Anne Teresa De Keersmaeker sich nie zum Vorwurf toxischer Arbeitsbedingungen äußerte, auch nicht der SZ gegenüber, hat Dorion Weickmann nicht vergessen. Künstlerisch aber ist die Choreografin nicht zu toppen, versichert Weickmann, die mit Keersmaeker im Stück "Y" während der Ruhrtriennale durch das Folkwang Museum tanzt und sich vor den Meistern der Moderne im Sehen schulen lässt: "Virtuos verschraubte Körper werden in hinreißende Dialoge verstrickt, in Zwiegespräche mit Gemälden, Skulpturen und Fotografien, die De Keersmaeker auf einer Ausstellungsfläche von mehr als achthundert Quadratmetern versammelt hat. Mittendrin bebildert sie nun das Spannungsverhältnis zwischen Stillstand und Bewegung, Abstraktion und Figuration, gestern und heute."
Weitere Artikel: Bis zu zehn Prozent soll der Berliner Kulturetat gekürzt werden, also gut und gerne um 100 Millionen Euro - die Szene ist entsprechend beunruhigt, weiß Rüdiger Schaper im Tagesspiegel. Aber Joe Chialo steht noch vor weiteren Herausforderungen: "In Kürze soll die Intendanz der Volksbühne ausgeschrieben werden. Das gehört zum komplizierten Verfahren, dass sich das Haus Chialo ausgedacht hat. (…) Wer soll, wer könnte übernehmen? Die Choreografin Florentina Holzinger wird genannt, ebenso der norwegische Regisseur Vegard Vinge, der vor Jahren in Berlin irre Inszenierungen gemacht hat, auch Ersan Mondtag scheint im Gespräch zu sein." Äußerst zufrieden resümiert Simon Strauß in der FAZ zwei knapp achtstündige Lesemarathons zu vergessener österreichischer Dramatik bei den Salzburger Festspielen, darunter: Ferdinand Kringsteiners 1806 uraufgeführte Farce "Werthers Leiden", Theodor Herzls 1898 in Wien uraufgeführtes politisches Reflexionsstück "Das neue Ghetto" und das 1929 uraufgeführte und seitdem vergessene Stück "Heer ohne Helden" von Anna Gmeyner. Nachtkritikerin Valeria Heintges resümiert den Auftakt des Zürcher Theater Spektakels.
Besprochen werden das Stück "Aurora" von Sputnik Kollektiv im Theater Bremen (taz) und das Rossini Opera Festival in Pesaro (Welt).
Am Wochenende startete die Ruhrtriennale, diesmal geleitet von Ivo van Hove, der auch die Eröffnung inszeniert hat: "I Want Absolute Beauty" ist jedoch kein Theaterstück, sondern ein Rockkonzert, staunt Joachim Lange in der nmz, "bei dem [Sandra] Hüller eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass sie das auch noch kann: singen! Und das Anderthalbstunden mit einer Wucht und Kondition, dass einem schon als Zuschauer die Luft wegbleibt. ... Ivo Van Hove hat aus 26 Songs von Sängerin und Songwriterin PJ Harvey eine Art Geschichte gebastelt, in deren Mitte Sandra Hüller steht. Sie haucht den Songs mit ihrer imponierend sicheren, wandlungsfähigen Singstimme einer Schauspielerin Leben ein; sie legt aber auch durchschlagkräftig los, spielt und tanzt zum Teil auch gemeinsam mit neun Tänzern von (La)Hore aus Marseilles eine Geschichte aus vielen kleinen Geschichten. ... Hier ist man quasi on the roadins Innere von Abgründen, Wünschen und Obsessionen."
In der FAZ zeigt sich Patrick Bahners unbeeindruckt: "Die kollektive Versorgung des Publikums mit klischeehaften Hintergrundbildern von Grabsteinen und Feuersbrünsten ist geradezu absichtsvoll reizlos. Sie dient dazu, das gesamte Interesse auf die Hauptperson zu lenken, die starke Frau, die jede noch so unappetitliche Situation übersteht, die Starschauspielerin, die berühmt dafür ist, extreme Herausforderungen zu suchen, und die hier ebenso ungerührt hinnimmt, dass ihr im Nuttenkostüm von hinten in den Schritt gefasst wird, wie sie gegen eine sinnlos bombastisch verstärkte Band ansingt. Kraftaufwand gleich Effekt: Gedankenlos ergibt sich die Aufführung dem Ortsgeist der Industriehalle. Ein Abend voller Wucht und ohne Belang." Nachtkritiker Andreas Wilink ergibt sich hingegen widerstandslos dem Charisma der Hauptdarstellerin: "Das sanft Unerschrockene, Verschlüsselte ihres Charakters, dessen Substanz einem so wenig geheuer ist, weil es an der Oberfläche porentief sauber zu sein scheint, durchdringt ihre Bühnen- und Film-Figuren. Sie zeigen Beherrschtheit durch Intelligenz und die Befähigung, den Körper als Präzisionsinstrument einzusetzen. Die Sängerin Hüller sprengt alle Vorstellungskraft und zeigt anderes als ihr weich gezeichnetes Gesicht: leicht aufgeraut die Stimme, grollend, sirenenhaft sehnend, tosend, heulend, stöhnend und brüllend."
In der SZ ist Alexander Menden vor allem vom Ende beeindruckt, wenn Isabelle Huppert auf einem Video für ein Duett mit Hüller eingeblendet wird: "Ein Gipfeltreffen zweier weiblicher Sphinx-Figuren. Ein großartiger Abend", schwärmt Menden, der sich hier deutlich besser amüsiert hat als in Kirill Serebrennikows etwas zu langer Inszenierung "Legende", ein Stück über den brillanten, aufmüpfigen armenisch-georgischen Filmregisseur Sergej Paradschanow, der wegen seiner Homosexualität lange im Gefängnis saß: "Die Geistesverwandtschaft und Parallelen zwischen beiden ist offenkundig: Paradschanow, 1924 in Tiflis geboren, 1990 in Eriwan gestorben, eckte wie Serebrennikow ständig mit seiner kompromisslosen künstlerischen Vision an. Er war eine Art sowjetischer Terry Gilliam, einzigartig, größenwahnsinnig, kindlich und brillant. ... 'Legende' ist das Ergebnis der Arbeit eines mutigen Künstlers, der einen mutigen Künstler feiert. Es ist eine Materialschlacht, mit einem brausenden georgischen Männerchor, aufwendigen Kostümen und exzellenten Darstellern, die alles geben. Das ist wunderbar. Aber es bleibt dabei: Diese allegorische, bildstarke Überhöhung einer fraglos faszinierenden Figur würde sehr von einem gestrafften Director's Cut profitieren." Nachtkritiker Martin Krumbholz sieht es ähnlich. Er hat wie Menden Probleme, dem Stück zu folgen: "Die einzelnen Episoden als Sinneinheiten zu entschlüsseln, ist ohne Kenntnis der jeweiligen Filmzitate allerdings schwierig beziehungsweise unmöglich." (Vielleicht hilft dieser Artikel weiter.)
Weitere Artikel: Valeria Heintges schickt für die nachtkritik einen Auftaktbericht zum Zürcher Theater Spektakel 2024. In der Berliner Zeitungberichtet Michaela Schlagenwerth vom Berliner Festival "Tanz im August", im Tagesspiegel Sandra Luzina.
Besprochen werden außerdem das queere Musiktheaterstück "The Faggots and Their Friends Between Revolutions" von Ted Huffman und Philip Venables bei der Ruhrtriennale (nachtkritik), Peter Sellars' Inszenierung von Prokofjews "Der Spieler" bei den Salzburger Festspielen (nmz, Welt) und - ebenfalls in Salzburg - eine konzertante Aufführung von Ambroise Thomas' Oper "Hamlet" in Salzburg mit einer fantastischen Lisette Oropesa als Ophelia ("Die Amerikanerin ist die momentan führende Sängerin im seltenen Fach des lyrischen Koloratursoprans. Was nichts anderes heißt, als dass sie einfach alles kann: Triller, Skalen, repetierte Spitzentöne von sensationeller Präzision - und dabei auch noch lyrisch klingen, herzwärmend, ergreifend", schwärmt Michael Stallknecht in der SZ, FAZ-Kritiker Jürgen Kesting stimmt in das Lob ein, feiert aber auch den Bariton Stephane Dégout: "Der Franzose gehört nicht zum Typus jener Stimm-Athleten, die nach der maniera italiana den Kiefer fallen lassen und einen mächtigen Sound, meist ein Gemisch aus den Vokalen A und O, röhren. ... Er versteht es, in der hohen Lage zwischen Es und F, wie im Duett mit Ophélie, die Linie mit der Halbstimme zu karessieren. Gerade die Fähigkeit, leise zu singen, sichert die zauberischen Wirkungen der messa di voce".)
"Hold your breath." Bild: Anja Köhler. "Hold your breath" ist eine neue Oper mit Musik von Éna Brennan und einem Libretto von David Pountney, der sie auch für die Bregenzer Festspielen inszeniert hat. FAZ-Kritiker Werner Grimmel verspürt schon gleich zu Beginn der Aufführung ein deutliches Unbehagen: "Ein Sprecher (Sam Furness) in filziger Phantasieuniform fordert die Herumstehenden mit autoritärer Geste auf, sich nach Ethnie und sexuellen Vorlieben in Gruppen aufzuteilen, Formulare auszufüllen und soziale Distanz zu wahren." Und ähnlich beklemmend geht es weiter: "Die Choreographin Caroline Finn animiert die von Furness barsch zurechtgewiesenen Gruppen, zu mageren Walzerklängen ein Tänzchen zu wagen. Das soll offenbar die subversive Kraft des Tanzes gegen staatliche Reglementierung aktivieren. Die kollektiv einstudierten Gesten und Schritte lassen freilich eher an Gleichschaltung im Sinne einer Entertainment-Diktatur als an Rebellion denken. Pountney versteht 'Hold Your Breath' als 'Collage-Stück' über wichtige, ernste Themen wie die 'Klima-Sache', aber auch Covid-Maßnahmen und Erlebnisse in den Jahren der Pandemie." Das unbefriedigte Fazit: "Am Ende driftet das Stück in ein dreiklangselig beschworenes Weltuntergangszeremoniell ab."
Weiteres: Der Schweizer Regisseur Zino Wey plädiert bei den Salzburger Festspielen dafür, den ewig gleichen Theaterkanon durch "Vergessene Stücke" zu ergänzen, die er in einem "Lesemarathon" präsentiert, wie der Standardmeldet. Besprochen werden Dorothée Munyanezas Choreografie "Umuko" beim Festival "Tanz im August" im HAU (Tsp), "Spiegelneuronen" von Stefan Kaegi, Sasha Waltz und Rimini Protokoll bei den Salzburger Festspielen (FAZ, mehr dazu bereits hier) und das Comedy-Festival "Fringe" in Edinburgh (Welt).
Spiegelneuronen. Bild: Bernd Uhlig. "Spiegelneuronen" ist eine Produktion von Stefan Kaegi, Sasha Waltz und Rimini Protokoll bei den Salzburger Festspielen, bei der das Publikum gefragt ist: Die Zuschauer sollen vor einem Spiegel Erkenntnisse der Hirnforschung tanzend nachstellen. Wolfgang Höbel ist sich im Spiegel noch nicht ganz sicher, ob der Plan aufgeht: "Der Reiz und die Gefahr des Abends bestehen darin, dass er nicht bloß auf spielerischen Schabernack hinausläuft, sondern zugleich schwer bedeutungsvoll sein will. Der Spiegel ist hier Symbol für fast alles. Zum Beispiel fürs Theater, das nach Meinung vieler Künstlermenschen ein Gegenbild der Wirklichkeit präsentieren könnte. Der Spiegel steht aber auch für den Wunsch nach Selbstkontrolle und eitler Selbstdarstellung. Und für den Willen zur Seelenerkenntnis offenbar auch, ist er doch, wie ein Experte doziert, 'eine Metapher für die Psychoanalyse'. Der Annäherung an das eigene Unbewusste dient die Inszenierung allerdings keineswegs. Im wilden Auf und Ab der Körper, im Wedeln und Wogen der Gliedmaßen, im Stimmungsgeflacker von Lichtregie und Musik verflüchtigen sich die Botschaften dieses Lehrstücks. Sie verwandeln sich mehr und mehr in ein Grundrauschen von klugen Sätzen, die ohne große Resonanz verhallen."
Margarete Affenzeller hingegen zeigt sich im Standard äußerst zufrieden: "Der mal flatternde, mal hüpfende Rhythmus der Musik gibt Ansporn zum Winke-Winke und steigert sich bis zum richtigen Dancefloor-Wummerbeat. Auch Handylichter schwingen mit. (…) 'Spiegelneuronen' fasziniert in seiner interaktiven Experimentierfreudigkeit, die auf ganzer Linie funktioniert hat. Das Salzburger Publikum war ganz und gar nicht träge." Weitere Besprechungen: SZ, Welt, Nachtkritik, Neue Musikzeitung.
Besprochen wird außerdem noch die Offenbach-Oper "Les contes d'Hoffmann" in der Inszenierung von Mariame Clément bei den Salzburger Festspielen (Welt, SZ).
Les Contes d'Hoffmann. Kathryn Lewek (Giulietta/Stella), Benjamin Bernheim (Hoffmann), Kate Lindsey (Nicklausse). Foto: SF/Monika Rittershaus. "Scheitern auf ganzer Linie", so lautet Judith von Sternburgs vernichtendes Urteil in der FR, nachdem sie bei den Salzburger Festspielen erlebte, wie die französische Regisseurin Mariame Clément Jacques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" als Geschichte eines Filmregisseurs erzählt, der mehr mit der Kunst als mit der Liebe beschäftigt ist: "Wenn Regisseurin Clément … kein Interesse am großen Drama hat, ihm misstraut, Hoffmann als Liebendem und Leidendem misstraut, befindet sie sich ihrerseits gewissermaßen in der falschen Oper. Und sie muss dann etwas Neues erzählen und im Stück auffinden, das das rechtfertigen kann. Die Tatsache, dass bei ihr Antonia und auch Olympia ihre Affären mit dem Titelhelden überleben werden, ist zwar erfreulich. Es bleibt aber eine Nebenerscheinung im Gewusel der die Handlung grundlegend denunzierenden Einfälle. Wenn alles nur Kintopp ist, gibt es keinen Übergang ins Magische und Schwarzromantische..." Auch Standard-Kritiker Ljubiša Tošić meint: Trotz einiger "Slapstickteilerfolge" sind hier viele Chancen liegengeblieben.
In der FAZ hat Jürgen Kaube deutlich weniger auszusetzen, das Motiv der Filmszenerie gelingt nicht immer, meint er, aber neben der überraschungsreichen Inszenierung ist es vor allem die Sopranistin Kathryn Lewek, die als Olympia, Antonia und Giulietta brilliert: "Was wunderbar an Leweks Stimme ist, lässt sich näher bestimmen. Sie kommt aus einem starken Körper, Lewek steht mit beiden Beinen viel mehr auf dem Boden als es die von Offenbach entworfenen Geliebten Hoffmans tun. Ihre Olympia ist kein Aufziehautomat, sondern eine Rampensau im Barbarella-Look, die wegläuft, als ihr Hoffmann unter den Rock zu greifen versucht. Ihre Antonia verblutet nicht durch Gesang, sondern entzieht sich dem kunstreligiösen Theater, das um sie aufgeführt wird, durch einen resoluten Abgang. Als der Arzt gerufen wird, muss er sich, anders als im Original, nicht um sie, sondern um Hoffmann kümmern. Als Giulietta ist sie keine Königin der Nächte, aber ihr Gesang beglaubigt die Macht, die sie auf Hoffmann ausübt, weil sie ihre Koloraturen nicht kopfstimmig piepst, sondern aus der Brust mit vielen Zwischentönen singt."
Im November vergangenen Jahres feierte das Stück "Mothers - A Song For Wartime", das die polnische Regisseurin Marta Górnicka gemeinsam mit ukrainischen und belarusischen Flüchtlingen am Berliner Gorki-Theater inszenierte, Deutschland-Premiere, aktuell ist es beim Zürcher Theaterspektakel zu sehen. Frauen und Kinder seien im Krieg gegen die Ukraine "die im am stärksten gefährdete Gruppe und paradoxerweise die am meisten übergangene Gruppe im politischen Diskurs", sagt sie im NZZ-Gespräch: "Wir haben für 'Mothers' nach Themen gesucht, die in offiziellen Berichten verschwiegen werden. Das ist zum Beispiel die Gewalt gegen Frauen. Vergewaltigungen sind die mächtigsten Waffen der russischen Armee - eine Foltermethode, schlimmer als Mord, weil sie eine bleibende Verletzung und Demütigung im lebenden Opfer hinterlassen. Die Gewalt russischer Soldaten ist Teil des kollektiven Gedächtnisses von polnischen, weissrussischen und ukrainischen Frauen." Viele im Ensemble seien zudem enttäuscht über die zögerliche Unterstützung aus dem Westen, fährt sie fort: "Sie glauben, die westeuropäischen Staaten hätten zu lange an der Illusion gehangen, dass die Opposition aus dem heutigen Russland irgendwann eine Demokratie schaffen würde."
Weitere Artikel: In der Zeit singt Jil Sander dem als Hamburger Balletdirektor scheidenden John Neumeier ein knappes Abschiedsständchen: "John hat die Hamburger Kultur mit seinen fulminanten Choreografien reich und modern gemacht. Ich habe mich ihm in seiner Energie und der furchtlosen Umsetzung seiner Vision immer nah gefühlt."
Szene aus "Der Spieler" bei den Salzburger Festspielen. Foto: Ruth Walz
In Salzburg hat Peter Sellars Prokofjews Oper "Der Spieler" inszeniert, und zwar "in einem pausenlos grandiosen Zwei-Stunden-Abend inszeniert und damit getan, was dieser Ausnahmeregisseur immer versucht: eine alte, ferne Geschichte als Analyse des Hier und Heute zu präsentieren. Es ist ihm, genauso wie den von Sean Panikkar und Asmik Grigorian angeführten Sängern sowie den vom Timur Zangiev angeleiteten Wiener Philharmonikern, überwältigend gelungen", jubelt Reinhard J. Brembeck in der SZ. "Sellars zeigt Menschen, wie sie derzeit überall in den Straßen, Büros und vor den für Salzburg nachts so typischen mobilen Würstelwagen zu sehen sind. So wirkt sein 'Spieler' wie eine Allegorie, wie ein Spiegelbild der heutigen Welt mit ihren Tyrannen, Kriegen und Gemeinheiten, mit ihrem Turbokapitalismus und Antispiritualismus, mit Naturfeindlichkeit und Zerstörungslust. Ja, der mittlerweile 66-jährige Peter Sellars war und ist ein Moralist. Aber er liefert keine Heilslehre und meidet jede Zeigefingerrhetorik. Seine Arbeiten - der 'Spieler' zählt zu seinen stärksten - sagen immer nur: Schaut es euch an, so ist die Welt, so ausgehöhlt und sinnentleert ist unser Dasein."
In der FAZ ist Jürgen Kesting eher genervt von den platten politischen Aussagen Nina Chruschtschowas, die die Eröffnungsrede halten durfte, und Peter Sellars', der die Oper noch dazu als "lärmiges Popspektakel" inszeniere. "Der Regisseur, sein Bühnenbildner George Tsypin und der Lichtdesigner machen die Bühne zu einem Las-Vegas-Casino der billigen Sorte, ausgestattet mit grell-leuchtenden Roulettetischen, die immer wieder, ohne einleuchtende Gründe, herauf- und heruntergefahren werden. Dazwischen irren die zeitgemäß per Mobiltelefon sich verständigenden Figuren umher. Die Klangsphäre des Werks, die grell, lustvoll dissonant und motorisch-aggressiv das 'Gesellschaftliche als das Groteske' deutlich macht, wurde von den Wiener Philharmonikern unter dem in Salzburg debütierenden Timur Zangiev mit Verve demonstriert." Dem amerikanischen Tenor Sean Panikkar, der die Titelfigur singt, kann er nicht viel abgewinnen. Judith von Sternburg fand ihn in der FR jedoch ganz hervorragend, weil er "sich die Seele aus dem Leib singen muss und das mit Bravour meistert - und mit jener Leichtigkeit, die eine Hochleistung gar nicht groß ausstellt. Erst im Nachhinein wird einem klar, dass er 132 Minuten lang fast ohne Unterlass zugange war". Besprochen wird die Aufführung auch in der taz von Regine Müller, die sich vorrangig Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Mieczysław Weinbergs letzter Oper "Der Idiot" widmet.
Weitere Artikel: Michaela Schlagenwerth annonciert in der Berliner Zeitung das Programm des Berliner Festivals Tanz im August. In der FAZ meldet Jan Brachmann den Tod des Theaterregisseurs Christof Nel.
Jakob Hayner resümiert in der Welt das erste Jahr von Iris Laufenberg als Intendantin des Deutschen Theaters in Berlin. Zu sagen, er wäre enttäuscht, wäre untertrieben. Aber die Harmlosigkeit des DT ist vielleicht genau das, wofür das Berliner Publikum heute steht, denkt er sich: "Das neue Deutsche Theater wird vom Publikum gut angenommen, darauf hat Laufenberg hingewiesen. Ein Seitenhieb gegen die skeptischen Kritiker, die sich nur selten begeistert zeigten? Es ist keineswegs so, dass man sich in Laufenbergs Haus nicht unterhalten oder informiert fühlen würde. Das Problem ist, dass man selten wirklich herausgefordert wird. Das meiste ist von einer ästhetischen Harmlosigkeit, die zum reformistischen Geist - mehr Diversität! - passt, als sei man in der Abteilung darstellendes Spiel der benachbarten grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung gelandet." Aber "im heutigen Berlin, wo sich der politische Betrieb, die mediale Meinungsführerschaft und der 'Bionade-Biedermeier' gute Nacht sagen, ist womöglich gar nicht sehr viel mehr gewünscht als eine solide linksliberale Theatergrundversorgung. Wer Eigentumswohnungen hat, braucht auch keine ästhetischen Aufbrüche mehr."
Weiteres: Egbert Tholl schreibt in der SZ über das erstklassige Jugendprogramm der Salzburger Festspiele. In der FAZ mokiert sich Simon Strauß sanft über das Castorf-Interview (unser Resümee) in der Berliner Zeitung: "Solange das Ost-Orakel noch den Mund aufmacht und dafür nicht erschossen wird, bleibt es doch noch eine 'DDR minus', in der wir leben." Besprochen werden Choreografien und ein Auftritt von Lucinda Childs beim Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg (FAZ).
Szene aus "Cesare" mit Federico Fiori (Lepido), Margherita Maria Sala (Cornelia), Arianna Vendittelli. Foto: Birgit Gufler
In der SZ ist Reinhard J. Brembeck hingerissen von Geminiano Giacomellis Barockoper "(Julius) Caesar in Ägypten", die Ottavio Dantone, Cembalist und neuer Leiter die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, inszenierte: "In drei Stunden Spielzeit feuert der Komponist 25 Arien ab, eine virtuoser und temposüchtiger als die andere. Das sind alles Virtuosenstücke der Extraklasse, für Stimmen so komponiert, wie es zeitgleich in Venedig Antonio Vivaldi mit seinen Geigenkonzerten tat. Giacomelli kennt fast nur Rasanz. Das überrumpelt den Hörer, macht ihn atemlos erregt, ist aber dramaturgisch bedingt. Schließlich erzählt der 'Cesare' von einer Extremsituation ... Ottavio Dantone, Jahrgang 1960, ist von der Erscheinung her alles andere als ein geschniegelter Pultstar, sondern ein Musikarbeiter, aber mit enorm viel Inspiration und Leidenschaft. Er tritt auf, verkriecht sich gleich hinter dem Cembalo. Dann bringt er federleicht die Musiker dazu, aberwitzig Virtuoses selbstverständlich nebensächlich zu spielen. Das macht nur staunen."
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