Szene aus "Mann ist Mann". Gefängnistheater aufBruch. Foto: Mark Schulze Steinen Nachdem Patrick Wildermann (Tagesspiegel) Peter Atanassows Inszenierung des Brecht-Stückes "Mann ist Mann" über den für die britische Armee zwangsrekrutierten Lastenträger Galy Gay im Gefängnistheater aufBruch gesehen hat, wird ihm noch einmal bewusst, wie tragisch es wäre, wenn das Projekt den Budgetkürzungen zum Opfer fiele. Denn das Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten sowie der Schauspielerin Juliette Roussenac spielt einfach richtig stark, findet er: "Moses zum Beispiel (viele aufBruch-Spieler treten aus nachvollziehbaren Gründen nur mit Vornamen in Erscheinung) ist als Galy Gay eine tolle Besetzung: Ein Mann ohne Eigenschaften und Prinzipien, über den es einmal heißt, er sei 'für eine Zigarre bereit, den Namen seines Vaters zu vergessen.' Erst recht ist er willens, für ein paar Bier die Lücke zu schließen, die der Ausfall des versoffenen Soldaten Jeraiha Jip in der Maschinengewehr-Abteilung der Armee gerissen hat."
"Das Gefangenentheater aufBruch beweist mal wieder seine ganz besondere Bedeutung im Berliner Theaterbetrieb", bestätigt auch Tom Mustroph in der taz: "Die Technik des chorischen Sprechens erreicht dank jahrelanger Praxis eine fulminante Qualität. Und aus den einstigen Schauspiel-Laien entwickeln sich immer mehr Charakterdarsteller, die auch die eine oder andere etabliertere Bühne zieren würden. Positiv ist zudem, dass dank neuer Förderer die drastischen Kürzungen von Zuwendungen durch den Berliner Justizsenat (von 202.000 runter auf 60.000 Euro!) zumindest so aufgefangen werden konnten, dass eine Weiterarbeit in den Gefängnissen wie auch mit Entlassenen außerhalb der Gefängnismauern möglich ist. Allerdings werden in Zukunft nur noch drei statt wie bisher vier Produktionen pro Jahr realisiert werden können, sagte Co-Leiterin Sibylle Arndt der taz."
Weitere Artikel: In der Welt resümiert Jakob Hayner das Kunstfest Weimar, bei der er mit "Das Land, das ich liebte" der russischen Journalistin Jelena Kostjutschenko einen klaren Höhepunkt ausmacht. Ebenfalls in der Welt erzählt uns Manuel Brug, wie er auf Einladung der Veroneser Intendantin Cecilia Gasdia als Statist in Franco Zeffirellis 30 Jahre alter "Carmen"-Inszenierung auf der Bühne des Opernfestivals stehen durfte. Dass Florentina Holzingers Spektakel "Sancta" von Theater heute zur Aufführung des Jahres gewählt wurde, ist für Rüdiger Schaper im Tagesspiegel ebenso wenig eine Überraschung wie das gekürte "Ärgernis des Jahres": die Berliner Sparpolitik. In der SZ porträtiert Helmut Mauró den Operntenor Piotr Beczala, der dieses Jahr als Lohengrin in Bayreuth auf der Bühne stand. Jan Brachmann gratuliert in der FAZ der slowenischen Mezzosopranistin Bernarda Fink zum Siebzigsten. Bei VANblickt Holger Noltze in die Geschichte der Salome-Interpretationen. Kevin Ng überlegt, wie der als "KI-Erlebnis" angekündigte "Ring" bei den Bayreuther Festspielen 2026 aussehen könnte. Monika Mertl lässt sich ebenfalls bei VAN von Christopher Loy die Faszination der Zarzuela erklären. Und Graziella Contratto bekennt ihre Leidenschaft für den amerikanischen Baritenor Michael Spyres, der als Walther von Stolzing in der Bayreuther Neuproduktion der Meistersinger von Nürnberg auftrat.
Szene aus "Von allen Geistern". Bild: Thomas Müller "Erschreckend realitätsnah" wirkt Theresia Walsers von Torsten Fischer beim Kunstfest Weimar inszeniertes Stück "Von allen Geistern" auf den SZ-Kritiker Egbert Tholl: Gezeigt wird, wie sich der Schulbetrieb unter einer neuen rechten Regierung radikalisiert: "Walser schickt ihre Figuren in eine Aporie, in der manche mit neuen Träumen, andere mit innerer Leere landen. Die Konturen dazwischen verschwimmen. Nur Ella, die in dieser Rolle flamboyant spielende Judith Rosmair, gibt nicht auf. Einmal, so wird erzählt, zetteln die Schüler eine Bücherverbrennung im Hof an, vor allem Geschichtslehrbücher, 'da steht zu viel von Holocaust drin'. Ella inszeniert eine Schulstunde als Gerichtsverhandlung, der Elternbeirat indes redet von Bubenscherz und will sie loswerden. Am Ende befragt sie die Klasse 9c, wie die sich die 'ideale Stadt der Zukunft' vorstelle. Ergebnis: Mauern, Zäune, gleiche Hautfarbe, gleicher Glaube, normale Familien, die sich unter Normalen wohlfühlen, 'mit harter Hand und eiserner Faust'. Walsers 'Von allen Geistern' sei dringend zum Nachspielen empfohlen."
Besprochen wird außerdem "Ganz unten" - eine "Doku-Oper" von Mehmet Ergen und Sabri Tuluğ Tırpan nach Günter Wallraff beim Kunstfest Weimar (Nachtkritiker Michael Laages ärgert sich, dass hier Wallraffs angriffslustige Methoden schlicht "musealisiert" werden).
In Frankreich ist der Regisseur Julien Gosselin, der unter anderem mit epischen Literaturadaptionen von sich reden macht, ein veritabler Star, in Deutschland hingegen bei Publikum wie Kritik umstritten (siehe etwa hier). Jakob Hayner überlegt in der Welt, warum das so ist. Ein mit allen Wassern der Zuschauermanipulation gewaschenes "kalkuliertes Mitfühltheater" erschafft Gosselin, meint Hayner. Selbst klassische Avantgardegesten wie die Aufdeckung der Produktionsmittel haben hier nichts mehr mit kritischer Distanzierung zu tun. Im Gegenteil: "Gosselin verbirgt seine Tricks nicht, doch das Offenlegen der inneren Mechanik kratzt hier nicht am Illusionismus, hat keine kritische Funktion mehr. Es bleibt äußerlich, dient gar als ästhetisches Dekor. Die postdramatischen Taschenspielertricks haben ausgedient, hier herrscht eine höhere Bühnenmagie, die alles überstrahlt. Ist das, was Gosselin macht, makelloses Kunsthandwerk oder doch mehr? Die Differenz betrifft auch die Frage, ob seine Inszenierungen eine postkritische Illusionsästhetik bedienen oder präzise das Schicksal der ästhetischen Desillusionierungskritik in der Moderne - ihren Verfall zum Dekor ohne weitere Haupt- und Nebenwirkungen - auf den Punkt bringen."
"Unterdurchschnittlich" waren die diesjährigen Salzburger Festspiele, resümieren Ljubiša Tošić und Margarete Affenzeller in listicle-Form im Standard. Schlechte Noten erteilt das Blatt dem Event insbesondere in den Kategorien Debatte, Innovation und Diversität. Alles war freilich doch nicht schlecht in Salzburg, lesen wir an anderer Stelle im selben Blatt: Heidemarie Klabacher ist ziemlich aus dem Häuschen über Umberto Giordanos Revolutionsoper "Andrea Chénier": "Eine spannende Aufführung, lautstark und zu Recht bejubelt." Besprochen werden außerdem Theresia Walsers von Torsten Fischer auf dem Kunstfest Weimar inszeniertes Stück "Von allen Geistern" (nachtkritik; Vincent Koch sieht einen "mit bester Naturalismus-Hand geführten Abend, der in erster Linie etwas verhandelt anstatt szenisch aufregend zu sein").
Bei Nachtkritikkann Tobias Prüwer die Zerrissenheit der Autorin in einigen Szenen gut nachvollziehen - hätte aber gerne noch mehr erfahren. Die "Mutter hält die Krim für russisch, sie sei es immer schon gewesen. Mit welchem Recht würde die Ukraine die Halbinsel mit den so schönen, weißen Felsen allein für sich beanspruchen. Das seien alles Faschisten (...) Es bleibt beim Versuch der Kommunikation und des Verständnisses. Sie reden schließlich nur noch über Zimmerpflanzen und die Katze. Zwischen diese Kernszenen sind Reportagen von Jelena Kostjutschenko geschnitten. Es wird von Armut und Ohnmacht berichtet, etwa unmenschlichen Umständen, unter denen Behinderte in einem Heim leben müssen. Schlaglichter auf die russische Gesellschaft werden sichtbar, die man im Westen kennt. Wie die Menschen das hinnehmen, was die Autokratie mit ihnen macht, kommt nicht zum Vorschein."
Besprochen wird Michael Sturmingers "Sonettfabrik" nach Sonetten von William Shakespeare beim Lausitz-Festival (nachtkritik).
nachtkritiker Leonard Haverkamp interviewtUlrich Khuon, der gerade seine Interimsintendanz am Schauspielhaus Zürich beendet hat. Rüdiger Schaper berichtet für den Tagesspiegel vom Kunstfest Weimar, das dem Motto "Mutig leben" auf jeden Fall gerecht wird. Auch Kerstin Holm sieht sich für die FAZ dort um. Christoph Irrgeher schreibt für den Standard über Opernbesuche mit Kindern.
Besprochen werden: "Tapajós" von Gabriela Carneiro da Cunha auf dem internationalen Sommerfest auf Kampnagel in Hamburg (taz), "I Did It My Way" von Ivo van Hove auf der Ruhrtriennale (taz) und "Emily: No Prisoner Be" von Kevin Puts auf den Festspielen Bregenz (Welt).
Auch Max Florian Kühlem ist in der Nachtkritik (nur) streckenweise überzeugt: "Lary (Larissa Sirah Herden) findet als Frau, die irgendwann 'Goodbye' sagt und im Klischeebild ihren Koffer packt, zu Stärke, einer neuen Identität. Sie entdeckt die Geschichte ihrer schwarzen Schwestern und Brüder und in diesem Zwischenteil wird das Popmusiktheaterding vollends zur amerikanischen Erzählung: Da flimmern Bilder und Reden von Martin Luther King über die amerikanische Landhaus-Rückwand im Zentrum des Bühnenbilds, Lary singt 'Why? (The King of Love is Dead)', rückt auf die Publikumstribünen vor und berührt mit berückendem Gesang und einer Mimik, die den Tränen nah scheint."
Alexander Menden zollt der experimentellen Seite in der SZ Tribut: "Van Hove will Menschen, die in einem performativen Bereich sehr trittsicher sind, in einen anderen versetzen, und dann sehen, wie sich solide Bühnenerfahrung mit tastender Erkundung von Neuland mischt. Das Ergebnis ist nicht immer technisch perfekt, aber immer spannungsreich und reizvoll. Aus dem unroutinierten Gestus heraus entsteht etwas Wahrhaftiges."
Weitere Artikel: Egbert Tholl teilt in der SZ Impressionen vom Kunstfest Weimar. In der FAZ gratuliert Irene Bazinger der Schauspielerin Carmen-Maja Antoni zum Achtzigsten.
In der Welt bedauert Manuel Brug zwar, dass sich die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato aus dem konventionellen Opernbetrieb weitgehend zurückgezogen hat, umso lieber hört er sie mit 24 Dickinson-Songs bei den Bregenzer Festspielen. Dorothea Walchshäusl besucht für die NZZ das Opernfestival in der Arena di Verona und erfährt von dessen Intendantin Cecilia Gasdia, wie sie das Festival nach Krisen durch Misswirtschaft und die Pandemie fit für die Zukunft machen will. Besprochen wird Miet Warlops Stück "Inhale Delirium Exhale" beim Zürcher Theaterspektakel (NZZ).
Szene aus "Internal Climate". Foto: Jelizaveta Gross Für eine vom dortigen Freedom-Festival unterstützte Recherche ist Tom Mustroph (taz) in die estnische Grenzstadt Narvagereist, wo er russischsprachiges politisches Theater erlebt, das der Bedrohung durch den Nachbarn trotzt. Der Großteil der Bevölkerung ist russischstämmig: "Ursache ist ein radikaler Bevölkerungsaustauch nach dem Zweiten Weltkrieg. '1944 bombardierten die Sowjets Narva. Den Einheimischen wurde danach nicht erlaubt, in die Stadt zurückzukehren. Stattdessen wurden Menschen aus allen Gegenden des Riesenreichs nach Narva gebracht, erzählt (Piret, Anm. d. Red.) Jaaks. Die letzten 80 Jahre Migrationsgeschichte in Narva hat sie in ihrem Dokumentartheaterstück 'Internal Climate' für das Festival komprimiert. Sie fokussiert sich dabei auf die einst geheime Fabrik Baltijets. Hier stellten ausschließlich russischstämmige Menschen unter anderem Bauteile für das Atomwaffenprogramm und das Weltraumprogramm der einstigen Sowjetunion her. ... Aus den Interviews mit ehemaligen Beschäftigten des Werks, die die Grundlage des Stücks bilden, ging auch hervor, dass viele sich zwar als russisch identifizieren, sie aber keinesfalls von Wladimir Putin in dessen Riesenreich 'heimgeholt' werden wollen."
Weitere Artikel: Die Zeit stopft das Sommerloch, indem sie den jüdischen Publizisten Meron Mendel, der erklärtermaßen nichts mit Oper und noch weniger mit Wagner am Hut hat, für den Feuilleton-Aufmacher zu den Bayreuther Festspielen schickt. Ebenfalls in der Zeit ist Peter Kümmel hingerissen von Kirill Serebrennikovs Adaption von Vladimir Sorokins Roman "Der Schneesturm" bei den Salzburger Festspielen, vor allem dank Filipp Avdeev als Kutscher und August Diehl als Arzt (mehr hier). Besprochen wird außerdem Brett Baileys kolonialismuskritische Inszenierung "FaustX" beim Kunstfest Weimar (nachtkritik).
Rossini Opera Festival - Zelmira. Foto: Amati Bacciardi Das Libretto der Rossini-Oper "Zelmira", deren Aufführung Manuel Brug für die Welt auf dem Rossini-Festival in Pesaro bewundern durfte, ist ein recht krudes, melodramatisches Tohowabohu - aber musikalisch wird der Abend zum Hochgenuss, denn: "Eine Colbran-Stimme, dunkel und sinnlich, dabei leidenschaftlich attackierend, doch mit strahlender Höhe, die besitzt die unorthodoxe, gern als eine Art Gothic Soprano antretende Anastasia Bartoli." Diese macht "aus diesem dreistündigen Verzierungsirrgarten und Koloraturenparcours der Extraklasse eine tolle Show als Darstellerin wie Sängerin. Dabei geizt sie nicht mit Spitzentönen, wagemutigen Intervallsprüngen, aber auch edel gesponnenen Melodien, insbesondere in ihrem Duett wie Terzett mit Marina Viotti als Vertraute Emma."
Außerdem: Egbert Tholl berichtet in der SZ vom Zürcher Theaterspektakel, bei dem unter anderem vermeintliche SUVs im Zürisee herumfahren, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. Regine Müller blickt in van auf einige kleinere Formate bei den Salzburger Festspielen, die ihr außerordentlich gut gefallen haben. Besprochen wird Kirill Serebrennikovs Salzburger-Festspiele-Inszenierung von Vladimir Sorokins "Der Schneesturm" (Welt, "Stillstand bei gleichzeitiger Bühnenhektik", siehe auch hier).
Einen "grandiosen Abend" verbringt auch SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck und würdigt die Leistung von Dirigent Raphaël Pichon, der das Stück musikalisch ergänzte. Er "verschärft die Todesatmosphäre durch andere Stücke Mozarts, vor allem durch Nummern aus der mit Moll gefluteten Kantate 'Davidde penitente'. Gerade die vier von den umjubelten 'Pygmalion'-Sängern exekutierten Chöre sind ganz Hoffnungslosigkeit, Düsternis, Eschatologie."
Besprochen wird Kirill Serebrennikovs Inszenierung von Vladimir Sorokins "Der Schneesturm" bei den Salzburger Festspielen (NZZ, taz).
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