Anlässlich des Heidelberger Stückemarkts (
mehr hier), bei dem dieses Jahr das Gastland China aufritt, sendet die chinesische Kritikerin
Chen Tian in der
nachtkritik einen
Theaterbrief aus China, in dem sie zunächst die Einschränkungen der staatlichen Theater skizziert: Aufgrund ihrer Abhängigkeit von staatlichen Mitteln müssen sie sich der
offiziellen Kulturpolitik anpassen, viele staatsnahe Künstler haben Belohnungen und Zensurmechanismen längst so verinnerlicht, dass sie "politisch genehme Produktionen eher als berufliche Errungenschaft" betrachten, erzählt Tian. Die Hoffnung liegt indes auf der
unabhängigen Theaterszene Chinas, "die sich grundlegend von ihren Vorgängern unterscheidet." Sie widmen sich "individuellen Erfahrungen und
marginalisierten Perspektiven. Ihre Werke untersuchen kritisch die Beziehung zwischen persönlichem und kollektivem Gedächtnis, reflektieren auch über die zeitgenössische Rolle des Theaters. Die Dominanz weiblicher Dramatikerinnen hat feministische Perspektiven und die Dekonstruktion patriarchaler Erzählstrukturen in den Fokus gerückt."
Für
Backstage Classical unterhält sich Antonia Munding mit der Komponistin
Missy Mazzoli und dem Generalmusikdirektor der Lyric Opera of Chicago
Enrique Mazzola, die nicht nur die amerikanische Gesellschaft zu Widerstand gegen Trump aufrufen, sondern auch einen
Tipp für die Europäer parat haben. Mazzolo meint: "In Europa hat man durch die staatlichen Subventionen, die jahrzentelang garantiert waren, auch ein bisschen den Bezug zum Publikum verloren. Die neue Musik, die komponiert wurde, wollte nicht unbedingt mit ihren Zuhörern sprechen. Das war lange Zeit cool und geheimnisvoll.
Jetzt ist es arrogant. Warum gibt es keine Opernstoffe in Deutschland, die von den sozialen Problemen handeln, die die junge Generation umtreibt?" Die
staatlichen Förderungen sollten "nicht für garantiert hingenommen werden. Denn wohin wird der Rechtsruck in Europa führen? Welche Kunst wird in ein paar Jahren noch als förderungswürdig gelten? Ich empfehle allen Kolleginnen in den europäischen Opernhäusern sich jetzt auch um alternative Finanzierungsmodelle, um private Sponsoren zu kümmern."
Weitere Artikel: Nicht ganz glücklich wird Peter Laudenbach in der
SZ mit
Anne Lenks Inszenierung von
Ernst Tollers Kriegsheimkehrer-Drama "Hinkemann", das die Regisseurin am Deutschen Theater Berlin eher aus identitätspolitischer Perspektive auf das Private verengt, als auf die Aktualität des Stückes, gegen das die Nazis 1924 aufmarschierten, zu fokussieren: "Seit Jahren zählen
Morddrohungen gegen antifaschistische Künstler, ob gegen den Pianisten Igor Levit oder gegen Shermin Langhoff, die Intendantin des Berliner Maxim Gorki Theaters, wieder zum Repertoire der rechten Aggression."
Besprochen werden
Moritz Nikolaus Kochs Inszenierung von
Franz Werfels "Bocksgesang" im Landestheater Schleswig-Holstein (
taz),
Sibylle Broll-
Papes Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" am Theater Bamberg (
nachtkritik), das Stück "Alle Lust" von Victoria Halper und Kai Krösche / DARUM (feat. other:M:other) am Wiener Theater am Werk (
nachtkritik).