Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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3635 Presseschau-Absätze - Seite 24 von 364

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.05.2025 - Bühne

Szene aus "Der Name der Rose" an der Mailänder Scala. Credits: Brescia e Amisano

Reinhard J. Brembeck trifft für die SZ den Komponisten Francesco Filidei, der Umberto Ecos mittelalterlichen Krimi "Der Name der Rose" für die Mailänder Scala vertont hat. "Grandios vergnüglich" funktioniere Filideis Vorhaben, "die beiden großen Tendenzen der italienischen Musik nach 1945 zu verbinden, das Schlagerfestival von San Remo und die Nachkriegsavantgarde", jubelt Brembeck, der außerdem seine Freude an der Fülle von Referenzen hat, die Filidei hier einbaut: "Natürlich gibt es mönchische Mittelaltergesänge, schließlich tagen in dem von Morden heimgesuchten Kloster auch zwei Delegationen, um die Vorherrschaft von Papst oder Kaiser zu klären. Was natürlich schief geht, aber unweigerlich an Trump und Putin oder Xi denken lässt. Musikalisch, das fällt wohl nur dem belustigten Kenner auf, baut Filidei in diese Szene das berühmte 'Sederunt principes' des Perotin ein und lässt die Szene in einer Prügelei von Geistlichen enden. Was wiederum die Prügelfuge aus Wagners 'Meistersingern' evoziert und die Hoffnung, dass es beim derzeitigen Konklave in der Sixtinischen Kapelle weniger handgreiflich zugeht."

Am Hamburg Ballett herrscht schlechte Stimmtung: Fünf der elf Ersten Solisten und 36 der 63 Tänzerinnen und Tänzer haben wegen des neuen Intendanten Demis Volpi schon gekündigt, berichtet Peter Laudenbach in der SZ. Die Belegschaft hat nun einen Brandbrief an Kultursenator Carsten Brosda geschrieben, in dem die Kommunikation bemängelt sowie mangelndes "künstlerisches Niveau" und ein "toxisches Arbeitsklima" beklagt wird, zitiert Brembeck, der skeptisch ist: "Dass nicht jeder Neumeier-Star glücklich über den Wechsel ist, muss nicht allein am neuen Intendanten liegen. In den Kündigungen der fünf Solisten liegt für Volpi auch eine Chance der behutsamen Neuausrichtung der Compagnie. Das ist nicht nur legitim, es ist eine seiner Aufgaben. Ob das künstlerisch gelingt, muss sich auf der Bühne, in den Ballettaufführungen zeigen. Sie und der Anklang, den sie beim Publikum finden, entscheiden über Erfolg und Misserfolg der Intendanz Volpis, nicht Protestbriefe aus dem Ensemble."

Besprochen werden Eike Weinreichs Inszenierung des Stücks "Volpone - oder der Kampf ums Überleben", das im Rahmen des Projekts "New Hamburg" Obdachlosigkeit thematisiert (taz) und Schorsch Kameruns Stück "House of Resistance" am Schauspiel Duisburg (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.05.2025 - Bühne

Szene aus "Die Möglichkeit des Bösen" an den Münchner Kammerspielen. Foto: Gabriela Neeb.

Im "Flow" ist SZ-Kritikerin Christiane Lutz bei Marie Schleefs Adaption der Kurzgeschichte "Die Möglichkeit des Bösen" von Shirley Jackson an den Münchner Kammerspielen. Völlige Entschleunigung scheint Schleefs Motto zu sein, stellt Lutz fest. Und tatsächlich gelte hier das gleiche, wie bei der Meditation - man muss sich darauf einlassen, sonst funktioniert es nicht: "Aus dem Text von Valeria Gordeev macht Marie Schleef eine ASMR-Performance, was bedeutet, dass über Lautsprecher zum Geschehen passende Geräusche abgespielt werden und sich zu einem angenehm kribbelnden Soundteppich verdichten. Das Blubbern eines Strohhalms in Limonade. Das Wischen eines Handbesens. Das Vorbeifliegen eines überdimensionalen Staubkorns. Und immer: sehr, sehr langsame Bewegungen. Das macht entweder wahnsinnig - oder völlig high. Wie Yoga eben auch."

Weitere Artikel: Bei VAN denkt Holger Noltze während Katie Mitchells Neuinszenierung der Strauss-Oper "Die Frau ohne Schatten" in Amsterdam über das Umschreiben von Stücken zum Zweck der politischen Korrektheit nach: Hier wurde der "problematische" Inhalt so sehr umgeschrieben, so Noltze, dass von der Grundidee nicht mehr viel übrig bleibt: "Damit es spannend wird, braucht es doch beide Pole. Es braucht einen 'Änderungen nachverfolgen'-Modus, keine Korrektur im Sinne von Überpinselung mit Deckfarbe." Wiebke Hüster in der FAZ und Hannah Kunt in der Zeit berichten über die Krise am Hamburger Staatsballett:die Belegschaft ist unzufrieden mit der Intendanz von Demis Volpi, der nicht genug Engagement zeige.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.05.2025 - Bühne

Theater Görlitz - Gramsci, © Nikolai Schmidt

Einen beglückenden Abend verbringt FR-Kritikerin Judith von Sternburg im Theater Görlitz. Gegeben werden zwei Stücke: Den Anfang macht die Oper "Gramsci" von Komponist Cord Meijering und Librettist Hans-Klaus Jungheinrich. Gut zu fassen bekommt die Aufführung das Besondere der Titelfigur: "Das kann die Musik gut, so eine Süße hineinzubringen, die ungreifbar bleibt. Es ist insgesamt überraschend, wie unmittelbar zugänglich Meijerings Musik ist, und mit dieser Zugänglichkeit auch kühn spielt. Neben innigen Szenen mit dem Bruder, der Mutter, kühlen Szenen mit Julia, seiner Frau, neben politischen Begegnungen, die bedrängend, aber interessanterweise auch abgeklärt wirken (Gramsci: cool, klug), gibt es feine Chorauftritte. Das sind aparte, somnambule Momente, erst recht, wenn sich noch das fabelhafte sardische Gesangsquartett wie von ungefähr dazugesellt. (…) Noch der freieste Mensch befindet sich nicht im luftleeren Raum." Auf die "Gramsci"-Uraufführung folgt eine Inszenierung der Puccini-Oper "Suor Angelica", die Sternburg ebenfalls lobt.

Weiteres: Theresa Grenzmann blickt für die FAZ auf einige Produktionen, die auf dem "radikal jung"-Theaterfestival im Münchner Volkstheater präsentiert werden. Versammelt sind insbesondere "Geschichten von Ohnmacht und Selbstbehauptung, Verzweiflung und Befreiung, Verlust und Fürsorge, Einsamkeit und Freundschaft". Paul Jandl porträtiert in der NZZ den Regisseur Leander Haußmann, der derzeit wieder vermehrt an Theaterprojekten arbeitet. Janis El-Bira kommentiert auf nachtkritik die Entscheidung Chrisopher Rüpings, den mit 20000 Euro dotierten Theaterpreis aufgrund der Kürzungen in der Berliner Kulturlandschaft nicht anzunehmen. Besprochen wird das Stück "Alle Lust" der Theatergruppe Darum im Theater am Werk, Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.05.2025 - Bühne

Szene aus "Das geheime Leben der Alten". Foto: Johanne Lamoulere, Tendance Floue

Eines der letzten wahren Tabus geht der französische Regisseur Mohamed El Khatib in seiner Inszenierung "Das geheime Leben der Alten" an, das bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere feierte, ruft SZ-Kritiker Max Florian Kühlem. Es geht nämlich um die Sexualität alter Menschen, denn ja, lernt Kühlem, der hier "starke Momente" erlebt, die gibt es durchaus: "Wenn man diesen Alten so zuhört, glaubt man tatsächlich irgendwann, was die 91-Jährige gleich zu Beginn mit Worten des französischen Dichters Alfred de Musset behauptet: dass die Liebe die große Sache im Leben ist, die Vereinigung zweier so furchtbar unperfekter Wesen. Die teilweise sehr detaillierten Einsichten, was das auch im hohen Alter noch bedeuten kann, mag manche schockieren, aber sie können auch entspannen. Sie zeigen, dass nicht automatisch zutrifft, was gemeinhin immer noch angenommen wird: dass Lust und Begehren im Alter enden, bei Frauen womöglich schon nach den Wechseljahren. Deshalb ist es besonders toll, dass Mohamed El Khatib mit der über 90-Jährigen einsteigt, die am liebsten täglich Sex hätte."

Besprochen werden Lotte van den Bergs und Tobias Staabs Inszenierung von Toshio Hosokawas Oper "Matsukaze" an der Münchner Staatsoper (FAZ), Andrea Moses' Inszenierung von Mike Svobodas Peter-Hacks-Oper "Adam und Eva" bei den Schwetzinger SWR-Festspielen (FR), eine Inszenierung von Lizzie Dorons Stück "Who the fuck is Kafka" des deutsch-israelisch-palästinensischen Theaterprojekts "Durch das Schweigen" am Schlosstheater Celle (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.05.2025 - Bühne

"Die Erfindung" am Schauspiel Stuttgart. Foto: Björn Klein.


Für FR-Kritikerin Judith von Sternburg ist Clemens J. Setz' "Die Erfindung", inszeniert von Lukas Holzhausen am Schauspiel Stuttgart "eine schillernde Horrorkomödie für die Endphase unserer Zeit": Das Paar C und S wird von einem mittelmäßigen Krimi auf die Idee gebracht, zu schauen, wer sich auf eine Art Menschenhandel im Darknet einlässt: Das Stück "bewegt sich im empfindlichen Bezirk von Lust, Perversion, misogyner Gewaltfantasie, hedonistischer Selbstzufriedenheit und jener an sich nicht so schlimmen und unterm Strich wohl häufiger auftretenden Verblödung zu zweit. Und bezieht ein, dass all diese zunächst privaten Dinge durch das Internet in ein ungewisses Draußen dringen wollen und können." Sternburg freut sich, dass beim Regisseur Holzhausen der "Dialogwitz wie im schönsten Konversationsstück strahlt, zugleich aber die Schräglage der Situation ins Bild gesetzt wird. Katharina Hauter als S und Marco Massafra als C alias Clemens J. Setz sind ein fabelhaft naturalistisches Paar, man muss nicht mal selbst ein Paar sein, um sich hier sofort wiederzuerkennen.""

Nachtkritiker Thomas Rothschild fügt hinzu: "Clemens J. Setz ist nicht der Mann für moralisierende Plädoyers. Vielmehr spielt er (…) mit den Elementen von Trash und überlässt es dem Publikum, sich darüber zu amüsieren oder angeekelt abzuwenden. Seine 'Erfindung' lässt sich als Kritik an einer aus den Fugen geratenen Zivilisation lesen - manche mögen es Mangel an Geschmack nennen, andere einen aufklärerischen Tabubruch. Es ist gerade diese Ambivalenz, die dem Stück eine theatrale Wirkung verschafft. Zumal in einer Zeit, in der zunehmend nach Eindeutigkeit gefahndet, Mehrdeutigkeit verteufelt wird. (…) Kein Zweifel: Clemens J. Setz gehört zu den eigenwilligsten Dramatikern unserer Tage. Er hat eine unverwechselbare Handschrift, abseits von einem altbackenen Naturalismus ebenso wie von der Ästhetik der Performance."

Im Liveblog zum Berliner Theatertreffen dokumentiert Esther Slevogt für die Nachtkritik die Rede des Regisseurs Christopher Rüping, der das Preisgeld für den ihm verliehenen Theaterpreis 2025 ablehnt: "Angesichts der Kürzungen im Kulturetat des Landes Berlin, wolle der Regisseur kein Geld 'aus den Händen des Senats' annehmen. Rüping spendet das Preisgeld an die von den Kürzungen betroffenen Organisationen und Institutionen gemäß ihrem Anteil am Gesamtvolumen der Streichungen. Es seien 57 Einrichtungen, 'deren Bankverbindungen sich ermitteln lassen', so Rüping. 'Insgesamt sind damit 0,018 Prozent der vom Senat beschlossenen Kürzungen zurückgenommen', heißt es in der Rede."

Weiteres: Der Intendant Pierre Audi ist mit 67 Jahren gestorben, Welt, FAZ und SZ trauern. Die Welt und der Tagesspiegel statten dem Berliner Theatertreffen einen Besuch ab. Das "Ja, Mai"-Festival der Bayerischen Staatsoper besticht die SZ mit seinem Japan-Schwerpunkt.

Besprochen werden: "Adam und Eva" bei den Schwetzinger Festspielen von Mike Swoboda und Anne-May Krüger, Regie Andrea Moses (FAZ), Ludovic Lagardes "Médecine générale" nach Olivier Cadiot im Théâtre des Abbesses (FAZ), Rimini Protokoll mit "Futur4" im Wiesbadener Staatstheater (FR, Nachtkritik), "Friends of Forsythe" bei den Maifestspielen im Wiesbadener Staatstheater, inszeniert von William Forsythe und Rauf Yasit (FR), "Wurzelbaum" von Célestine Hennermann, auch auf den Maifestspielen (FR), "Also sprach Zarathustra" nach Friedrich Nietzsche, inszeniert von Sebastian Hartmann am Schauspielhaus Zürich (Nachtkritik, NZZ) und beim Berliner Theatertreffen René Polleschs letzte Inszenierung "ja nichts ist ok" an der Volksbühne (Nachtkritik) und "Blutbuch" nach dem Roman von Kim de L'Horizon am Theater Magdeburg, inszeniert von Jan Friedrich (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.05.2025 - Bühne

"Republik der Liebe" ist das Motto der diesjährigen Wiener Festwochen. Mit Hippies hat das nichts zu tun, versichert Leiter Milo Rau, der sich im Burgtheater mit Jakob Hayner (Welt) getroffen hat, denn Liebe habe, "weil sie alles auflöst, einen Hang zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen ... Ich bringe Themen auf die Bühne, die im Zentrum der Gesellschaft stehen", sagt Rau, der schon mit Linksterroristen, AfD-Politiker, Ulf Poschard, Rammstein und Otto Muehl gearbeitet hat. "Wir sitzen in einem Garderobenraum, um uns herum hängen Kostüme auf Stangen. Bei Raus erster Ausgabe im vergangenen Jahr ging es um einen Rückblick auf die Corona-Maßnahmen, um Rechtspopulismus und Linksaktivismus - Selbstanklage inbegriffen. Er begreift das Theater als Arena einer 'res publica', einer öffentlichen Angelegenheit. 'Ich habe mir Meinungen ausführlich angehört, wo ich in einer Talkshow abschalten würde, weil ich sage, dass ich die schon kenne', sagt Rau. 'Das gelingt im Theater besser als im medialen Diskurs.' Auch die Beteiligten würden dem Theater ein Vertrauen schenken, das die Medien immer seltener genießen, und zwar, weil das Theater einen 'regelgesteuerten Raum' für Auseinandersetzungen bieten könne." Wer sich gern aufregt oder debattiert, findet in diesem Jahr Anlass zum Beispiel bei dem Stück "Drei mal links ist rechts", dem "Prozess Pelicot" oder Elfriede Jelineks "Burgtheater".

Besprochen werden Bizets "Perlenfischer" bei den Wiesbadener Maifestspielen (FR)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.05.2025 - Bühne

Anlässlich des Heidelberger Stückemarkts (mehr hier), bei dem dieses Jahr das Gastland China aufritt, sendet die chinesische Kritikerin Chen Tian in der nachtkritik einen Theaterbrief aus China, in dem sie zunächst die Einschränkungen der staatlichen Theater skizziert: Aufgrund ihrer Abhängigkeit von staatlichen Mitteln müssen sie sich der offiziellen Kulturpolitik anpassen, viele staatsnahe Künstler haben Belohnungen und Zensurmechanismen längst so verinnerlicht, dass sie "politisch genehme Produktionen eher als berufliche Errungenschaft" betrachten, erzählt Tian. Die Hoffnung liegt indes auf der unabhängigen Theaterszene Chinas, "die sich grundlegend von ihren Vorgängern unterscheidet." Sie widmen sich "individuellen Erfahrungen und marginalisierten Perspektiven. Ihre Werke untersuchen kritisch die Beziehung zwischen persönlichem und kollektivem Gedächtnis, reflektieren auch über die zeitgenössische Rolle des Theaters. Die Dominanz weiblicher Dramatikerinnen hat feministische Perspektiven und die Dekonstruktion patriarchaler Erzählstrukturen in den Fokus gerückt."

Für Backstage Classical unterhält sich Antonia Munding mit der Komponistin Missy Mazzoli und dem Generalmusikdirektor der Lyric Opera of Chicago Enrique Mazzola, die nicht nur die amerikanische Gesellschaft zu Widerstand gegen Trump aufrufen, sondern auch einen Tipp für die Europäer parat haben. Mazzolo meint: "In Europa hat man durch die staatlichen Subventionen, die jahrzentelang garantiert waren, auch ein bisschen den Bezug zum Publikum verloren. Die neue Musik, die komponiert wurde, wollte nicht unbedingt mit ihren Zuhörern sprechen. Das war lange Zeit cool und geheimnisvoll. Jetzt ist es arrogant. Warum gibt es keine Opernstoffe in Deutschland, die von den sozialen Problemen handeln, die die junge Generation umtreibt?" Die staatlichen Förderungen sollten "nicht für garantiert hingenommen werden. Denn wohin wird der Rechtsruck in Europa führen? Welche Kunst wird in ein paar Jahren noch als förderungswürdig gelten? Ich empfehle allen Kolleginnen in den europäischen Opernhäusern sich jetzt auch um alternative Finanzierungsmodelle, um private Sponsoren zu kümmern."

Weitere Artikel: Nicht ganz glücklich wird Peter Laudenbach in der SZ mit Anne Lenks Inszenierung von Ernst Tollers Kriegsheimkehrer-Drama "Hinkemann", das die Regisseurin am Deutschen Theater Berlin eher aus identitätspolitischer Perspektive auf das Private verengt, als auf die Aktualität des Stückes, gegen das die Nazis 1924 aufmarschierten, zu fokussieren: "Seit Jahren zählen Morddrohungen gegen antifaschistische Künstler, ob gegen den Pianisten Igor Levit oder gegen Shermin Langhoff, die Intendantin des Berliner Maxim Gorki Theaters, wieder zum Repertoire der rechten Aggression."

Besprochen werden Moritz Nikolaus Kochs Inszenierung von Franz Werfels "Bocksgesang" im Landestheater Schleswig-Holstein (taz), Sibylle Broll-Papes Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" am Theater Bamberg (nachtkritik), das Stück "Alle Lust" von Victoria Halper und Kai Krösche / DARUM (feat. other:M:other) am Wiener Theater am Werk (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.04.2025 - Bühne

Szene aus "Hieronymus B." Foto: Oliver Look.

So viel "bezaubernde Sinnlichkeit" hätte Jens Fischer (taz) Hieronymus Bosch gar nicht zugetraut. Aber wenn Nanine Linning Boschs Monsterwesen und Chimären im Theater am Domshof in Osnabrück tanzen lässt, wirken sie geradezu "apart", staunt Fischer: "Wie von ihm gemalt ist in Osnabrück eine Frau in Harfensaiten wie in einem Foltergerät verstrickt; durch einen Schlüsselring schlängelt ein Akrobat, ein anderer entwindet sich einem Metallgefängnis; zum Würfelspiel animiert ein Kröterich; aus einem messerdurchbohrten Ohr wird eine Frau geboren. Zwischen den Zuschauer:innen tanzen in hautfarbenen Trikots entblößte Menschen mit aufgenähten Gummibrüsten. Alle wirken schmerzgepeinigt, von Qual gekrümmt und von Begehren getrieben. Der räkelige Verlockungsreigen mündet in einen zärtlichen Pas de deux - was wiederum ein aggressives schweinsköpfiges Wesen stört."

Während in einem von Kai Wegner (CDU) mit der parteilosen Kulturstaatssekretärin Sarah Wedl-Wilson anberaumten Kulturdialog mit Geschäftsführungen und Intendanzen der Landesbühnen derzeit über die Pläne, Volksbühne, Gorki-Theater, Deutsches Theater, Theater an der Parkaue und Konzerthaus in eine gemeinsame Stiftung öffentlichen Rechts zu überführen, diskutiert wird, protestierten betroffene Mitarbeiter vor der Volksbühne, schreibt Andreas Hergeth in der taz. Auch, weil bei einer Umstrukturierung der landeseigenen Theater die jeweiligen Personalräte miteinbezogen hätten werden müssen, so Hergeth, der mit verschiedenen Vertretern gesprochen hat. Etwa mit  Philipp Friesel vom Personalrat des Gorki-Theaters: "Vor allem die Aussicht auf Haustarife, der damit einhergehende Austritt aus dem Tarifvertrag und damit auf Lohnverzicht würden viele vor den Kopf stoßen. Auch weil die Gehälter an den landeseigenen Theater eine Orientierung für alle anderen Theater und auch die Freie Szene darstellen. 'Wenn wir nach unten trudeln, trudelt auch der Rest nach unten.'" In der nachtkritik kommentiert Christian Rakow wütend: "Der Staat zieht sich aus seiner Verantwortung, verspielt sein Vermögen, verschleudert das Tafelsilber. Unter dem Deckmantel der ökonomischen Alternativlosigkeit. ... Berlins Theaterstrukturdebatte bezeichnet das jüngste postdemokratische Schlachtfeld."

Besprochen werden Reinhard Hinzpeters Inszenierung von Lot Vekemans' Dialogstück "Blind" am Freien Schauspiel Ensemble Frankfurt (FR), Frank Castorfs Inszenierung von Büchners "Dantons Tod" am Staatsschauspiel Dresden (Zeit) und Francesco Filideis Adaption von Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" an der Mailänder Scala (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.04.2025 - Bühne

Szene aus "Wagner Weltweit". Foto: Andrea Vollmer

Recht erschlagen, wenn auch zu neuen Fragestellungen angeregt, kommt SZ-Kritiker Helmut Mauró aus dem Stück "Wagner weltweit" auf Kampnagel in Hamburg, wo ihm das Theaterkollektiv Sounding Situations nicht nur die Beziehung zwischen der russischen Söldnertruppe "Gruppe Wagner" und Richard Wagner darlegt, sondern auch den Krieg in der Ukraine auf der Bühne verhandelt. Während Theaterberichte und Tagesjournalismus verlesen werden, "singt und schreit und klagt Katsia Kaya zu Texten und Melodien aus Richard Wagners 'Ring des Nibelungen'. Eines wird klar: Eine neue oder objektive Wahrheit wird auf der Kampnagel-Bühne zum Thema Ukraine nicht geboren, aber man kommt auf dem Weg dorthin ein bisschen weiter."

Kirill Serebrennikow zeichnet in seiner Inszenierung von Mozarts "Don Giovanni" an der Komischen Oper Berlin gleich für Regie, Bühnenbild und Kostüme verantwortlich - und auch dem Publikum mutet er einiges zu, nicht nur, wenn er das heitere Ende der Oper streicht und sie mit dem "Lacrimosa-Satz" aus Mozarts Requiem enden lässt, stöhnt ein angestrengter Wolfgang Schneider in der SZ. Dass der russische Regisseur die Handlung bis zur Unkenntlichkeit mit Mystik auflädt, macht es für Schneider nicht besser: "Serebrennikow gliedert die Abschnitte der Oper jeweils als Schritte im Sinn des 'Bardo', das sind, im Tibetischen Buddhismus, die möglichen Bewusstseinszustände im Diesseits oder Jenseits. Er verfügt den Aufbau der Oper durch drei jeweils dreigeteilte 'Bardos' des Lebens, der Träume und der Visionen. Fließend der Übergang zu den sechs Teilen des Requiems, gegliedert als 'Bardos' des Todes und der Erkenntnis. Und doch erklingt Mozarts Partitur, die Folge der Rezitative und Arien, partiturgetreu - mit Fragezeichen versehen, ob die Musik und die Bühnenhandlung irgendwie ineinandergreifen."

In der NZZ porträtiert Ueli Bernays den deutschen Theaterregisseur Sebastian Hartmann, der aktuell am Schauspielhaus Zürich im Schiffbau Nietzsches "Also sprach Zarathustra" inszeniert.

Besprochen werden außerdem Katharina Mayrhofers Inszenierung von Martin Schäubles "Endland" an der Schauburg München (nachtkritik), Ruth Mensahs Adaption von Tarjei Vesaas' Roman "Der Keim" am Theater Bremen (taz), B.K. Tragelehns Inszenierung von Heiner Müllers "Die Umsiedlerin" an der Ausweichspielstätte des Schauspiels Leipzig (Welt), Frank Castorfs siebenstündige Inszenierung von Büchners "Dantons Tod" am Staatsschauspiel Dresden (Welt), Philip Venables' Kammeroper "4.48 Psychosis" nach Sarah Kane am Staatstheater Mainz (FR), Francesco Filideis Adaption von Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" an der Mailänder Scala (FAZ) und Anne Lenks Inszenierung von Ernst Tollers "Hinkemann" am Deutschen Theater in Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.04.2025 - Bühne

"Die Zofen" in Frankfurt. Foto: Jessica Schäfer.

Jan Wiele freut sich in der FAZ, dass Rieke Süßkows Inszenierung von Jean Genets "Die Zofen" am Schauspiel Frankfurt sich dem zeitgenössischen Drang widersetzt, alles aktualisieren zu müssen. Die zwei Dienerinnen, die sich gegen ihre Herrin zur Wehr setzen, spielen unter Masken auf einer Bühne, die aussieht "wie eine expressionistische Schrankwand. In Lila. Aus den sich quietschend öffnenden Türen purzeln die Zofen-Gnome, und manchmal werden sie auch brutal in den Schrank zurückgesteckt. Oder verschwinden in einer Falltür, unter der sich ein gluckernder Schlund auftut. Visuell und akustisch grotesk, gibt die Vorführung eine Ahnung davon, wie avantgardistische Kunst in der frühen Moderne verstörte, zusätzlich ruft sie einige im Bildgedächtnis verankerte Schock-Märchenelemente auf, von F.W. Murnau bis zu David Lynch (wobei die Perücke der Herrin eher an frühe Folgen von 'Raumschiff Enterprise' erinnert)."

Judith Sternburg sieht das in der FR ganz anders: "Man könnte darin eine Verweigerung der Regie sehen, sich auf eine von einem Mann auf Frauenfiguren projizierte Lüsternheit einzulassen. Aber vor allem dient die ganze Maskerade doch dazu, neckische Spotlights auf das nächste dekorative Requisit zu werfen, das im lilafarbenen Aufbau platziert wurde. Ein Aufbau, der allen Ernstes auch eine Verkaufsfläche sein könnte. Als die drei Spielerinnen zum Schlussapplaus die Masken abnehmen und man Linder, Corovic und Wolf ins Gesicht sieht, bekommt man eine Ahnung davon, was man verpasst hat."

"Gesamtkunstwerk pur" ist Christian Friedels Inszenierung von Stanislaw Lems "Solaris" am Schauspiel Frankfurt für Nachtkritiker Jan Tussing. Der Roman, auf dem das Stück basiert, setzt sich vor allem mit den Wissenschaftlern auseinander, die den rätselhaften Planeten Solaris erforschen, dabei aber auch dem Menschsein auf den Grund gehen, erklärt er: "Friedel verwebt die existentiellen Fragen des Romans nach den Grenzen menschlichen Denkens zu einer perspektivreichen Erzählung. Er schafft mit seinem anspruchsvollen Video- und Lichtspektakel (Video: Clemens Walter, Licht: Marcel Heyde) traumartige Szenen, die einem Hollywoodfilm in nichts nachstehen. Und die eigens für diesen Abend komponierte elektronische Musik seiner Band 'Woods of Birnam' schafft eine soghafte Dynamik. Wummernde Musik, trommelartige Wirbel und ein sphärischer Klangteppich tragen die Handlung." Auch taz-Kritiker Björn Hayer erlebt "Momente von ekstatischer Kraft", vermisst aber Ideen. Weitere Besprechungen in FAZ und FR.

Besprochen werden außerdem Frank Castorfs siebenstündige Inszenierung von Büchners "Dantons Tod" am Staatsschauspiel Dresden (FAZ, Peter Laudenbach ist in der SZ mäßig beeindruckt: "Wenn man lange nach Mitternacht etwas erschöpft aus dem Theater taumelt, hat man zwar wieder mal durchaus beeindruckt eines der Fieberdelirien aus der Serienproduktion der Castorf-Factory bestaunt, aber was den Regisseur diesmal am verhandelten Stoff interessiert haben könnte, bleibt diffus und oberflächlich") "One Love" mit Choreografien von Andrew Skeels und Martin Harriague am Nationaltheater Mannheim (FR), Falk Richters und Anouk van Dijks "A Perfect Sky" am Schauspielhaus Hamburg (Nachtkritik) und "Tristan (und Isolde)", geschrieben und inszeniert von Nele Jahnke, an den Münchner Kammerspielen (Nachtkritik).