Efeu - Die Kulturrundschau

Sowas kann man doch nicht erfinden!

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22.12.2020. In Cargo erinnert sich Elfriede Jelinek an ihr erstes, überwältigendes Kinoerlebnis im Albertkino in der Josefstädter Straße. In der Zeit blickt Marlene Streeruwitz auf die Verheerungen der Corona-Pandemie. Die Nachtkritik stellt fest, dass die Wiedervereinigung auch nach dreißig Jahren die deutsche Theaterlandschaft, nun ja, spaltet. Der Rolling Stone erkennt mit dem Podcast von Tocotronic-Bassisten Jan Müller den Vorzug, kein Journalist zu sein. Und Dezeen meldet, dass von jetzt an amerikanische Bundesgebäude in den USA schön und bewundert sein müssen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2020 finden Sie hier

Film

Cargo hat eine neue Ausgabe. Als Online-Aperitif daraus gibt es Erinnerungen von Elfriede Jelinek an die Kinos ihrer Jugend und Kindheit. Als kleines Kind sah die Schriftstellerin im schon längst geschlossenen Albertkino in der Wiener Josefstädter Straße Charles Vidors Ballettfilm "Andersen und die Tänzerin": "Ich glaube, dass fast jeder Mensch vom ersten Kinofilm, den er gesehen hat, ein Leben lang überwältigt ist, weil er, auch wenn er die Technik dahinter beherrscht oder zumindest versteht, dieses Immaterielle, das gleichzeitig das Wirkliche ist und der Leinwand entrissen werden müsste, wäre es nicht ohnedies einfach da, ohne eigenes Zutun, also das Wesen, das ans Licht gehoben wird (noch eine Geburt) und jedes Fragen danach verbietet und ein Nachfragen auch, ja, also dieses Wesen ist angekommen. ... Sowas kann man doch nicht erfinden und dann auch noch herstellen! Das Wirkliche gibt etwas von seinem Bestand her, das Räderwerk dahinter interessiert einen erst mal nicht. Die Dinge, die man im Film sieht, tragen nichts von ihrer Herstellung auf sich, sie sind das, was die Wirklichkeit einfach so hergibt aus ihrem Fundus." Eine Szene des Films:



Ein bisschen sonderbar findet SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh dieses Weihnachtsgeschenk ja schon, das uns Netflix und George Clooney mit "The Midnight Sky" zum Abschluss des Coronajahrs kredenzen: In diesem 2049 spielenden Science-Fiction-Film ist die Erde samt Menschheit ziemlich gründlich im Eimer. "Will man zum Schluss noch zuschauen, wie die Menschheit versucht, sich selbst endgültig auszulöschen? Irgendwie schon, denn Clooney ist selbst voller Hoffnung für die Welt, und das überträgt sich auf seine Geschichte. ... Das ist ein bisschen so wie bei William Faulkner: Das Licht, die Hoffnung, lag auch in seinen düstersten Geschichten."

Außerdem: In der Welt spricht Arianna Finos mit Francis Ford Coppola, der gerade seinen eher weniger gut beleumundeten "Der Pate 3" im Schneideraum einer Revision unterzogen hat - Gerhard Midding bescheinigt dieser Neufassung in der beistehenden Kritik allerdings "keine nennenswerten dramaturgischen Konsequenzen", die sich aus diesem Neuschnitt ergeben.

Besprochen werden Bert Rebhandls Biografie über Jean-Luc Godard (Tagesspiegel) und Detlev Bucks für Netflix gedrehter Weihnachtsmassakerfilm "Wir können nicht anders" (FAZ).
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Literatur

Für die Zeit hat Christina Pausackl Marlene Streeruwitz getroffen, die sich als von der Coronakrise in ihrem literarischen Schaffen schwer gezeichnet zeigt: "Alles, was ich bisher gemacht habe, ist hinfällig", sagt sie. "Die Coronakrise habe alles verändert. Ihre Texte lese sie wie die einer fremden Person. 'Ich muss ganz neu anfangen. ... In der Covid-19-Krise erleben wir in abgeschwächter Form alle Krisen des 20. Jahrhunderts', sagt sie. Alle Ungleichheiten und gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten würden verstärkt und zementiert werden. Und Österreich sei durch die Corona-Maßnahmen 'endgültig in eine Erziehungsanstalt' verwandelt worden."

Weitere Artikel: Tilman Krause erinnert in den "Actionszenen der Weltliteratur" daran, wie Theodor Lessing Thomas Mann zu einem Duell herausforderte.

Besprochen werden unter anderem ein Band mit Gedichten von Semra Ertan, die sich 1982 im Protest gegen Rassismus umgebracht hat (Freitag), ein von Bernd-Jürgen Fischer herausgegebener Band über Marcel Proust (Tagesspiegel), Louise Pennys "Heimliche Fährten" (Berliner Zeitung) und Tobias Roths Prachtband "Welt der Renaissance" (NZZ).
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Architektur

Dezeen meldet, dass Donald Trump einen Monat vor Amtsende angeordnet hat, dass Bundesbauten künftig schön und traditionell zu sein haben. Explizit gebannt werden moderne Stile wie der Brutalismus allerdings nicht: "'Die Förderung von klassischer und traditioneller Architektur schließt andere Stile nicht aus, wenn sie angemessen erscheinen', heißt es in der Anordnung. 'Sorgfalt soll darauf verwandt werden, dass alle Bundesgebäude für ihre Schönheit und visuelle Verkörperung amerikanischer Ideale von der Öffentlichkeit respektiert werden.' Die Anordnung definiert traditionelle Architektur als 'gotisch, romanisch, pueblo-nahe, spanisch-kolonial oder andere mediterrane Architekturstile, die in Amerikas Regionen vertreten sind'." Dem Guardian zufolge dürfte der Effekt der Anordnung vor allem symbolischer Natur sein.
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Stichwörter: Brutalismus, Trump, Donald

Bühne

Szene aus "Tod der Treuhand" in Magdeburg. Foto: © Nilz Böhme


Georg Kasch bilanziert in der Nachtkritik, welche Rolle dreißig Jahre Wiederveinigung für das Theater 2020 gespielt haben. Im Westen gar keine, muss er so deutlich feststellen, aber im Osten gab es mit Ines Geipels "Umkämpfte Zone" in Cottbus oder Patrick Wengenroths "Gundermann" in Schwerin einige hervorragende Produktionen, wie er findet. Dazu zählt er auch Carolin Millners "Tod der Treuhand" am Theater Magdeburg über die Abwicklung des Schwermaschinenbau-Kombinats SKET: "Anfangs, vor dem Mauerfall, beschwert sich die SKET-Kulturbeauftragte noch darüber, wie schwer es ist, die Werktätigen statt in Rudi-Strahl-Komödien auch mal in einen Heiner-Müller-Abend zu schicken. Später versucht sie, im Westen Kultur zu machen. Nur hat da niemand auf sie gewartet. Außer jenem Manager, der Insider-Infos braucht, um die SKET im Auftrag der Treuhand kapitalismusfähig zu machen. Natürlich endet das wie so oft in der Abwicklung des Unternehmens. Millner hält sich nie mit inszenierten Wikipedia-Weisheiten auf, sondern bleibt immer konkret. ... Spürbar wird, dass die Wiedervereinigung und ihre wirtschaftlichen Folgen mit Arbeitslosigkeit, Prekarisierung, Identitätsverlust für viele Ostdeutsche ein traumatisches Erlebnis war, das bis heute nicht aufgearbeitet ist."

Weiteres: In der taz wirft Eva Behrendt einen Blick nach Zürich ans Schauspielhaus, wo Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann mit dem Image der netten Junges nur kokettieren, wie sie schreibt, tatsächlich aber ihr exklusives Publikum an eine queerere Ästhetik einstimmen. Außerdem weist der Tagesspiegel darauf hin, dass die Akademie der Künste in Kooperation mit dem Brecht-Archiv einige legendäre Inszenierungen auf der Website des Berliner Ensembles zeigt.

Besprochen wird Otto Schenks "liebenswürdig aus der Zeit gefallene" Inszenierung des "Rosenkavaliers" an der Wiener Staatsoper (Standard) und Beniamin M. Bukowskis Stück "Marienplatz" über eine Selbstverbrennung in München (Nachtkritik).
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Kunst

In der Berliner Zeitung freut sich Ingeborg Ruthe, dass die Bildhauerin Anna Franziska Schwarzbach der serbischen Mathematikerin und ersten Einstein-Ehefrau Milena Marić eine Bronze-Plastik gewidmet hat: Zu sehen ist sie in der Friedrichshainer Inselgalerie Xanthippe für Kunst von Frauen. In der SZ erzählt Johan Schloemann die Geschichte der Sammlerfamilie Torlonia, die -  aufgestiegen aus der Bauernschaft in die Aristokratie - eine der wertvollsten Sammlungen römischer und etruskischer Antiken unter Verschluss hielt. Im Tagesspiegel beobachtet Christiane Meixner, wie sich die Kunstmessen eher widerstrebend auf eine digitale Zukunft vorbereiten, die vor allem für kleine Galerien und Auktionshäuser schwierig werden dürfte. Und Birgit Rieger verfolgt online für den Tagesspiegel die Provenienzforschung der Berlinischen Galerie. Alexander Menden erinnert in der SZ an Werner Schmalenbach, den langjährigen Direktor der Kunstsammlung NRW.

Besprochen wird die Schau "When Gesture Becomes Event" im Künstlerhaus Wien (Standard).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Kunstmesse, Bildhauerinnen

Musik

In seinem Poptagebuch für den Rolling Stone legt uns Eric Pfleil wärmstens den (wirklich sehr, sehr guten) Podcast "Reflektor" für die Feiertage ans Herz, in dem Tocotronic-Musiker Jan Müller ausgiebig mit Musikerkollegen plaudert. Dieser ist in den Gesprächen zugleich "Musiker, Fan und Forscher. Müller ist offen und undogmatisch, sich seiner Rolle als Künstler aber in jedem Moment voll bewusst. Es könnte in die Hose gehen, wenn er seine Gäste nur aus der Musikerperspektive befragen würde und man ausschließlich kichernd dargebotenen In-Jokes aus dem Anekdotenbuch des Deutschpop lauschen müsste." Doch "der Umstand, dass es ein Musiker ist, der hier fragt - ein angenehm uneitler zudem! -, hat viel eher den Effekt, dass sich die Gäste mehr zu öffnen scheinen als gegenüber Journalisten, ihr Treiben mehr infrage stellen und in der Spiegelung manchmal sich selbst erkennen."

Weitere Artikel: In der FAZ erklärt Jan Wiele nach Bob Dylans Millionendeal, was eigentlich ein Musikverlag macht: Im wesentlichen Rechte an Musikstücken monetarisieren, was derzeit das neue Gold in der Musikindustrie ist - "auch weil man im digitalen Musikzeitalter die Nachfrage nach ihnen genauer bemessen kann und die internationale Rechteverwertung besser zu kontrollieren ist." Jan Paersch erkundigt sich für die taz bei der Hamburger Plattenladenbetreiberin Marga Glanz nach dem Stand der Dinge der Branche in der Coronakrise.

Besprochen werden das von Johannes Hossfeld Etyang, Joyce Nyairo und Florian Sievers herausgegebene Kompendium "Ten Cities" über die südafrikanische Clubszene, bei dem tazler Ole Schulz nochmal anschaulich vor Augen geführt wird, "wie lokal unterschiedlich und differenziert die hybriden Clubkulturen, ihre Codes und Styles sind", Osvaldo Golijovs neuer Liederzyklus "Falling Out of Time" (ZeitOnline), Sophy Roberts' Buch über "Sibiriens vergessene Klaviere" (SZ) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine 9er-CD-Box mit den in den letzten Jahren entstandenen Bruckner-Aufnahmen der Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev, die SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck komplett umhaut: "was für ein Sog, was für ein Rausch!" Einen kleinen Eindruck vermittelt dieses Video von Bruckners Siebter:

Archiv: Musik